European Medi@Culture-Online http://www.european-mediaculture.org
Autorin: Döring, Nicola.
Titel: Identität + Internet = Virtuelle Identität?
Quelle: forum medienethik Nr. 2/2000. München 2000. S. 65-75.
Verlag: kopaed verlagsgmbh.
Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Autorin.
Nicola Döring
Identität + Internet = Virtuelle Identität?
Wir sprechen von virtuellen Identitäten wenn es darum geht, wie Menschen sich selbst präsentieren, wenn sie computervermittelt (also etwa per Email, Chat, Mailingliste, Newsgroup oder Webpage) miteinander kommunizieren. Die Bewertung virtueller Identitäten ist äußerst kontrovers: Viele kritisieren, dass Personen im Netz ihre wirkliche Identität hinter beliebig ausgedachten virtuellen Scheinidentitäten verbergen und der soziale Austausch somit zur puren Maskerade verkommt. Andere dagegen loben, dass Menschen bei der Konstruktion virtueller Identitäten biografisch wichtige und sinnvolle Identitätsarbeit leisten, indem sie Aspekte ihres Selbst offenbaren und erkunden, die in vielen Offline-Situationen ausgeblendet bleiben. Wie lässt sich die Polarisierung in Selbstmaskierungs-Kritik und Selbsterkundungs-Lob auflösen zugunsten einer ausgewogenen Einschätzung der Chancen und Risiken virtueller Identitätsentwürfe?
Die Vorstellung, dass Menschen im Netz virtuelle Identitäten annehmen, die rein fiktiven Charakter haben, ist in der breiten Öffentlichkeit ebenso wie in der Fachliteratur weit verbreitet (z.B. Opaschowski, 1999, S. 134ff.; Rötzer, 1996, S. 119; Wehner, 1997, S. 144). Im Netz, so wird argumentiert, sind alle Beteiligten anonym und unsichtbar, so dass sie in beliebige und immer neue Rollen schlüpfen können, die mit ihrem Verhalten und Aussehen im Alltag außerhalb des Netzes nur wenig zu tun haben. So trifft man in Chat-Foren reihenweise Personen, die - laut eigener Auskunft - mit bemerkenswerter Schönheit gesegnet sind, beruflichen Erfolg genießen und exotischen Hobbies nachgehen. Sich eine virtuelle Identität zuzulegen, die gängigen Attraktivitätsnormen entspricht, ist dabei eine Form der selbstidealisierenden Maskierung, die beispielsweise auch aus Kontaktanzeigen bekannt ist. Mehr Schein als Sein, lautet hier das Motto. Neben einer Idealisierung der eigenen körperbezogenen oder beruflichen Identität ist auch ein radikaler Rollenwechsel im Netz verbreitet. So mag man sich im angestammten Netzforum als unbedarfter Neuling ausgeben, um zu erfahren, wie sich die eigenen Cyberfreunde oder Cybergeliebten dann verhalten. Eine solche virtuelle Verstellung ermöglicht ganz neue Varianten des Ausspionierens und der Intrige. Die meistdiskutierte Form des Rollenwechsels im Netz ist der Geschlechtertausch. Beim so genannten Gender-Switching oder Gender-Swapping (Bruckman, 1993) geben Männer sich als Frauen aus - und umgekehrt. Gerüchten zufolge sind in manchen Netzforen rund 80% der unter weiblichem Namen agierenden Personen in Wirklichkeit gar keine Frauen, sondern Männer. Heterosexuelle Netznutzer, die eine interessante Frauenbekanntschaft machen, müssen also fürchten, einem Schwindel (im Netzjargon: Fake) zum Opfer zu fallen, der möglicherweise erst enthüllt wird, nachdem die Interaktion bereits eine romantische und/oder erotische Wendung genommen hat.
Tatsächlich existieren eine Reihe von persönlichen Erfahrungsberichten zu mehr oder weniger tragischen Fällen der Identitätstäuschung im Netz. Besonderes Aufsehen erregen hier üblicherweise Berichte über Online-Romanzen (Döring, 2000a), bei denen sich erst nach Wochen oder Monaten herausstellt, dass das begehrte Gegenüber im realen Leben hinsichtlich Aussehen, Alter, Geschlecht Wohnort, Familienverhältnissen, Beruf, Vermögen oder Hobbys mit der im Netz dargestellten Identität nicht viel gemeinsam hat (siehe für zwei Fallbeschreibungen Rheingold, 1994, S. 20ff., S. 204f.). Im Zuge starken emotionalen Engagements auf einen fundamentalen Identitätsschwindel hereinzufallen, ist meist eine sehr belastende und schmerzliche Erfahrung. Eine Reihe von Äußerungen auf der von einer Betroffenen betriebenen Selbsthilfe-Website Saferdating (http://www.saferdating.com/) illustrieren dies. So berichtete im Juni 1998 eine Netznutzerin folgende Begebenheit:
I started chatting in a chat room for my favorite musical group. I became a "regular" and subsequently met a man there. I wasn't looking for a relationship but we really hit it off . To make a long story short I ended up spending a small fortune to fly to Australia to meet him. (I live in the eastern US). I sent him packages because he claimed he was too poor to buy things for himself. It turns out everything this man had me believing was a total lie. He was at least 10 years older than his pictures, horribly overweight and the personality was totally opposite of his online presence. He was rude, selfish, inconsiderate and had the manners of a rattlesnake. I knew that he had two previous online romances, but didn't listen to my intuition. I was so much in love with this man and I'm still hurting over the whole thing.
Identitätstäuschung im Netz ist also ein ernstzunehmendes interpersonales Problem, das bei den Betroffenen etwa mit Verletzung, Beschämung, Vertrauensverlust und Selbstzweifeln einhergeht. Da das Spektrum der Motive der Täuschenden jedoch bis in den kriminellen Bereich verläuft ist der Umgang mit virtuellen Identitäten auch als ein gesellschaftliches Problem anzusehen. Alarmiert reagiert die Öffentlichkeit etwa auf Berichte, denen gemäß Erwachsene sich im Chat als Kinder oder Jugendliche ausgeben, um "Gleichaltrige" kennen zu lernen und diese womöglich sexuell auszubeuten (siehe Abb. 1).
Abb. 1 Ausschnitt aus einer Interaktion auf dem Chat-Channel #flirt.de
<petra> hallooo!
<tim> hi, petra. wie alt bist Du?
<Petra> 13 und du?
<tim> ich bin 14 was machste grad?
<Petra> oooch nix besonders
<tim> erzähl doch mal mehr von dir. wie siehst du aus?
Ob "Tim" wirklich 14 oder nicht vielleicht 51 Jahre alt ist lässt sich anhand der Chat-Kommunikation nicht feststellen (vgl. Durkin, 1997). Denn in Chat-Foren sind die Beteiligten nur durch ihre selbstgewählten Namen (im Netzjargon: Nicknames, Screennames, Handles) für die anderen sichtbar. Personenmerkmale, die in Face-to-Face-Situationen recht offensichtlich sind (wie etwa Alter, Hautfarbe oder Schichtzugehörigkeit), können beim textbasierten Chat per Selbstauskunft beliebig verändert und vorgetäuscht werden. Damit sind Manipulation, Täuschung und Lüge Tür und Tor geöffnet. In den letzten Jahren sind sogar schon einige Mordfälle bekannt geworden, bei denen das Opfer den Täter im Netz kennen gelernt und sich auf der Basis der dort präsentierten virtuellen Identität zu einem persönlichen Treffen entschlossen hatte:
On April 7, 2000, 20 year old Texas A&M student, Kerry Jason Kujawa, left his dorm to drive to San Antonio, TX to meet his online lover, a woman named "Kelly". On April 19, 2000, his body was found. Kerry was killed by a man who had been pretending to be a woman on the internet. Kerry never met his love, he met Kenny Wayne Lockton, a 6'2" man who used "Kelly" to deceive young men into believing he was a woman. He killed Kerry for allegedly posing a threat to exposing this female alter ego. Kerry's body was discovered April 27, 2000. He had been dead for some time. (Quelle: http://www.wildxangel.com/)
Eine virtuelle Schein-Identität anzunehmen mag manchmal ein spaßiges Spiel sein, letztlich läuft diese nicht-authentische Kommunikationspraxis aber auf oberflächliche und im Extremfall sogar gefährliche interpersonale Kontakte hinaus. Aus der Perspektive der Selbst-Maskierung wird somit geraten, sich bei der individuellen Lebensgestaltung lieber auf authentische Begegnungen außerhalb des Netzes zu konzentrieren anstatt zu viel Zeit in virtuellen Scheinwelten zu vergeuden. Wer auf Netzkommunikation nicht völlig verzichten kann, sollte die Identitäts-Präsentationen des Gegenübers stets äußerst kritisch prüfen. Eine solche Identitätsprüfung kann netzimmanent stattfinden, etwa indem man gezielt Fangfragen stellt. Gerade der von vielen heterosexuellen Männern gefürchtete Gender-Switch ihrer Geschlechtsgenossen wird nicht selten in der Weise aufzudecken versucht, dass man etwa die vermeintliche Frau detailliert nach frauenbezogenem Spezialwissen über Wäschegrößen, Monatshygiene, Schwangerschaftsverhütung oder Kosmetik befragt. Ein entsprechender Fragenkatalog wurde etwa von dem Psychologen John Suler (1999) entwickelt. Noch sicherer ist es aber, die im Netz präsentierten Informationen außerhalb des Netzes zu validieren, indem man sich die private und berufliche Telefonnummer des Gegenübers geben lässt und zurückruft. So verlangen etwa einige All-Women-Foren (die sich zum Beispiel auf die Bewältigung sexueller Gewalterfahrungen oder auf lesbische Lebensweisen spezialisiert haben) als Einlasskontrolle einen persönlichen Anruf, um die Gefahr zu reduzieren, dass sich Männer mit voyeuristischen Motiven einschleichen (vgl. Döring, 2000b, S. 193f.). Im Zusammenhang mit interkontinentalen Online-Romanzen wird zuweilen dazu geraten, im Zweifelsfall eine Detektei einzuschalten, bevor man hoffnungsfroh nach Australien fliegt um mit der Online-Liebe ein neues Leben zu beginnen. Offensichtlich steht der im Netz verbreiteten Maskierungs-Praxis nicht selten eine erschreckende Leichtgläubigkeit gegenüber. Vertreter der Maskierungs-These rufen deswegen Erwachsene und insbesondere Kinder immer wieder zu Skepsis und gesundem Misstrauen auf. Solange man nicht genau wisse, wer hinter der virtuellen Maske steckt, sollte man im Netz persönliche Informationen nicht preisgeben und in Reserve bleiben.
Die Maskierungs-These ist in der breiten - und noch immer mehrheitlich netzunerfahrenen (Döring, 1999, S. 148ff.) - Öffentlichkeit sehr populär. Dennoch blieb sie nicht unhinterfragt. Insbesondere in netzengagierten Bevölkerungskreisen und in der sozialpsychologischen und ethnografischen Netzforschung wird die Gegenthese vertreten, dass virtuelle Identitäten durchaus authentisch sind und jenseits von Täuschung und Lüge gerade in besonderem Maße die Selbstoffenbarung und Selbsterkundung fördern (z.B. Bahl, 1997; Bruckman, 1992; Reid, 1991, 1994; Turkle, 1995). Die Ablösung der Netzkommunikation vom sonstigen Alltag befreit demnach die Individuen von sozialer Kontrolle und der mit dem äußeren Erscheinungsbild verbundenen sozialen Kategorisierung, Stereotypisierung und Stigmatisierung. Selbst-Aspekte, die der Person wichtig sind, die sie in vielen Alltagskontexten jedoch nicht ausdrücken und ausleben kann (sondern verschleiert oder verleugnet), kommen im Netz zum Vorschein und werden ihr auch eher zugesprochen. Indem Personen etwa eine idealisierte virtuelle Identität annehmen, die gängigen Schönheitsidealen und Attraktivitätsnormen entspricht fühlen sie sich ermutigt und legitimiert jene kontaktfreudigen, abenteuerlustigen oder erotischen Selbst-Aspekte zu artikulieren, die ihnen in Offline-Szenarien etwa aufgrund "geringen Marktwertes" oder sozialer Stereotype nicht zugebilligt werden. Dies betrifft etwa körperlich gehandicapte Personen oder die sprichwörtlichen "alten Omas und Opas", deren Verhalten als lächerlich oder unpassend abgetan wird, sofern es nicht den restriktiven Rollenerwartungen entspricht. Im Netz dagegen werden dieselben Personen unter Wegfall unmittelbarer Zuordnung zu einer sozialen Kategorie (z.B. Altersgruppe) mit ihren oftmals ganz stereotypkonträren Gedanken, Gefühlen und Verhaltensweisen wahr- und ernstgenommen. Wer sich in einem Online-Forum wiederholt sachkompetent äußert, hat die Chance, als Fachmann oder Fachfrau anerkannt und gehört zu werden, während in Face-to-Face-Situationen Autoritätszuschreibungen erst ab einer gewissen Altersstufe erfolgen. Im Netz haben sich auf der Basis mentaler und emotionaler Übereinstimmung schon eine Reihe von Personen zu Freundes- oder Liebespaaren zusammengefunden, deren Austausch sich dann im Laufe der Beziehungsentwicklung auch nicht auf Netzkontakte beschränkt. Diverse Webrings (http://www.webring.org/; seit September 2000 übernommen von Yahoo!), die unter Titeln wie „I Met my Mate on the Net" oder "Love at First Byte" die Homepages von Cyberliebespaaren verlinken, zeugen davon (vgl. Döring, 2000a, S. 49). Viele von ihnen räumen ein, dass das romantische Kennenlernen nur deshalb möglich war, weil im Netz zunächst ausgeblendet blieb, dass das Gegenüber äußerlich eigentlich gar nicht dem sonst bevorzugten "Typ" entspricht, zu alt, zu jung, zu groß, zu klein, zu dick oder zu dünn ist, hinkt oder stottert. Waren im Zuge des intimen Online-Austauschs erst einmal intensive Gefühle entstanden, so ließen sich vormalige Ausschlusskriterien bei der Freundes- oder Partnerwahl zugunsten der im Netz entdeckten Seelenverwandtschaft suspendieren. Die Erfahrung, sich plötzlich in einer intimen Beziehung mit einer Person wiederzufinden, die man bei einem persönlichen Erstkontakt gar nicht beachtet oder vielleicht sogar abgelehnt hätte, verändert notgedrungen die Sichtweise der eigenen Person, stellt Annahmen über die eigenen Werte, Präferenzen und Bedürfnisse in Frage.
Geografische Distanz, fehlender Sichtkontakt und Anonymisierbarkeit reduzieren bei der computervermittelten zwischenmenschlichen Kommunikation die sonst so verbreiteten sozialen Ängste und Hemmungen. Von dieser Enthemmung profitieren nicht nur Schüchterne, sondern alle Netznutzer/innen, die übereinstimmend berichten, wie sehr sie die entspannte, lockere und offene Atmosphäre genießen, die das Kennenlernen per Chat oder Email typischerweise kennzeichnet. Man ist ausgelassener, witziger, herausfordernder, aber auch ernsthafter. Vordringliche persönliche Probleme und aktuelle Emotionen lassen sich im Zuge der netzspezifischen Schreib-Lese-Kommunikation rasch auf den Punkt bringen, ohne dass eine Partei dabei in Bedrängnis gerät. Denn die mit Intimität verbundenen Spannungen, Risiken und Irritationen lassen sich bei räumlicher Distanz und schriftlicher Kommunikation besser abfangen als bei der direkten Konfrontation im unmittelbaren privaten oder beruflichen Umfeld. Virtuelle Selbstenthüllungen umfassen dabei das gesamte Spektrum menschlicher Nöte und Sorgen, die zwar massenmedial mittlerweile zur Genüge ausgeschlachtet werden, im zwischenmenschlichen Austausch jedoch weiterhin oft heikel bleiben: Führungskräfte, die sich in Depressions-Mailinglisten einschreiben oder Jugendliche aus ländlichen Regionen, die sich an schwul-lesbischen Chat-Foren beteiligen, sind gruppenspezifische Beispiele dafür, wie Selbstakzeptanz über den Zwischenschritt des virtuellen Coming-Out erreicht werden kann (vgl. McKenna & Bargh, 1998). Daneben geht es aber auch um die netzspezifische Auseinandersetzung mit hochindividuellen Identitätsfragen. So berichtet die von der Kulturwissenschaftlerin Anke Bahl (1997, S. 106) interviewte amerikanische Studentin Amy über ihre virtuelle Identität "Sita", die sie im MUD Nightfall annimmt:
I think, it's part of my personaly - my own personality -, and I’ve only just begun to be able to say "Okay, that's alright", that I act sometimes completely different than what I say. Sometimes I'm very different in how I act than what I actually say [ ... ]. I think very progressively but I'm a very traditional person. [ ... ] I tried that out with Sita. [ ... ] I tried out acting differently than what I said that I thought.
Bahl (1997, S. 106) kommentiert: Im MUD hatte Amy weniger Skrupel, diesen vermeintlichen Widerspruch als solchen stehen zu lassen und in Ruhe abzuwarten, ob sie durch ihr Verhalten tatsächlich Irritationen bei ihren Mitspielern hervorrufen würde, auf diese Diskrepanz angesprochen würde. Sie stieß auf weniger Widerstand als sie erwartet hatte, so daß sie diesen Aspekt ihres Selbst [d.h. das Spannungsverhältnis zwischen progressiver Weltanschauung und traditioneller Lebensweise, ND] nun viel eher bejaht."
Ein Authentizitätsbegriff, der sich auf die korrekte Übermittlung überprüfbarer sozialstatistischer Fakten bezieht, vernachlässigt die Frage, inwieweit Personen in ihren Interaktionen das Gefühl haben, relevante Aspekte ihres Selbst zum Ausdruck bringen zu können und darin verstanden und angenommen zu werden. Aussagen, denen gemäß Netzaktive nicht selten den Eindruck haben, im Netz in besonders starkem Maße sie selbst zu sein oder ihrem Idealselbst näher zu kommen, stehen im Widerspruch zur These der Beliebigkeit und Belanglosigkeit virtueller Maskerade. Virtuelle Identitätsexperimente auf pures "Spiel" zu reduzieren, heisst die vielfältigen neuen Potenziale zu Selbstreflexion und Selbstentwicklung zu negieren, die Netzerfahrene hier bewusst ausschöpfen:
I played a MUD man for two years. First I did it because I wanted the feeling of an equal playing field in terms of authority and the only way I could think of to get it was to play a man. But after a while, I got very absorbed by MUDding. I became a wizard on a pretty simple MUD - I called myself Ulysses - and got involved in the system and realized that as a man I could be firm and people would think I was a great wizard. As a woman, drawing the line and standing firm has always made me feel like a bitch and, actually, I feel that people saw me as one, too. As a man I was liberated from all that. I learned from my mistakes. I got better at being firm but not rigid. I practiced, safe from criticism. (34jährige Informantin aus den USA, zitiert nach Turkle, 1995, S. 221).
Dass virtueller Geschlechtertausch so großes Aufsehen erregt und sogar Enttarnungs-Methoden publiziert werden, stellt geschlechtertheoretisch einen Rückfall in das dichotome biologistische Geschlechtermodell dar. Im Netz zeigt sich, dass Personen unabhängig von ihrer chromosomalen Ausstattung offensichtlich motiviert und in der Lage sind, überzeugend in manchen Situationen als "männlich", in anderen als "weiblich" zu erscheinen. Sie erleben dabei dank innerer und äußerer Akzeptanz eine Erweiterung ihrer sozialen Handlungsmöglichkeiten, wobei es angesichts vorherrschender Geschlechterstereotype nicht verwundert dass Frauen unter männlichem Namen insbesondere ihre Unabhängigkeit Stärke und Aggressivität erkunden, während Männer den Gender-Switch eher nutzen, um ihre Nähewünsche, Unsicherheiten und Verletzlichkeiten auszuloten. In beiden Konstellationen können authentische Selbstaspekte zum Ausdruck gebracht werden, ohne dass die Person dafür durch das Infragestellen ihrer Weiblichkeit oder Männlichkeit bestraft wird. So berichtet ein Informant der Soziologin Elizabeth Reid (1993, o.S.) im Online-Interview folgende Erfahrungen über seinen Gender-Switch unter dem Namen "Melina":
Melina says, "What I really liked about having a female character was that I didn't have to do all the masculine bullshit--all the penis-waving." Melina giggles. "Penis-waving...I love that phrase..." Melina says, „I could just chat with people! lt was great! No having to compete, no *pressures*, no feeling like I'd be made fun of for talking about my feelings.
In der eigenen Identitätskonstruktion nicht auf wenige, an Äußerlichkeiten festgemachten Rollen fixiert zu sein, sondern sich gemäß eigenen Gefühlen und Interessen flexibel neu zu entwerfen, ist mehr als ein unterhaltsames Gesellschaftsspiel.
Gerade in spät- oder postmodernen Gesellschaften, in denen universale Lebenskonzepte abgedankt haben und Menschen mit diversifizierten und individualisierten Umwelten und Lebenswegen konfrontiert sind (vgl. Keupp & Hofer, 1997), bietet der Umgang mit virtuellen Identitäten ein ideales Lern- und Entwicklungsfeld für Selbsterkundung und Identitätsarbeit. Nicht nur können Netzkontexte kompensatorisch die Möglichkeit bieten, Teilidentitäten kennenzulernen und auszugestalten, die im Offline-Alltag zu kurz kommen. Netzerfahrungen können auch als Probehandeln Verhaltensänderungen außerhalb des Netzes vorbereiten und tragen nicht zuletzt dazu bei, die Mechanismen der Identitätskonstruktion besser zu verstehen. Die mit virtuellen Identitäten verbundenen Irritationen sollten also aus Sicht der Selbsterkundungs-These nicht als Verlust "wahrer" Identität beklagt sondern als Herausforderung begriffen werden, kompetenter zu werden im Hinblick auf die soziale Konstruktion und Konstruiertheit unserer Identitäten. Abweichungen zwischen Selbstpräsentationen innerhalb und außerhalb des Netzes können dabei auch Hinweise auf Maskerade und Fassadenhaftigkeit in Offline-Kontexten liefern.
Der Diskussions- und Forschungsstand zu virtuellen Identitäten ist also durch Selbstmaskierungs-Kritik und Selbsterkundungs-Lob geprägt. Wie kommt diese Polarisierung zustande? Drei Faktoren sind ausschlaggebend: Das stillschweigend zugrundegelegte Menschenbild, die Auswahl der untersuchten Netzdienste sowie die betrachteten Nutzungskontexte (siehe Abb. 2).

Beginnen wir mit der Frage nach dem Menschenbild: Aus Sicht der Selbstmaskierungs-These haben Netznutzer /innen überwiegend egoistische und böse Absichten: Sie wollen andere Menschen hintergehen und ausnutzen, im günstigsten Fall suchen sie oberflächliche Unterhaltung. Aus Sicht der Selbsterkundungs-These dagegen verfolgen Netznutzer /innen ehrenwerte psychosoziale Ziele: Sie wollen sich und andere besser verstehen, setzen computervermittelte Kommunikation manchmal geradezu therapeutisch ein und reflektieren ihre Netzerfahrungen ebenso gründlich wie sozialkritisch. Vor dem Hintergrund, dass Netznutzung sich in immer größeren Bevölkerungskreisen verbreitet (zur soziodemografischen Zusammensetzung der Netzpopulation siehe Döring, 1999, S. 142ff.) scheint es jedoch unangemessen, entweder ein kriminalistisches oder ein psychologistisches Menschenbild zugrunde zu legen. Dass diese einseitigen Menschenbilder den Diskurs über virtuelle Identitäten bislang prägen, liegt daran, dass man sich empirisch vorwiegend auf Einzelfälle und Sondergruppen konzentriert hat.
Während das Selbstmaskierungs-Modell spektakuläre Skandal- und Kriminalfälle aus der Presse aufgreift, stützt sich das Selbsterkundungs-Modell primär auf die Erfahrungen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen aus dem sozialwissenschaftlichen Universitäts-Milieu. Dass ein vorbestrafter Heiratsschwindler sich im Netz als unverheiratet ausgibt und auf diese Weise weitere Opfer findet sagt mehr über die Besonderheiten der betrachteten Person als über das Netzmedium aus. Selbiges gilt wenn eine 20jährige Psychologiestudentin ihre virtuelle Selbstdarstellung kritisch reflektiert und sich dadurch in ihrer altersbedingt gerade besonders vordringlichen Persönlichkeitsentwicklung bereichert fühlt. Eine weniger polarisierte und dramatisierte Einschätzung der Risiken und Chancen virtueller Identitäten würde also resultieren, wenn anstelle von Einzelfällen und Sondergruppen repräsentative Ausschnitte der Netzpopulation betrachtet würden, bei denen keine besondere kriminelle oder psychologische Prägung, sondern vielmehr ein breites Spektrum von Nutzungsmotiven zu erwarten ist. Extremisiert ist der bisherige Diskurs über virtuelle Identitäten aber nicht nur durch die Konzentration auf Einzelfälle und Sondergruppen innerhalb der Bevölkerung und daraus resultierende implizite Menschenbildannahmen, sondern auch durch eine enorme Einengung der betrachteten Netzdienste. Dass Menschen sich - beginnend mit der Namenswahl - in ihren virtuellen Selbstdarstellungen völlig frei entfalten, beliebige und ggf. auch wechselnde Informationen über sich lancieren können, ist in erster Linie eine Option der Chat-Kommunikation als der kontextärmsten und flüchtigsten Variante persönlichen Austauschs im Netz (zur Beschreibung der Chat-Kommunikation siehe Döring, 1999, s. 95ff.). Das Chatten ist aber nur ein Netzdienst neben vielen anderen. Tatsächlich spielt im Netzalltag die Email- und WWW-Kommunikation eine weitaus gewichtigere Rolle; sie wird von über 90% der Netzaktiven praktiziert während nicht einmal jede zweite Person im Netz jemals chattet (Döring, 1999, S. 153ff.). Und Selbstdarstellung in Emails und auf persönlichen Webseiten folgt ganz anderen Prinzipien als die Selbstdarstellung im Chat: So sind persönliche Homepage mit Text- und Bildmaterial ausgestattet und liefern in der Regel den vollen Namen und eine Kontaktadresse (Döring, 1999, S. 285ff) Der Aufwand, der mit der Erstellung einer persönlichen Homepage einhergeht legt es nicht nahe, die Inhalte je nach Lust und Laune täglich zu verändern oder diverse Homepages gleichzeitig zu betreiben. Auch in der Email-Kommunikation ist weitaus mehr Identifizierbarkeit angelegt als in der Chat-Kommunikation. Viele Netznutzer/innen operieren mit Email-Adressen, die ihren vollen Namen sowie die Institutszugehörigkeit erkennen lassen und damit beliebigen Identitätswechseln einen Riegel vorschieben (Döring, 1999, S. 281ff.). Um virtuelle (d.h. netzbasierte) Selbstdarstellung angemessen zu beurteilen, dürfen also nicht nur MUDs und Chats betrachtet werden, sondern müssen auch alle anderen computervermittelten Kommunikationsdienste einbezogen werden und zwar proportional zu ihrer Nutzungshäufigkeit und Verbreitung. So faszinierend virtuelle Charaktere in MUDs sein mögen (genauer hierzu Döring, 1999, S. 116ff.) - die überwältigende Mehrzahl der Netznutzer/innen hat noch nie im Leben ein MUD betreten. Persönliche Homepages im WWW dagegen sind nahezu allen Netznutzer/innen bekannt - umso erstaunlicher, dass diese Form der virtuellen Selbstdarstellung bislang so gut wie gar nicht unter Identitäts-Perspektive untersucht wurde.
Nicht nur muss im Zusammenhang mit Netznutzung nach einzelnen Netzdiensten unterschieden werden, man muss auch differenziert betrachten, wie und in welchen sozialen Kontexten diese Netzdienste genutzt werden. So sind Pauschalaussagen über spielerische oder experimentelle Identitätskonstruktionen "beim Chatten" unsinnig, solange nicht spezifiziert wird, wer in welchem sozialen Arrangement und mit welcher Zielsetzung beim Chatten aufeinander trifft. Selbst wenn wir von einer qua Alter, Lebensphase und Bildung zu reflektierter Identitätsarbeit hochmotivierten Person ausgehen, so wird diese beim Chatten keineswegs durchgängig mit neuen Identitätsvariationen experimentieren wollen oder können. Beteiligt sich eine 20jährige Studentin per Chat an einem Flirt-Forum, in dem sie niemanden kennt so ergreift sie unter einem vielsagenden Spitznamen vielleicht die Gelegenheit ungewohnte und sexuell gewagte Selbstinszenierungen zu erproben, deren Implikationen ihr selbst noch nicht klar genug sind, um damit gleich das unmittelbare soziale Umfeld zu konfrontieren (vgl. Döring, 2000c). Beteiligt sich dieselbe Studentin dagegen per Chat an einer virtuellen Seminarsitzung im Rahmen ihres Fernstudiums, so wird sie - nachdem alle Seminarteilnehmer/innen in der vorgeschalteten Präsenzphase einander bereits persönlich kennengelernt haben - unter ihrem realen Namen die Rolle der Seminarteilnehmerin einnehmen und hoffen, dass die anderen sich noch gut an sie erinnern. Die Diversifizierung der Handlungskontexte in spätmodernen Gesellschaften verlangt Flexibilität im Identitäts-Management ohne jedoch Beliebigkeit zu erlauben. Computervermittelte Kommunikation spielt sich keineswegs immer in einem anarchischen Cyberspace ab. Vielmehr bürgert sich Netzkommunikation zunehmend in Ausbildungs-, Berufs- und Dienstleistungskontexten ein, in denen Überraschung, Provokation oder Spiel keinen Raum haben, sondern die Beteiligten viel eher mit der Frage befasst sind, wie sie ihre Email-, Web- oder Chat-basierten Selbstpräsentationen wiedererkennbar und glaubwürdig gestalten und glatte Medienwechsel bewerkstelligen. Wird etwa ein Kundenkontakt je nach Anlass persönlich, telefonisch oder per Email abgewickelt, sollte der Dienstleister als Person jeweils leicht und zuverlässig identifizierbar sein. Dass diese neuen Konsistenz- und Authentifizierungs-Anforderungen in der Debatte um virtuelle Identitäten kaum zur Sprache kommen, ist eben der Tatsache geschuldet, dass die bisherige Auseinandersetzung mit dem Phänomen sich zu einseitig auf geselligen und teilweise dezidiert spielerischen Freizeitaustausch konzentriert der jedoch nur einen Bruchteil der Nutzungskontexte abdeckt. Die realen Chancen und Risiken virtueller Identitäts-Konstruktionen sind nach der hier vorgenommenen Analyse also sehr viel moderater zu bewerten als es die in der Selbstmaskierungs-Selbsterkundungs-Kontroverse angeführten Extrembeispiele erwarten lassen. Das sollte jedoch unser Interesse am virtuellen Identitäts-Management (Suler, 2000) nicht reduzieren. Im Gegenteil: Gerade jene Formen der virtuellen Selbstdarstellung, die eher durch subtile Akzentverschiebungen (z.B. Darstellung professioneller Kompetenz auf der persönlichen Homepage) als durch radikale Gegenentwürfe geprägt sind, verdienen unsere Aufmerksamkeit, denn schließlich kommen sie in der Praxis am häufigsten vor.
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