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Autor: Abarbanell, Stephan.

Titel: Marshall McLuhan - Ein Rückblick auf den Propheten des Medienzeitalters.

Quelle: Stephan Abarbanell/Claudia Cippitelli/Dietrich Neuhaus (Hrsg.): Fernsehen verstehen. Frankfurt a. M. 1993. S. 5-15.

Verlag: Haag und Herchen Verlag.

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.



Stephan Abarbanell

Marshall McLuhan – Ein Rückblick auf den Propheten des Medienzeitalters

  1. Die Geburt der Gegenwart aus dem Geist der Steckdose

"Nach dreitausendjähriger, durch Techniken des Zerlegens und der Mechanisierung bedingter Explosion erlebt die westliche Welt eine Implosion."1 Marshall McLuhans Philosophie der Elektrizität ist in diesem einen Satz nahezu vollständig enthalten, denn die Worte Explosion und Implosion kennzeichnen die zwei Weltzeiten, an deren Übergang sich die Menschheit seiner Ansicht nach gerade befindet – auf dem Weg von der Neuzeit in die Nach-Neuzeit, von der Moderne in die neue Übersichtlichkeit. "In den Jahrhunderten der Mechanisierung hatten wir unseren Körper in den Raum hinaus ausgeweitet. Heute, nach mehr als einem Jahrhundert der Technik der Elektrizität, haben wir sogar das Zentralnervensystem zu einem weltumspannenden Netz ausgeweitet und damit, soweit es unseren Planeten betrifft, Raum und Zeit aufgehoben."2

Mit Blick auf diesen Epochenübergang entwickelt McLuhan eine sensualistische Medientheorie, die weit mehr ist als bloße Fernsehtheorie. Es ist der Versuch einer Deutung der Gegenwart als einer Zeitenwende, einer Wendezeit. Ein Epochenwechsel, mit dem die Menschheit, wie schon so oft, so auch dieses Mal, nicht umzugehen weiß. Der durch die alphabetische Kultur aufgeladene Zeitgenosse tritt nun in das elektrische (oder elektronische) Zeitalter und weiß nicht, wie ihm geschieht. Der Mensch des phonetischen Alphabets, der Typographie, der Perspektive und des Standpunktes, der Mensch des Individualismus und des Nationalismus, der Mensch der Mechanisierung und der Zergliederung von Arbeit, Denken und Empfinden hat Angst. "Wir sind heute so weit ins elektrische Zeitalter vorgestoßen, wie die Elisabethaner einst in das typographische und mechanische Zeitalter eingedrungen waren. Und wir durchleben die gleichen Verwirrungen und Unentschlossenheiten, die sie erfuhren, als sie sich gleichzeitig zwei gegensätzlichen Kultur- und Erfahrungsformen gegenüber sahen."3

Diesen Konflikt nicht nur zu beschreiben, sondern ihn zu deuten und damit zu entschärfen, ist das Anliegen McLuhans. Das Ergebnis ist eine komplexe und schillernde Kulturanthropologie, die in eigenwilliger Weise zwischen dem Prinzipiellen und dem Faktischen, zwischen Gesellschaftstheorie und Individualpsychologie hin und her springt und als methodisches Prinzip allein die Assoziation und die phantasievoll-wilde Analogie kennt. Bei alledem geht es immer wieder darum, die eine Hauptthese zu illustrieren, verstehbar und erfahrbar zu machen: Alle wesentlichen menschheitsgeschichtlichen Veränderungen sind durch Medien verursachte und durch Medien geformte Veränderungen.

In The Gutenberg Galaxy (1962) beschreibt McLuhan den Weg von der Schrift zum Buchdruck, den Weg in die Moderne. Im Folgeband Understanding Media – The Extension of Man (1964), der den irreführenden deutschen Titel Die magischen Kanäle trägt, geht es dann um den Einbruch von Elektrizität und Elektronik in unser Leben und um die dadurch bewirkte Wandlung von der Moderne zur Nachmoderne, zur Jetztzeit. Beide Bücher entstehen, als McLuhan – bereits über fünfzig Jahre alt – den Auftrag erhält, für die Universität von Toronto in einem Sonderforschungsbereich die psychischen und gesellschaftlichen Auswirkungen neuer Technologien und Kommunikationsmedien zu erarbeiten. Er forscht und schreibt in einer Zeit, als in Amerika John F. Kennedy den ersten Fernsehwahlkampf führt, im Fernsehen ermordet wird (so wie später auch sein Mörder Lee Harvey Oswald), und das Fernsehbegräbnis dieses Präsidenten die ganze Nation bewegt. Es ist die Zeit von Martin Luther King und der Bürgerrechtsbewegung der Schwarzen, die ihre Integration in die Gesellschaft der Weißen einfordern, und es ist die Zeit der ersten Romane postmodemer Ästhetik, wie etwa Thomas Pynchons "V." von 1963. Diese drei Dinge werden hier nicht zufällig erwähnt, denn sie stehen stellvertretend für die politischen, sozialen und ästhetischen Veränderungen, die den zeitgeschichtlichen Hintergrund für McLuhans Theorie des medienbedingten Geschichtswandels bilden.

Beide Bücher haben zusammengenommen nahezu 800 Seiten, von denen aber nur 33 explizit dem Fernsehen gewidmet sind. Aber was heißt schon "explizit", wenn Assoziation und Analogie die vorherrschende Methode sind! Und doch steckt hinter seinem repetitorischen, zirkulären Vorgehen Methode. McLuhan verweigert sich einer wissenschaftlichen Vorgehensweise und handelt nicht wie der, der die Dinge erst erahnt, dann behauptet und schließlich beweist. "Mosaikartige Wahrnehmungs- und Beobachtungsmuster"4 nennt er seine Darstellungsweise und meint damit, das der Wahrnehmungsweise der Nach-Neuzeit entsprechende Verfahren gewählt zu haben. Das dahinterstehende Problem scheint folgendes zu sein: Der elektronisch affizierte McLuhan muß sich der Methode Gutenbergs bedienen, um sich verständlich machen zu können. Er will die organische (ökologische) und interdependente Wahrnehmungs- und Sinnesformation der Nach-Neuzeit beschreiben und nutzt dafür ein antiquiertes Medium: das Buch. Wie aber das Buch nutzen, ohne die ihm eigene Wirkung als Medium verhindern zu können, die dem dargestellten Inhalt nie gerecht werden kann? Schon Schopenhauer sah sich vor das gleiche Dilemma gestellt und schreibt in der Einleitung zu Die Welt als Wille und Vorstellung: "Ein Buch muß eine erste und eine letzte Seite haben und muß insofern einem Organismus allemal sehr unähnlich bleiben, sosehr diesem ähnlich auch sein Inhalt sein mag: folglich werden Form und Stoff im Widerspruch stehen."5 Diesem Konflikt von Form und Stoff entkommt aber auch der nicht, der McLuhan darzustellen hat. Mit Schopenhauer verbindet McLuhan noch ein weiteres, nämlich die Meinung, das Ei des Kolumbus gefunden zu haben. Anders gesagt: mit einem Satz die Menschheitsgeschichte deuten zu wollen. "Das Medium ist die Botschaft", lautet dieser Satz bei McLuhan.

  1. Nur wer weiß, wo der Hammer hängt, hat ihn wirklich verstanden

"Das Medium ist die Botschaft." Kein Satz dürfte sich im gesunden Volksempfinden der Medienkritiker so heimisch gemacht haben wie dieser, scheint er doch die endgültige Handhabe zu bieten, das Fernsehen – gleichsam alle seine Programme auf einen Streich – erledigen zu können. Denn wenn das Medium, hier zumeist synonym für das Fernsehen gebraucht, die Botschaft ist, dann ist diese zumeist die Null-Botschaft, das Fernsehen also tatsächlich das Gerät, vor dem mich meine Eltern immer gewarnt haben. Günter Gaus, durchaus ein illuminierter Fernsehkritiker, kann auch nicht anders: "Selbst das beste Fernsehen (und was ist das?) bleibt immer – Fernsehen. Das Medium kennt sozusagen das abgasfreie Automobil nicht"6 "Das Medium ist die Botschaft" ist ganz offensichtlich die Zentralformel des fernsehkritischen Ressentiments und der Medienbewahrpädagogik.

Tatsächlich hat McLuhan einen weit umfassenderen Medienbegriff als alle möglichen Populärdeutungen nahelegen, und das Fernsehen ist bei ihm noch immer das gute Fernsehen. "Alle Medien sind Erweiterungen bestimmter menschlicher Anlagen – seien sie psychisch oder physisch"7, erklärt er zunächst einmal ganz grundsätzlich. "Das Rad ist eine Erweiterdng des Fußes, das Buch ist eine Erweiterung des Auges, die Kleidung eine Erweiterung der Haut."8 Medien sind letztlich all die Dinge, derer sich der Mensch im Laufe seiner Geschichte zur Erleichterung seines Lebens, sei es bei der Arbeit, in der Freizeit oder in der Kultur, bedient hat und bedient. McLuhans Leitgedanke, etwas präzisiert, ist, "daß alle Techniken Ausweitungen unserer Körperorgane und unseres Nervensystems sind, die dazu dienen, Macht und Geschwindigkeit zu vergrößern".9 Medien sind all die Dinge, die dem Homo faber seinen Namen geben. Aber Medien sind nicht nur. psychische und physische Ausweitungen des Menschen – Amputationen, wie er an anderer Stelle sagt -, sie wirken auch wieder auf den Menschen und die menschliche Gesellschaft zurück. "Jede Erfindung oder neue Technik ist eine Ausweitung oder Selbstamputation unseres natürlichen Körpers, und eine solche Ausweitung verlangt auch ein neues Verhältnis oder neues Gleichgewicht der anderen Organe und Ausweitungen des Körpers untereinander."10 Oder, an anderer Stelle: "Alle Medien massieren uns gründlich durch ... Jedes Verständnis sozialer und kultureller Wandlungen ist unmöglich, ohne eine gewisse Kenntnis der Wirkung von Medien als Umwelten."11 Medien bringen also ein neues Arrangement der Sinne und der Sinneswahrnehmung und somit gleichfalls des Zusammenlebens der Menschen. Doch immer und bei allen Wandlungen scheint McLuhan, gut amerikanisch, einen Fortschritt erkennen zu können.

Die Erkenntnis, daß jeder Epochenwechsel medienbewirkt sei, führt freilich zu keiner sehr originellen Rhythmisierung der Geschichte: Auch bei McLuhan befinden wir uns im letzten von drei Zeitaltern, und mit dieser Dreizahl rekurriert McLuhan schlicht auf einen modischen kulturgeschichtlichen Common sense. Aber er übernimmt nichts, ohne es in sein Denkgewebe so einzuspinnen, daß es in einem neuen Licht erscheint. Jeder Menschheitsepoche ordnet er eine bestimmte Sinneskonstellation zu, die geradezu konstitutive Funktion erhält. Alles beginnt mit der magischen Zeit. In ihr lebt der Mensch, der umschlossen ist von Kräften und Seinsmächten und dessen Lebensgefühl das des Terrors ist. "Der primitive Mensch lebte in einer größeren Tyrannei der kosmischen Maschinerie, als sie der westlich gebildete Mensch je ersinnen konnte. Die Welt des Ohres umfängt und umschließt uns mehr, als es das Auge je vermag. Das Ohr ist überempfindlich. Das Auge ist kühl und distanziert."12 McLuhan spricht mit Spott über Spengler und seinen Untergang des Abendlandes, nennt ihn einen "ekstatischen Primitiven", der die Menschheit zurückführen wolle. Aber auch Mircea Eliade, der als New-Age-Vordenker in der letzten Zeit einige Beachtung gefunden hat, wirft er vor, die Menschen ins "Afrika in uns" zurückschicken zu wollen (ein Ausdruck von Joseph Conrad, dessen Namen er, wie so oft bei Anspielungen und Zitaten, nicht nennt).

Diese erste, magisch-auditive Epoche wird abgelöst von dem Zeitalter, das uns zu schaffen macht, der Neuzeit. Die Ablösung geschah durch die Erfindung des phonetischen Alphabets, das den Menschen "aus der magischen Welt des Ohres hinaus in die neutrale visuelle Welt" führte.13 Weit stärker aber wirkte dann die Druckerpresse, die -wohl schon in China erfunden – ihre weltgeschichtliche Bedeutung erst durch Gutenberg erhielt. Aber nicht das, was die Druckerpresse an Gedanken hervorpreßte, interessiert McLuhan, sondern die Botschaft des Mediums Druckerpresse selbst: "Die Botschaft des Drucks und der Typographie ist in erster Linie die der Wiederholbarkeit. Mit der Typographie brachte das Prinzip der beweglichen Typen die Möglichkeit, jede beliebige Handarbeit durch den Prozeß der Zerlegung in Abschnitte und Aufteilung einer ganzen Handlung zu mechanisieren."14 Es entstand die Gutenberg-Galaxis, die Moderne. Es begann das mechanische Zeitalter des Nationalismus und Individualismus, die Zeit der festen Standpunkte und des Gesichtspunktes. Nahezu all diese Dinge kann McLuhan am Buchdruck oder auch schon am Vorgang des Lesens festmachen. Wer schreibt und liest, der sagt A und muß dann auch B sagen. "Das Alphabet ist ein Gebilde, das aus Gliedstücken und Teilen besteht, die als solche keinerlei Bedeutung haben und wie Perlen schnurgerade und gemäß einer vorgeschriebenen Anordnung aneinandergereiht werden müssen. Der Gebrauch des Alphabets förderte und begünstigte die Gewohnheit, jede Umwelt in visuellen und räumlichen Kategorien wahrzunehmen ..."15 Ein weiteres Kennzeichen dieser Epoche: Menschen können agieren, ohne zu reagieren; man könnte auch sagen: ohne sofort betroffen zu sein von dem, was sie tun – oder anrichten. "Die Trennung der Sinne und die Störung ihres taktil-synästhetischen Wechselspiels dürfte wohl eine der Auswirkungen der Gutenberg-Technik gewesen sein!"16

'Theoretisch löste sich 1905 die Gutenberg-Galaxis mit der Entdeckung des gekrümmten Raumes auf, aber in der Praxis hatte sie schon zwei Generationen zuvor den Einbruch der Telegraphie erlebt."17 Diese Bemerkung ist typisch für McLuhan, da er, ganz zeitgemäß, die Wandlung der modernen Physik – hier auf die Entdeckung der allgemeinen Relativitätstheorie durch Einstein anspielend mit einem Wandel unserer Wahrnehmungsweise in Verbindung bringt, also mit dem, was heute jargonhaft "Paradigmenwechsel" genannt wird. Frietjof Capras -"Wendezeit", Jean Gebsers "diaphane" Epoche klingen hier an, und doch bleibt McLuhan wiederum sich selber treu: "Das Fernsehen schließt den Kreis des menschlichen Sinnesapparates. Mit dem allgegenwärtigen Ohr und dem bewegten Auge haben wir die Schrift, die spezialisierte audio-visuelle Metapher, welcher die westliche Zivilisation ihre Dynamik verdankt, abgeschafft."18 Telegrafie und Film haben diese dritte, die elektr(on)ische Epoche eingeleitet. Der Film, weil er das. mechanische Prinzip des Rades und der Rollen und das der Zergliederung in ein organisches Ganzes zu bringen in der Lage ist; die Telegrafie, weil sie Zeit und Raum mit "Instantangeschwindigkeit" zu überbrücken fähig ist. "Der Film war als Form die letzte Erfüllung des großen Vermächtnisses der typographischen Zerlegung. Aber die elektronische Implosion hat nun den ganzen Expansionsprozeß dieser Zerlegung umgekehrt. Die Elektrizität brachte uns die kühle Mosaikwelt der Implosion..."19

  1. Die Flimmerkiste verträgt nie und nimmer High-Definition

Synästhesie, taktiles Zeitalter, Implosion: mit diesen Worten kündigt sich die Nach-Neuzeit an, das elektrische und elektronische Zeitalter. McLuhan bezeichnet dies als einen Epochenwechsel, weil so wie zuvor die Physis des Menschen nun die Psyche, genauer: das Zentralnervensystem in die Dinge verlängert wird. "Die elektrische Schaltungstechnik hat die Herrschaft von Zeit und Raum gestürzt und überschüttet uns sekundenschnell in einem fort mit den Angelegenheiten aller anderen Menschen. Sie hat den Dialog im globalen Maßstab wieder ermöglicht. Ihre Botschaft ist der totale Wandel, der aller Beschränktheit, sei sie psychischer, sozialer oder ökonomischer Art, ein Ende setzt." Und dann etwas später, als sei es das ins Negative formulierte Programm der Postmoderne: "Nichts ist dem Geist der neuen Technik fremder als ein Platz für alles und alles an seinem Platz."20

Mit der Ausweitung des Zentralnervensystems über die ganze Welt werden wir global empfindlich. "Die neue elektronische Interdependenz verwandelt die Welt in ein globales Dorf' (global village). Das aber hat zur Folge, so McLuhan, daß "in einer elektronischen Informationswelt ... Minderheiten nicht mehr abgesondert, ignoriert werden (können). Allzu viele Menschen wissen allzuviel voneinander. Unsere neue Umwelt fordert Engagement und Teilhabe. Unwiderruflich sind wir aneinander beteiligt und füreinander verantwortlich geworden."21

Sollte McLuhan recht haben in dem, was er in der an das Pathos von Modephilosophen erinnernden Diktion beschreibt, wäre es kaum mehr verwunderlich, daß das Wort von der "Betroffenheit" in unserer Zeit solch universalen Einsatz gefunden hat. Denn das "taktile" Medium Fernsehen, so McLuhan, läßt uns Anteil nehmen, es berührt uns, und was wir in ihm wahrnehmen, betrifft uns. Tatsächlich spielt das Fernsehen in seiner Zeitdeutung eine entscheidende Rolle. Wohl kannte McLuhan die ersten Computer, aber die heutige Vernetzung, Kapazität und Schnelligkeit und auch der universelle Einsatz der Computer waren ihm nicht vertraut. So ist es das Fernsehen, das bei ihm zum Leitmedium der Nach-Moderne wird. Erstaunlich nur, daß das Fernsehen, das wir gemeinhin für ein visuelles Medium mit auditiven Additiven (gemeint ist die Tonspur) halten, eine ganzheitliche, sinnlich umfassende Wirkung haben soll. Günter Gaus, der eigentlich alle auf seiner Seite hat: "Bei allen anderen Medien, die zu Hause konsumiert werden können, muß sich der Konsument zu dem, was er liest oder hört, sein eigenes Bild machen ... Diesen Ausweg läßt ihm das Fernsehen nicht."22

McLuhan sieht das ganz anders; für ihn ist das Fernsehen ein taktiles Medium. Er meint damit, daß das Zusammenwirken und das Zusammenspiel verschiedener Sinne für das Fernsehen kennzeichnend sind und beschreibt dies mit einem zweiten, gängigeren Wort: Synästhesie. (Auch diesen Begriff, der etwa bei Baudelaire und Rimbaud eine bedeutsame Rolle spielt, übernimmt er, ohne seine Herkunft und seinen historischen Ort und Zusammenhang zu erwähnen.) Ebenso erstaunlich aber auch dies: Es ist für diese holistische Fernsehtheorie obsolet, sich den Kopf über das Programm zu zerbrechen. Sich mit einem Programmleiter über das Fernsehprogramm zu unterhalten, käme "einer Klage gleich, die wir beim Würstchenverkäufer des Fußballplatzes anbringen, wenn un-sere Lieblingsmannschaft schlecht spielt."23 Fernsehen, so McLuhan, ist die letzte und umfassendste Ausweitung unseres Sinnesapparates. Es verändert unser Gefühl für Raum und Zeit, nein, es hebt das Gefühl für diese Kategorien endgültig auf. Die Menschen aber begegnen uns nur noch als die Nahen, biblisch: die Nächsten. "Die meisten technischen Formen bewirken eine Verstärkung, die in einer Trennung der Sinne deutlich wird. Das Radio ist eine Erweiterung des Gehörs, die sehr naturgetreue Fotografie erweitert den Gesichtssinn. Aber das Fernsehen ist vor allem eine Erweiterung des Tastsinns, der ein optimales Wechselspiel der Sinne mit sich bringt."24

An dieser Stelle wird eine Unterscheidung wichtig, die letztlich auf alle Medien zutrifft, nämlich die Unterscheidung zwischen "heißen" und "kalten" Medien. "Ein heißes Medium ist eines, das nur einen der Sinne allein erweitert, und zwar bis etwas detailreich ist", definiert er zunächst die eine Seite. "Eine Fotografie ist optisch detailreich. Eine Karikatur detailarm, und zwar einfach, weil sie wenig optisches Informationsmaterial zur Verfügung stellt."25 Das Fernsehen gilt, anders als der Film, der ein "heißes" Medium ist, als ein "kaltes" Medium. Kalt heißt hier, daß es eine umfängliche Mitarbeit und Teilhabe der Zuschauer verlangt. Diese Notwendigkeit zur Teilhabe, zum Mitmachen, ergibt sich zunächst schon aus rein physikalischen Gegebenheiten. Das Fernsehbild ist an sich detailarm (low definition, wie es im englischen Text heißt). Es besteht aus lauter Punkten und Linien, und wir müssen dieses Gittergeflecht dechiffrieren. "Die Aussageweise des Fernsehbildes hat mit dem Film oder dem Foto nichts gemein, es sei denn, daß es wie diese eine nicht verbundene Gestalt oder Konfiguration der Formen zeigt. Beim Fernsehen ist der Zuschauer Bildschirm"26 Das heißt hier, in der Psyche des Zuschauers wird das Bild erst vollständig. (Man erinnere sich noch einmal an Günter Gaus oder auch Postman, der zwar viel bei McLuhan abgeschrieben hat, aber ihn einfach auf den Kopf stellt.)

Das Fernsehbild hat eine Mosaikform "verlangt in jedem Augenblick, daß wir die Lücken im Maschennetz durch angestrengte Beteiligung der Sinne schließen, die zutiefst kinetisch und taktil sind, weil Taktilität viel eher ein Wechselspiel der Sinne bedeutet als der isolierte Kontakt der Haut mit einem Gegenstand".27 Allerdings wirkt das audio-taktile Fernsehen aufgrund seiner Eigenart in verschiedenen Kulturen, die ja nach McLuhan auch immer verschiedene Sinneskonstellationen haben, durchaus unterschiedlich: "Ist es nicht merkwürdig", sinniert er, "daß das Fernsehen als Medium in den fünfziger Jahren in Amerika so revolutionierend war wie das Radio in den dreißiger Jahren in Europa? Das Radio, das die Stammes- und Sippenbildung in der europäischen Seele in den zwanziger und dreißiger Jahren wiederaufleben ließ, hatte in England oder Amerika keine derartige Wirkung."28 Die Erklärung: Das alte Europa – hier denkt er vor allem an das faschistische Deutschland (dem er fast stereotyp das Radio als Stammestrommel zuordnet), aber auch an Rußland (das Land der Abhörwanzen, da die orale russische Kultur nicht auf die Idee kommt, Spionage durch das Fotografieren von Dokumenten zu betreiben) – sei eben noch nicht endgültig und durchgängig alphabetisiert. Es ist im Grunde der oral-magischen Kultur der Vorzeit noch tief verhaftet. (Womit übrigens auch erklärt wäre, warum es zu Beginn unseres Jahrhunderts gerade deutsche Physiker waren, die in der Physik das Raum-Zeit-Kontinuum und den reinen Kausalnexus als newtonsch-visuellen Irrtum entlarvten.) Diese nicht-visuelle oder doch nicht ausreichend visuelle Sinneskonstellation sieht er noch durch ganz andere Dinge belegt: "Es gibt kein kühleres Medium, das heute zugleich ein heißes Eisen ist, als den europäischen Kleinwagen. Er ist ein schlecht gewickelter Drahtesel in einem HiFi-Stromkreis, der unten einen fürchterlichen Krach macht. Der europäische Kleinwagen zielte, wie die westeuropäische Broschüre und die europäische Schönheit, in der Aufmachung nicht auf optische Wirkung ab. Optisch ist der ganze europäische Autostall so armselig, daß seine Produzenten offensichtlich nie Autos fürs Auge bauen wollten. Sie sind zum Anziehen gedacht wie lange Hosen oder Pullover."29

Doch zurück zum Fernsehen. Gerade dadurch, meint McLuhan, daß es ein kühles Medium ist, also Synästhesie verlangt, führt es zur Kultivierung des Menschen und der Gesellschaft. Fernsehen verstanden als "der Sprung in das gesamtpersönliche Erleben"30 macht endlich alle Menschen zu Brüdern. "Die Enttäuschung über das Fernsehen wie auch die Kritik an ihm lassen sich vor allem auf die Unfähigkeit seiner Kritiker zurückführen, es als eine völlig neue Technik zu begreifen, die andere Sinnesreaktionen erfordert. Die Kritiker bestehen darauf, das Fernsehen bloß als eine heruntergekommene Form der Buchdrucktechnik zu verstehen."31

  1. Nachtrag

McLuhan hat vorausschauend das Lebensgefühl der siebziger und achtziger Jahre beschrieben. Der "kopernikanischen Aufrüstung" folge nun eine "ptolemäische Abrüstung", behauptet Sloterdijk. Die Welt als Scheibe und Mattscheibe, so ließe sich sagen, sucht nach Gutenberg, Newton und Descartes eine Neuorientierung. Die Rolle des Fernsehens in diesem Kulturwandel umfassend thematisiert zu haben, ist unbestreitbar ein Verdienst McLuhans. Weit mehr aber noch die Tatsache, die Wirkung der Medien selbst, vor allem die des Fernsehens, als Instrument der Kultivierung erkannt zu haben. Zu fragen bleibt allerdings, wieviel an Dekultivierung der Kultivierung durch Fernsehen gegenübersteht.

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1Marshall McLuhan: Die magischen Kanäle, Düsseldorf 1968, S. 9

2Ebenda

3Ders.: Die Gutenberg Galaxis, Düsseldorf 1965, S. 5

4Ebenda, S. 354

5Arthur Schopenhauer, Die Weit als Wille und Vorstellung, Werke in zwei Bänden, Bd. 1, München 1977, S. 9

6Günter Gaus: Die überwältigten Macher, in: Die Industrialisierung des Bewußtseins, Hrsg:: v.Bismarck, Gans, Kluge, Sieger, München 1985, S. 33

7Marshall McLuhan: Das Medium ist Massage, Berlin 1984, S. 26

8Ebenda, S. 31ff.

9Ders.: Die magischen Kanäle, a.a.O., S. 99

10Ebenda,S.54

11Ders.: Das Medium ist Massage, a.a.O., S. 26

12Ders.: Die magischen Kanäle, a.a.O., S. 170

13Ders.: Die Gutenberg Galaxis, a.a.O., S. 28

14Ders.: Die magischen Kanäle, a.a.O., S. 174

15 Ders.: Das Medium ist Massage, a.a.O., S. 44

16 Ders.: Die Gutenberg-Galaxis, a.a.O., S. 26

17 Ebenda, S. 340

18 Ders.: Das Medium ist Massage, a.a.O., S. 125

19Ders.: Die magischen Kanäle, a.a.O., S. 321

20Ders.: Das Medium ist Massage, a.a.O., S. 16

21Ebenda, S. 24

22Günter Gans, a.a.O., S. 42

23McLuhan: Das Medium ist Massage, a.a.O., S. 142

24Ders.: Die magischen Kanäle, a.a.O., S. 362

25Ebenda, S. 342

26Ebenda, S. 341

27Ebenda,S.342

28Ebenda

29Ebenda, S. 355

30Ebenda, S. 361

31McLuhan: Das Medium ist Message, a.a.O., S. 128

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