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Autorin: Götz, Maya.

Titel: Endlosgeschichten für Millionen. Ein kurzer Streifzug durch die internationale Soap-Forschung.

Quelle: Alles Seifenblasen? Die Bedeutung von Daily Soaps im Alltag von Kindern und Jugendlichen. München 2002. S. 17-29.

Verlag: kopaed verlagsgmbh.

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.



Maya Götz

Endlosgeschichten für Millionen

Ein kurzer Streifzug durch die internationale Soap-Forschung



Die Soap Opera ist international ein wissenschaftlich breit bearbeitetes Thema. Medienanalytisch sind die Soaps, neben Nachrichten, eines der am häufigsten thematisierten Genres. Zwischen den einzelnen Soaps gibt es internationale Beziehungen (Moran 1998), Ähnlichkeiten und Unterschiede sind in multinational vergleichenden Studien gut belegt (O‘Donnell 1998, Liebes/Livingston 1998, Frey-Vor 1991). Häufig untersucht sind kulturspezifische Fragen einzelner Länder, wie die Repräsentation von Aborigines in der australischen Soap Opera (McKee 1997) oder die Repräsentation des Hinduismus in der indischen Soap sowie ihre politische Verknüpfung mit konservativ-religiösen Strömungen (Mitra 1994). Daneben werden immer wieder allgemein relevante Themen behandelt. Zum Beispiel wurden das Männerbild (Williams 1994), die Quantität und Qualität der Sexdarstellungen (Greenberg/Alessio 1985 und Greenberg/Busselle 1996; Ward 1995) oder die Parallelen zwischen der Soap Opera und der Genesis in der hebräischen Bibel (Longacre 1995) untersucht. Rezeptionsuntersuchungen zu Soap Operas hingegen sind seltener. Sie sind nicht nur wesentlich aufwändiger und in den Ergebnissen weniger eindeutig, sie sind vor allem immer an die Frage gebunden: Wie bekomme ich was mit welcher Aussagekraft heraus?1



Uses and Gratification: Motive, eine Soap einzuschalten

Bereits 1944 arbeitete Herzog als Motivation, Soap Operas regelmäßig im Radio zu hören, heraus, dass die Hörerinnen Soaps vor allem als



In der US-amerikanischen Forschung dominierte lange Zeit der „Uses and Gratification Approach“ (vgl. Katz, Blumler, Gurevitch 1974; Rosengren, Wenner, Palmgreen 1985). In quantitativen Untersuchungen wurde herausgearbeitet, welche Motive Menschen für die Soap-Rezeption angeben. Hier liegen eine ganze Reihe von Studien aus den 80er-Jahren vor, die alle zu ähnlichen Ergebnissen kommen: Übereinstimmend tauchen in fast allen Untersuchungen die Motive Unterhaltung, Vermeidung/Flucht (Eskapismus), sozialer Nutzen und Informationssuche auf (vgl. Rubin 1985, Carveth/Alexander 1985, Alexander 1985; Lemish 1985). Neben diesen instrumentalisierten Gründen fanden sich jedoch immer auch ritualisierte Nutzungsformen, d.h. Soaps sind in die Rituale des Alltags eingebaut und werden auch weiter gesehen, wenn nicht bei jeder Folge alle „Motive befriedigt“ werden (Rubin 1981, 1983, 1984).



Soap Opera - ein Frauengenre: Frauen in handlungsbestimmenden Rollen

Die Soap Opera ist von Beginn an eng mit Werbung verbunden gewesen und richtet sich an eine bestimmte Zielgruppe: (Haus-)Frauen. Entsprechend entstand hier ein eigenes, potenziell an den Interessen von Frauen orientiertes Angebot (vgl. Brown 1990, S. 187 ff.).

Was Frauen an dem Genre interessiert, steht zunächst einmal mit dem Inhalt in Verbindung. Die Soap Opera stellt nicht, wie sonst im Fernsehen nach wie vor üblich, männliche Helden in den Mittelpunkt, die wieder einmal die Welt vor dem Untergang retten. In der Soap wird Alltag inszeniert. Männer spielen hierbei eine wichtige Rolle, es sind aber vor allem Frauen, die aktiv handelnd die Fortentwicklung bestimmen. Medienanalytisch zeigt sich, dass Frauenfiguren in der Soap sogar oftmals als das starke Geschlecht dargestellt werden (Liebes/Livingston 1998, S. 167; Brown 1994, S. 49 f.).

Inhaltlich geht es in der Soap um Themen, die Frauen aufgrund ihrer Sozialisierung beschäftigen: Beziehungen und der Umgang mit sozialen Problemen (vgl. u.a. Gilligan 1982, Brown/Gilligan 1994).

Über Probleme reden, Klatsch und Tratsch: Die Domäne von Frauen

Die zentrale Problemlösungsstrategie in diesem Genre ist das problemorientierte und personenzentrierte Gespräch (Brown 1994). In der Soap wird alles besprochen und die Figuren tragen ihre Gefühle sozusagen „auf dem Gesicht“. Dies, so vermuten einige Forscherinnen, ist eine Parallele zur historisch entwickelten Kommunikationsform von Frauen in der von Männern dominierten Kultur. Seit Jahrhunderten bewahren sie im Klatsch (gossip) und in Netzwerken Widerstandspotenziale und organisieren das Sozialleben (vgl. z.B. Ong 1982; Presnell 1989). In der Soap Opera wenden Frauen-, aber auch Männerfiguren diese Kommunikationsformen an und agieren so unterhalb der offiziellen politischen Machtebene. Ort der Handlung ist dabei das jeweilige „Zuhause“, der traditionelle Machtbereich von Frauen, bzw. eine Umgebung (z.B. Bar, Büro, Klinik), die als emotionales Zuhause fungiert.

Hier agieren Mitglieder der nicht dominanten Gruppe (z.B. Frauen, homosexuell orientierte Männer, Jugendliche, Menschen mit Behinderung) und werden in ihren jeweiligen Anliegen ernst genommen. Hinzu kommen die gesprächsbereiten Männerfiguren, die sich auf diese Kommunikationsform einlassen und so ein potenzielles Wunschbild sensibler und beziehungsorientierter Männer inszenieren (Brown 1994, S. 54). Dies, so arbeiten die Forscherinnen heraus, sind für Frauen attraktive Momente, in denen sie sich wiederfinden und die sie nutzen können.



Textkonstruktion: Omnipräsent und die ewige Tragödie des Lebens

Es sind aber auch bestimmte Momente der Textkonstruktion, die vermutlich für Frauen attraktiv sind. Zunächst erlauben die kurzen Handlungsbögen eine Art „Gottperspektive“ - oder hier besser „Göttinnenperspektive“ (von Modleski 1983 als Perspektive der „idealen Mutter“ bezeichnet). Frauen haben in ihrer Sozialisation gelernt, sich für alle sozialen Probleme verantwortlich zu fühlen. Ihnen wird nahe gelegt, immer alles im Blick zu haben. Die Soap bietet ihnen diesen Überblick, eine Omnipräsenz, bei der sie immer wissen, wer mit wem wieso welches Problem hat.

Die Handlungen sind zwar sehr emotional aufgeladen, dabei in der Dramaturgie aber so flach und oberflächlich, dass sich die Zuschauerinnen darauf einlassen können oder auch nicht. Die Soap Opera bindet und distanziert zugleich (vgl. z.B. Geraghty 1991; Radway 1984 oder Seher et al. 1989; Brown 1987; Hansen 1991).

Plausibel erscheint auch die besondere Attraktivität der so genannten „tragischen Gefühlsstruktur“. In der Soap Opera ist es unmöglich, in einem Zustand des Glücks zu bleiben. Äußere Umstände und Handlungen anderer verhindern ständig, dass der Zustand des Glücks längerfristig aufrecht erhalten werden kann. Harmonie existiert nur als unerreichbare Utopie. Vermutlich spiegelt dies die grundsätzliche Erfahrung von Frauen wider (Ang 1986, S. 145). Während im Spielfilm beim Happy-End alles zum guten Ende kommt und Ehe und Partnerschaft das segensreiche Ziel sind, dreht sich in der Soap alles darum, dass mit der Beziehung zu anderen Personen die Probleme erst anfangen. Insofern symbolisieren Soap Operas „Beziehungsarbeit“ - die Notwendigkeit, immer wieder Energie in die Partnerschaft zu stecken, um diese zu gestalten.



Soap Opera: Folgekommunikation als Möglichkeit, sich in der Welt zu verorten

Ein wichtiger Punkt, um die Faszination der Soap Opera verstehen zu können, ist die Rolle der Folgekommunikation, d.h. Gespräche über Soaps. Diese sind nachweislich Anlässe, die es Frauen ermöglichen, ihre eigenen familiären Probleme im Büro zu thematisieren und über Werte zu kommunizieren (vgl. Hobson 1990, S. 65; Brown 1994; Blumenthal 1998). Frauen versuchen in ihren Gesprächen, eigene Erfahrungen zu artikulieren, sie in der Auseinandersetzung mit anderen zu verstehen und in größere Kontexte einzuordnen.2 Klatsch und scherzhafter Umgang, z.B. mit Stereotypen, schaffen Widerstandsstrukturen, in denen das geäußert wird, was ansonsten schwer zu artikulieren ist (Brown 1994). Diese Möglichkeit, die vorhandenen Regeln in Frage zu stellen, gilt dabei nicht nur in Bezug auf das Geschlechterverhältnis sondern beispielsweise auch im multiethnischen Kontext. In einer Fragebogenuntersuchung mit 333 multiethnischen Jugendlichen zwischen 12 und 18 Jahren kommt Marie Gillespie zu dem Ergebnis: Die Folgekommunikation zur Soap Neighbours fördert das Bewusstsein kultureller Unterschiede und ermutigt zu einem Wunsch nach Wandel (Gillespie 1999).



Soap Operas strukturieren den Alltag

Regelmäßig Soap-Sehende organisieren sich ihren Tagesablauf, um rechtzeitig vor dem Fernseher zu sein. Damit strukturiert die Sendung den Alltag, zum Beispiel der nicht enden wollenden Haus- und Beziehungsarbeit, die nur dann auffällt, wenn sie nicht gemacht wird (Modleski 1987). Die Rezeption wird zum Freiraum und zum freudvollen Ritual im Alltag („And that's my time“, Warth 1987).



Fan-Welten erweitern die Soaps vom Fernsehen auf den Rest des Alltags

Auf der Basis all dieser Momente entsteht für Menschen, die sich besonders für dieses Genre begeistern, eine ganze Soap-Welt, in die sie als Fans eingebunden sind.

In den Soap-Welten ist das Leitmedium das Fernsehen. Die Serie steht im Mittelpunkt und um sie herum entstehen Serien-Magazine und Fanzine. Hinzu kommen individuelle kreative Formen wie Zeichnungen und Collagen, die häufig auch zur Raumgestaltung genutzt werden. Auf diese Weise ist die Soap-Begeisterung nicht mehr auf die allabendliche Fernsehzeit und das Gespräch am nächsten Tag begrenzt, sondern sie ist darüber hinaus auch ein wichtiger Teil der übrigen Lebenswelt. Die entsprechenden Marketingstrategien haben sich in der Bundesrepublik in Ansätzen auf die Fans eingestellt, derzeit allerdings mit einem sehr deutlichen Schwerpunkt auf der jugendlichen und weiblichen Zielgruppe.

In den USA sind Fanclubs, Chatforen und Fan-Events bereits für viele Fans regelmäßiger und bedeutsamer Teil des Alltags (vgl. Harrington/Bielby 1995). In den Fan-Welten bekommen die Fans das Gefühl der machtvollen Teilnahme und Mitbestimmung, die zum Teil von den Produzierenden gezielt inszeniert werden und als Nebenprodukt als wichtige Marktforschungsquelle gelten (Bielby/Harrington/Bielby 1999).

Das Internet spielt in dieser Soap-Welt eine immer wichtigere Rolle, nicht nur in der Präsentation der Sendung und ihrer Stars, sondern auch als Kommunikationsforum für Fans. Entsprechende Studien zeigen, wie hier eine feste, virtuelle Gemeinschaft entsteht (Baym 2000; Scodari 1998).



Vergnügen Soap: Das Zusammenspiel verschiedener Momente

Insgesamt lässt sich sagen, dass die Frage nach dem Grund, warum Menschen sich allabendlich Soaps ansehen, jeweils nur in Ansätzen und spezifischen Momenten empirisch nachweisbar ist. In fast allen Studien betonen die Autorinnen und Autoren, dass mehrere unterschiedliche Aspekte eine Rolle spielen. In einer größeren Studie zu amerikanischen Soap-Fans betonen Lee Harrington und Denise Bielby gerade das Zusammenspiel der verschiedensten Aneignungsmomente, wobei sie das Vergnügen als den zentralen Punkt der Soap-Opera-Rezeption herausstellen. Für Soap-Fans ist die Rezeption vor allem etwas, das Spaß macht: „Having fun is fun“ (Harrington/Bielby 1995, S. 131). Gerade durch die intensive Einbindung der Endlosserien in den Alltag der Menschen bleibt dieses Vergnügen immer individuell, privat und persönlich und damit immer auch ein Mysterium - „a wild zone“ (Harrington/Bielby 1995, S. 119 f£).



Folgen und Wirkungen des regelmäßigen Soap-Konsums

Die in aller Kürze vorgestellten Ergebnisse qualitativer Forschung eröffnen Perspektiven und zeigen, wie Menschen subjektiv sinnhaft das Genre Soap Opera in ihren Alltag einbauen. Über Bedeutung und Folgen des regelmäßigen Soap-Konsums auf überindividueller Ebene kommen die Studien jedoch zu unterschiedlichen Einschätzungen. Menschen, und hier vor allem Frauen, nutzen Soap Operas, um den Alltag zu gestalten und sich mit anderen zu verständigen. Dabei kann die Soap Opera durchaus widerständige „weibliche“ Kultur sein (z.B. Brown 1994). Andere Autorinnen sprechen den Folgekommunikationen um die Soap Opera jegliche politische Kraft ab und sehen sie als eine Verfestigung des Status Quo (z.B. Scodari 1998).

In der Wirkungsforschung bemühen sich die Forschenden darum, die Frage nach „Folgen“ quantitativ nachweisbar zu beantworten. Dass dies ausgesprochen schwierig ist, hat nicht zuletzt die Gewaltdebatte gezeigt. Nichtsdestotrotz hat die quantitative Wirkungsforschung einige Zusammenhänge als Thesen formuliert und kann über Korrelationsanalysen auf mögliche Wirkungen des regelmäßigen Soap-Opera-Konsums hinweisen.



Verfestigung der Vorstellung von Beziehungskonflikten

Eine amerikanische Untersuchung an Studierenden konnte zum Beispiel zeigen, dass regelmäßig Soap-Sehende eine überdurchschnittlich feste Vorstellung von Zusammenhängen von Beziehungskonflikten haben. Überdurchschnittlich oft stimmen sie folgenden Aussagen zu:



Bei den regelmäßig Soap-Sehenden deutet sich hier eine Verfestigung von Stereotypen und Vorstellungen in Bezug auf Partnerschaft an.



Jungen, die regelmäßig Soaps sehen, haben andere Beziehungsvorstellungen

Eine der wenigen vorhandenen Studien zur Soap-Rezeption von Pre-Teens untersuchte Schülerinnen zwischen 10 und 14 Jahren.3 Hierbei zeigten sich vor allem geschlechterspezifische Unterschiede. Bei den Jungen deutet sich an, dass langjährige Soap-Seher Beziehungen als potenziell brüchiger einschätzen als Nichtseher. Des Weiteren zeigte sich eine signifikante Korrelation zwischen längerer Soap-Rezeption und der Einschätzung, dass Gespräche besonders wichtig für den Umgang mit Beziehungsproblemen sind. Bei Mädchen zeigten sich diese signifikanten Unterschiede nicht (Alexander 1985). Regelmäßig Soap-sehende Jungen scheinen also spezifische Einstellungen zu haben. Offen bleibt jedoch dabei die Frage, ob eher beziehungsorientierte Jungen Soaps sehen oder die Soap sie für Beziehungsprobleme und ihre potenzielle Lösung sensibilisiert hat.



Regelmäßiges Soap-Sehen geht mit einem Gefühl von Happiness einher

Ein interessantes Ergebnis wurde an der Universität Oxford herausgearbeitet. Zwei Wissenschaftler fanden mit einem entsprechenden Persönlichkeits-Inventar zur Erfassung von „Happiness“ eine Korrelation zwischen Glücklichsein und Soap Operas.4

Während Personen, die allgemein viel fernsehen, weniger glücklich sind, sind die, die viele Soap Operas sehen, glücklicher als der Durchschnitt.“ (Luo/Argyle 1993, S. 506)

Mit regelmäßigem Soap-Sehen scheint so etwas wie messbare Lebenszufriedenheit einherzugehen. Die Autoren vermuten die Hintergründe in der möglichen parasozialen Einbindung und den Möglichkeiten der Folgekommunikation (Luo/Argyle 1993). Es scheint aber ebenfalls plausibel, dass angesichts der Häufung von Tragödien und Problemen in Soap Operas die eigene Lebenslage als durchaus zufriedenstellend beurteilt wird.



Aktueller Stand bundesdeutscher Forschung zur Rezeption von Daily Soaps

Für die vier deutschsprachigen Daily Soaps liegen eine Reihe medienanalytischer Studien (z.B. Wünsch/Decker/Krah 1996, Krützen 1998, Koukoulli 1998, Göttlich 2000), Arbeiten zum Kultmarketing (u.a. Göttlich/Nieland 1998a/b) und Medienverbund (z.B. Bischof/Heidtmann 2000) vor. Hinzu kommen eine Reihe allgemeiner Einschätzungen (z.B. Bleicher 1998, Hummel 1998), medienpädagogische Projektbeschreibungen und Unterrichtsvorschläge (z.B. Krützen 1998).



Soap Opera - ein Genre mit einer hohen Bindungsrate

In einer Sekundäranalyse der GfK-Zahlen wurde errechnet, wie viele Zuschauende auch die nächste Folge oder Ausgabe einer Sendung sahen. Gute Zeiten, schlechte Zeiten (RTL) lag mit einer durchschnittlichen Bindungsrate von 56,49% auf dem vierten Platz aller Sendungen5 (Zubayr 1996). Göttlich/Nieland aktualisieren dies noch einmal, indem sie von Grundy Ufa zur Verfügung gestellte Daten veröffentlichen, in denen die Bindungsrate von GZSZ bei 51 % bzw. 52% liegt (Göttlich Nieland 2001, S. 54).6 Daily Soaps, hier am Beispiel von GZSZ, haben eine hohe Bindungsrate, die auf eine Stammzuschauerschaft hinweist.



Daily Soaps auf dem Weg vom Kind zum Jugendlichen

In der Studie „Serienrezeption zwischen Kindheit und Jugend“ von der Forscherinnengruppe Theunert/Gebet/Best/Thum/Eggert stehen die Serienvorlieben der 9- bis 15-Jährigen im Mittelpunkt.7 In diesem Kontext sind auch Daily Soaps von Bedeutung. Während bei den Jüngeren das soziale Miteinander der Comedy-Serien noch Anklang findet, tritt bei Näherung an das Jugendalter die ernsthaftere und sich realitätsnäher gebende Soap in den Mittelpunkt. Besonderes Soap-Interesse besteht bei den 12- bis 13-jährigen Mädchen, die geradezu „soapsüchtig“ sind und keine der täglichen Folgen verpassen wollen (Theunert 2000, S. 160). Bei den Mädchen führt GZSZ mit Abstand die Liste der meistgenannten Lieblingsserie an, gefolgt von Marienhof und Verbotene Liebe. Bei den Jungen steht GZSZ auf Rang 3 (Gebet/Thum 2000, S. 39). Soaps stehen aber auch auf der Liste der unbeliebtesten Serien ganz oben. Den Hintergrund vermuten die Autorinnen darin, dass die meistgenannten Serien ein Gesprächsthema unter den Kindern und Jugendlichen sind - so geben etwa 66% der Befragten an, dass ihre Lieblingsserie ein Gesprächsthema in ihrer Schulklasse ist (Gebet/Thum 2000, S. 44).

Einen besonderen inhaltlichen Schwerpunkt der Aneignung legen die 9- bis 15-Jährigen auf die heterosexuellen Beziehungen. Hierbei identifizieren die Autorinnen zwei Beziehungskonzepte. Eines sieht „Beziehung als Aushandlungsaufgabe“ und zeigt sich vor allem bei Jungen und Mädchen aus allen Herkunftsmilieus (S. 122) oder höheren Anregungsmilieus (S. 129). Das andere, vorwiegend bei Mädchen vorkommende Konzept wird mit den Worten händchenhaltend durchs Leben“ oder auch unter dem Schlagwort „Friede, Freude, Eierkuchen“ (Eggen 2000, S. 121) beschrieben. Die Mädchen, die im niedrigen Sozialmilieu identifiziert werden (Theunert 2000, S. 179), scheinen die Auseinandersetzung der Figuren nicht wahrzunehmen und die Autorinnen befürchten, dass sie sich mit Hilfe der Soaps ein Klischee von Leben und Liebe erschaffen, in dem die Idealisierung von harmonischem Zusammensein und glücklicher Zweisamkeit im Vordergrund steht. Frustrationen seien vorprogrammiert, was „weder ein angenehmes Gefühl, noch eine gute Basis für die Ausformung einer wünschenswerten Identität“ sei (Theunert 2000, S. 177).



GZSZ-Figuren als quasi-reale Freunde und Fernsehbeziehungen

Mit einem quantitativen Methodenrepertoire in der theoretischen Verortung des Nutzenansatzes gingen Anja Visscher und Peter Vorderer der Beziehung der Fernsehzuschauerinnen zu den Figuren von GZSZ nach. Hierbei bauen sie auf Horton und Wohl (1956) auf, die herausarbeiteten, dass Zuschauende sich von den Moderatorinnen angesprochen fühlen und mit ihnen parasozial interagieren. Dieses Moment, so Vorderer, führt mit der Zeit zu einem Gefühl der Nähe und Vertrautheit der Rezipierenden gegenüber einzelnen Medienakteurinnen. Es entsteht der Eindruck, die Person oder Figur persönlich zu kennen und mit ihr verbunden zu sein (Vorderer 1998). In der statistischen Analyse zeigen sich zwei Dimensionen parasozialer Beziehung: zum einen die „quasi-realen Beziehungen“. In ihnen sind die Figuren auch über die konkrete Rezeption hinaus gedanklich bedeutsam und die Serienfiguren werden als „reale“ Bekannte oder Freundinnen gedacht. In der zweiten Variante wird die Figur zwar als gute/r FreundIn empfunden, die „Medienfreundschaft“ ist aber auf die unmittelbare Rezeption begrenzt. In einer Fragebogenerhebung mit Leserinnen des GZSZ-Magazins wurden schwerpunktmäßig 11- bis 20-jährige GZSZ-Fans befragt und Zusammenhänge in Bezug auf die Intensität der parasozialen Beziehung untersucht.8

Zunächst zeigt sich die Intensität der parasozialen Beziehung bei den Jüngeren tendenziell etwas höher als bei den Älteren. In Bezug auf formale Bildung ergeben sich aber keine Unterschiede, ebenso wenig in Bezug zur Häufigkeit, seit wann GZSZ regelmäßig gesehen wird oder ob die Serie allein oder mit anderen rezipiert wird (Visscher/Vorderer 1998, S. 462).

Entscheidend hingegen sind die Merkmale, die mit der Wahrnehmung und Einschätzung der Charaktere zusammenhängen. Für eine „quasi-reale Beziehung“ ist hierbei die Wahrnehmung der Figur als erfolgreich und als (im moralischen Sinne) „guter Mensch“ bedeutsam und geht dabei mit einer eher negativen, selbstkritischeren Wahrnehmung der eigenen Person in Bezug auf Bildung und Intelligenz einher. Hinzu kommt die empfundene Realitätsnähe der Soap: Je realistischer die Soap Opera eingeschätzt wird, desto höher und enger ist die „quasi-reale Beziehung“.

Auch für die Fernsehbeziehungen ist der Erfolg besonders wichtig, aber ebenso die äußerliche Erscheinung der Figur. Eine Ähnlichkeit in den Einschätzungen der Einstellung der Fernsehfigur zu sich selbst und eine Selbsteinschätzung als tatkräftig und aufgeschlossen gehen mit der Intensität der Fernsehbeziehung einher (Visscher/Vorderer 1998).



Soaps und Realität

In der Studie „Daily Soaps und Daily Talks im Alltag von Jugendlichen“ der ForscherInnengruppe Göttlich/Nieland/Paus-Haase/Hasebrink/Krotz wird u.a. der Rezeption von Daily Soaps nachgegangen - mit besonderem Augenmerk auf den Realitätsbezug.9 In Gruppendiskussionen Jugendlicher zwischen 12 und 17 Jahren finden sie ein besonderes Involvement von Mädchen, während Jungen dem Genre zum Teil deutlich ablehnend gegenüberstehen. Die Daily Soap schafft eine Polarität entlang der Geschlechtergrenze (Paus-Haase/Wagner 2001, 5.191).

Als Besonderheit arbeiten die Autorinnen die „habitualisierte“ Rezeptionsweise heraus, die regelmäßige Soap-Nutzung. Sie ist mit Elementen wie Spannung, Neugier, wie die Geschichten weitergehen, wie Handlungsstränge sich entwickeln und Figurenkonstellationen sich verändern, verbunden (Paus-Haase 2001, S. 320). In der episodischen Lesart, einer - so die Autorinnen - weiteren Besonderheit der Soap-Rezeption bringen Rezipierende die potenziell endlosen, unabgeschlossenen und in mehreren Handlungssträngen erzählten Geschichten in einen sinnvollen Zusammenhang (auch Paus-Haase 2001, S. 320).

Es kommen aber auch sporadische und partiell offene Lesarten vor. Wenn dies der Fall ist, argumentieren die Jugendlichen eher nicht innerhalb der Geschichten, sondern konzentrieren sich auf den Realitätsbezug der Soap (Göttlich/Nieland 2002, S. 134). Etwas vereinfachend ausgedrückt: Wer nicht regelmäßig Soaps sieht und sich nicht in die Geschichten eindenkt, stellt vor allem in Frage, ob die Soap denn realitätsnah sei. Diejenigen, die Daily Soaps regelmäßiger nutzen und sich in die Handlung eindenken, argumentieren immer auch im Kontext der Geschichten. Für alle scheint jedoch zu gelten, dass die Inhalte in Beziehung zur eigenen Alltagserfahrung gesetzt werden (Göttlich/Nieland 2002, S. 101).

Mädchen rezipieren das Genre dabei überproportional als etwas, „das mit ihrem Leben zu tun hat“ (Paus-Haase/Wagner 2001, S. 211). Dies bedeutet jedoch nicht, dass sie es für ein Abbild von Realität halten oder für pure Unterhaltung. Vielmehr durchschauen sie die Produktions- und Inszenierungsweisen:

Die Jugendlichen wechseln bewusst zwischen einer eher involvierenden und einer eher distanzierenden Rezeptionsweise. Im Bewusstsein um die Eigenheit des Genres (episodisch, narrativ und fiktiv) verstehen sie dieses Angebot als Erzählungen, die im weiteren Sinne etwas mit dem Leben zu tun haben und damit über tieferen Realitätsgehalt verfügen.

Den Jungen und Mädchen gelingt es, den unterschiedlichen Handlungssträngen zu folgen und, je nach persönlichem Interesse bzw. persönlicher Betroffenheit, einzelne Episoden mit hoher Empathie zu verfolgen, andere eher als dahinfließende Geschichten vorbeiziehen zu lassen.“ (Paus-Haase/Wagner 2001, S. 212)

Ingrid Paus-Haase kommt dennoch zusammenfassend zu dem Ergebnis, dass Mädchen mit formal niedriger Bildung sich besonders an den Soaps orientieren. „Inszenierungsmuster werden nicht hinterfragt, geschweige denn durchschaut“ (Paus-Haase 2001, S. 321). Insofern sieht auch diese Studie Hauptschülerinnen als besondere Problemgruppe.



Zusammenfassung des Forschungsstandes und Verortung der Ziele unserer Studie

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Soaps sich zur Einbindung in einen realen oder virtuellen Freundeskreis eignen. Sie helfen den Alltag zu strukturieren und werden zum Teil der eigenen Lebenswelt und Biografie. Dabei geht anscheinend regelmäßiges Soap-Sehen mit einem positiven Gefühl (Happiness) einher. Ein wichtiger „Erfolg“ der Soap Opera ist daher, dass Menschen, die sich darauf eingelassen haben, sie immer wieder sehen möchten. Soap Operas haben von allen Genres die höchste Programmbindungsrate.

Inhaltlich findet vermutlich eine vermehrte Auseinandersetzung mit Beziehungsthemen statt. Dies kann auch festere Vorstellungen von Beziehungen und ihrer potenziellen Brüchigkeit nahe legen. Vielleicht entwickeln einige Mädchen aus „weniger anregendem sozialen Hintergrund“ auch mit der Soap Beziehungsvorstellungen, die idealisiert sind. Übereinstimmend weisen die Rezeptionsstudien die besondere Bedeutung von Daily Soaps für Mädchen nach. Bei den Jungen sind die Positionen weniger eindeutig. In Gruppendiskussionen lehnen sie dieses Genre scheinbar eher ab, auf der Liste der beliebtesten Sendungstitel steht GZSZ jedoch relativ weit oben.

Aus medienpädagogischer Sicht scheint die individuelle Aneignung nicht unproblematisch, wobei Helga Theunert und Ingrid Paus-Haase die Probleme übereinstimmend bei den Mädchen aus anregungsarmen Milieus bzw. mit formal niedriger Schulbildung (Hauptschülerinnen) sehen, die Beziehungen idealisieren und die Inszenierungsmuster nicht durchschauen. Peter Vorderers Untersuchung weist auf die besondere Bedeutung der individuellen Einschätzung hin, unabhängig vom formalen Bildungsstand.

Aufbauend auf diesem Forschungsstand soll es in unserer Studie um die individuelle Bedeutung des Genres Daily Soaps im Alltag von Kindern und Jugendlichen gehen. Dabei stehen Kinder und Jugendliche im Mittelpunkt, die eine Daily Soap (bzw. Schloss Einstein oder Big Brother) als ihre Lieblingsserie angeben und sie regelmäßig nutzen.



Medien als Teil des Alltags

Dem Forschungsprojekt liegt das Verständnis zugrunde, dass Fernsehen von den Zuschauenden aktiv angeeignet und in die Gestaltung des Alltags integriert wird. Menschen greifen sich aus dem Medium bestimmte Dinge heraus und weisen ihnen im Alltag Bedeutung zu. Dabei handeln die Menschen subjektiv sinnhaft, das heißt, hinter ihrem Handeln steht - aus ihrer Perspektive - ein Sinn: Mit dem Fernsehen wird bearbeitet, was sie bewegt und was gerade Thema ist. Mit dem Fernsehen wird eine soziale Situation gestaltet und werden Kommunikationsanlässe geschaffen. Diese subjektiv sinnhafte Aneignung des Mediums gilt auch für die Daily Soaps.

Aus medienanalytischer Perspektive ist dies zunächst schwer zu verstehen. Zu stereotyp erscheinen die Figuren zu groß die Katastrophen und zu durchschaubar die Konstruktion. Die Bedeutung der Soap für Mädchen und Jungen ist jedoch nicht durch eine ausschließliche Betrachtung der Angebote zugänglich. Zwar bietet die Soap inhaltlich vieles an, aber wie die Menschen dies „lesen“ und deuten, ist unterschiedlich. Plakativ ausgedrückt: Jede und jeder sieht einen anderen Film. Die Hintergründe hierfür sind vielfältig. Die Wahrnehmung und Deutung der Inhalte sind durch die jeweiligen Erfahrungen den sozialen Kontext zu dem u.a. die Familie und die Peer-Group, aber auch das Wohnumfeld und die jeweilige kulturelle Einbindung gehören, geprägt. Hinzu kommen individuelle Faktoren, wie die so genannten handlungsleitenden Themen, Handlungsstrategien oder die jeweilige Befindlichkeit. Aus ihnen ergibt sich eine individuelle Sinnperspektive. Sie ist quasi die Brille, durch die die Einzelnen blicken, das Medium decodieren, deuten und in ihren Alltag integrieren. Hierbei ist die Aneignung nicht unabhängig von dem Medium, aber das, was sie vorfinden, ist vieldeutig (polysem). Gerade populäre Texte wie die Soap Opera die für ein Millionenpublikum produziert werden, müssen den Geschmack und die Interessen auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner treffen. Verschiedene Menschen müssen sich, ihren Alltag und ihre Erfahrungen wiederfinden. Entsprechend offen muss die Soap für Bedeutungszuweisung sein. Dennoch stecken in dem Medium bestimmte Strukturen, es werden Bedeutungen nahe gelegt und nur bestimmte Freiräume geschaffen. Was Kinder und Jugendliche, die regelmäßig Daily Soaps sehen, in dem Angebot finden, und welche Bedeutung sie ihnen zuweisen, ist nur nachzuvollziehen, wenn quasi „durch ihre Brille“ gesehen wird. Gleichzeitig ist mit einer kritischen Perspektive die individuelle Aneignung in einen größeren Kontext zu stellen. Was ermöglicht die Soap - was ermöglicht sie nicht? Aus geschlechterspezifischer und medienpädagogischer Perspektive sind hier konkrete Fragen zu stellen, die sich quasi auch die Kehrseite der Medaille ansehen. Grundlage ist jedoch zunächst eindeutig die Bedeutung, die Kinder und Jugendliche dem Genre in ihrer Lebenswelt zuweisen.

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1 Auf theoretische und methodologische Unterschiede soll im Folgenden nicht eingegangen werden. Vielmehr soll versucht werden, prägnante Ergebnisse einzelner Studien auch für Nicht-Wissenschaftlerinnen noch lesbar zusammenzufassen. Eine Zusammenfassung der Ergebnisse internationaler Soap-Rezeptionsforschung u.a. in: Brown 1994, S. 67 ff.; Klaus 1998, S. 321 ff.

2 Gerade die Soap mit ihren verschiedensten Figuren, die oftmals nur sehr flach und stereotyp inszeniert werden, und mit einer Dramaturgie die viele Sichtweisen und Perspektiven zulässt, bietet verschiedenste Ansätze zu mündlicher Kommunikation. Im Klatsch werden Zusammenhänge und Empfindungen thematisiert, die sonst schwer zu thematisieren sind (Brown 1994).

3 Untersucht wurden 111 Mädchen und 119 Jungen in vier Schulen in Massachusetts.

4 Luo Lu /Michael Argyle (Taiwan /GB, Oxford) setzten in ihrer Studie mit 114 Personen (42 Männer, 72 Frauen) im Durchschnittsalter von 44 Jahren das „Oxford Happiness Inventory (OHI)“ ein.

5 Auf dem ersten Platz lag California Clan (durchschnittliche Bindungsrate 61,35%), anschließend Der Nelkenkönig (ZDF, 59,84%) und die Springfeld Story (RTL, 57,82%). Die Programmbindung war bei Zuschauern ab 40 Jahre deutlich höher als bei den jüngeren und bei Frauen geringfügig, aber signifikant höher als bei Männern.

6 Gemessen wurde eine exemplarische Woche im Januar 1999 bzw. 2000.

7 Es wurden 514 Kinder und Jugendliche zwischen 9 und I S Jahren in Bayern halbstandardisiert befragt und aus dieser Gruppe 20 Kinder und Jugendliche herauskristallisiert und interviewt (Leitfadeninterview).

8 Es wurden 262 Fragebögen verteilt, die zu 80% von Mädchen und Frauen und zu 20% von Jungen und Männern ausgefüllt wurden. 95% der Befragten rezipieren GZSZ fünfmal pro Woche, knapp die Hälfte der Stichprobe bereits seit über drei Jahren.

9 Es handelt sich hierbei um eine Sekundärauswertung eines Forschungsprojekts, in dem neben einer Repräsentativbefragung (n=657), Gruppendiskussionen (n=120) und 53 Einzelinterviews mit 12- bis 18-Jährigen zum Thema Daily Talks sowie eine empirische Erhebung zum Thema Daily Soaps in Gruppendiskussionen (n=105) und Einzelinterviews (n=12) durchgeführt wurden, die durch eine explorative Untersuchung von Online-Angeboten ergänzt wurden.

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