European Medi@Culture-Online http://www.european-mediaculture.org
Autorin: Gölitzer, Susanne.
Titel: Die Wirklichkeit der Bilder. Überlegungen zu einer Didaktik der Bilder im Deutschunterricht.
Quelle: merz. medien + erziehung. 46. Jahrgang, Heft 1/02 München 2002. S. 21-23.
Verlag: kopaed verlagsgmbh.
Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Autorin.
Susanne Gölitzer
Die Wirklichkeit der Bilder
Überlegungen zu einer Didaktik der Bilder im Deutschunterricht
Das Nachdenken über die Bilder von den Terroranschlägen in New York und Washington macht deutlich, wie sehr es zum Beispiel in der Schule darauf ankommt, nicht nur Texte, sondern auch Medienbilder einer Analyse zu unterziehen.
Mal angenommen: Keiner hätte etwas aufgenommen oder es wäre nichts gesendet worden. Es wären keine Bilder des Zusammenbruchs eines im Moment des Zusammenbruchs entstandenen Symbols: „die beiden Türme für das Zentrum des virtuellen Kapitalismus“ (Slavoj Zizek: 20. September 2001, Die Zeit) über den Fernseher gegangen. Das ist ein Gedankenexperiment, nichts, was politisch wünschbar oder ohne Weiteres durchsetzbar wäre. Die politische Verhinderung der Bilder, wie zwei Flugzeuge in ein Hochhaus jagen, wie Staubwolken durch die Straßen rollen, wie Menschen aus vierhundert Meter hohen Häusern springen, würde an die politischen Praktiken totalitärer Gesellschaften erinnern, in denen die Macht über Bilder und die Definitionsmacht über Wirklichkeiten nicht pluralisiert, sondern einer herrschenden Gruppe in die Hand gegeben ist.
Trotzdem das Gedankenexperiment: Es wären keine Bilder in unsere Wohnzimmer gesendet worden, wir hätten die Nachrichten nur gehört und hätten darüber lesen können. Das Ganze wäre über die Zeitungen erst mit einem Tag Verspätung zu uns gelangt. Es hätte keine Bilder gegeben vom Moment der Zerstörung. Welche Symbolkraft könnte dieser Anschlag, der Teil eines Kampfes gegen das Böse schien - das in diesem Falle der Westen war - noch entfalten? Ich behaupte, sie wäre geringer: die Symbolkraft mit wirklichkeitskonstruierender Wirkung. Der Kampf zwischen Gut und Böse war plötzlich Wirklichkeit, alle Differenzierungen waren zusammengebrochen. Um weiter im Bild zu bleiben: das Teuflische dieser Bilder bestand darin, dass man sich als säkularer, politisch differenziert denkender Mensch dieser dichotomen Weltsicht zunächst nicht entziehen konnte, obgleich man zuvor solcherart Entgegensetzungen immer vermieden hatte. Die Ausstrahlung dieser Bilder hat uns gewissermaßen zu Komplizen der Täter gemacht, weil wir diese Bilder symbolisch als Bilder eines solchen Kampfes verstehen mussten, in dem wir uns zu positionieren hätten. Weil die Bilder den Bildern aus den fiktionalen Abenteuerfilmen so glichen, reagierten wir mit der kindlichen Frage des gutgläubigen Rezipienten: Wer ist hier der Böse und wer der Gute? Zugleich scheinen Bilder die Wirklichkeit zu zeigen - selbst wenn wir wissen, dass dies nicht so ist - während Schrift und Sprache Wirklichkeit nur meinen. Bilder, zumal laufende Bilder verdecken meist den Tatbestand, dass wir nie einfach nur die Wirklichkeit sehen, sondern sie vielmehr immer erst interpretatorisch gewinnen.
Aber: Machen wir uns nichts vor. Wir rezipieren diese Bilder, wir brauchen diese Bilder auch, um Symbole zu gewinnen, um moderne Mythen zu generieren. Es ist der Mythos vom Bösen, der sich in den Videoaufnahmen des Hobbyfilmers für uns entfaltet. Wir gebrauchen diese Bilder als Stimulation für das verlorengegangene Schaudern vor dem unbegreifbar Schrecklichen. Wir sehen uns das an, jeden Tag mehrmals, wie eine Naturkatastrophe, wir können unseren Blick nicht abwenden. Wir müssen mit der Angst zurecht kommen: der Angst zu sterben, überraschend, aus dem Leben gerissen zu werden vom Bösen, das überall steckt. Die Fernsehmacher begriffen das auch schnell. Am Montag nach dem Unglück unterlegten sie ihrem Zusammenschnitt aus der letzten Woche klassische Musik: getragene Töne und Feuerwehrmänner, die vor rauchschwadenverhangenen untergehenden Sonnen sitzen - erschöpft, den Kopf in Händen haltend. Wir sehen diese Bilder und wissen endlich wieder: es gibt das Böse, das uns überfällt, ohnmächtig sind wir dagegen. Die Bilder schaffen Bedeutung, weil wir und die Attentäter (oder die Sympathisanten derer) ihnen Bedeutung verleihen. Mit jedem Gewaltfilm wird Gewalt bedeutungsvoll. Die Bewertung dieser Bedeutung ist sekundär. Menschen können ihre Welt nur dadurch als wirkliche erkennen und erfahren, weil ihre Deutungen dieser Welt anschlussfähig an die der anderen und die eigenen von gestern und vorgestern sind, darüber hinaus diese Deutungen sozial und kulturell geteilt zu sein scheinen. Gewaltfilme werden durch die Dauerrezeption zu einem Teil der möglichen Wirklichkeit, die sich von der tatsächlichen Wirklichkeit nur insofern unterscheidet, dass sie gerade nicht mich selbst betrifft. Wenn also an einem 11. September ein Flugzeug in das World Trade Center stürzt, dann kennen wir diesen Ausschnitt schon längst und weil wir ihn schon kennen, wissen wir uns bestätigt: wir haben es schon längst gewusst, das Leben ist wie im Film. Es gibt Gut und Böse. Film und Leben werden Teil derselben Wirklichkeit, in der die mythischen Deutungskategorien plötzlich handlungsleitend werden. Die Bilder im Film haben Anschluss gefunden an die üblichen Bilder im Fernsehen. Es braucht nicht viel imaginativer Anstrengung von einem, dessen Herz voller Hass ist, die Bilder eines Films in die Tat umzusetzen. Wir müssen uns also nicht wundern, wenn das, was wir uns ausdenken, auch Wirklichkeit werden kann. Das ist keine Frage von Schuld. Das ist eine Frage von Wirkungsweisen von Bildern in Medien.
Eine Aufklärung bewirken sie nicht, die Bilder. Ganz im Gegenteil haben sie uns durch Dauerausstrahlung plus entsprechend weihevoller Betitelung und Kommentierung in einen Zustand permanenter Emotionalisierung geführt. Die Sonderausgaben von „Die Zeit“ und „Stern“ waren mit Beileidsbekundungen von namhaften Firmen bestellt. Es waren Gesten der Trauer, aber keine Trauerarbeit. Eine Aufklärung darf man nur durch Sprache erwarten, durch Analyse der Bedeutungen, die uns als Wirklichkeitsinterpretationen dienen. Erstaunlicherweise hat das deutsche Fernsehen drei Tage nach dem Ereignis doch mit der differenzierten Auseinandersetzung begonnen. Der Dauertalk auf allen Programmen, mit meist den selben Kandidaten und Kandidatinnen führte zu einer Sprache für das Unglaubliche: Fiktion und Wirklichkeit haben dieselben schrecklichen Bilder, aber nicht dieselbe Sprache. Vorstellung, negativer Mythos, Wirkungsweisen von Medien - alles das wurde zum Gegenstand des Nachdenkens. Das Fernsehen klärt erst auf, wenn es anfängt zu reden oder - wie Siegfried J. Schmidt es formuliert - wenn es beginnt, den Status des Beobachters selbst mit zu beobachten. Wie wir mittlerweile wissen, sind die begeisterten Palästinenser, die am selben Tag schon in vielfach kopierter Form um die Welt gestrahlt wurden, ein kleiner Ausschnitt aus einer im Gegensatz dazu stehenden sehr viel ruhigeren Straßenszenerie gewesen und - wie wir nicht ganz sicher wissen - wurden einige der dort Jubelnden dafür mit Süßigkeiten belohnt, dass sie jubeln. Wenn dem wirklich so ist, wäre der Weg von der Aufnahme bis zur Ausstrahlung einmal ganz genau nachzuzeichnen. Wie kommt es, dass alle deutschsprachigen Sender diese Szene kritiklos übernehmen und ausstrahlen? Die Erkenntnis darüber würde nicht nur eine Erkenntnis über die Funktionsweise von Medien sein, sondern auch eine darüber, dass wir uns beim Sehen von Bildern selbst wider besseren Wissens leicht betrügen lassen (denn auch wenn wir wissen, dass Medien so funktionieren, glauben wir meist den Bildern spontan). Wenn keine Bilder um die Welt gegangen wären, hätte es diesen Anschlag nicht gegeben. Die freie textliche Berichterstattung wäre viel zu sehr der Differenzierung, der sprachlichen Analyse ausgesetzt gewesen. Wir müssen also nicht so tun, als wären wir angesichts dieser Bilder so entsetzt. Wir brauchen diese Bilder für unser Entsetzen. Und die übriggebliebenen Sympathisanten einer solchen Tat brauchen diese Bilder, um sich bedeutsam zu fühlen. Und das sind sie in beschriebener, geradezu mythischer Weise für uns auch geworden: bedeutsam. Insofern darf man die Worte Norbert Bolz' in der Sendung Kultur-Zeit (20.9.01), der von einer „fürchterlichen Schönheit“ der Bilder sprach, auch verstehen. Es sind auch die Bilder einer ästhetischen Inszenierung.
Ich meine, wir können aus der medialen Geschichte dieses Anschlags nur eine Konsequenz ziehen: Wir sollten aufhören, uns solche Bilder anzusehen. Ich weiß, dass das heillos antiquiert wirkt, aber ich meine es ernst. Ich sehe nicht ein, warum wir die Amateuraufnahmen eines Hobbyfilmers im Fernsehen um die Welt senden müssen, um sehen zu können, wie der Flieger in das Gebäude stürzt. Dieser bildlichen Inszenierung des Kampfes zwischen Gut und Böse müssen wir sprachlich reflektierend und nicht zuletzt politisch begegnen. Darauf sind wir erstaunlicherweise noch gar nicht vorbereitet. Wir haben in den letzten fünfzig Jahren wohl gelernt, Texte kritisch-hermeneutisch, ideologiekritisch, feministisch, diskursanalytisch zu lesen, nicht aber die Bilder in gleicher Weise. Wir brauchen also dringend eine Didaktik der Bilder. Diese Didaktik kommt nicht ohne Sprache aus. Genau dies konnte man aus der medialen Inszenierung des Unglücks lernen.
Wie könnte aber eine solche Didaktik aussehen? Ich kenne darauf noch keine konkrete, praktische Antwort. Ich stelle mir zunächst nur Fragen, die als Vorüberlegungen zu einer Didaktik der Bilder dienen können.
Wir wissen einiges über die Möglichkeiten des Erzählens von Fiktionen, etwas weniger über den Erwerb der Deutungsmuster von Fiktionen im Kindes- und Jugendalter und noch weniger über die Deutungsmuster visueller, bildhafter Fiktionen. Wer Kinder in der Grundschule nach den beliebtesten Filmen oder Serien fragt und sie davon erzählen lässt, wird feststellen, dass die meisten Kinder den Ablauf der Handlung oder inhaltliche Zusammenhänge nicht erzählen können. Verstehen diese Kinder den Erzählverlauf gar nicht oder können sie solche Zusammenhänge in der schultypischen Erzählsituation nur nicht wiedergeben? Darüber müssten wir mehr wissen, wenn wir Bilder daraufhin prüfen lernen wollen, auf welche Wirklichkeit sie referieren sollen oder welche Wirklichkeit wir mit deren Hilfe konstruieren. Salomon (1984) beschreibt, dass die Reflexion über laufende Bilder durch zuvor gestellte Fragen gefördert werden könne, er nennt dies „instruiertes Sehen“. Auch dies müssten wir vermehrt in der Schule machen.
Des weiteren müssen wir unsere Kinder und Jugendlichen lehren, Bilder als Ausschnitte zu sehen, auch wenn Ihnen die bildhaften Kontexte von Ausschnitten vorenthalten werden. Die Bilder der jubelnden Palästinenser gingen um die Welt und die wenigsten von uns waren auf eine rationale - im Sinne einer vorsichtigen und kritischen - Verarbeitung dieser Bilder vorbereitet. Wir müssen uns in der Schule, auf allen Stufen, künftig mehr der Frage widmen, wie mit Bildern unsere Wirklichkeiten konstruiert werden und wie wir mit Hilfe von Sprache diese Wirklichkeiten kategorisieren, verarbeiten und auch verändern können. Eine Didaktik der Bilder kann deshalb gar nicht auf die Didaktik der Sprache und Literatur verzichten, weil jede kritische Verarbeitung notwendigerweise den Einsatz von Sprache erfordert.
Wir sollten in der Schule verstärkt über Bilder sprechen. Durch solche Gespräche können uns folgende Fragen leiten: Welche Bedeutungen haben diese Bilder für uns? Was sehen wir und was sehen wir nicht? In welchen Zusammenhängen könnte das bildlich Dargestellte wirklich sein? Was deutet auf eine Fiktion hin?
Natürlich können solche Fragen auch durch Tätigkeiten am Material ersetzt werden: Bilderfolgen gestalten, auffüllen, Bilderausschnitte erweitern, in gesprochene und geschriebene Sprache übersetzen, zu Bildern malen usw.
Die analytische Arbeit ist natürlich nur eine Möglichkeit des kritischen Umgangs. Wie aber wollen wir die Suggestivkraft von Bildern thematisieren, ohne gleich den moralischen Zeigefinger zu erheben oder die kalte Analyseschere anzulegen? Ich glaube, es hilft alles nichts: wir müssen solche Bilder sprachlich kommentieren lernen. Dies muss nicht nur in medienkritischer Absicht geschehen. Es geht auch darum, begreifen zu lernen, was der Andere beim Sehen solcher Bilder empfindet. Wie können solche Bilder sprachlich übersetzt werden für den Anderen? Wie können sie künstlerisch übersetzt werden?
Wir müssen den Deutschunterricht in der Schule nicht neu erfinden, wir sollten die Auseinandersetzung mit Bildern aber als eine sprachliche Aufgabe begreifen lernen.
Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Rechteinhabers unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.