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Autoren: Eggert, Susanne / Theunert, Helga.

Titel: Medien im Alltag von Heranwachsenden mit Migrationshintergrund – Vorwiegend offene Fragen.

Quelle: merz. medien + erziehung. 46. Jahrgang, Heft 5/02. München 2002. S. 289-300.

Verlag: kopaed verlagsgmbh.

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.



Susanne Eggert / Helga Theunert

Medien im Alltag von Heranwachsenden mit Migrationshintergrund – Vorwiegend offene Fragen



Nach der Mediennutzung von jugendlichen Migranten und der Bedeutung der Medien für Dimensionen ihres Alltagslebens zu fragen, heißt vor allem, sie selbst in den Blick zu nehmen und mediale Interkulturalität zu entwickeln.



Ein beachtlicher Teil der in Deutschland lebenden Menschen, etwa 9% der Gesamtbevölkerung, hat eine nicht-deutsche Herkunft. Bunt und sehr heterogen sind die hier lebenden Menschen mit Migrationshintergrund. „Arbeitsmigranten, ihre Kinder und Kindeskinder, deutsche Spätaussiedler aus den osteuropäischen Ländern, Asylanten, Asylsuchende und Kriegs- und Bürgerkriegsflüchtlinge und EU-Ausländer, die im Rahmen der Freizügigkeit innerhalb der Europäischen Union nach Deutschland kommen, sie alle bilden eine heterogene Population, die als Deutsche oder Nicht-Deutsche, als lange hier Lebende, vielleicht hier Geborene oder gerade erst Eingewanderte sehr unterschiedliche Voraussetzungen mitbringen, und die auch hinsichtlich ihres (ausländer)rechtlichen Status nicht vergleichbar sind.“ (Stellungnahme der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung 2000, S. 149)



Balancieren zwischen den Kulturen

Die verschiedenen Migrantengruppen bringen – neben spezifischen individuellen und kollektiven Erfahrungen, die beispielsweise bei Kriegsflüchtlingen oder Asylsuchenden oftmals drastisch oder traumatisch sind – eine gewachsene kulturelle Identität mit. Auch wenn sie schon lange hier leben, auch wenn die Kinder und Enkelkinder schon hier geboren sind, Religion, Normen und Wertvorstellungen, Sitten und Gebräuche der Herkunftskultur haben vielfach über Generationen Bestand und spielen auch im Alltag derjenigen eine – mehr oder weniger große – Rolle, die sie nur noch rudimentär oder gar nicht mehr aus eigener Anschauung und Erfahrung kennen. Je größer und vor allem je augenfälliger die Entfernung zur hiesigen Kultur und Lebensweise ist, desto fremder erscheinen die hier lebenden Migrantengruppen. Ein 14-Jähriger bringt es treffend auf den Punkt: „Wenn ein Schwede nach Deutschland kommt, dann sagt man irgendwie 'hallo', und wenn jetzt irgendwie ein Türke oder ein Russe kommt, dann hat man natürlich schon so'n komischen Blick oder man denkt sich schon so'n bisschen was dabei.“ Auch die schwedische Kultur ist anders als die deutsche, aber die Unterschiede sind nicht so groß und nicht unmittelbar an Äußerlichkeiten ersichtlich. Die 'kopftuchtragende Türkin' hingegen fällt auf. Und ihre Herkunftskultur differiert erheblich von der deutschen Lebensweise, jedenfalls dann, wenn sie von moslemischer Religion und von traditionellen Familienstrukturen, Rollenverteilungen und Wertvorstellungen geprägt ist. Das jedoch gilt längst nicht mehr für alle Türkinnen, weder für die in der Türkei, noch für die in Deutschland lebenden. Die 'kopftuchtragende Türkin', die in einer von Männern dominierten Gesellschaft in Abhängigkeit lebt, ist nur ein Bild türkischer Kultur und Lebensweise, das sich jedoch – nicht zuletzt aufgrund häufiger medialer Präsenz – hartnäckig als das Bild des Ganzen zu behaupten versucht. Auch wenn einseitige und eingefahrene Vorstellungen von Migrantengruppen nicht tragen: Viele Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund leben zwischen verschiedenen – von außen betrachtet – oft unvereinbar scheinenden Welten. Da ist auf der einen Seite die Herkunftsfamilie mit Traditionen, die in den deutschen Alltag nicht so recht passen wollen, und da ist auf der anderen Seite zum Beispiel die deutsche Gleichaltrigengruppe, in der die Wertvorstellungen und Gepflogenheiten der Herkunftskultur als fremd erlebt oder gar mit Vorurteilen belegt werden. Das Balancieren zwischen Herkunfts- und aktueller Lebenskultur stellt erhebliche Anforderungen an Heranwachsende. Denn nicht selten werden ihnen „diskrepante Botschaften vermittelt, die zu Spannungen, Desorientierung und Loyalitätskonflikten führen.“ (Lanfranchi 2000, S. 50f) Sie müssen also die schwierige Aufgabe bewältigen, die verschiedenartigen oder gar gegensätzlichen Werthaltungen und Erwartungen zu integrieren. Das Pendeln zwischen unterschiedlich strukturierten Lebenswelten und Wertsystemen birgt einerseits die Chance, interkulturelle Kompetenz auszuformen. Andererseits können daraus auch erhebliche Belastungen, Identitätskrisen und Risikopotenziale resultieren. 'Identitätsdiffusion' ist eine der bedenklichen Folgen. „Sie äußert sich im entmutigten Ausweichen von altersentsprechenden Forderungen, in Passivität und Unvermögen, sich auf Werte, Ziele und Entscheidungen einzulassen und festzulegen.“ (Lanfranchi 2000, S. 60f) Als weitere Risikodimensionen sind offensive Gewaltreaktionen anzusehen, in erster Linie in der Clique evident. Auch der radikale Rückzug in die ethnische Minorität kann eine Folge der gescheiterten Verbindung widersprüchlicher Lebenswelten sein. Die jungen Migrantinnen und Migranten „grenzen sich von der Aufnahmegesellschaft immer mehr ab, schaffen eine eigene und oft undurchlässige Subkultur und flüchten in eine traditionale und in manchen Fällen fundamentalistische Lebensweise.“ (Lanfranchi 2000, S. 61f) So geben sich zum Beispiel manche in Deutschland geborene und aufgewachsene türkische Jugendliche 'türkischer' als Gleichaltrige in der Türkei.

Ob der Balanceakt zwischen den Kulturen zur Ausformung sozialer und interkultureller Kompetenzen beiträgt oder das Risiko engstirniger und radikalisierter Separierung birgt, hängt von vielerlei Faktoren auf Seiten des Individuums und auf Seiten seines sozialen Lebensumfeldes ab. Ein wesentlicher Faktor ist die zuletzt und neuerlich in der PISA-Studie dokumentierte eklatante Bildungsbenachteiligung von Heranwachsenden aus Migrantenfamilien: Fast die Hälfte der Heranwachsenden, deren beide Elternteile ausländischer Herkunft sind, besucht die Hauptschule, nur 15% gehen aufs Gymnasium. Zum Vergleich: Bei gleichaltrigen Deutschen geht ein Viertel auf die Hauptschule und über 30% aufs Gymnasium (vgl. PISA 2000. Zusammenfassung zentraler Befunde, S. 34ff) Bildungsbenachteiligung begünstigt – bei Heranwachsenden jedweder Herkunft – die Empfänglichkeit für entgstirnige und radikalisierte Vorstellungen und die Bereitschaft, diese auch zu realisieren. Dieser Zusammenhang ist vielfach theoretisch argumentiert und empirisch belegt.



Medien: Integrationshelfer oder Separierungsverstärker?

Lieber als die Bildungsbenachteiligung wird ein anderer potenzieller Einflussfaktor bemüht, insbesondere, wenn aus dem Balanceakt zwischen den Kulturen Risiken drohen oder resultieren. Das Medienverhalten gerät generell gern in den Blick, wenn Heranwachsende abweichendes Verhalten zeigen. Das gilt für deutsche und nicht-deutsche Heranwachsende gleichermaßen. Während jedoch zum Medienverhalten deutscher Kinder und Jugendlicher einiges Wissen existiert, gilt für das Medienverhalten von Heranwachsenden mit Migrationshintergrund das Gegenteil. Für viele Migrantengruppen – so etwa für die zahlenmäßig großen Gruppen der Kriegsflüchtlinge aus den Gebieten Ex-Jugoslawiens oder der Aussiedler aus Osteuropa – ist noch nicht einmal die Oberfläche der Medienzuwendung und -nutzung bekannt. Trotzdem gerät das Medienverhalten unter Verdacht, wenn Migrantengruppen als schwer integrierbar und risikoreich eingestuft werden. Ausgehend von der orientierenden Bedeutung von Medien, die für die Alltags- und Lebensbewältigung deutscher Kinder und Jugendlicher belegt ist1 und ausgehend von der berechtigten Annahme, dass auch Heranwachsende mit Migrationshintergrund die Medien heranziehen, um nach Anregungen für die Bewältigung von Alltagsanforderungen und nach Orientierungen für die Ausformung von Persönlichkeits-, Geschlechts- und Sozialkonzepten Ausschau zu halten, ist ein Einfluss der Medien auf den Balanceakt zwischen den Kulturen nicht ohne Weiteres von der Hand zu weisen. Theoretisch plausibel sind vor allem drei Funktionen, die Medien für Familien und Heranwachsende mit Migrationshintergrund haben können:

1. Medien können Integrationsprozesse unterstützen:

Als Träger von Information liefern sie Wissen über die deutsche Gesellschaft ebenso wie sie zur Vermittlung deutscher Kultur und Gepflogenheiten beitragen können, sei es durch explizite Informations- oder Kulturangebote in den Schriftmedien, den audio-visuellen Medien oder dem Internet, sei es durch Angebote aus dem Unterhaltungsbereich wie etwa deutsche Fernsehserien und Spielfilme, Unterhaltungsshows oder Musik. Die verschiedenen Medienangebote können zudem das Erlernen der deutschen Sprache unterstützen.

2. Medien können eine Brücke zu den Herkunftsländern sein:

Dies gilt einerseits für informative und unterhaltsame deutschsprachige Angebote, die die Herkunftsländer von Migrantengruppen und dortige Ereignisse zum Thema machen. Dies gilt andererseits insbesondere für muttersprachliche Medienangebote, mit denen Migrantinnen und Migranten sich in ihrer Landessprache unterhalten lassen und sich über Ereignisse bzw. die Situation in ihrem Herkunftsland auf dem Laufenden halten können. In informativen Zusammenhängen gewinnt das Internet zunehmend an Bedeutung. Es bietet die Möglichkeit, sich in der Muttersprache zu informieren und sich mit Landsleuten auszutauschen oder auf die Netzangebote vertrauter Medien, beispielsweise von Zeitungen und Fernsehsendern des Herkunftslandes, zurück zu greifen. Aber auch die in Deutschland erhältlichen nicht-deutschen Medien sind von Bedeutung, insbesondere diejenigen, die extra für Deutschland hergestellt werden, wie z.B. die Deutschlandausgabe der Hürriyet, einer türkischen Tageszeitung. Sie haben den Vorteil, dass sie die Perspektive der hier lebenden Migrantinnen und Migranten einnehmen.




3. Medien bieten Orientierungen für das Balancieren zwischen den Kulturen:

Auch für Heranwachsende mit Migrationshintergrund ist – wie schon erwähnt – davon auszugehen, dass sie die Medien gezielt nach Orientierungsangeboten durchforsten und dass sie das, was sie finden, umso ernsthafter in Erwägung ziehen, je weniger attraktiv und tragfähig ihnen die Orientierungsangebote im wirklichen Lebensumfeld erscheinen. Eine besondere Ausrichtung kann die orientierende Bedeutung der Medien bei den Heranwachsenden erfahren, die Diskrepanzen zwischen unterschiedlichen oder gar unvereinbaren Lebenswelten und Kulturen ausgleichen müssen. Denn die mit diesem Balanceakt möglicherweise verbundenen Gefahren der Identitätsdiffusion, Radikalisierung und Separierung bieten einen besonders fruchtbaren Boden für die Akzeptanz problematischer medialer Orientierungsvorgaben.



Mediengebrauch von Migrantengruppen – eine lückenhafte Kenntnislage

Theoretische Überlegungen, wie sie oben für migrationsspezifische Funktionen von Medien skizziert sind, verweisen darauf, dass eine eingehende Befassung mit der Bedeutung von Medien für Migrantengruppen lohnend und angesichts des immer wieder proklamierten negativen Einflusses auch notwendig wäre. Die empirische Erkenntnislage ist indes mager und weist erhebliche Lücken auf. In Stichworten zusammengefasst:

Einige ergiebige Befunde, die auf die Bedeutung von Medien insbesondere für Kinder und Jugendliche aus relevanten Migrantengruppen hinweisen und Risikopotentiale erkennbar werden lassen, werden im Folgenden erläutert.3

Am besten untersucht: Das Medienverhalten türkischer Migrantinnen und Migranten

In Bezug auf ihren Medienumgang sind die türkischstämmigen Familien die bislang am besten erforschte nicht-deutsche Bevölkerungsgruppe in Deutschland. In Anbetracht dessen, dass es sich dabei um die größte und mit am längsten hier lebende Ausländergruppe handelt – derzeit sind es ca. 2 Millionen, das ist mehr als ein Viertel der gesamten ausländischen Bevölkerung (Statistisches Bundesamt) –, ist dies sicherlich berechtigt. Neuere Daten zum Medienumgang in türkischen Familien stammen vor allem aus verschiedenen Untersuchungen des Zentrums für Türkeistudien (ZfT) an der Universität Essen und aus einer 2001 erschienenen Studie zur „Mediennutzung und Integration der türkischen Bevölkerung in Deutschland“, die vom Presse- und Informationsamt der Bundesregierung in Auftrag gegeben war. Im Hinblick auf die Frage nach der Mediennutzung in Migrantenfamilien ist vor allem letztere Studie aufschlussreich, da hier das Medienverhalten der 6- bis 13-jährigen Kinder eigens erhoben und ausgewertet wurde. Die wichtigsten Ergebnisse im Überblick:



Abb. 1: Die am häufigsten gesehenen Fernsehprogramme der türkischen Bevölkerung in Deutschland

Deutschsprachige Programme

Türkischsprachige Programme

In Prozent*

RTL


54

Pro Sieben


41


TRT-INT

34

SAT.1


31


ATV-INT

30


Show TV

30


Kanal D

26

ARD/Das Erste


24

RTL2


22

ZDF


18


Interstar

14


TGRT

13

Quelle: GöfaK Medienforschung, Potsdam, n=1761
*max. 2x3 Programmnennungen pro person

Abb. 2: Fernsehprogramme: Angebotspräferenzen der Stammnutzer (In Prozent – Mehrfachnennungen)

Angebotspräferenzen

Türkischsprachiges Fernsehen
n=1023 (Sehr) stark

Deutschsprachiges Fernsehen
n=1236 (Sehr) stark

Nachrichten

69

57

Magazine, Dokumentationen

40

27

Darüber hinaus werden in der Originaltabelle Unterhaltungsgenres aufgeführt, auf die hier nicht weiter eingegangen wird.

Quelle: GöfaK Medienforschung, Potsdam



Abb. 3: Sprachliche Nutzungsüberschneidungen: Türkisch- und deutschsprachige Medien / Altersgruppen (Stammnutzer¹, in Prozent)

Nutzungsüber-schneidung Sprache

14-18 J.

n=239

19-29

n=545

30-39

n=413

40-49

n=209

50-59

n=263

60+J.

n=92

Gesamt

n=1761

Nur türkischsprachige Medien

8

9

14

22

37

23

17

Türkisch- und deutschsprachige Medien

41

50

55

51

51

58

50

Nur deutschsprachige Medien

48

36

27

22

7

2

28

Keine Medien-nutzung²

3

5

4

5

5

17

5

Gesamt

100

100

100

100

100

100

100

Quelle: Göfak Medienforschung Potsdam

1 Nutzung von Fernsehen, Hörfunk und Tageszeitungen an mindestens vier Tagen einer durchschnittlichen Woche.

2 Bezogen auf Fernsehen, Hörfunk und Tageszeitungen.

Diese Daten zur Mediennutzung zeigen, dass die türkischstämmige Bevölkerung deutsche und türkische Medien vorwiegend komplementär nutzt. Mit zunehmendem Alter gewinnen die muttersprachlichen Medienangebote jedoch an Bedeutung. Den Gründen für diese altersdifferenzierte Zuwendung wäre nachzugehen. Sie könnten in der engeren Bindung älterer Türkinnen und Türken an die Herkunftskultur ebenso liegen wie an einer mit zunehmendem Alter verbundenen Rückbesinnung auf die eigenen Wurzeln. Eine Erklärung dafür, dass die stärkere Hinwendung zu muttersprachlichen Medien bereits im Jugendalter einsetzt, könnte darin liegen, dass die Suche nach der eigenen Identität ein wichtiges Merkmal dieser Entwicklungsphase ist. Zur Identität der türkischstämmigen Heranwachsenden gehören einerseits die kulturellen Wurzeln der Elterngeneration, andererseits aber auch ihre deutschen Alltagserfahrungen.

Wenn türkische Kinder fernsehen oder am Computer spielen...

So tun sie das zwar nicht häufiger als deutsche Kinder, aber ausgiebiger, könnte man den Satz ergänzen. Dies gilt zumindest für die Jüngeren unter ihnen. Eine Studie von Grüninger und Lindemann, die im Jahr 2000 erschienen ist, vergleicht das Medienverhalten türkischer und deutscher Vorschulkinder miteinander. Zwei Ergebnisse dieser Studie sind bezüglich der Frage nach dem Mediengebrauch in Familien mit Migrationshintergrund besonders interessant:

Erstens: 3- bis 6-jährige türkische Kinder, die täglich fernsehen (etwa die Hälfte der befragten Mädchen und Jungen), sind rund 50 Minuten länger vor dem Fernsehapparat anzutreffen als ihre deutschen Altersgenossinnen und -genossen (127 zu 78 Minuten). Die gleiche Tendenz, nur nicht so stark ausgeprägt, zeigt sich bei Kindern, die mehrmals pro Woche fernsehen; die türkischen Kinder verweilen etwa eine Viertelstunde länger vor dem Gerät als die deutschen (65 zu 48,7 Minuten). Dass der höhere Fernsehkonsum nicht auf das Vorschulalter beschränkt ist, geht aus einer Studie von 1996 hervor. Danach zählen türkischstämmige Menschen mit einem täglichen Fernsehkonsum von über vier Stunden zu den Vielsehern. Zu bedenken ist jedoch bei diesem Ergebnis, dass in vielen türkischen Haushalten der Fernseher ein Nebenbei-Medium ist, also während anderer Beschäftigungen im Hintergrund läuft (vgl. Eckart 1996).

Zweitens: Eine höhere Nutzungsdauer der türkischen Vorschulkinder wurde auch in Bezug auf Computerspiele festgestellt, allerdings geht diese fast ausschließlich auf das Konto der Jungen: Wenn sich türkische Kinder mit Computerspielen beschäftigen, dann bleiben sie im Durchschnitt etwa 7,5 Minuten dabei – die Jungen 13 Minuten, die Mädchen 1 Minute. Deutsche Kinder hingegen wenden sich nach durchschnittlich 2,7 Minuten einer anderen Beschäftigung zu. Der Unterschied zwischen Jungen und Mädchen fällt bei ihnen weniger ins Gewicht: Die Jungen spielen etwa 3 Minuten, die Mädchen etwa 2 Minuten. Diese Ergebnisse legen die Vermutung nahe, dass in türkischen Familien weniger auf den Medienumgang der Jüngsten geachtet wird als dies in deutschen Familien der Fall ist. Zu erhärten ist diese Vermutung mit der vorliegenden Datenlage allerdings nicht. Denn es fehlen wesentliche Kontextinformationen zum Fernsehumgang und zur Fernseherziehung in türkischen Familien. Beispielsweise ist nicht bekannt, ob der Fernsehkonsum der Kinder in türkischen Familien begleitet wird oder ob ihnen nur bestimmte Angebote erlaubt sind. Solche Kontextinformationen aber sind die Voraussetzung, um ein realistisches Bild zum Medienumgang türkischer bzw. anderer nicht-deutscher Vorschulkinder zu erhalten.

Nicht nur was das Mediennutzungsverhalten betrifft sind Unterschiede zwischen Kindern und Jugendlichen aus Familien mit Migrationshintergrund und deutschen Heranwachsenden zu beobachten, auch in Bezug auf die Wahrnehmung von Medieninhalten heben sie sich voneinander ab. Dafür gibt es Hinweise in verschiedenen qualitativ angelegten Studien insbesondere für das Fernsehen.

Fernsehinformation bestätigt: Die Realität ist schrecklich

Mädchen und Jungen, die aus Kriegs- und Krisengebieten nach Deutschland gekommen sind, zeigen einen Fernsehumgang, der eng mit ihren Gewalterfahrungen zusammenhängt. Zweierlei Auffälligkeiten stechen hervor: Zum einen haben diese Kinder und Jugendlichen oftmals ein ängstliches Weltbild, geprägt von Gewalt und Schrecken, das in der Regel von den Eltern gestützt wird. Die Welt steckt für sie voller – auch existenzieller – Gefahren. Diese Welt finden sie in den Infotainmentsendungen des Fernsehens wieder. Ihr Bedürfnis nach Information stillen sie vor allem mit diesen Angeboten, da sie glauben, dort Hilfen für ihren Alltag bzw. Tipps, wie sie Gefahren vermeiden oder bestehen können, zu erhalten. Zum anderen zeigt sich, dass diese Mädchen und Jungen auf reale Information, z.B. in den Fernsehnachrichten, häufig irritiert und emotional verunsichert reagieren. In Beiträgen über Kriege, Anschläge usw. erkennen sie Nähen zu ihrem eigenen Leben – vor allem dann, wenn Kinder an dem Geschehen beteiligt sind. Sie fühlen sich von diesen Angeboten zwar angezogen, da sie wissen wollen, was in ihrem Heimatland geschieht, doch die dargestellte Gewalt belastet und ängstigt sie (vgl. Theunert, Schorb 1995).




Daily Talks: Anschauungsunterricht für zwischenmenschlichen Umgang in Deutschland

Ein Ergebnis einer Studie, in der der Umgang von Jugendlichen mit Daily Talks untersucht wurde (Paus-Haase u.a. 2000), zeigt, dass russlanddeutsche Mädchen Sendungen dieses Formats als ein Forum betrachten, in dem Probleme diskutiert werden, mit denen auch sie sich auseinander setzen (müssen). Dazu gehören zum Beispiel zwischenmenschliche Schwierigkeiten in verschiedenen Beziehungskonstellationen. Solche Schwierigkeiten haben sie auch in ihrem Alltag, was vor allem damit zusammenhängt, dass sie mit zwei unterschiedlichen Kulturen – der oft traditionell geprägten russischen und der deutschen – jonglieren müssen und mit teilweise recht verschiedenartigen Erwartungen konfrontiert werden. Die Daily Talks liefern ihnen zum einen scheinbar Argumente für ihre Auseinandersetzungen, zum anderen erhoffen sie sich hier einen Einblick in die deutschen Gepflogenheiten und Verhaltensweisen.

Medien-Männer: Verstärker für traditionelle Männlichkeitsideale

Eine weitere Tendenz wird hinsichtlich der geschlechtsbezogenen Rollenvorstellungen deutlich. In vielen Familien, die aus Osteuropa oder dem moslemischen Kulturkreis stammen, herrschen für hiesige Verhältnisse traditionelle Vorstellungen von der Rolle der Frau bzw. des Mannes. Den Jungen wird schon früh vermittelt, welche Erwartungen an sie gestellt werden und welche Aufgaben sie zu erfüllen haben: Zum Mannsein gehört es, selbstbewusst aufzutreten und keine Angst zu zeigen, auch nicht in brenzligen Situationen, Schwächere – z.B. Frauen und Kinder – in Schutz zu nehmen usw. Von klein auf werden sie darauf vorbereitet, die Familie zu leiten, zu beschützen und zu verteidigen. Entsprechend sind Tapferkeit, Mut und Stärke Eigenschaften, die hoch angesehen sind.

Ein Blick auf den Fernsehumgang der Jungen zeigt, dass sie sich an starken, kämpferischen Helden orientieren, die sich durchzusetzen wissen und nicht klein beigeben (vgl. Theunert, Schorb 1994, 1996, Theunert, Gebel 2000). Diese Spur aus qualitativ angelegten Untersuchungen wird durch Daten zur Fernsehnutzung unterstützt, aus denen hervorgeht, dass Actionfilme und -serien bei jungen Türken zwischen 6 und 13 Jahren hoch im Kurs stehen (vgl. Weiß, Trebbe 2001). Ähnliches lässt sich für die Computerspielvorlieben feststellen. In einer Untersuchung zum Umgang 8- bis 14-Jähriger mit Video- und Computerspielen (vgl. Abb.4) wurden Kinder aus dem moslemischen Kulturkreis sowie Aussiedlerkinder aus Osteuropa als eigenständige Untersuchungsgruppen betrachtet (vgl. Fromme, Meder, Vollmer 2000). Es zeigte sich, dass Jungen unabhängig von ihrer Herkunftskultur am liebsten Kampfspiele spielen. Die Präferenz dafür ist aber bei Jungen aus dem moslemischen Kulturkreis und bei Aussiedlerjungen bedeutend höher als bei Jungen aus dem westdeutschen Kulturkreis. So erklärt etwa jeder vierte Junge aus dem westdeutschen Kulturkreis Kampfspiele zu seinen Lieblingsspielen, bei den Jungen aus dem moslemischen Kulturkreis ist es mindestens jeder Dritte und nahezu die Hälfte aller Jungen aus Aussiedlerfamilien gibt an, Spiele dieses Genres besonders gern zu spielen. Auffällig ist, dass Kampfspiele offensichtlich auch für die Mädchen mit Migrationshintergrund sehr attraktiv sind, während deutsche Mädchen diesen Spielen kaum etwas abgewinnen können. Die Vorliebe für Kampf und Action zieht sich in Bezug auf verschiedene Spielemerkmale durch.

So legen wiederum die Kinder (hier wurde nicht zwischen Mädchen und Jungen unterschieden) aus Aussiedlerfamilien bzw. aus dem moslemischen Kulturkreis großen Wert darauf, dass die Spiele actionreich inszeniert sind. Das heißt, dass es viel Bewegung auf dem Bildschirm gibt, und schnelle Musik als dramaturgisches Element eingesetzt wird. Ein Blick auf die bevorzugten Rollen der Kinder in den Spielen macht deutlich, dass vor allem bei den Kindern aus moslemischen Kulturkreisen die Kämpfer unangefochten das Feld anführen. Wie schon erwähnt, liefern Spuren aus qualitativen Untersuchungen einige Erklärungsansätze für das besondere Interesse der Jungen aus Migrantenfamilien an Kampf- und actionreichen Spielen. Woher jedoch die Attraktion für die Mädchen rührt, dafür gibt es bisher keine Anhaltspunkte.

Abb. 4: Lieblingsgenre nach Kulturkreisen und Geschlecht

Anteile in %

valid cases = 857

Kinder aus dem westdt. Kulturkreis

Aussiedlerkinder

Kinder aus dem moslem. Kultur-kreis

Jungen

Mädchen




Kampfspiele

24,5

7,4

45,3

22,2

36,2

23,3

Denk- und Geschicklichkeits-spiele

6,7

24,6

1,6

5,6

5,2

7,0

N insgesamt=

372

284

64

36

58

43

Quelle: Fromme, Meder, Vollmer (2000), S. 45



Migrationsspezifischer Medienumgang – die Wissenslücken schließen

Auch wenn der Medienumgang von Familien und Heranwachsenden mit Migrationshintergrund bisher kaum systematisch in den Blick der Forschung geraten ist, die wenigen vorliegenden Befunde verweisen darauf, dass nicht nur Differenzen zur Mediennutzung deutscher Erwachsener und Heranwachsender existieren, was sich beispielsweise in der Dauer des Fernsehkonsums zeigt. In den vereinzelten Befunden zu Inhaltspräferenzen und zur Wahrnehmung bestimmter Inhalte werden darüber hinaus auch migrationsspezifische Spuren erkennbar, denen insbesondere unter dem Fokus der orientierenden Bedeutung der Medien nachzugehen wäre.

Besonders interessant: Migrantengruppen mit stark differierender Herkunftskultur

Von besonderem Interesse scheinen solche Migrantengruppen, deren Herkunftskultur sich von der hiesigen Kultur erheblich unterscheidet oder deren persönliche und kollektive Erfahrungen spezifische Wahrnehmungsstrukturen nach sich ziehen. Denn vor allem in diesen Gruppen müssen viele Kinder und Jugendliche den Balanceakt zwischen den Kulturen bewältigen, unterschiedliche bis gegensätzliche Erwartungen integrieren oder Erfahrungen verarbeiten, die hierzulande schwer nachvollziehbar sind. In unterschiedlicher Ausprägung treffen diese Gegebenheiten insbesondere auf drei in Deutschland zahlenmäßig stark präsente Migrantengruppen zu: auf die türkischstämmige Bevölkerung, auf die Aussiedler aus Osteuropa und auf die Menschen aus dem ehemaligen jugoslawischen Staatsgebiet. Traditionelle Familienstrukturen und Rollenvorstellungen sind insbesondere in vielen türkischen Familien zu finden. Beides kollidiert an verschiedenen Stellen mit der deutschen Lebenskultur und birgt für die Heranwachsenden entsprechend Probleme. Die Geschlechterrollen, so sie tradierten, hier nur wenig akzeptieren Mustern folgen, sind eine solche Stelle. Das konfliktträchtige Bestreben, die Werte der Herkunftskultur zu bewahren und den Kindern weiterzugeben und gleichzeitig den Anforderungen des hiesigen Lebens gerecht zu werden, ist eine weitere Kollisionsstelle.

Ein besonderes Spannungsverhältnis erfahren viele Jugendliche aus Aussiedlerfamilien: Oft sind sie nur auf Wunsch der Eltern hier und fühlen sich selbst der russischen Kultur näher als der deutschen. Aufgrund ihrer deutschen Wurzeln und des Privilegs, nicht um ihr Verbleiben in Deutschland fürchten zu müssen, stehen sie einerseits unter besonders großem Anpassungsdruck, es wird erwartet, dass sie der deutschen Kultur und Sprache zugetan sind und sie schnell adaptieren. Andererseits erfahren sie Vorbehalte und Ablehnung nicht nur von Deutschen, sondern auch von anderen Migrantengruppen. Ein aus der Herkunftskultur mitgebrachtes, auf Stärke und Durchsetzung gerichtetes Männlichkeitsideal wirft für einige männliche Aussiedler zusätzliche Integrationsprobleme auf.

Die Gewalterfahrungen, die sie im Krieg und auf der Flucht machen mussten, schlagen sich auf das Welt- und Menschenbild und auf das Alltagsverhalten der Heranwachsenden aus Ex-Jugoslawien nieder. Die Bereitschaft, sich mit Körperlichkeit durchzusetzen, die auch Mädchen aus dieser Migrantenpopulation zeigen, ist ebenso wie eine zu beobachtende Kaltherzigkeit gegenüber den Gewalterfahrungen anderer ein Kollisionspunkt mit der hiesigen Lebenswelt. Die Hintergründe und spezifischen Lebenslagen dieser Migrantengruppen tangieren den Medienumgang ihrer heranwachsenden Mitglieder. Denn immer ist es die Realität, die vergangene, die gegenwärtige und die für die Zukunft antizipierte, die die Aufmerksamkeits- und Wahrnehmungsstrukturen leitet und die orientierende Funktion der Medien zur Geltung kommen lässt, als Mittler von Weltoffenheit oder aber als Mittler von engstirnigen Vorstellungen.

Forschungsnotwendigkeiten zum Medienumgang von Migrantengruppen

Um die Wissenslücken zum Medienumgang von Familien und Heranwachsenden mit Migrationshintergrund zu schließen, sind einerseits die Nutzungsstrukturen in Bezug auf das gesamte Medienensemble – mit den deutsch- und den jeweils muttersprachlichen Angeboten – systematisch und in gewisser Kontinuität zu erfassen. Vor allem aber ist die orientierende Bedeutung von Medien zu untersuchen, alters- und geschlechtsdifferenziert auf der einen Seite, unter dem Fokus migrationsspezifischer Belange auf der anderen Seite.

Wie immer, wenn der Umgang mit Medien nicht nur unter dem Aspekt von Nutzungshäufigkeiten betrachtet, sondern die Bedeutung für Dimensionen des Alltagslebens erfasst werden soll, ist das Verstehen der Sicht der zu Untersuchenden entscheidend. Geht es um den Medienumgang von Migrantengruppen darf entsprechend nicht der „deutsche Blick“ auf die Medien und ihre Angebote dominieren. Migration ist in der Regel ein kritisches Lebensereignis mit belastenden Auswirkungen und oft verbunden mit sozialen Benachteiligungen und Risiken in der so genannten Aufnahmegesellschaft. Vor diesem Hintergrund haben Menschen mit direkter oder im Familienkontext vermittelter Migrationserfahrung eine eigene Sicht auf die Welt und auf die Medien, die diese Welt vermitteln. Migrationsgenese, kulturelle Hintergründe und aktuelle soziale Lebensbedingungen der in Deutschland lebenden Migrantengruppen sind sehr heterogen. Als Einheit lassen sich die hier lebenden Migrantinnen und Migranten entsprechend nicht fassen. Möglich und ergiebig scheint jedoch eine Bündelung solcher Migrantengruppen, deren kultureller Hintergrund (z.B. traditionelle Familienstrukturen und Geschlechterrollen) vergleichbar ist, oder bei denen es Spuren vergleichbaren risikoreichen Medienverhaltens (z.B. Vorliebe für Actionangebote oder Abgrenzung über muttersprachliche Medien) gibt. Bei der Untersuchung solcher Bündel ist der Migrationshintergrund jedoch immer nur ein Merkmal. Soziale Differenzierungsgrößen wie das Herkunftsmilieu oder der Bildungsstand sind unverzichtbar. Ein Mädchen aus einer intellektuellen türkischen Familie wird hinsichtlich seines Medienumgangs mehr Ähnlichkeiten mit einem deutschen Kind aus vergleichbaren Lebenskontexten aufweisen als mit einem türkischen Kind, das aus einem bildungsbenachteiligten Elternhaus stammt. Vorrangig erstreckt sich der Forschungsbedarf auf Untersuchungen, die

  1. den Medienumgang von relevanten Migrantengruppen vor dem Hintergrund ihrer Lebensbedingungen erfassen und die je spezifischen Sichtweisen auf Medien berücksichtigen,

  2. die Mediennutzung von relevanten Migrantengruppen in ihren aktuellen Trends und längerfristigen Entwicklungslinien kontinuierlich erheben,

  3. den Medienumgang und die Bedeutungen, die den Medien zugeschrieben werden, im Prozess des Heranwachsens und in den geschlechtsspezifischen Ausprägungen untersuchen und die erzieherische Haltung gegenüber den verschiedenen Altersstadien und den Geschlechtern berücksichtigen,

  4. dem Medienumgang der Generationen in den Familien nachgehen und sich dabei speziell der Frage widmen, welche Bedeutung und welche Folgen die Diskrepanz der Medienkulturen von Eltern und Kindern haben, unter Aspekten der Integration ebenso wie unter Aspekten der Kontrolle oder des verständigen Begleitens des Medienumgangs von Heranwachsenden,

  5. die Funktionen eruieren, die Medien in Prozessen migrationsspezifischer kultureller und sozialer Identitätsbildung, Abgrenzung oder radikalisierter Ausgrenzung übernehmen können.

Medienpädagogischer Handlungsbedarf in Bezug auf Familien und Heranwachsende mit Migrationshintergrund

Medienpädagogische Maßnahmen, die sich der Migrationsszene in Deutschland in Form von Beratung oder Medienkompetenzförderung widmen, sind – zumindest in veröffentlichter und somit auf breiter Ebene zugänglicher Form – rar. Die Hinweise zum Medienumgang von Familien und Heranwachsenden aus Migrantengruppen verweisen jedoch darauf, dass medienpädagogische Unterstützung sowohl für Eltern als auch für Kinder und Jugendliche hilfreich und notwendig wäre.

Für Eltern besteht ein Beratungsbedarf,

der sich einerseits darauf erstreckt, den Medienumgang ihrer Kinder angemessen zu begleiten. Das betrifft zum Beispiel die Vorlieben insbesondere männlicher Migrantenkinder und -jugendlicher, bei denen deutlich actionreiche, kampfbetonte und gewalthaltige Medienangebote im Vordergrund stehen. Andererseits besteht Beratungsbedarf auch im Hinblick auf das Aufeinandertreffen zweier unterschiedlicher Medienkulturen, der des Herkunftslandes und der deutschen, woraus innerfamiliäre Spannungen ebenso resultieren können wie das Risiko, dass durch die Mediennutzung die Separierung von dem hiesigen Kultur- und Lebensraum forciert wird. Um den medienpädagogischen Beratungsbedarf für Eltern zu befriedigen, ist „interkulturelle Kompetenz“ die Voraussetzung. Dazu gehören etwa sprachliche Verständigungsmöglichkeiten, Kenntnisse über den soziokulturellen Hintergrund, Respekt vor der anderen kulturellen Identität ebenso wie Bewusstsein über die eigene (vgl. Stellungnahme der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung 2000, 5.151 f). In medienpädagogischen Kontexten muss Wissen über medienspezifische Problemlagen der verschiedenen Migrantengruppen hinzukommen, sowie die Fähigkeit, sich mit anderen Haltungen zu Medien und Medienerziehungsfragen konstruktiv auseinander zu setzen. Hilfreich wären zudem Materialien, die sich an der Lebenswirklichkeit der jeweiligen Migrantengruppen orientieren, den Besonderheiten von deren Medienumgang Rechnung tragen und in der jeweiligen Herkunftssprache abgefasst sind.

Für Heranwachsende ist Medienkompetenzförderung notwendig.

Deren Zieldimensionen und Ansatzpunkte sind zunächst unabhängig von nationaler Zugehörigkeit; auch für Heranwachsende mit Migrationshintergrund geht es darum, mediale Botschaften zu entschlüsseln (Analyse), über die eigenen Medienvorlieben nachzudenken (Reflexion) und das kommunikative Potenzial der Medien selbstbestimmt zu nutzen (aktiver Medienumgang). Aussicht auf Erfolg haben Prozesse der Medienkompetenzförderung auch bei ihnen nur dann, wenn die entwicklungsbedingten, bei älteren Heranwachsenden auch die bildungsbedingten Fähigkeiten zur Auseinandersetzung mit sozialer Realität, die emotionalen Bezüge zu den Medien und die spezifischen Lebensbedingungen, Interessen und Problemlagen der Zielgruppen konstruktiv einbezogen werden. Zusätzlich und insbesondere zu integrieren sind die migrationsbedingten Erfahrungen. Aus diesen rührt eine spezifische individuelle Geschichte mit eigenen oder über die Familie vermittelten Sichtweisen. Aus ihnen resultieren auch spezifische Spannungsverhältnisse und Problemlagen, die ihre Lebensbedingungen und Gefühlswelten in Deutschland betreffen und aus ihnen können schließlich auch besondere emotionale und inhaltliche Medienbindungen folgen, etwa zu muttersprachlichen Medienangeboten.

Besonders die aktive Medienarbeit bietet viele Möglichkeiten, zu selbstbestimmter Auseinandersetzung über migrationsspezifische Themen anzuregen und darüber Medienkompetenz unter interkulturellen Aspekten zu fördern. Dabei eröffnet beispielsweise das Internet, dessen „globalisierter Nutzen immer wieder betont wird“, vielfältige Möglichkeiten, denn es „kennt keine kulturellen Grenzen, es ermöglicht Einblicke in andere kulturelle Traditionen, die sich wechselseitig aufarbeiten lassen. So können Differenzen erfahrbar gemacht werden und gleichzeitig die sprachlichen Kompetenzen in allen Bereichen gefördert werden.“ (Aufenanger 2002, S. 45) Das Herstellen von audiovisuellen oder multimedialen Produkten ist ein weiteres Beispiel für Medienkompetenzförderung mit aktiver Medienarbeit. Dabei werden einerseits Fähigkeiten ausgebildet, die in einer von Medien mitbestimmten Gesellschaft von Bedeutung sind, und andererseits findet im Produktionsprozess immer auch Bearbeitung und ein Stück Bewältigung der eigenen Erfahrungen statt. In den Produkten erschließen sich bei aufmerksamer und offener Betrachtung Denkund Gefühlsdimensionen von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund, die diese selbst nicht ohne weiteres verbalisieren können. Die Ergebnisse aktiver Medienarbeit können so auch dazu beitragen, Kinder und Jugendliche, die von Migration betroffen sind, besser zu verstehen.




Migrantengruppen sind fester Bestandteil der deutschen Gesellschaft. Sie nutzen das hier verfügbare Medienensemble, die deutschsprachigen Angebote und – zusätzlich – auch muttersprachliche. Sie nutzen es vor dem Hintergrund migrationsspezifischer Erfahrungen und Sichtweisen, in denen die Herkunftskultur, die Migrationsgenese oder auch die aus dem Leben zwischen zwei Kulturen resultierenden Spannungen zum Tragen kommen. Für Heranwachsende mit Migrationshintergrund ist ebenso wie für deutsche Kinder und Jugendliche davon auszugehen, dass sie die Medien als eine wichtige Orientierungsquelle begreifen, in der sie nach Anregungen für die Bewältigung alltäglicher Anforderungen, nach alltagstauglichen Normen und Werten oder nach personalen Vorbildern Ausschau halten. Hinzu kommen für viele dieser Kinder und Jugendlichen, vor allem für die, die diskrepante Lebenswelten ausgleichen müssen, migrationsspezifische Fragen und Problemlagen, für die sie die Medien zu Rate zu ziehen versuchen. Insbesondere unter diesem Aspekt entscheidet sich, ob Medien Integration befördern oder behindern. Förderlich wäre mediale Interkulturalität, worunter beispielsweise zu verstehen wäre, dass Menschen mit Migrationshintergrund von den Medien nicht als defizitär, problembelastet oder exotisch stigmatisiert werden, sondern dass migrationsspezifische Sicht- und Lebensweisen selbstverständlicher Bestandteil medialer Angebote sind. Die deutsche Medienlandschaft ist von medialer Interkulturalität weit entfernt. Ebenso wenig wird der Interkulturalität derjenigen Rechnung getragen, die die Angebote dieser Medienlandschaft rezipieren oder aktiv nutzen. Und ebenso wenig ist eine interkulturelle Dimension von Medienkompetenzförderung entwickelt, die Heranwachsenden mit Migrationshintergrund einen sozial verantwortlichen Medienumgang ermöglicht und ihnen die Zugänge zu medialen Partizipationsmöglichkeiten öffnet.



Literatur

Aufenanger, Stefan (2002). Interkulturelle Bildung im Medienzeitalter. In: Computer+Unterricht. Anregungen und Materialien für das Lernen in der Informationsgesellschaft. Heft 45/ 2002, S. 44-45

Eckart, Josef (1996). Nutzung und Bewertung von Radiound Fernsehsendungen für Ausländer. In: Media Perspektiven, Heft 8/ S. 451-461

Friese, Paul; Kluge, Irene (2000). Fremdheit in Beratung und Therapie. Erziehungsberatung und Migration. Bundeskonferenz für Erziehungsberatung e.V Fürth. Darin:

Fromme, Johannes; Meder, Norbert; Vollmer, Nikolaus (2000). Computerspiele in der Kinderkultur. Opladen

Grüninger, Christian; Lindemann, Frank (2000). Vorschulkinder und Medien. Eine Untersuchung zum Medienkonsum von drei- bis sechsjährigen Kindern unter besonderer Berücksichtigung des Fernsehens. Opladen

Paus-Haase, Ingrid u.a. (1999). Talkshows im Alltag von Jugendlichen. Der tägliche Balanceakt zwischen Orientierung, Amusement und Ablehnung. Opladen

PISA 2000. Zusammenfassung zentraler Befunde. http/www mpbib-berlin.mpg.de/pisa

Theunert, Helga; Schorb, Bernd (1995). 'Mordsbilder': Kinder und Fernsehinformation. Eine Untersuchung zum Umgang von Kindern mit realen Gewaltdarstellungen in Nachrichten und Reality-TV Berlin

Theunert, Helga u.a. (1994²). Zwischen Vergnügen und Angst – Fernsehen im Alltag von Kindern. Eine Untersuchung zur Wahrnehmung und Verarbeitung von Fernsehinhalten durch Kinder aus unterschiedlichen soziokulturellen Milieus in Hamburg. Berlin

Theunert, Helga; Schorb, Bernd (1996). Begleiter der Kindheit. Zeichentrick und die Rezeption durch Kinder. München

Theunert, Helga; Gebel, Christa (2000): Lehrstücke fürs Leben in Fortsetzung. Serienrezeption zwischen Kindheit und Jugend. München

Weiß, Hans-Jürgen; Trebbe, Joachim (2001). Mediennutzung und Integration der türkischen Bevölkerung in Deutschland. Ergebnisse einer Umfrage des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung. Potsdam

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1vgl. insbesondere die Forschungsarbeiten des JFF zur orientierenden Bedeutung von Fernsehangeboten für Kinder und Jugendliche.

2Derzeit wird am Lehrstuhl für Medienpädagogik und Weiterbildung der Universität Leipzig eine Rezipientenstudie durchgeführt, die sich der Bedeutung des medial vermittelten Ausländerbildes für deutsche und nicht-deutsche Heranwachsende widmet (vgl. den Beitrag von Katrin Echtermeyer und Achim Lauber in diesem Heft).

3Die Befunde entstammen der Expertise „Mediengebrauch in Familien mit Migrationshintergrund“, die von der Aktion Jugendschutz Landesarbeitsstelle Bayern e.V im Rahmen des medienpädagogischen Beratungsprojekts „Elterntalk“ beim JFF beauftragt wurde. Angestoßen wurde sie durch den Umstand, dass zunehmend Beratungsbedarf in Bezug auf den Medienumgang von Heranwachsenden aus Migrantenfamilien artikuliert wurde. Zu den Hauptanliegen der Expertise zählte es, empirische Erkenntnisse zum Mediengebrauch von Familien und Heranwachsenden mit Migrationshintergrund zu extrapolieren, und davon ausgehend die Forschungsnotwendigkeiten sowie den medienpädagogischen Handlungsbedarf zu beschreiben. In Kurzform werden die Ergebnisse im Dezember diesen Jahres in einer Publikation der Aktion Jugendschutz zum Projekt „Elterntalk“ vorgestellt.

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