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Autor: Baacke, Dieter.

Titel: Die Medienpädagogik - ein McGuffin, Sisyphos, Herkules, oder...?

Quelle: Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis (JFF) (Hrsg.): Von der 'Filmerziehung' zur 'Medienkompetenz'. medien + erziehung (merz) spiegelt die Entwicklung der Medienpädagogik. Beiträge aus vierzig Jahren. München 1999. S. 219-221.

Verlag: kopaed verlagsgmbh.

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.



Dieter Baacke


Die Medienpädagogik - ein McGuffin, Sisyphos, Herkules, oder...?



1. Eine Geschichte der Medienpädagogik und ihrer Verflochtenheiten in den gesellschaftlichen Modernisierungsprozeß durch Informations- und Kommunikationstechniken gibt es bis heute nicht. Als das "Institut Jugend Film Fernsehen" gegründet wurde, haben sich die meisten Menschen auf zwei Medienereignisse gefreut: Fußballübertragungen im Radio und den "Bunten Abend" am Sonnabend mit den urkomischen Einlagen Heinz Erhardts. Was sollte da Medienpädagogik? Im übrigen ging es ihr wie anderen - die Wurzeln, durch die Unterbrechung des Nationalsozialismus ausgehoben, hingen ins Leere. Bis heute hat sich eigentlich nur ein historisches Argument durchgesetzt: Wenn jemand allzu kulturkritisches Raisonnement über zuviel Fernsehen oder brutales Video zur Ruhe bringen will, verweist er auf die beklagte "Lesesucht" vor allem der Frauenzimmer zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Kurz: Es gab immer schon Menschen, die die sich ausbreitenden Medien als gefährlich ansahen. Nicht Neues war unter der Sonne. Das Unhistorische dieses Arguments zeigt, wie schlecht wir mit unserer eigenen Geschichte umgehen. Denn zwischen der expandierenden Buchproduktion, einem Wiederaufbau des Radios oder Kinos und der heutigen Allpräsenz von Informations- und Kommunikations-Techniken liegen Welten. Wir müßten einmal anfangen, sie zu beschreiben. Ein Jubiläum zu feiern ist schwer, wenn der Boden unter den Füßen immer wieder weggezogen wird.

2. Dennoch: Auch die Medienpädagogik hat ihren Habitus, vielleicht sogar mehrere. Der erste ist zu beschreiben über den Mythos des McGuffin. Hitchcock hat Truffaut in einer Unterhaltung erläutert, was ein richtiger filmischer Thriller sei: Er läßt zwei Männer in einem Abteil der Eisenbahn sich unterhalten. Der eine hat ein Paket ins Gepäcknetz gelegt, und der andere will wissen, was mit dem geheimnisvollen Paket eigentlich los ist. Der erste antwortet darauf: "Ach, das ist ein McGuffin." "Was??" staunt der andere. Der erste: "Das ist ein Apparat, um in den Bergen der Adirondocks Löwen zu fangen!" Darauf der andere: "Aber es gibt doch gar keine Löwen in den Adirondocks". Darauf der erste: "Na, dann ist es auch kein McGuffin." - Das ist es: Ein McGuffin ist ein Geheimnis, das gar nicht vorhanden ist, um das es aber jede Menge Aussagen, Nachfragen, Aktivitäten etc. gibt. Das eben macht den "Thrill" aus: viel Action, viel Spannung um etwas, was es gar nicht gibt. Viele meinen, die Medienpädagogik sei solch ein McGuffin: viele reden von ihr, aber niemand weiß, was sie leistet oder anbietet. Vieles wird von ihr gefordert: kritisches Rezipieren, ästhetische Sensibilisierung, aktives Medienhandeln - aber niemand (außer den Medienpädagogen selbst) weiß, wo und wie sich dies alles realisieren läßt. In der Lehrerausbildung, den Lehrplänen der Schulen etwa - keine Medienpädagogik. Im Stellenplan der Kommunen und Länder: so gut wie keine MedienpädagogInnen. Vielleicht handelt es sich bei den MedienpädagogInnen nur um eine kleine Clique, die es versteht, viel "Thrill" zu erzeugen. Schaut wer genauer hin, findet er nichts.

3. Aber die Medienpädagogik versteht sich auch unter dem Mythos des Sisyphos, jenes armen von Zeus Verurteilten, dem der den steilen Abhang des Berges hinaufgewälzte Stein immer wieder in die Tiefe rollt. Er muß wieder von vorn anfangen und kommt zu nichts. Unter diesem Mythos versteckt sich vor allem die medienpädagogische Larmoyanz, wie sie auch in den von Bernd Schorb vorgelegten Thesen anklingt: Die Medienpädagogik muß sich mit "einem Phänomen" auseinandersetzen "auf dessen Verfaßtheit und Inhalte die Pädagogik keinen Einfluß hat". Sie ist eben nur Reparaturbetrieb für politisch und ökonomisch zu verantwortende Defizite. Auch diese Klage droht historisch zu werden. Aber sie ist nichts weniger als originell oder gar spezifisch. Betrachten wir doch die Sozialpädagogik, die Freizeitpädagogik, die Schulpädagogik (um nur drei auszuwählen, beliebig): Die erstere sucht auszugleichen durch soziale Prävention und Intervention, was anderswo verursacht wird (soziale Ungleichheit und Ausgrenzung); die zweite verwaltet einen Bereich, der von ihr weder geschaffen noch beeinflußbar ist; die dritte wird über Richtlinien und Laufbahnvorschriften der Kultusministerien gesteuert. Die Medienpädagogik hat eben keinen Sonderstatus. Genau dies teilt sie mit allen Pädagogen, denen es ebenso geht: über Lehr- und Lernprozesse auszugleichen und zu kompensieren. Die Sozial- und Geisteswissenschaften, denen auch die Medienpädagogik sich verdankt, sind eben in den politischen Entscheidungsprozessen bis heute marginalisiert. Es ist erstaunlich, daß die Pädagogen sich immer wieder damit abgefunden haben. Ein Grund könnte darin liegen, daß sie eher auf das Konkrete, Praktische gerichtet sind, dem einzelnen oder den Gruppen helfen wollen, und in dieser Bannung auf Interaktion die systemtheoretische Einsicht vergessen, daß der einzelne und die Gruppen in gesellschaftliche Sub- und Großsysteme eingelagert sind, die die eigentlichen Steuerungspotentiale produzieren und damit auch Prämissen medienpädagogischen Handelns setzen.

4. Ein anderes ist den MedienpädagogInnen nicht hinreichend deutlich. Die Medienpädagogik hat es mit einem durch und durch ins Zynische gewendeten Gegenstand zu tun. Medien, Mittel der Aufklärung, Stützen der Öffentlichkeit in einer pluralisierten Gesellschaft, produzieren zunehmend Waren als zu bezahlende Dienstleistungen eines Marktes, der nun endlich auch die Gestade des Geistes, der Bildung, der Kultur erreicht hat und sie bald zu überschwemmen droht. Information wie Unterhaltung, eigentlich alles Angebotene, wird unter dem Gesichtspunkt betrachtet, inwieweit es Gelder und Umsätze erwirtschaftet. Während die Informatik - darauf weisen die Thesen hin - längst ihren Platz gefunden hat, weil sie eben Beiträge zu leisten verspricht zur "dritten industriellen Revolution", nämlich zur Informatisierung der Gesellschaft, kostet die Medienpädagogik nur Geld, weil sie sich den Gruppen und den einzelnen, den Kommunikationsarmen und Kommunikationsbenachteiligten zuwendet. Nach 40 Jahren ist es an der Zeit, daß Medienpädagogik bestimmte Fehler korrigiert:

5. Ich selbst sehe die Zukunft der Medienpädagogik weder unter dem Mythos des McGuffin noch unter dem Mythos des Sisyphos. Ironie sei gestattet: Eher denke ich an Herkules, dem es u.a. zur Aufgabe gestellt war, den stinkenden Stall des Augias auszumisten, und er tat es und schaffte es. Im Zeitalter des body building muß eine solche Figur doch ihre Reize haben! Kurz und pointiert: Die Medienpädagogik hat vielfach Chancen. Die einen liegen in ihrer aufzuarbeitenden Geschichte und in ihren darzustellenden Leistungen (die es reichlich gibt). Die zweiten liegen in der Aufgabe, die Partizipations-Chancen zu vermehren. Lokale Programme, Offene Kanäle, interaktive Rückkoppelungen, plural besetzte Medienräte; die Förderung lokaler Kommunikationskultur - das alles sind mögliche Arbeitsfelder. Auch sie sind im Medienbetrieb marginalisiert und werden von vielen hämisch betrachtet bzw. als gescheitert angesehen. Herkules hat da eine andere Erfahrung und Vision: er mistet aus, was stinkt, er geht an die Arbeit unter der Prämisse, daß heute an den Rand Gestelltes morgen Bedeutung gewinnen kann. Diese geschichtliche Besinnung führt notwendig in eine Vorstellung von der Zukunft. Die Gegenwart ist der Ort, an dem Wahrnehmungs- und Handlungsinstrumente justiert werden. Dazu gehören

Ist Herkules, spätestens seit den italienischen Serienfilmen, nicht geschmacklos, naiv und allzu blauäugig? Ich gebe dies zu und noch anderes, was einzuwenden wäre. Aber besser ein übersteigerter Mythos als der des "uns gibt es doch eigentlich gar nicht" oder der des "wir schuften und schuften und es hat schließlich doch alles keinen Zweck". Gehen wir auf den ursprünglichen Herkules zurück, so war dies ein Typ, der durchaus nicht nur anzupacken, sondern auch zu denken verstand. Sein Bild ist historisch verzerrt und undeutlich geworden - wie das der Medienpädagogik, und das ist eine Brücke zwischen ihnen. Der Habitus der Schwäche und der Vergeblichkeit führt zu nichts. Mehr nach außen demonstriertes Selbstbewußtsein ist der Anfang für politische Partizipation, von der Medienpädagogik so weitgehend ausgeschlossen wurde. Wenn sie den Augias-Stall ausgemistet hat, kann sie sich ja gern einen neuen Mythos suchen - und zwar den von Philemon und Baucis, die ihr Werk und ihre Pflicht getan haben und am Lebensabend einträchtig-vereint und zufrieden vor ihrem Hüttchen sitzen. Medienpädagogik im Ruhestand - aber der ist, wie sich die Dinge entwickeln, in den nächsten 40 Jahren nicht in Sicht!

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