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Autor: Hörburger, Christian.
Titel: Hören hat seinen Preis. Eine Chronik der Preisträger.
Quelle: Bund der Kriegsblinden Deutschlands/Filmstiftung Nordrhein-Westfalen (Hrsg.): HörWelten. 50 Jahre Hörspielpreis der Kriegsblinden. Berlin 2001. S. 89-190.
Verlag: Aufbau-Verlag.
Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Autoren.
Christian Hörburger/ Hans-Ulrich Wagner
Hören hat seinen Preis –
Eine Chronik der Preisträger
Inhaltsverzeichnis
1952. Darfst Du die Stunde rufen? 6
Erwin Wickert 6
Undiplomatischer Diplomat und Schriftsteller 6
Darfst Du die Stunde rufen? 7
1953. Die Andere und ich. 8
Günter Eich 8
Das »Eich-Maß« und sein Preis 8
Die Andere und ich 10
1954. Nachtstreife. 11
Heinz Oskar Wuttig 11
Alltagsgeschichten 12
Nachtstreife 13
1955. Prinzessin Turandot. 13
Wolfgang Hildesheimer 13
Der Skeptiker 14
Prinzessin Turandot 15
1956. Philemon und Baucis. 15
Leopold Ahlsen 15
Medientransfer 16
Philemon und Baucis 16
1957. Die Panne. 17
Friedrich Dürrenmatt 17
Schuld und Verhängnis 17
Die Panne 18
1958. Die Versuchung. 19
Benno Meyer-Wehlack 19
Humanität bewahren 19
Die Versuchung 21
1959. Der gute Gott von Manhatten. 21
Ingeborg Bachmann 21
Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar 21
Der gute Gott von Manhatten 23
1960. Auf einem Maulwurfshügel. 23
Franz Hiesel 23
Archivar, Sammler und Poet 24
Auf einem Maulwurfshügel 24
1961. Der Minotaurus. 25
Dieter Wellershoff 25
Nähe und Entfremdung 25
Der Minotaurus 27
1962. Totentanz. 27
Wolfgang Weyrauch 27
Alle Figuren sind Stimmen 27
Totentanz 29
1963. Geh David helfen. 29
Hans Kasper 29
Ernster Spaßvogel 29
Geh David helfen 30
1964. Der Bussard über uns. 31
Margarete Jehn 31
Die Außenseiterin 31
Der Bussard über uns 32
1965. Nachtprogramm. 32
Richard Hey 32
Wachhund und Narr 33
Nachtprogramm 34
1966. Miserere. 35
Peter Hirche 35
Im Schatten des Wirtschaftswunders 35
Miserere 36
1967. Zwielicht. 36
Rolf Schneider 36
Irritation auf dem diplomatischen Parkett 36
Zwielicht 37
1968. Das Aquarium. 38
Christa Reinig 38
Dialog als Handlung 38
Das Aquarium 39
1969. Fünf Mann Menschen. 40
Ernst Jandl/Friederike Mayröcker 40
Der Meilenstein 40
Fünf Mann Menschen 41
1970. Paul oder die Zerstörung eines Hörbeispiels. 41
Wolf Wondratschek 41
Opposition 42
Paul oder die Zerstörung eines Hörbeispiels 42
1971. Zwei oder drei Porträts. 43
Helmut Heißenbüttel 43
Alles ist möglich, alles ist erlaubt 43
Zwei oder drei Porträts 44
1972. Preislied. 45
Paul Wühr 45
Das Falsche 45
Preislied 46
1973. Der Tod meines Vaters. 47
Hans Noever 47
Dekonstruktion 47
Der Tod meines Vaters. Originalton-Projekt 48
1974. Das große Identifikationsspiel. 49
Alfred Behrens 49
Atmende Leichen im Mediendschungel 49
Das große Identifikationsspiel 50
1975. Goldberg-Variationen. 51
Dieter Kühn 51
Hörspiel-Variationen 51
Goldberg-Variationen 52
1976. Centropolis. 53
Walter Adler 53
Vom Kunstkopf – zum Kunsthörspiel 53
Centropolis 54
1977. Fernsehabend. 54
Urs Widmer 54
Deutschland vor der Glotze 54
Fernsehabend 55
1978. Vor dem Ersticken ein Schrei. 56
Christoph Buggert 56
Zwei Gesichter eines Hörspielers 56
Vor dem Ersticken ein Schrei 57
1979. Frühstücksgespräche in Miami. 58
Reinhard Lettau 58
Literatur und Politik 58
Frühstücksgespräche in Miami 59
1980. Der Tribun. 59
Mauricio Kagel 59
Wider Diktatoren und Verführer 60
Der Tribun 60
1981. Moin Vaddr läbt. 61
Walter Kempowski 61
Deutsche Familiengeschichte 61
Moin Vaddr läbt. A Ballahd inne Munnohrd kinstlich med Mosseg unde Jesann von Wullar Kinnpusku 62
1982. Hell genug - und trotzdem stockfinster. 63
Peter Steinbach 63
Hörspiel-Kino 63
Hell genug – und trotzdem stockfinster 64
1983. Die Brautschau des Dichters Robert Walser im Hof der Anstaltswäscherei von Bellelay. 65
Gert Hofmann 65
Schauplatz Menschenkopf 65
Die Brautschau des Dichters Robert Walser im Hof der Anstaltswäscherei von Bellelay, Kanton Bern 66
1984. Wald. Ein deutsches Requiem. 67
Gerhard Rühm 67
Poetische Konstruktionen 67
Wald. Ein deutsches Requiem 68
1985. Nachtschatten. 69
Friederike Roth 69
Poetische Imaginationen 69
Nachtschatten 70
1986. Die Befreiung des Prometheus. Hörstück in neun Bildern. 70
Heiner Müller/ Heiner Goebbels 70
Text als Landschaft 71
Heiner Goebbels: Die Befreiung des Prometheus. Hörstück in neun Bildern. Nach einem Text von Heiner Müller... 72
1987. Drei Männer im Feld. 73
Ludwig Harig 73
Sprachsteller 73
Drei Männer im Feld 75
1988. Leben und Tod des Kornettisten Bix Beiderbecke aus Nord-Amerika. Eine Radio-Ballade. 75
Ror Wolf 75
Fußballphänomenologe und Radiokünstler 75
Leben und Tod des Kornettisten Bix Beiderbecke aus Nord-Amerika. Eine Radio-Ballade 76
1989. Wer Sie sind. 77
Peter Jacobi 77
Lauschangriffe 77
Wer Sie sind 78
1990. Ein Nebulo bist du. 79
Jens Sparschuh 79
Anspielungsreich 79
Ein Nebulo bist du 80
1991. Stille Helden siegen selten. 80
Karl-Heinz Schmidt-Lauzemis/Ralph Oehme 80
Wir sind das Volk 81
Stille Helden siegen selten 82
1992. Die sehr merkwürdigen Jazzabenteuer des Herrn Lehmann. 82
Horst Giese 82
Der Preis 82
Die sehr merkwürdigen Jazzabenteuer des Herrn Lehmann. Ein Jazz-Hörspiel 83
1993. Sense. 84
Werner Fritsch 84
Verstörend: Der Bodensatz der Gesellschaft 84
Sense 85
1994. Unser Boot nach Bir Ould Brini. 86
Christian Geissler 86
Utopia in der Wüste 86
Unser Boot nach Bir Ould Brini 87
1995. Apocalypse live. 88
Andreas Ammer/FM Einheit, d. i. Frank Martin Strauß 88
Große Form 88
Apocalypse live. Ein Hörspiel in 22 Gesängen 90
1996. Frauentags Ende oder Die Rückkehr nach Ubliaduh. 91
Fritz Rudolf Fries 91
Geschichte und Geschichten 91
Frauentags Ende oder Die Rückkehr nach Ubliaduh 92
1997. Compagnons und Concurrenten oder Die wahren Künste. 93
Ingomar von Kieseritzky 93
Humor und Komik 93
Compagnons und Coneurrenten oder Die wahren Künste 94
1998. Die graue staubige Straße. 95
Ilona Jeismann/Peter Avar 95
Sound-Engineering 95
Die graue staubige Straße 96
1999. Rafael Sanchez erzählt: Spiel mir das Lied vom Tod. 97
Eberhard Petschinka/Rafael Sanchez 97
Hörspielkino 97
Rafael Sanchez erzählt: Spiel mir das Lied vom Tod 98
2000. Unter dem Gras darüber. 99
Inge Kurtz/Jürgen Geers 99
Radiotag 99
Unter dem Gras darüber. Erinnerungen an 100 Jahre Deutschland 101
2001. Pitcher. 101
Walter Filz 101
Auf Stimmenfang 101
Pitcher 102
Statut des Hörspielpreises der Kriegsblinden 103
* 7.1.1915 Bralitz bei Freienwalde/Mark Brandenburg
»Er verkörpert den undiplomatischen Diplomaten« – so der Fernsehjournalist Ulrich Wickert über seinen Vater – »und auch als Schriftsteller entspricht er nicht der Norm. Denn er sitzt nicht im Elfenbeinturm, schreibt nicht über seinen Nabel, sondern über Zeitmaschinen, die Macht oder Revolutionen.«
Erwin Wickert studierte zunächst in Heidelberg und Berlin Philosophie und Kunstgeschichte, danach Volkswirtschaft und Politische Wissenschaften in den USA. Während des Zweiten Weltkrieges arbeitete er in Shanghai und Tokio im deutschen diplomatischen Korps und begann ab 1947 seine schriftstellerische Laufbahn. Von 1955 bis 1980 war Wickert erneut in diplomatischen Diensten in London, Bukarest und Peking.
Der junge Autor sah im Hörspiel eine der ganz wichtigen Ausdrucksformen der Nachkriegszeit. Sein hörspieltheoretischer Aufsatz »Die innere Bühne«, 1954 erstmals in der Zeitschrift »Akzente« veröffentlicht, gehört noch immer zu den fundiertesten Beschreibungen der radiophonen Kunstgattung und ihren Möglichkeiten, Raum und Zeit beliebig zu verschränken.
Mit seinen Hörspielen, darunter »Alkestis« (SDR 1951), »Der Klassenaufsatz« (SWF 1954), »Cäsar und Phönix« (SWF 1956), »Robinson und seine Gäste« (NDR/BR 1960) und »Der Kaiser und der Großhistoriker« (NDR/SR/SWF 1987), will Wickert Fragen stellen und sittliche Konflikte vor den Hörern ausbreiten.
In seinem preisgekrönten Hörspiel »Darfst Du die Stunde rufen?« schildert er den Gewissenskampf einer von einer unheilbaren Krankheit heimgesuchten Frau: Darf sie ihren Tod selbst bestimmen? Nach inneren Konflikten entscheidet sie sich, das Leiden bis zum würdevollen Ende auf dem Krankenlager zu ertragen.
Wickerts preisgekröntes Hörspiel stand bei der Jurysitzung im Frankfurter Funkhaus in direkter Konkurrenz zu Günter Eichs »Träume«, das zu einem der wichtigsten Hörspiele avancierte. Wickert griff die öffentliche Diskussion in seiner Dankesrede bei der Preisverleihung indirekt auf, als er sagte: »Wenn Sie trotzdem dem Hörspiel »Darfst Du die Stunde rufen?« den Preis zuerkannten, so ist das wohl nur so zu erklären, daß außer ästhetischen und formalen Gründen noch andere Ausschlag gaben. Das Entscheidende war für Sie vielleicht nicht allein die dramaturgische Durchführung, eine Glätte oder Eleganz der künstlerischen Lösung, sondern die Wirkung auf den Hörer, auf den Menschen.«
Produktion: SDR 1951
Mitwirkende: Elisabeth Höbarth (Christine Ellermann); Walter Andreas Schwarz (Bertram Ellermann, ihr Mann); Alfred Hansen (Professor Dr. Glaser); Johannes Schütz (Hildebrand, Oberarzt einer Klinik); Hertha Fuchs (Krankenschwester); Franz Rücker (Bender, Patient); Armas Sten Fühler (Hans Egon, Freund Ellermanns); Hans Rewendt (Wärter); Gertrud Wächterhäuser (Exaltierte Dame); Anneliese Miltenberger (2. Dame); Erich Krempin (1. Herr); Edgar Bamberger (2. Herr)
Musik: Hans Vogt
Regie: Walter Knaus
Dauer: 56'05
Ursendung: SDR, 4.4.1951
»Das Preisgericht hatte die Aufgabe, die im Jahre 1951 gesendeten Hörspiele nicht nur nach ihrer künstlerischen Qualität, sondern zugleich auch nach dem Maß ihrer menschlich gewinnreichen Aussage zu prüfen. Die Wahl fiel nach eingehendem Abwägen auf Erwin Wickert ›Darfst Du die Stunde rufen?‹, weil hier ebenso mutig wie verantwortungsvoll ein menschliches Problem unserer Zeit aufgegriffen wird, nämlich die Bewältigung des Leidens und Sterbens. Dabei kann es nach Meinung des Preisgerichts nicht Aufgabe des Hörspiels sein, endgültige Antworten zu geben, sondern es soll Anlaß zum Nachdenken und zur Besinnung bieten. Diese Aufgabe erfüllt Wickerts Hörspiel in einer besonders glücklichen und dem Rundfunk gemäßen Weise, auch wenn die dramaturgische Gestaltung noch einzelne Wünsche offenläßt.« (Aus der Jurybegründung zum 1. Hörspielpreis der Kriegsblinden)
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* 1. 2. 1907 Lebus an der Oder
† 20.12.1972 Salzburg
Eigentlich ist er Lyriker – Günter Eich, mit über 200 Hörspielen und Hörfolgen einer der wahrscheinlich produktivsten Rundfunkautoren in Deutschland. Als junger Student in Berlin verknüpften sich seine literarischen Anfänge mit der in Dresden erscheinenden Literaturzeitschrift »Die Kolonne«. Doch der Traum vom Lyriker endete jäh. »Meine schriftstellerische Tätigkeit dient seit Anfang 1933 fast ausschließlich dem Rundfunk«, bilanzierte Günter Eich im Dritten Reich. In der Phase des politischen Umbruchs 1932/33 gelang ihm die Karriere als Rundfunkautor. Mehr als 100 Arbeiten entstanden allein für den von den Nationalsozialisten kontrollierten Rundfunk. In fast schizophrener Weise entledigte sich Eich seiner immer wieder neu eingegangenen Verpflichtungen. Er litt darunter, aber eine Krise fand nicht statt. Nur gelegentlich genügte ein sarkastisches Auf-Distanz-Gehen, ein süffisantes Sich-Mokieren, aber der Bruch mit dem Medienbetrieb wurde gescheut.
Am Ende des Zweiten Weltkrieges, den er als Soldat von 1940 an miterlebte, stand für kurze Zeit der Versuch, diesem Dilemma zu entkommen. Doch die wirtschaftlichen Probleme Eichs waren bedrückend. Schon bald ergaben sich erste Kontakte zum Rundfunk, und der versierte Rundfunkautor ging neue Bindungen ein. Zu Beginn der 50er Jahre hatte Eich in der föderalistisch strukturierten Rundfunklandschaft Westdeutschlands Fuß gefasst. Das Wort vom »Eich«-Maß in puncto Hörspiel machte bald seine Runde.
»Ich hoffe, mich mit Hilfe der Rundfunkarbeit im Laufe des Jahres aus dem finanziellen Abgrund emporzuarbeiten.« (Günter Eich an Alfred Andersch, 24. 5. 1950)
Am 3. März 1953 erhielt Günter Eich für »Die Andere und ich« den »Hörspielpreis der Kriegsblinden« überreicht. Er stand auf dem Höhepunkt seiner Rundfunkarbeit in der Nachkriegszeit. Bald schon häuften sich die Aufträge, die Verpflichtungen gegenüber den einzelnen ARD-Rundfunkanstalten nahmen zu.
»Die Andere und ich« verdankte seine Entstehung einer solchen vertraglichen Bindung des Autors an eine der neuen Hörspieldramaturgien. 1951 hatte Gerhard Prager (1920-1975) den ehemaligen »Hörspiel-Pionier« mit einem Jahresvertrag an den Stuttgarter Sender gebunden; die Verpflichtung des Autors umfasste vier Hörspielarbeiten und drei Hörfolgen. »Die Andere und ich«, im November 1951 geschrieben, bildete – nach »Sabeth oder Die Gäste im schwarzen Rock«, »Fis mit Obertönen« und »Verweile, Wanderer« – die letzte der vertraglich zugesicherten Hörspielarbeiten.
Die Jury hatte sich am 10. Februar 1953 in Mainz mit zehn von zwölf Stimmen für das Hörspiel entschieden, »weil es mit einer ungewöhnlichen Beherrschung rundfunkgemäßer Mittel eine wahrhaft dichterische Aussage verbindet; das Leid des anderen ist dein Leid, er trägt es für dich.« (Pressemeldung)
»Eine Amerikanerin, die Italien bereist, fährt in einem kleinen trostlosen und armen Ort an einer alten Frau vorüber, deren Blick ihr im Gedächtnis bleibt. Als sie später nach dieser Frau sucht, durchkreuzen und verbinden sich ihr Leben und das Leben der Fremden; Ellen aus Washington und Camilla in Comacchio sind wie zwei Hälften der gleichen Existenz. Der einen ist davon alles Helle, der andern die Dunkelheit zuteil geworden. Ellen ist dem Menschen begegnet, der ihre Bürde, ihr Leiden, ihre Armut stellvertretend übernommen hat, – eine Begegnung, die es ihr von nun an unmöglich macht, Glück ohne Schuldgefühl hinzunehmen. Eine solche Begegnung gibt es freilich nur im Märchen, und als ein modernes Märchen, nicht etwa als ein Fall von Seelenwanderung und Okkultismus, sollte dieses Hörspiel gehört werden.« (Pressetext des Bayerischen Rundfunks für eine Wiederholungssendung; nach einem Entwurf von Günter Eich vom 31. Juli 1960)
Produktion: SDR Stuttgart 1952
Mitwirkende: Edith Heerdegen (Ellen/Camilla); Harald Baender (lohn); Hans Günther Gromball (Bob); Ingeborg Engelmann (Lissy); Erich Ponto (Der Vater); Elsa Pfeiffer (Die Mutter); Hans Mahnke (Giovanni); Gerd Fürstenau (Carlo); Rolf Schimpf (Antonio); Horst Zeller (Antonio als Kind); Maria Wiecke (Eine Tante); Christa Hoffmann (Filomena); Peter Höfer (Ein Herr)
Musik: Rolf Unkel
Regie: Cläre Schimmel
Dauer: 69'00
Ursendung: SDR 1, 3.2.1952
Produktion: NWDR Hamburg 1952
Mitwirkende: Gisela von Collande (Ellen); Hilde Krahl (Camilla); Eduard Marks (Giovanni); Wolfgang Wahl (Carlo); Herbert A. E. Böhme (Vater); Martina Otto (Mutter); Hardy Krüger (Antonio); Hubert Fichte (Umberto); Charlotte Joeres (Lidia); Inge Windschild (Filomena); Hans Paetsch (lohn); Manfred Lotsch (Bob); Ingrid Andree (Lissy)
Musik: Johannes Aschenbrenner
Regie: Gustav Burmester
Dauer: 78'00
Ursendung: NWDR 2 Nord, 6.2.1952
Das Hörspiel »Die Andere und ich« wurde – in der damaligen Hörspielpraxis nicht unüblich – parallel vom NWDR in Hamburg und vom SDR in Stuttgart inszeniert; beide Einspielungen lagen der Jury vor. Der unterschiedliche Regieansatz ergab sich aus der Frage, ob Camilla und Ellen mit einer oder zwei Sprecherinnen zu besetzen sei.
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Friedrich Wilhelm Hymmen, Initiator des Hörspielpreises der Kriegsblinden und Vorsitzender der Jury von 1951-1995 |
* 19.7.1907 Berlin
† 12. 3. 1984 Berlin
Sein Name wird heute kaum mehr mit seinen Hörspielerfolgen verbunden: Heinz Oskar Wuttig ist bekannt als Drehbuchautor der unterhaltenden TV-Serien »Alle meine Tiere«, »Der Forellenhof«, »Salto Mortale«, »MS Franziska« und »Drei Damen vom Grill«. »Die Popularität seiner Tele-Familien erklärt sich aus der Wirklichkeitsnähe ihrer Probleme, Sorgen und Späße«, urteilte man unter der Überschrift: »Heinz Oskar Wuttig schreibt TV-Serien wie am Fließband. Der Mann, der populäre Fernsehfamilien produziert« (Die Welt, 2.1.1978).
Dabei erprobte Wuttig auch andere Medien. Als Student gehörte er in Berlin zu einer Gruppe »junger« Literaten, die sich um den Verleger Viktor Otto Stomps sammelte und zu denen auch Günter Eich und Peter Huchel zählten. Mit ihnen teilte er am Ende der Weimarer Republik die Suche nach Arbeit, so dass Tätigkeiten als Nachtwächter, Kellner, Verkehrsflieger, Buchhändler, Hilfspolizist und Maurer ebenso zu seiner Biographie gehören wie der Versuch, als Literat und Journalist ein Auskommen zu finden. Schon bald kam Wuttig auch mit dem Rundfunk in Kontakt.
Als Soldat geriet Wuttig in sowjetische Gefangenschaft, aus der er erst 1950 nach Berlin zurückkehrte. Das radiophone Schreiben, das packende und anrührende Erzählen hatte er nicht verlernt. Mit der aufpeitschenden, gegen die Sowjetunion gerichteten doku-fiktionalen »Hörfolge« »Ich komme aus Stalingrad« meldete er sich zurück. Doch dem Hörspiel als politischer Waffe folgten bald andere Stücke. Mit »Asternplatz« (RIAS 1952), »Großer Ring mit Außenschleife« (HR/SDR 1954), »Der Mann aus den Wäldern« (NWDR 1954 und SDR 1954) und »Nachtstreife« (RIAS 1953) entstand sein Image, »eine Art Großmeister des Liebenswürdig-Kleinen, der genrehaft populären Bürgerlichkeit« (Oliver Storz) zu sein. Denn heiter und rührselig agieren seine »Helden«: Franz Lehmhuhn, stolzer Familienvater und einst glücklicher Straßenbahnfahrer, holt seinen Wagen eines Nachts aus dem Depot (»Großer Ring mit Außenschleife«); nachdenklich werden die gute alte Zeit und die moderne Industriegesellschaft einander gegenübergestellt (»Der Mann aus den Wäldern«); kleine menschliche Schwächen, sympathische Hoffnungen und bald behobene Ängste liegen eng beieinander (»Nachtstreife«).
Wuttigs Hörspiele sind Milieustudien und Alltagsgeschichten, die weniger einer komplexen psychologischen Motivation folgen als vielmehr einer typologischen Gegenüberstellung. In den 50er Jahren nehmen sie einen festen Platz im Hörspielrepertoire ein.
Produktion: RIAS 1953
Mitwirkende: Jochen Brockmann (Franke); Reinhold Bernt (Müller); Eduard Wandrey (Fenske); Hugo Kalthoff (Strehlow); Horst Niendorf (Schäfer); Gudrun Genest (Hilde Schäfer); Ruth Schwinning-Thomas (Lucile); Ralf Lothar (Renè); Klaus Schwarzkopf (Léon); Herbert Weissbach (Lange); Albert Johannes (Apotheker); Marianne Dohm-Franke (Fräulein Weber); Clemens Hasse (Korte); Max Grothusen (Dicker Herr); Walter Bluhm (Bildhauer); Ursula Diestel (Elli); Alfred Balthoff (Dr. Altkirch); Günter Pfitzmann (Otto); Alice Engel (Frau Dr. Altkirch); Eduard Wenck (Krüger) u. a.
Regie: Peter Thomas
Dauer: 66'45
Ursendung: RIAS 1, 28.1.1953
»Daß ich persönlich mit Bedacht bei meiner Arbeit Themen aus dem Alltag unserer Gegenwart bevorzuge (..), das liegt einfach daran, daß ich meine Aufgabe als Schriftsteller und Rundfunkautor darin sehe, den Versuch zu machen, mit dem Medium des Hörspiels mitzuhelfen, brennende Fragen unserer Gegenwart hier und da ein wenig zu entwirren (...).« (Heinz Oskar Wuttig bei der Preisverleihung am 27. April 1954)
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* 9.12.1916 Hamburg
† 21. 8. 1991 Poschiavo/Schweiz
Günter Sawatzki beschrieb 1954 die vielfältige und bunte Hörspiellandschaft mit dem Hinweis: »Böll z. B. ist mit unerschütterlicher Demut bereit, die Geistesfreiheit asketischer Armut zu preisen; seine Unbürgerlichkeit richtet sich gegen falsche Autorität, und es ist nicht seine Schuld allein, wenn diese Frömmigkeit manchmal als verhaltene Aufsässigkeit wirkt. Hildesheimer feiert den Sieg des Außenseiters, des Hochstaplers über dumme Legitime: Könige, Gesellschaftslöwen, Sachverständige.« Der Hamburger Hörspieldramaturg hatte damit das Thema von »Prinzessin Turandot« angeschlagen, ein Hörspiel, das Hildesheimer in der Dramenfassung von 1955 nochmals entscheidend zuspitzte und des wankelmütigen Happy-Ends entkleidete. Das Hörspiel ließ eine Hochzeit mit dem trügerischen Prinzen von Astrachan immerhin für möglich erscheinen, während das Drama (radikaler, ja pessimistischer) Heirat und Kaiserwürde ausschließt.
Wolfgang Hildesheimer, der gebürtige Hamburger, besuchte von 1929 bis 1933 die Odenwaldschule, nach dem Aufflammen des Naziterrors wanderte er nach Palästina aus. In Jerusalem erlernte er das Tischlerhandwerk und studierte in London Bühnenbild, Malerei und Textil. Von 1943 bis 1946 war er beim Public Information Office der britischen Regierung in Jerusalem tätig und arbeitete danach bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen als Simultandolmetscher.
Hildesheimers erste Erzählung »Der Kammerjäger« erschien 1950 in der »Süddeutschen Zeitung«, gefolgt von dem Roman »Paradies der falschen Vögel« sowie dem Hörspiel »Das Ende kommt nie« (NWDR 1952). Bald zählte Wolfgang Hildesheimer zu den produktivsten Dramatikern (»Der Drachenthron«, 1955; »Nachtstück«, 1963; »Der Lauf der Welt«, 1985) und war einer der wichtigsten Hörspielautoren der fünfziger und sechziger Jahre. Vor allem prägte er das »dialogische Worthörspiel«, jene Hörspielkunst also, die aus der Schule des Theaters kommend, auf den Disput der Meinungen und Überzeugungen setzen durfte; überzeugende Hör-Beispiele hierfür: »Begegnungen im Balkanexpress« (NWDR 1953) und »Die Bartschedel-Idee« (NDR/BR 1957).
Bei der Preisverleihung am 22. März 1955 gab Hildesheimer seinen jüngeren Kollegen folgenden Rat: »Es empfiehlt sich für den Autor, seine Dialoge mehrmals laut vorzusprechen. Denn es gilt, während der Arbeit die existierende Sprache einer ständigen und eingehenden Prüfung zu unterziehen. Die Sprache nutzt sich ab; was gestern noch echt und richtig geklungen haben mag, das klingt heute durch Gebrauch – meist Mißbrauch abgenutzt und hohl.«
Produktion: NWDR 1954
Mitwirkende: Dagmar Altrichter (Turandot); Trudik Daniel (Sklavin Liang); Anneliese Römer (Sklavin Prina); Eduard Marks (Kaiser von China); Will Quadflieg (der falsche Prinz von Astrachan); Robert Meyn (Kanzler Hü); Helmut Peine (Zeremonienmeister); Jochen Meyn (echter Prinz von Astrachan)
Musik: Johannes Aschenbrenner
Regie: Gert Westphal
Dauer: 62'30
Ursendung: NWDR, 29.1.1954
Eine zweite Fassung mit einem veränderten Schluss strahlte der SDR unter der Regie von Otto Kurth am 10.10.1954 aus, prämiert wurde jedoch die Hamburger Produktion und deren Textgrundlage.
»In dieser spannungsreichen und beschwingten Komödie werden Macht und Freiheit miteinander konfrontiert. Der Energie der szenischen Entwicklung entspricht eine geistvoll sprühende Wortkunst. Das Stück gehört zu den dichterischen Hörspielen unserer Zeit.« (Aus der Begründung der Jury des Hörspielpreises der Kriegsblinden)
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* 12.1.1927 München
Zwei Jahre lang war Leopold Ahlsen Soldat, bevor er nach dem Ende des Krieges Theaterwissenschaften und Germanistik studieren und eine Schauspielausbildung absolvieren konnte. Von 1947 bis 1949 arbeitete er an verschiedenen Bühnen als Schauspieler und Regisseur und war danach bis 1960 als Lektor für die Hörspieldramaturgie des Bayerischen Rundfunks tätig. Mit seinen Erfolgen als Hörfunk-, Fernseh- und Bühnenautor machte er sich selbständig.
Ahlsens preisgekröntes Hörspiel »Philemon und Baucis« ist das Beispiel für einen geglückten Medientransfer: Nach den Rundfunkaufnahmen 1955 präsentierten die Münchner Kammerspiele eine Bühnenadaption und noch im selben Jahr fand das Werk unter der Regie von Werner Völker den Weg in die deutschen Fernsehstuben.
Zu Leopold Ahlsens bemerkenswerter Erfolgsstory als Autor gehören die Hörspiele »Die Zeit und der Herr Adular Lehmann« (BR 1951), »Die Ballade vom halben Jahrhundert« (BR 1956), »Tod eines Königs« (BR 1964), »Fettaugen« (BR 1969) und »Denkzettel« (BR 1970) sowie vor allem in späteren Jahren die Fernsehproduktionen »Die Berliner Antigone« (ZDF 1968), »Die Dämonen« (NDR 1977), »Vom Webstuhl zur Weltmacht« (BR 1983) und »Klassentreffen« (ZDF 1989). Zu erwähnen sind ebenso seine zahlreichen Drehbücher zur ZDF-Reihe »Der Alte«. 1998 veröffentlichte Ahlsen seine »sämtlichen Erzählungen und Verse« unter dem Titel »Liebe und Strychnin«.
»Philemon und Baucis« – ein Mythos aus Ovids »Metamorphosen«: Zeus belohnt die beiden alten Eheleute für ihre selbstlose Gastfreundschaft und erlaubt ihnen, im selben Augenblick sterben zu dürfen. Leopold Ahlsen siedelte den Stoff in Griechenland im Jahr 1944 an, als deutsche Soldaten das Land besetzt halten. Nikolaos und seine Frau Marulja beherbergen – nach dem Gesetz der Götter: »Wer an meine Hütte klopft, ist mein Gast« – zwei verwundete Deutsche vor den Partisanen. Doch der griechische Gastgeber wird von den eigenen Landsleuten des Verrats angeklagt und muss sterben; Philemon folgt ihm – wie im antiken Mythos – in den Tod.
Produktion: NWDR 1955
Mitwirkende: Paul Bildt (Nikolaos); Hedwig Wangel (Marulja); Hermann Schomberg (Petros, ein Partisanenoffizier); Heinz Reincke (Alexandros, Partisan); Krafft-Georg Schulze (Georgios, Partisan); Joseph Dahmen (Panagiotis, Partisan); Gisela von Collande (Alka, ein junges Mädchen); Hanns Lothar (ein deutscher Soldat)
Musik: Johannes Aschenbrenner
Regie: Fritz Schröder-Jahn
Dauer: 63'25
Erstsendung: NWDR, 6.10. 1955
Die Ursendung erfolgte vom BR am 3. 5. 1955; ausgezeichnet wurde jedoch die NWDR-Fassung.
»Der junge bayerische Dramatiker Leopold Ahlsen hat – ein ganz seltener Fall – bereits mit seinem Erstlingswerk ›Philemon und Baucis‹ bald nach der Ursendung (aus München) die Chance einer zweiten Produktion erhalten. Der NWDR Hamburg regte den ungewöhnlich mutigen und sprachmächtigen Dichter zu dramaturgischen Änderungen an und gab seinem Werk eine Besetzung von hoher Vollkommenheit: Hedwig Wangel sprach, nein verkörperte (neben dem exzellenten Bildt als Philemon) den Part der urwüchsigen, fast männlich robusten griechischen Bäuerin (...). Die achtzigjährige Künstlerin, einst eine der Großen in Max Reinhardts großer Zeit, sprach, als seien die Jahrzehnte spurlos an ihr vorübergegangen.« (Die Zeit, 13.10. 1955)
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* 5. 1. 1921 Konolfingen/Schweiz
† 14. 12. 1990 Neuchâtel/Schweiz
Friedrich Dürrenmatt, Enkel des Satirikers und Politikers Ulrich Dürrenmatt, wuchs in einem protestantischen Pfarrhaus auf. Lange Zeit konnte er sich nicht zwischen dem Beruf des Malers und dem des Dichters entscheiden. Er studierte Philosophie, Literatur und Naturwissenschaften. 1947 kam es zur Uraufführung seines Schauspiels »Es steht geschrieben«. Welt und Theater sollen in der Auffassung des Dichters »spielerisch und kritisch«, dabei »unideologisch und mit Phantasie« betrachtet werden. Weltberühmtheit erlangten die Dramen »Der Besuch der alten Dame« (1956), »Die Physiker« (1962), »Der Meteor« (1966) und »Achterloo« (1983).
Neben dem preisgekrönten Hörspiel »Die Panne« schrieb Dürrenmatt sieben weitere Hörspiele: »Nächtliches Gespräch mit einem verachteten Menschen« (BR 1952), »Der Prozeß um des Esels Schatten«-(BR 1952), »Stranitzky und der Nationalheld« (NWDR 1952), »Herkules und der Stall des Augias« (NDWR 1954), »Das Unternehmen Wega« (BR/SDR/NDR 1955), »Abendstunde im Spätherbst« (NDR 1957) und »Der Doppelgänger« (NDR/BR 1960).
Das Hörspiel »Die Panne« dürfte 1955 kurz vor der gleichnamigen Erzählung entstanden sein. Eine spätere Einrichtung als Fernsehspiel unter der Regie von Fritz Umgelter fand im Februar 1957 statt. Die Vorlage wurde 1960 für die Bühne (New York) unter dem Titel »A Deadly Game« von James Yaffe bearbeitet. Drei ihre Pension auskostende Juristen – ein Richter, ein Staatsanwalt und ein Strafverteidiger – nehmen bei ihren abendlichen Zusammenkünften die großen Prozesse der Weltgeschichte noch einmal durch, doch lieber ist ihnen »lebendiges Material«. Den unerwarteten Gast, Generalvertreter Alfredo Traps, der sich zunächst unschuldig wähnt, »überführen« die weintrunkenen Juristen der Schuld am Tode seines einstigen Chefs. Kurz vor der »Hinrichtung« wird der Spuk als böses Spiel der alternden Akademiker aufgelöst – doch der ambivalente Schuldspruch bleibt, trägt die Handschrift unerbittlicher Rachegötter. Gerhard P. Knapp stellt in seiner Monographie über Dürrenmatt fest: »In seiner Konzeption eines neuen, jeder Verbindlichkeit entkleideten Gerechtigkeitsbegriffs ist das Funkspiel als Variante der gleichzeitig entstandenen Komödie ›Der Besuch der alten Dame‹ zu betrachten.« Selbstverschuldete Katastrophen sind zum Normalfall geworden. Das gilt für die korrupte Dürrenmatt-Metropole »Güllen« ebenso wie für die schicksalhafte Absteige des Hörspiels. Sophokleische Verhängnisse lauern überall und scheinen unausweichlich.
Produktion: NDR Hamburg 1956
Mitwirkende: Kurt Meister (Alfred Traps); Albert Florath (Richter); Paul Bildt (Staatsanwalt); Günther Hadank (Verteidiger); Ludwig Linkmann (Pilet); Ruth Poelzig (Simone); Werner Schumacher (Garagenbesitzer); Rudolf Fenner (Wirt); Joseph Offenbach (Tobias)
Regie: Gustav Burmester
Dauer: 68'30
Erstsendung: NDR 1, 19.5. 1956
Die Ursendung veranstaltete der BR, der »Die Panne« am 17. 1. 1956 in der Regie von Walter Ohm ausstrahlte. Der Jury des Hörspielpreises der Kriegsblinden lag jedoch die Hamburger Fassung zum Abhören vor.
»Je mehr ich mich in meinem Berufe, oder besser, mit meinem Berufe beschäftigte, desto klarer ist es mir geworden, daß ich meine Stoffe im Alltag, jenseits der Fiktionen, in der Gegenwart zu suchen habe. Wir müssen den Mut haben, zu unserer Zeit zu stehen. Nur getrost, auch sie hat ihre Helden und Raubritter, und in der Wirtschaft geht es nicht gnädiger zu als in der Schlacht im Teutoburger Wald.« (Friedrich Dürrenmatt bei der Verleihung des Hörspielpreises der Kriegsblinden am 30. März 1957 in Berlin)
»Ein aufregendes, beklemmend in die Tiefe zielendes Hörspiel! Und dabei so liebenswürdig in den Mitteln, so versöhnlich in den Farben, so weit weg von Kanzel-Pathos und betulicher Ermahnung! Ohne Frage ein Kunstwerk, durchpointiert bis zur letzen Zeile (bisweilen darin fast zu penetrant) und bei aller spielerischen Eleganz ein zentrales Thema unserer Zeit aufgreifend. Burmesters Regie ließ den Kontrast zwischen der behaglichen Atmosphäre der Runde und dem Unheimlichen des Gegenstandes sehr deutlich werden. Es bedarf – wie bei den meisten Hamburger Inszenierungen – kaum der Erwähnung, daß hervorragende Sprecher die Aufführung zu einem ungetrübten Genuß machten.« (epd/Kirche und Rundfunk, 17.9. 1956)
chh
* 17. 1. 1928 Stettin
Benno Meyer-Wehlack wuchs in Kiel, Hiddensee und Berlin auf. Unmittelbar vom Gymnasium kam er noch vor Kriegsende zum Militär. Nach 1945 schlug er sich zunächst als Verlagsbote, Bauhilfsarbeiter und Landvermessungsgehilfe durch, nahm Schauspielunterricht und war Regieassistent. Von 1959 bis 1961 arbeitete er als Fernsehspieldramaturg beim SWF in Baden-Baden, danach von 1965 bis 1967 beim SFB in Berlin.
Neben seiner umfangreichen Hörspielarbeit fanden auch seine Fernsehspiele – darunter das Bauarbeiterstück »Modderkrebse« – internationale Beachtung. Seit 1967 entstanden auch Texte und Stücke in Zusammenarbeit mit Irena Meyer-Wehlack, geborene Vrkljan.
In den fünfziger Jahren machte sich der Autor bereits einen Namen mit seiner sehr reduzierten, nahezu minimalistischen Hörspielästhetik. Nicht der große dramatische Weltentwurf stand in seinen Hörspielen im Vordergrund, vielmehr die Entwicklung einer humanitären Zwischenmenschlichkeit in introspektiven, oft imaginären Hörräumen. Berühmt wurde in diesem Zusammenhang sein Hörspiel »Kreidestriche ins Ungewisse« (NDR 1957), ein eindringlicher Dialog zwischen Vater und Sohn in einem Hotel. Beide erschaffen sich eigene und neue Phantasieszenarien und überleben damit die Widrigkeiten der sie umgebenden Realität. Neben dem preisgekrönten Hörspiel »Die Versuchung« sind überdies »Die Grenze« (NWDR 1955), »Das goldene Rad« (NDR 1956), »Das Buch des Lebens« (SDR/SWF 1978) »Die Frau in Blau« (SDR 1981) und »Der alte Mann und das Stilleben« (SWR 1999) zu erwähnen.
Das 1957 – wegen seiner Sendelänge von nur knapp 35 Minuten – oft als »Kurzhörspiel« titulierte Radiostück »Die Versuchung« berichtet von einem alten und einem jungen Mann, die sich an einer zufällig angetriebenen Wasserleiche bereichern könnten, denn der Tote hat jede Menge Geldscheine in der Tasche. Die Männer erträumen sich eine behagliche Zukunft mit Zigarrenladen oder Würstchenbude als Anfang eines neuen Lebens. Doch beide widerstehen der Versuchung und bewahren damit ihre unbestechliche Humanität im Umfeld ihrer kleinen, scheinbar unbedeutenden Biographie.
Die Jury für den 7. Hörspielpreis der Kriegsblinden argumentierte in ihrer Entschließung: »Die besondere Kunst Meyer-Wehlacks besteht darin, der Wirklichkeit mit verklärender Phantasie und doch mit geringstem Aufwand eine überraschende Fülle zu geben, dabei aber alles Triviale und auch alles Pessimistische zu vermeiden. Es zeigt sich hier ein neues Wirklichkeitsbewußtsein, das in seiner inneren Wahrhaftigkeit wegweisend ist und über die Mittel des Naturalismus hinauswächst.«
Produktion: NDR 1957
Mitwirkende: Erich Weiher (ein alter Mann); Gerd Martienzen (ein junger Mann)
Regie: Fritz Schröder-Jahn
Dauer: 31'40
Ursendung: NDR 1, 21. 3. 1957
»Benno Meyer-Wehlack bringt nun in der Tat einen neuen Ton in diese literarische Gattung, er hat einen neuen, eigenwilligen und sehr poetischen Zugriff auf den Stoff, den sich das Ohr des Hörers erst gewinnen muß. Es ist zu hoffen, daß die Wahl seines Spiels ›Die Versuchung‹ die Aufmerksamkeit der Hörer für diesen eigenwilligen, neuen Ton weckt. Es wäre ein Gewinn für das Hörspiel und damit für den Hörer selbst. Das Hörspiel des jungen Preisträgers zeichnet sich vor allem dadurch aus, daß es mit allen gegebenen Mitteln unüberbietbar sparsam umgeht.« (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 5. 3. 1957)
chh
* 25. 6.1926 Klagenfurt/Kärnten
† 17. 10. 1973 Rom/Italien
»... Und sie redete nicht, sie flüsterte, sie sprach mit Zartheit und mit Hemmungen – man hätte ihr am liebsten dort oben auf dem Rednerpodium zu Hilfe kommen mögen.« – So erinnerte sich Friedrich Wilhelm Hymmen, der langjährige Juryvorsitzende, an die Hörspielautorin und Dichterin, als sie zur Preisverleihung in Bonn erschien. Bis heute wird die stille, nach innen gekehrte Lyrikerin neben den Hörspielkoryphäen der Anfangsjahre, Dürrenmatt und Eich, genannt.
Ingeborg Bachmanns Vater war Lehrer, die Familie der Mutter betrieb eine Strickwarenfabrik in Niederösterreich. Ingeborg besuchte das Ursulinen-Gymnasium und legte 1944 die Matura ab. In dieser Zeit entstanden erste Gedichte und ein fünfaktiges Versdrama. Von 1945 an studierte sie Rechtswissenschaft, Philosophie, Psychologie und Germanistik, 1950 promovierte sie in Wien über Martin Heidegger. Nach längeren Aufenthalten in Paris und London arbeitete sie bis 1953 als Redakteurin bei der Sendergruppe »Rot/Weiß/Rot« in Wien. Dort entstand 1952 ihr Hörspieldebut »Ein Geschäft mit Träumen«, ein surreales Stimmenspiel über Lebensschmerz und -lust. Ihm folgten 1955 das »Erzählhörspiel« »Die Zikaden«. Dazwischen lag ihr Durchbruch als Lyrikerin, nachdem sie 1953 mit dem Preis der »Gruppe 47« ausgezeichnet worden war. Ihre Gedichte »Die gestundete Zeit«, »Anrufung des Großen Bären«, »Im Gewitter der Rosen, »Große Landschaft bei Wien« haben bedeutende Spuren hinterlassen. Walter Helmut Fritz hielt fest: »Das Unausweichliche war das, was Leser und Kritiker beim Erscheinen der Gedichte dieser Frau sofort faszinierte. Man begriff, daß es entscheidend für sie war, Sätze haltbar zu machen und damit auszuhalten in dem Bimbam von Worten, wie sie in ihrem Anna Achmatova zugedachten Gedicht Wahrlich schrieb.«
Ingeborg Bachmann lebte seit 1953, von kurzen Unterbrechungen abgesehen, in Italien, vornehmlich in Rom. 1958 schrieb sie die Hörballade »Der gute Gott von Manhattan«; 1959/60 hielt sie als erste Gastdozentin ihre viel beachteten Frankfurter Poetik-Vorlesungen. In den 60er Jahren arbeitete sie vor allem an Prosaprojekten, darunter dem groß angelegten »Todesarten»-Zyklus, von dem nur dessen Auftakt »Malina« 1971 veröffentlicht werden konnte. Ingeborg Bachmanns tragischer Tod, ausgelöst durch einen Brandunfall in ihrem römischen Domizil, erschütterte im Oktober 1973 die literarische Welt.
»Der gute Gott von Manhattan« wurde gelegentlich als »moderne Romeo-und-Julia-Paraphrase« (Münchener Abendzeitung, 29. 5. 1958) gedeutet. Doch ist die Ballade über die Liebenden Jan und Jennifer in der zeitgenössischen Presse keineswegs einhellig gebilligt und verstanden worden. Häufig gab es Irritationen und Mißverständnisse, nicht selten war die Hörspielkritik verunsichert. Während man »Bedeutungshuberei« beklagte (epd/Kirche und Rundfunk, 7. 7. 1958) und Ror Wolf in einem Rückblick auf das Hörspiel der fünfziger Jahre in der Zeitschrift »Merkur« 1970 nicht ohne Schärfe von einem »Traum in beschädigten Bildern« und »Scheinfragen« sprach, hieß es dagegen in der »Frankfurter Rundschau«: »Das oft Traumhaft-Versponnene, Tiefverhüllte ist kaum in glasklare Helligkeit zu heben, es sei denn, man ginge an dem Eigentlichen ihrer Dichtung vorbei. Es wird zuweilen ein Spiel mit Zeichen und Chiffren getrieben, das mehr vom Hintergründigen der Wirklichkeit zeigt als die Wirklichkeit selbst« (29.5. 1958).
Produktion: BR/NDR 1958
Mitwirkende: Ernst Schröder (Der gute Gott); Fritz Schröder-Jahn (Richter); Horst Frank (Jan); Margrit Ensinger (Jennifer); Hans Clarin (Frankie); Carl Lieffen (Billy); Adalbert von Cortens (Gerichtsdiener); Gustl Datz (Wärter); Anja Buczkowski (Zigeunerin); H. W Zeiger (Portier); Rainer Loose (Liftboy); Ilwa Günten (Frau); Hans Quitschorra (Polizist); Mario Adorf (Barmann); Nils Clausnitzer, Ursula Kube, Leo Bardischewski, Horst Raspe, Alexander Malachowski (Stimmen); Bettina Braun, Elli Haase, Hartmut Friedrich (Kinder)
Regie: Fritz Schröder-Jahn
Dauer: 81'50
Ursendung: BR/NDR, 29.5.1958
Am selben Tag gab es auch eine eigenständige Ausstrahlung vom SWF unter der Regie von Gert Westphal.
»Die zwingende Kraft der Fragen, die Ingeborg Bachmann, ohne selbst griffige Lösungen anzubieten, dem Hörer aufdrängt, Ernst und Intensität der Bewältigung eines durch die Niederungen billiger Literatur geschleiften Themas haben die Jury zu ihrer Entscheidung mitbestimmt (...). ›Der gute Gott von Manhatten‹ handelt von der Explosivkraft einer vollkommen auf sich selbst bezogenen Liebe zweier Menschen, die, aus dem Zusammenhang mit der Welt und ihren Ordnungen gelöst, in Selbstvernichtung endet. Ingeborg Bachmann leugnet die Ordnungen keineswegs, doch sie hat, ohne sich auf das sichere Terrain einer billigen Moral versöhnlicher ›Lösungen‹ oder selbstgefälliger Resignation zurückzuziehen, den Mut zur konsequenten Härte des Konflikts.« (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 5. 3. 1959)
chh
* 11. 4. 1921 Wien
† 2. 11. 1996 Mannersdorf/Burgenland
Aus der Hörspielgeschichte ist er nicht wegzudenken: Franz Hiesel, der Dichter, Archivar und Hörspielmacher. 1969 besorgte er als Dramaturg zusammen mit Heinz Schwitzke, dem umtriebigen Hamburger Hörspielleiter, mit Werner Klippert und Jürgen Tomm die Edition des legendären »Hörspielführer« im Reclam Verlag. Zwanzig Jahre später – Hiesel war längst zum Leiter der Abteilung Hörspiel und Literatur am ORF avanciert – publizierte er ein voluminöses »Literaturdenkmal-Hörspiel«, ein zweibändiges Nachschlagewerk zur Geschichte des deutschen und internationalen Hörspiels, das »Repertoire 999«. Eigenwillig und souverän beschrieb der gebürtige Wiener darin Glanz und Höhepunkte des Hörspiels, bibliographierte und annotierte knapp tausend Titel der Hörspielgeschichte.
Hiesel war durch und durch Praktiker. In den 30er und 40er Jahren arbeitete er als Drogist, Soldat, Waldarbeiter, Straßenbahnschaffner und Bibliothekar, von 1960 bis 1967 leitete er die Hörspieldramaturgie beim NDR, von 1976 bis 1983 die Produktionsabteilung »Hörspiel und Literatur« beim ORF.
Als Autor war er vielseitig und erfolgreich. Die ersten der mehr als 200 Prosaveröffentlichungen entstanden 1948; ihnen folgten Bühnenstücke wie »Die enge Gasse« (1952) und »Menschen ohne Himmel« (1953). Franz Hiesel schrieb im Verlauf der Jahre mehr als zwanzig Hörspiele, darunter »Die gar köstlichen Folgen einer mißglückten Belagerung (SFB/HR 1975) und »Was halten Sie von Irma Prein?« (BR/SFB 1976). Schließlich wechselte Hiesel gelegentlich auch zum Fernsehen, beispielsweise mit den Drehbüchern für die Fernsehfilme »An der schönen blauen Donau« (NDR 1965), »Blaues Wild« (BR 1970) und »Die Ausnahme« (ORF 1977).
Produktion: NDR/ORF 1959
Mitwirkende: Walter Kohut (Georg); Hans Thimig (Sebastian); Adrienne Gessner (Georgs Mutter); Maria Emo (Hannemarie); Eva Zilcher (Leutnant Lydia); Adrian Fedorowski (russischer Oberst)
Regie: Egon Monk
Dauer: 54'50
Ursendung: NDR 1, 25.10. 1959
»Herr Georg, der Held des Stückes, nimmt sich so wichtig, daß er alle, auch die intimsten Lebensäußerungen von sich selbst und seiner Familie, seiner Frau vor allem auch, für spätere wissenschaftliche Auswertung auf Tonband genommen hat. Nun will er sein Werk mit der Dokumentation seines Selbstmordes krönen. Während die Vorbereitungen von seinem Diener Sebastian zelebriert werden, erfährt er durch den Zufall eines Telefonats, daß der alte Sebastian die Tonbänder, die sein Leben dokumentieren, bereits an eine Illustrierte verkauft hat. Und auf einmal wird ihm klar, daß er nicht auf einem Gipfel steht, sondern auf einem Maulwurfshügel.« (Franz Hiesel über sein Hörspiel »Auf einem Maulwurfshügel« in: Repertoire 999, Nr. 242)
Nach den Jahren der ernsten und hintergründigen Selbstbesinnung schien die Jury des Hörspielpreises der Kriegsblinden Ende der 50er Jahre regelrecht froh zu sein, auch einmal die komödiantische Sicht der Welt prämieren zu können. Die Frankfurter »Abendpost« kommentierte: »Hiesel wollte seinen Hörern Spaß machen, und das wurde ihm gelohnt. Nach oft schwerer Kost im Hörspielprogramm – bei der Preissitzung war das nicht anders – atmete das erschöpfte Publikum auf, wenn jemand die Welt ein wenig aufspießt und der autonome Mensch daran sein Mütchen kühlen kann.« (10.3. 1960)
chh
* 3.11.1925 Neuss
Das Hörspiel war für ihn nach eigenem Bekunden nur ein »Probierfeld«, freilich ein äußerst wichtiges. Über ein Dutzend Hörspiele schrieb Dieter Wellershoff für die Rundfunkanstalten in der Zeit zwischen 1956 und 1973, darunter »Die Sekretärin« (NDR 1956), »Die Bittgänger« (SDR 1958), »Der Minotaurus« (SDR 1960), »Bau einer Laube« (SDR/NDR 1964), »Null Uhr Null Minuten und Null Sekunden« (WDR 1973). Doch damit nicht genug. Neben seinem Arbeitsfeld als Romancier und Essayist erprobte Wellershoff, der experimentelle Verfechter einer neuen Literaturerfahrung, dem es immer wieder darum ging, tradierte Sichtweisen zu erschüttern und zu verrücken, sich auch als Theaterautor, Librettist und als Verfasser hintergründiger Fernsehdrehbücher.
Dieter Wellershoff, der als Gymnasiast zum Arbeitsdienst und zum Militär einberufen wurde, schloß sein Studium 1952 mit einer Promotion über Gottfried Benn ab und wurde Redakteur bei der »Deutschen Studentenzeitung«. Von 1956 an freier Autor mit ersten literarischen Veröffentlichungen, wechselte er 1959 in den Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch, bei dem er bis 1981 verschiedene Lektorate leitete.
Bis heute entstand ein umfangreiches literarisches Werk, das zahlreiche Romane und Novellen umfasst, darunter »Zikadengeschrei« (1995) und der als Meisterwerk gerühmte Liebesroman »Der Liebeswunsch« (2000). Hinzukommen eine Fülle von literatur- und zeitkritischen, poetologischen und essayistischen Veröffentlichungen wie etwa »Das geordnete Chaos. Essays zur Literatur« (1992) und die Frankfurter Poetikvorlesungen unter dem Titel »Das Schimmern der Schlangenhaut. Existenzielle und formale Aspekte des literarischen Textes« (1996).
In einem dieser Essays notierte Wellershoff auch einige »Bemerkungen zum Hörspiel«. 1961, in dem Jahr, in dem er den Hörspielpreis der Kriegsblinden erhielt, führte er aus: »Es ist überhaupt fragwürdig, über die Dramaturgie des Hörspiels zu sprechen, weil jedes charakteristische Stück seine eigene Dramaturgie hat, weil die Ausdrucksmöglichkeiten des Genres ihren Sinn und Ausdruckswert erst aus Idee und Gehalt des jeweiligen Stückes bekommen.«
Wellershoffs Hörspiel »Der Minotaurus« wurde von der Kritik einhellig positiv bewertet. Der kühl-distanzierte Doppelmonolog eines sich entfremdenden Paares definiert in letzter Konsequenz die einsame Frau als unangefochtene Sympathieträgerin. Sie obsiegt gegen männlichen Dünkel, der sich noch einmal auslebt, und erschüttert wie ganz selbstverständlich ein wankendes Patriarchat. Dieter Hasselblatt, der spätere Hörspieldramaturg beim Bayerischen Rundfunk, schrieb am 10. März 1961 im »Badischen Tagblatt«: »Das Hörspiel ›Der Minotaurus‹ besticht durch die intensive Deutung unserer widersprüchlichen und problematischen Gegenwart. Dieter Wellershoff hat in dem auf nur zwei Stimmen aufgebauten Hörspiel die Bewußtseinssituation des modernen Menschen erhellt; die auf jede Situation eingespielte Intelligenz bietet die Möglichkeit zu Ausflucht und Zerstörung.«
Produktion: SDR 1960
Mitwirkende: Hans Quest (Er); Julia Costa (Sie)
Musik: Enno Dugend
Regie: Friedhelm Ortmann
Dauer: 58'00
Ursendung: SDR, 22.6. 1960
»Es mag Autoren geben, denen der letzte Satz keine Schwierigkeiten macht. Sie haben ihn schon in der Tasche, bevor sie zu schreiben beginnen. Sie sind beneidenswert, sie werden nicht irritiert. Allerdings glaube ich, daß sie während des Schreibens keine Erfahrung machen, daß ihnen nichts passiert, weil sie nur fleißig und geschickt ein Schema ausfüllen. Ich glaube ihnen ihre letzten Sätze nicht. Sie sind eilfertige Lieferanten. In einer verworrenen, schwer durchschaubaren Welt besteht ein großer Bedarf an letzten Sätzen, summarischen Weisheiten, strahlenden Eindeutigkeiten – die Psychologie nennt diesen Drang zur Vereinfachung die Prägnanztendenz.« (Dieter Wellershoff bei der Preisverleihung am 21. März 1961)
chh
* 15.10.1904 Königsberg
† 7.11.1980 Darmstadt
Er gehört zu den Hörspielautoren der Frühzeit: Bereits 1931 reüssierte der 27jährige Schauspieler und Student mit »Anabasis« beim jungen Medium Rundfunk. Der antike Stoff, der Gewaltmarsch der vom Tod bedrohten griechischen Soldaten unter Xenophon, wurde gemeinsam mit Ernst Gläser für den Rundfunk eingerichtet. Der in Königsberg geborene und in Frankfurt am Main aufgewachsene Wolfgang Weyrauch wurde mit einem Schlag bekannt. Zügig folgten eine stattliche Reihe von Buchveröffentlichungen, zahlreiche Erzählungen und Essays sowie eine lebenslange produktive Auseinandersetzung mit der Hörspielform.
Schon bald nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, den er als Soldat erlebt hatte, widmete sich Weyrauch wieder der Hörspielarbeit; zum Repertoireautor avancierte er in den 50er und frühen 60er Jahren, u. a. mit den Hörspielen »Die Minute des Negers« (SDR 1953), »Die japanischen Fischer« (BR 1955), »Das grüne Zelt« (1957) sowie dem 1962 preisgekrönten »Totentanz«.
Bei aller formalen Vielfalt, die Weyrauch in seiner Rundfunkarbeit demonstrierte, die Form der Ballade, das Konzert der Stimmen waren seine Charakteristik. Martin Walser, der als Hörspielregisseur des öfteren Weyrauchs Texten zum Ausdruck verholfen hatte, lieferte in seinem Nachwort zu »Dialog mit dem Unsichtbaren« – einer Auswahl von Weyrauch-Hörspielen aus dem Jahr 1962 – eine eindrucksvolle Schilderung dieser balladesken Hörspielform. »Weyrauch ist von allen mir bekannten Hörspielautoren der radikalste. Was er handeln und leiden läßt, handelt und leidet lediglich als Stimme. Der Schleichweg zur Szene bleibt unbenutzt (...): Die Figuren setzen sich nicht ein, um für ihre Handlungen Verständlichkeit zu erkämpfen. Sie sind dazu da, um einen sie übersteigenden Prozeß sichtbar zu machen: Weyrauchs Ballade von den Zuständen der Welt. Und diese Ballade ist ein Monolog. Alle Figuren sind Stimmen, in die sich Weyrauchs Monolog vervielfältigt, sind letzten Endes Instrumente, durch die er seinen Monolog vortragen läßt, als Gleichnis und Warnung oder als Klage.«
Doch Weyrauch war nicht nur zeitlebens ein produktiver, kritischer und politisch engagierter Hörspielautor. Besonders seine Anthologien – sie entstanden vor allem in seiner Zeit als Redakteur und Lektor im Rowohlt-Verlag – und seine Essays wirkten auf die literarische Nachkriegsgesellschaft. So prägte etwa »Tausend Gramm«, die Prosa-Anthologie von 1949, den »Kahlschlag«-Begriff, und der Titel seines Aufsatzes »Mein Gedicht ist mein Messer« avancierte zum Schlagwort für kritisch engagierte Lyrik. Doch Weyrauch, ein schwierig einzuordnender Sonderfall zwischen widerständlerischem Engagement und formaler Raffinesse, spielt mittlerweile – sicherlich zu Unrecht – eine untergeordnete Rolle im literarischen Bewusstsein.
Produktion: NDR/BR 1961
Mitwirkende: Robert Graf (W.); Richard Münch (T.); Hans-Helmut Dickow (Polizist); Sascha von Sallwitz (1. Junge); Klaus von Twardowsky (2. Junge); Christian Machalet (3. Junge); Hans Goguel (Lehrer); Armas Sten Fühler (Männliche Stimme); Werner Schumacher (Pilot); Horst Breitkreutz (1. Passant); Hans Emons (2. Passant); Rudolf Ferner (Straßenkehrer); Wolfgang Katzke (4. Junge); Hartmut Reck (Junger Mann); Conrad Mayerhoff (Mann); Manfred Steffen (Redner); Eduard Marks (Alter Mann); Angela Schmid (Mädchen); Gudrun Gerlach (2. Mädchen); Günther Dockerill (2. junger Mann); Klaus Höhne (3. junger Mann); Brigitte Gerloff (Freundin); Herbert Fleischmann (Vertreter)
Regie: Martin Walser
Dauer: 53' 10
Ursendung: NDR 1, 22.11. 1961
»Ein seltsamer Mann in einer der verkehrsreichen Großstadtstraßen spricht da und dort Menschen an, die ihn nicht verstehen, geht weiter durch das gleichgültige Gewühl, hält wieder jemanden auf, nennt wieder ein unverständliches Datum – alles mit der Bestimmtheit eines Richters. Es ist derjenige, der über jeden Urteil zu sprechen hat: das Todesurteil. Auch der Dichter, auch der Hörer, alle Menschen müssen es vernehmen.« (Pressemeldung zu »Totentanz«)
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*24.5.1916 Berlin
† 3. 9. 1990 Frankfurt am Main
Die Fachkritik machte es sich mit der Jury-Entscheidung für Kaspers erstes Hörspiel »Geh David helfen« nicht leicht. Im Nachhinein diskutierten Journalisten, ob nicht zum Beispiel auch Dieter Meichsner, Ilse Aichinger, Jürgen Becker oder gar Peter Weiß – namhafte Autoren, die mit ihren Hörspielarbeiten zur Auswahl gestanden hatten – preiswürdig gewesen wären. Vor allem wurde in den Zeitungen diskutiert, ob der Rückgriff auf einen antiken Stoff – hier das Lysistrata-Motiv – sich mit den aktuellen Ansprüchen der Radiokunst in Einklang bringen lasse.
Doch was das »beste« Hörspiel des Jahres sei, das war und ist gar nicht so eindeutig zu entscheiden und unterliegt vielen Faktoren: ästhetischen Einschätzungen der Jury und den Launen der örtlichen Regie beim Abhören. Werner Klippert brachte es auf den Punkt:
»Glaube niemand, der Träger des Hörspielpreises der Kriegsblinden würde in stiller Versenkung ausgewählt. Die achtzehn Preisrichter sitzen nicht in selbstzufriedener Zurückgezogenheit beieinander, um dann, nachdem sie acht bis vierzehn vorgeschlagene Hörspiele kommentarlos über sich ergehen ließen, zur Wahl zu schreiten. Im Gegenteil! Die Wahl eines Hörspielpreisträgers ist ein Prozeß der Meinungsbildung, der sich zwischen den Hörspielen und den Anwesenden und unter den Anwesenden abspielt. Fast immer geht es hoch her, und ein klein wenig hat Fortuna ihre Hand im Spiel.« (Abendpost, Frankfurt am Main, 14.3. 1963)
Von 18 Jury-Mitgliedern stimmten zehn für Hans Kaspers Hörspiel, das den männlichen Hurra-Patriotismus für Krieg und Vaterland am Rande eines antiken Schlachtfelds mit Witz und Biss aufs Korn nimmt. Die Frauen obsiegen, ähnlich wie im klassischen Vorbild, über den Wahnwitz der Krieger, auch wenn sie selbst dem Schlachtenlärm in ironischen Volten zu huldigen scheinen.
Hans Kasper, der mit bürgerlichem Namen Dietrich Huber hieß, schrieb viele Jahre in der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« Aphorismen und hintersinnige Verse. Über zwanzig Hörspiele hat Kasper nach seinem Debüt 1962 zu Papier gebracht, dazu Schauspiele wie »Die Flöte von Jericho«. Kaspers Credo lautete: »Manchmal scheint mir, einige Weltanschauungen könnten angenehm verdünnt, einige Kriege unterblieben sein – wenn die kompetenten Herren sich aus lieblicheren Gründen hätten als Helden fühlen können.«
Produktion: RB/HR 1962
Mitwirkende: Helga Feddersen (Berenice); Elisabeth Widemann (Larissa); Michael Hinz (Hurra); Hermann Schomberg (Asklepiodor); Hans-Otto Hilke (der große Soldat); Eric Schildkraut (der kleine Soldat)
Regie: Ulrich Lauterbach
Dauer: 66'05
Ursendung: RB, 23.2. 1962
»›Geh David helfen‹ ist ohne Zweifel ein gekonntes, ein bravourös hingeschriebenes Hörspiel – eines der wenigen aus der einheimischen Produktion, über die man wirklich lachen kann. Die Geschichte von den beiden Griechenmädchen, die sich zwei Soldaten der gegnerischen Heere für den privaten Bedarf beiseite schaffen und auf eine friedfertige Lebensweise drillen, ist gewiß nachahmenswert, und zu beherzigen ist nicht weniger die Schlußmetapher des Hörspiels, daß man nur dort leben könne, wo man die Türen respektiert, weshalb einer der beiden Krieger wieder auszieht, um dem winzigen Soldaten David zu helfen, der eben bei ihm angeklopft und nicht nach Kriegerart die Tür eingetreten hatte.« (Die Welt, 15.2. 1963)
chh
* 27.2.1935 Bremen
Die Presse sprach von einer »Außenseiterin«, als Margarete Jehn mit dem Hörspielpreis der Kriegsblinden ausgezeichnet wurde, eine junge Autorin, gerade einmal 28 Jahre alt, Frau eines Organisten und Mutter zweier musikalischer Kinder. Doch die eigentliche Überraschung: Margarete Jehn hatte ihren Hörspieltext gar nicht selbst an den Sender geschickt. Eine Freundin, die das Manuskript als Weihnachtsgeschenk erhalten hatte, fand das Stück so beeindruckend, dass sie es versuchshalber beim SWF einreichte. In Baden-Baden wurde man hellhörig und übergab die Antikriegsparabel dem Brecht-Schüler Peter Schulze-Rohr zur Inszenierung. Nach dem überraschenden Durchbruch in der Hörspielkunst schrieb Margarete Jehn insgesamt noch acht weitere Originalhörspiele, übersetzte zahlreiche Hörspiele aus dem Skandinavischen, darunter Stücke der Autoren Gunnar Pettersson, Åke Hodell und Ole Henrik Kock. Beim SWF arbeitete sie viele Jahre als Lektorin für skandinavische Literatur. Sie schrieb mehrere Kinderhörspiele und erhielt in den Jahren 1985 und 1987 den Hörspielpreis von »terre des hommes«. Wer übrigens jemals den kleinen Straßenfegern aus der Hörspielserie »Papa, Charly hat gesagt« im Radio erlegen ist, ist Margarete Jehn ganz unweigerlich wieder begegnet: als Autorin der Folgen »Die Pille« und »Homosexualität«.
Heute leitet die Bremer Schriftstellerin gemeinsam mit ihrem Mann und den Söhnen den Autorenverlag »Worpsweder Musikwerkstatt«, gestaltet Musikseminare für Lehrer und Erzieher und gibt Liederbücher, Liederhefte und CDs heraus.
Produktion: SWF/NDR 1963
Mitwirkende: Jürgen Goslar (Jascha); Siegfried Wischnewski (der Bussard); Hellmut Lange (der Schlaf); Fritz Rasp (der Sandmann); Hanni Schneider-Wenzel (eine Frauenstimme)
Musik: Peter Zwetkoff
Regie: Peter Schulze-Rohr Dauer: 40'30
Ursendung: SWF, 19.1. 1963
»Margarete Jehn verbindet in ihrem preisgekrönten Erstling beides: Zeitgeschehen und funk-eigene Mittel, Realität und Traumwelt, Barbarei des Krieges und die noch in der äußersten Bedrohung ›heile‹ Welt des Kindes. ›Der Bussard über uns‹ – das ist ein anderer ›Gesang im Feuerofen‹, das Kinderlied vom Plumpsack, der umgeht, auch wenn die Bomben fallen, wenn ein braun uniformiertes Sandmännchen noch im Angsttraum der Kinder als Gehirnwäscher auftaucht oder wenn ihr Balalaika spielender Kamerad, ein russischer Kriegsgefangener, vor ihren Augen von einem deutschen Kapo zusammengeschlagen wird. Dies ist mit hörspielgerecht ineinandergleitenden Spielebenen und einem sicheren, mitunter etwas weichen Gefühl für Sprache und Sprachklang (die Autorin hat Musik studiert) wirklich ein ›Spiel für Stimmen‹, vor allem für Kinderstimmen, die Peter Schulze-Rohr in seiner hervorragenden Inszenierung so natürlich geführt hat.« (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10. 3. 1964)
chh
* 15.5.1926 Bonn
Auf die Frage, warum er Hörspiele schreibe, antwortete Richard Hey in einem fingierten Selbst-Interview 1966: »Früher aus Ahnungslosigkeit, Neugier, Zufall, eine Möglichkeit zum Geldverdienen vermutend – wie man eben so anfängt. Später aus sportlichem Vergnügen, ob es mir gelingen würde, mit den inzwischen erkannten Schwierigkeiten fertig zu werden. Heute, weil das Hörspiel offiziell kaum mehr beachtet wird (...). Das Hörspiel genießt Narrenfreiheit. Es ist also mehr denn je geeignet zu ernsthafter Arbeit, zur Entwicklung neuer Formen, zur Mitteilung von Wahrheiten.« Das Hörspiel musste sich, nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal, der Konkurrenz durch das Fernsehen erwehren.
Doch der vielseitige Autor Richard Hey beschränkte sich niemals auf die Radioarbeit. Seine bislang mehr als 70 Hörspielproduktionen bilden nur eine von vielen literarischen Ausdrucksmöglichkeiten, flankiert von Theaterstücken, Übersetzungen, Filmdrehbüchern und Romanen.
Richard Hey startete seine schriftstellerische Karriere in den Nachkriegsjahren. Dem Studium, der Regieassistenz beim Film, der gelegentlichen Arbeit als Journalist und Musikkritiker folgten erste Theaterstücke Mitte der 50er Jahre. Dem jungen Dramatiker, eingeladen bei der Gruppe 47, wurden 1955 der Schiller-Gedächtnispreis und 1960 der Gerhart-Hauptmann-Preis verliehen. In dieser Zeit entstanden auch seine ersten Hörspiele, zeitkritische Stücke wie »Kein Lorbeer für Augusto« (NWDR 1954) über die Wiederbewaffnung in der Bundesrepublik und »Olga 17« (NDR 1956), die ausdrucksstarke Geschichte über einen Spreekahnreeder im geteilten Berlin.
Der radikale Demokrat, der leidenschaftlich engagierte Autor beherrschte die radiophonen Ausdrucksmittel souverän, als er 1964 mit dem fingiert-dokumentarischen, Authenzität vortäuschenden Hörspiel »Nachtprogramm« ein satirisch entlarvendes Zerrbild der restaurativen Nachkriegsgesellschaft entwarf.
»In ›Nachtprogramm‹ wird die Analyse eines Offiziers aus dem letzten Krieg versucht – anhand von Tonbandfragmenten, die unter den Trümmern eines zerbombten Hauses gefunden worden sind. Sie enthalten die Tonbandaufzeichnung der Sitzung eines besorgten Familienrats, der in der letzten Phase des Krieges die Entmündigung eines Familienmitgliedes, nämlich des besagten Offiziers, verhandelt hat. Leider ist die gesamte Familie mit all ihren Vorsätzen durch die Bombe getötet worden, nur der Gegenstand der Verhandlung, weil er nicht zugegen war, ist am Leben.« (Pressemeldung des NDR-Hörspiels)
Spektakulär wie sein Hörspiel geriet auch der Auftritt bei der Preisverleihung im Bundesrat im März 1965. In Gegenwart von Bundeskanzler Adenauer und Bundesinnenminister Höcherl griff Hey die deutsche Politik an:
»Die Demokratie, die die Spielregeln für alle Widersprüche festlegt, stirbt eben nicht, wie ihre Gegner hoffen, an ihren Widersprüchen. Sondern sie stirbt höchstens an der Verkleisterung ihrer Widersprüche. Der Schriftsteller, der nun zusieht, wie dieser Kleister etwas außerhalb der Legalität angerührt wird, täuscht sich allerdings meistens sehr über die Wirksamkeit seines Protestes.«
Im Gegensatz zum tödlichen Ende in »Nachtprogramm« führte Hey, der sich als »Wachhund und Narr« begriff, aus:
»In Wirklichkeit, das wissen Sie so gut wie ich, leben diese Leute alle noch, haben neues Geld und alte Vorurteile, sprechen nach demokratischen Gesetzen Recht, sind demokratische Staatssekretäre, tragen die Entwürfe zu demokratischen Notstandsgesetzen unter dem Arm und planen einen demokratischen Atom-Minengürtel quer durch Deutschland. Ich habe sie alle aus dem Spiel entfernt. Aber eben nur aus meinem.«
Auch wenn Heys im letzten Jahrzehnt entstandene Hörspiele immer große Beachtung fanden, einer breiteren literarischen Öffentlichkeit ist der in Berlin und in Italien lebende Autor eher als Krimi-Schriftsteller und Verfasser einiger »Tatort«-Fernsehfilme bekannt sowie schließlich der Fan-Gemeinde als Science-Fiction-Autor. 1983 erhielt er den Kurd-Laßwitz-Preis für den SF-Roman »Im Jahr 95 nach Hiroshima«, 1997 den »Ehren-Glauser« auf der Criminale Jever.
Produktion: NDR/HR/SFB 1964
Mitwirkende: Hans Clarin (Autor); Wolfgang Büttner (Katasterbeamter); Robert Lossen (Leupold); Konrad Georg (Anton); Rolf Nagel (Arthur); Renate Danz (Adelheid); Heinz Schimmelpfennig (Fotograf)
Regie: Fritz Schröder-Jahn
Dauer: 58'30
Ursendung: NDR 1, 22.4. 1964
»Hey gehört zu den Autoren, für die Resignation ein Fremdwort ist: das kommt daher, weil er genug Phantasie hat, sich immer alles ganz anders vorstellen zu können.« (Karlheinz Braun)
huw
* 2.6.1923 Görlitz
Wohlmeinende Stimmen betonten seit Anfang der 60er Jahre, der ehemalige Kabarettist und Gelegenheitsarbeiter aus Görlitz hätte schon seit längerem den Hörspielpreis verdient. Vor allem sein Hörspiel »Die seltsamste Liebesgeschichte der Welt« (NWDR 1953), das radiophone Märchen einer monologischen Traumbegegnung, wurde weltberühmt und fand Eingang in viele Schulbücher, die sich mit der Radiokunst beschäftigen. Die Entortung der Wirklichkeit im Hörspiel generell, die Hirche so meisterhaft vorführte, wurde in dieser Zeit als Möglichkeit verstanden, sich aus neuer Perspektive über die Gegenwart zu verständigen.
Hirches preisgekröntes Hörspiel »Miserere« Mitte der 60er Jahre gab im Sinne eines simultanen Abbilds Einblick in ein Mietshaus. Eine viersätzige »schreckliche Sinfonie monotoner Hoffnungslosigkeit« schwärmte der »Hörspielpapst« Heinz Schwitzke. Denn Hirche zeigte hier die Menschen in liebloser Traurigkeit; eine akustische Depression, die möglicherweise eine Antwort darstellte auf die florierende Außenfassade der Republik, die viele ihrer Bürger im Schatten des Wirtschaftswunders vergaß. Der Hörspielhistoriker Stefan Bodo Würffel schrieb über »Miserere«: »Auf diese Weise verdeutlicht das Hörspiel noch einmal, wie in diesen Jahren Kritik an gesellschaftlichen Zuständen innerhalb der Gattung geäußert wurde: die sich am Schluß unter ganz normalem Erwachsenengerede entfernenden Kinder werden zu Symbolen einer äußeren Entartung, die gerade in ihrer eigentümlichen Vermischung von heiterem Spiel und grausamem Ernst verstören, erschrecken soll, um die nicht explizite Kritik an den alltäglichen Zuständen beim Hörer zu wecken.«
Produktion: WDR 1965
Mitwirkende: Hannes Messemer (Edmund); Cornelia Boje (Sigrid); Herbert Fleischmann (Klaus); Otto Rouvel (Herr Kubak); Lilly Towska (Frau Kubak); Rudolf Jürgen Bartsch, Manfred Georg Herrmann, Lothar Ostermann (3 Zeitungsleser)
Regie: Oswald Döpke
Dauer: 28'00
Ursendung: WDR, 10. 11. 1965
»Vielstimmig und temperamentvoll konzertierend, aber in kompositorischer Strenge und mit sprachlicher Präzision beschwört Peter Hirche am Beispiel von ein paar Mietshausbewohnern das Böse und die Bedrohtheit unserer Welt. Er entwirft ein zwar düsteres Bild, aber es ist ohne jeden Zynismus von leiderfüllter Menschlichkeit getragen. Seine Trauer um die Hinfälligkeit des Menschen verbrämt Hirche weder mit poetisierender modischer Ornamentik noch mit pharisäerhafter Rhetorik. Um so eindringlicher klingt sein notvoller Ruf: ›Miserere‹ – Erbarme Dich!« (Aus der Begründung der Jury des Hörspielpreises der Kriegsblinden)
chh
* 17.4.1932 Chemnitz
Zwischen Ost und West tobte der Kalte Krieg, Ludwig Erhard übermittelte eine Friedensnote zur Abrüstung und Entspannung an fast alle Staaten – nur die Machthaber in der DDR bekamen keine Post vom Kanzler. In diesem eisigen Klima setzte sich der Bund der Kriegsblinden Deutschlands über alle Feindseligkeiten der Tagespolitik hinweg und zeichnete erstmals einen Autor jenseits der Mauer aus.
»Musstet Ihr nun ausgerechnet einen Repräsentanten der Unfreiheit und der totalitären Staatlichkeit aller Lebensbereiche erwählen«, umriss Friedrich Wilhelm Hymmen rhetorisch jene skeptisch fragenden Stimmen, die nicht verstehen mochten, dass der Hörspielpreis sich nicht politisch vereinnahmen lassen würde und stets eine künstlerische Auszeichnung war und ist.
Die Auszeichnung des damals in Ost-Berlin lebenden Schriftstellers Rolf Schneider traf den Nerv deutsch-deutscher Befindlichkeit: Immerhin musste die feierliche Preisübergabe erstmals in der Provinz stattfinden. Der Bonner Plenarsaal blieb versperrt; das Münchner Funkhaus wurde zum diplomatischen Ausweichquartier. Verständlich, dass alle führenden Bonner Politiker sich zum Festakt hatten entschuldigen lassen: Auf die Vergabe des Hörspielpreises für einen »real existierenden« östlichen »Bruder« war niemand vorbereitet.
Rolf Schneider, der Jahre später zum konstruktiven Grenzgänger zwischen den beiden deutschen Staaten werden sollte, hüben und drüben auf dem Theater inszenierte, 1976 zu den Unterzeichnern der Protestresolution gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns aus der DDR zählte, er schlug mit seinem Hörspiel »Zwielicht« eine zunächst fragile Brücke zwischen den Systemen.
Über 50 Hörspiele, ein Opernlibretto (»Europa und der Stier«) und rund ein Dutzend Theaterstücke (»Die Mainzer Republik«, »Die Juden von Paris. Heine und Börne. Eine Collage«) hat Schneider inzwischen verfasst. Seine Radioarbeit hat zum Teil vorweggenommen, was erst spät eingelöst werden konnte: die Deutsche Einheit im Spiegel ihrer heterogenen gemeinsamen Geschichte.
Produktion: BR/HR/WDR 1966
Mitwirkende: Lina Carstens (Sie); Friedrich Maurer (Er)
Regie: Otto Kurth
Dauer: 45'45
Ursendung: BR, 16.11. 1966
»In den fünfziger Jahren wurde vor einem polnischen Wojewodschaftsgericht ein sonderbarer Prozeß geführt. Eine Bauernfamilie in entlegener Gegend hatte während des Krieges einen jüdischen Flüchtling versteckt, gegen Bezahlung. Um diese Einkünfte nicht zu verlieren, ließ man den Flüchtling in dem Glauben, Hitlers Herrschaft dauere immerfort. « (Vorspruch zum Hörspiel »Zwielicht«)
»Wie behutsam ist hier inszeniert worden. Das echte Pathos hätte ständig ins falsche umschlagen können. Otto Kurth hat die Gefahr jedoch vermieden. Die Regie kannte den großen Unterschied zwischen dem Simplen und dem Einfachen, zu dem Lina Carstens ein wenig leichter fand als Friedrich Maurer. Vergessen wir nicht: Es ist sehr schwer für den Schauspieler, das Einfache zu finden – die ›Natürlichkeit des Gefühls‹, wie es G. B. Shaw nannte.« (Stuttgarter Zeitung, 23. 6. 1967)
chh
* 6.8.1926 Berlin
Ihre Hörspiele, sechs an der Zahl – »Die kleine Chronik der Osterwoche« (SDR 1962), »Der Teufel, der stumm bleiben wollte« (RIAS 1963), »Tenakeh« (SDR 1965), »Das Aquarium« (SDR 1967), »Wisper« (SDR/HR/SR/SWF1968) und »Mädchen in Uniform« (SWF 1979) – sind allesamt hintergründige Spiele mit dem Surrealen, Phantasiedialoge, ohne zeitliche und räumliche Fixierung. Die Sprache selbst wird zum dramatischen Mittelpunkt des Geschehens und zeigt die Welt als ein widerstreitendes Stimmenspiel, das sogar der traditionellen Fabel entbehren kann. Diesen damals neuen Ton beschrieb der Literaturwissenschaftler Stefan Bodo Würffel mit den Worten: »Wenn man einerseits meint, Verbindungen mit einzelnen Elementen der Spiele Ilse Aichingers und Ingeborg Bachmanns ›Knöpfe‹ und ›Zikaden‹ aufzeigen zu können, so erscheinen andererseits noch wichtiger die Bezüge zu den Formen des Neuen Hörspiels, in denen ein logischer Handlungszusammenhang nur noch in Ausnahmefällen angestrebt wird.«
Christa Reinig hatte zunächst als Blumenbinderin am Alexanderplatz in Ost-Berlin gearbeitet, bevor sie an der Humboldt-Universität Kunstgeschichte und Archäologie studieren konnte. Als junge Autorin hatte sie nach 1948 zu den Beiträgern der satirischen DDR-Zeitschrift »Ulenspiegel« gehört. Doch Christa Reinig eckte bei den Offiziellen sehr bald an. In einem bissigen Prosatext mit dem Titel »Ein Dichter erhielt einen Fragebogen« enthüllte sie, was sie von der Kulturpolitik der DDR hielt, wenn dort die Frage gestellt wurde: »Können Sie uns ein Arbeitsmittel zur Anfertigung möglichst hochwertiger Kunstwerke nennen, das in unserem Wirtschaftsbereich nicht als Mangelware eingeplant ist?« 1964 kehrte Christa Reinig, als sie für ihren Band »Gedichte« (1963) mit dem Literaturpreis der Freien Hansestadt Bremen ausgezeichnet wurde, der DDR den Rücken. In den 70er und 80er Jahren in der Frauenbewegung stark engagiert, wird die Autorin vom offiziellen Literaturbetrieb wenig beachtet. Christa Reinig lebt, infolge eines Unfalls schwerbehindert, in München.
Produktion: SDR 1967
Mitwirkende: Gustl Halenke. (Weißer Engel, genannt Argil); Giselheid Hönsch (Schwarzer Engel, genannt Bruno); Jürgen Goslar (Morgen Montag, ein toter Froschmann); Elisabeth Schwarz (Li, seine Frau); Peter Roggisch (Japser, sein Bruder); Hans Timerding (Der Vater); Mila Kopp (Die Mutter); Günther Lüders (Kapitän Asmos Dunbar); Heinz Schimmelpfennig (Staunton, sein Offizier); Herbert Drubow (Ein Maat); Marisa Gaffron (Dispatcherin); Lotte Betke (Frau Neumann)
Regie: Raoul Wolfgang Schnell
Dauer: 49'05
Ursendung: SDR, 19.7. 1967
»Aus Rede und Gegenrede entstehen Motive, in Rede und Gegenrede werden Motive aufgenommen und weitergeführt bis zu dem letztmöglichen denkbaren Ende. Das Drama des Lebens endet nie, es erscheinen immer neue Personen, die die Handlung aufnehmen und weiterführen. Das Drama des Wortes endet mit dem letzten logischen Wort, das in einem Dialog oder in einer Kombination von Dialogen gesprochen werden kann. Der Dialog ist nicht Begleittext einer Darstellung, gleichsam der Ton zum Film. Der Dialog ist die Handlung selbst.« (Christa Reinig in ihrer Ansprache bei der Preisverleihung am 8. Mai 1968)
chh
* 1. 8. 1925 Wien
† 9. 6.2000 Wien/
* 20.12. 1924 Wien
»Man kann wieder Radio hören«, titelte begeistert die »Süddeutsche Zeitung« im April 1969. Es war mehr als eine freundliche Grußadresse an die beiden Hörspielautoren Ernst Jandl und Friederike Mayröcker. Ihr gerade einmal viertelstündiges Hörspiel hatte die Jury beeindruckt. 17 von 18 Stimmen, das Ergebnis spricht für sich. Die Gründe für die Entscheidung lagen in einer doppelten Richtung: Einmal bewies das Autorenpaar unter der maßgeblichen Regie von Peter Michel Ladiges, dass die neue Technik der Stereophonie im Hörspiel tatsächlich so etwas wie einen ästhetisch-akustischen Quantensprung bedeutete und ganz spezifische Hörräume eröffnen konnte. Hinzukam die neue Hörspielsprache im semantischen Bereich: die Reduktion der Worte und der Bilder auf archetypische Grundmuster und Lebensläufe, die bei aller Lakonie auch auf die eigene Biographie des Hörenden verwies.
Das experimentelle oder auch so genannte »Neue Hörspiel« war geboren. »Noch verweist diese Sprache auf eine Wirklichkeit«, gab der Hörspielhistoriker Stefan Bodo Würffel zu bedenken, »doch wird zugleich deutlich, daß diese Wirklichkeit mit Hilfe der collagierten Sprachtrümmer nur noch unvollkommen erfaßt werden kann und die Sprache daher im Begriff ist, sich selbst absolut zu setzen und die Sprachtrümmer des Alltagsgeredes als einzige Wirklichkeit zu stiften.«
Das preisgekrönte Hörspiel der beiden Wiener Dadaisten und Avantgardisten Mayröcker und Jandl ist der akustische Meilenstein; ein Glücksfall der Hörspielgeschichte, ganz gewiss, denn nach der Ablehnung des Bayerischen Rundfunks, das Hörspiel zu produzieren, verlangte es den Baden-Badener Hörspielmachern Mut ab, sich auf das Experiment einzulassen.
»Fünf Mann Menschen« ist bescheiden in seinen zeitlichen Ausmaßen, aber um so wirkungsvoller für jene Ohren, die gewillt waren und sind, zu hören und sich einzulassen auf eine akustische Provokation in vierzehn Szenen.
Produktion: SWF 1968
Mitwirkende: Günther Neutze (Ansager); Helmut Wöstemann, Jürgen Schmidt, Friedrich von Bülow, Gian Fadri Töndury, Gerhard Remus (Stimmen 1-5); Hans Timerding (Vater); Ellen Xenakis (Mutter); Heiner Schmidt (Berufsberater, Unteroffizier, Offizier, Richter); Dinah Hinz (Kellnerin, Krankenschwester, Schwester 1); Christine Davis, Ute Remus, Isabel Stumpf, Renate E. Bauer (Schwester II bis V)
Regie: Peter Michel Ladiges
Dauer: 15'00
Ursendung: SWF, 14.11. 1968
»Das einzelne Wort wird – vom Klang und von der Bedeutung her – isoliert, die Sprache streng und doch mit poetischer Phantasie auf ein Minimum reduziert. Wiederholende Sätze, die nur Markierungen eines unter Zwang mechanisierten Lebenslaufs sind, führen nun vom Babygeschrei bis zur Füsilierung. Mit neuem Babygeschrei endet das Stück. In der Begründung der Entscheidung heißt es, bei beiden Autoren seien zum erstenmal in einem Hörspiel die Möglichkeiten konkreter Poesie beispielhaft eingesetzt. Sie zeigten exemplarische Sprach- und Handlungsvorgänge, in denen der zur Norm programmierte menschliche Lebenslauf nicht abgebildet, sondern evoziert werde.« (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2.4.1969)
chh
* 14. 8. 1943 Rudolstadt
Die außerparlamentarische Opposition, der Protest gegen alles Etablierte und Eingeschliffene, erreichte 1970 auch die Feierstunde anlässlich der Preisverleihung. Wolf Wondratschek, gerade einmal 27 Jahre alt, verbat sich ganz entschieden eine Zeremonie im Plenarsaal des Bonner Bundesrates. In einem offenen Brief an die Jury stellte er dezidiert fest: »Auf mich trifft nicht zu, was doch offensichtlich beglaubigt werden soll: Das gute Verhältnis des Schriftstellers zum Staat.« Erschreckt suchte man ein Ausweichquartier, das man am 20. April 1970 im WDR-Funkhaus in Köln fand. Statt Festredner einzuladen, wurde eine Diskussionsrunde einberufen; eine Veranstaltung, die freilich nicht ohne Verunsicherung und Polemik ablaufen sollte.
Wolf Wondratschek markierte mit seinem Hörspiel »Paul oder die Zerstörung eines Hörbeispiels« die radikale Inanspruchnahme neuer Erzählperspektiven, die entschiedene Verabschiedung von Introspektion und Innerlichkeit im akustischen Raum. Provokant und doch folgerichtig lautet es in seinem Hörspiel: »Ein Hörspiel muß nicht unbedingt ein Hörspiel sein, d. h. es muß nicht den Vorstellungen entsprechen, die ein Hörspielhörer von einem Hörspiel hat. Ein Hörspiel kann ein Beispiel dafür sein, daß ein Hörspiel nicht mehr das ist, was lange ein Hörspiel genannt wurde.«
Es war ein Jahrgang voller Vielfalt und Qualität, wie in der Kritik positiv vermerkt wurde. Wolf Wondratschek hatte sich u. a. gegenüber den nominierten Stücken von Jürgen Becker (»Häuser»), Ferdinand Kriwet (»One two two»), G. F. Jonke (»Der Dorfplatz»), Ilse Aichinger (»Die Schwestern») und Heinrich Böll (»Hausfriedensbruch») durchgesetzt.
Wolf Wondratschek, der als freier Schriftsteller in München lebt, veröffentlichte Gedichte und Prosa. Bislang schrieb er sieben Hörspiele und mehrere Drehbücher. Zuletzt publizierte er »Kelly Briefe« (1999), eine Mischform aus Lyrik und Kurztexten. Der Literaturwissenschaftler Gert Mattenklott notierte dazu: »Der Typ Wondratschek als Lebensform ist historisch geworden (...). Gegenwärtig bleibt der sanfte Wahnsinn in den starken Worten einer beachtlichen Zahl schöner Gedichte.
Produktion: WDR/BR/HR/SR 1969
Mitwirkende: Brigitte Dryander, Peter Fitz, Werner Hanfgarn, Erich Herr, Gerd Peiser, Olaf Quaiser, Arnold Richter, Lothar Rollauer, Werner Rundshagen, Robert Seibert und Jodoc Seidel
Regie: Heinz Hostnig
Dauer: 25'40
Ursendung: WDR, 6.11. 1969
»Wolf Wondratschek macht es den Hörern leicht, die geläufigen Hörgewohnheiten zu verlassen und eine neue Hörfähigkeit zu entwickeln. Er negiert mit seinem Stück überkommene Formen, die eine Geschlossenheit vorgeben, wo Realität sich heute nicht mehr als eine Totale begreifen läßt. Konsequent setzt er an Stelle eines Bewußtseinsflusses exakt gefügte Bewußtseinssplitter und läßt aus Mentalität, Umwelt, Biographie und Psyche eines Lastwagenfahrers, aber auch des Autors, der über ihn reflektiert, ein Mosaik entstehen, das neue Denkschemata erkennbar macht und dessen akustische Musterung das Ohr auf eigentümliche, ganz dem Rundfunk zugeordnete Weise reizt.« (Aus der Begründung der Jury des Hörspielpreises der Kriegsblinden)
chh
* 21. 6. 1921 Rüstringen
† 19.9. 1996 Glückstadt
1968, auf der internationalen Hörspieltagung der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste in Frankfurt am Main, formulierte Helmut Heißenbüttel seine Vorstellungen von moderner Literatur: »Literatur ist nur da aktuell, wo sie sich in Kontakt weiß mit dem zeitgenössischen historischen Anspruch. (...) Erst was von der Literatur sagbar gemacht wird, bestimmt das Sagbare; ja, bestimmt das, was es überhaupt gibt, denn es gibt nur das, was ausgesprochen werden kann. Darüber gibt es keine Vorbestimmung. Alles ist möglich. Alles ist erlaubt.«
Der Lyriker, Erzähler, Essayist und Kritiker Helmut Heißenbüttel war ein homme de lettres, ein experimenteller Spracherneuerer und er war – was häufig vernachlässigt wird – ein professioneller Rundfunkmacher. Von 1959 bis 1981 baute er die Redaktion »Radio-Essay« am SDR zu einem wichtigen literarischen und musikalischen Brennpunkt in der deutschen Radiolandschaft aus.
In diesen Jahren entstanden seine avantgardistischen Hörspiele mit Titeln wie »Was sollen wir überhaupt senden?« (SDR 1970), »Projekt Nr. 2« (WDR 1970) oder »Warzen und alles« (WDR 1973). Diese experimentellen Arbeiten sind allesamt von einem anarchischen Spielwitz getragen, der auslotet, »was sprachlich artikulierbar ist«. Trotz seines Credos »Alles ist möglich. Alles ist erlaubt«, das zum Schlagwort des Neuen Hörspiels avancierte, sah Heißenbüttel die Einbindung des Hörspiels in ein öffentlich-rechtliches Korsett verschiedenster Verantwortlichkeiten recht nüchtern: »Kein Hörspielleiter oder Dramaturg kann sich darüber hinwegsetzen, daß er das Hörspiel plazieren muß. Alle ästhetischen und werkimmanenten Kriterien müssen auf den Plazierungszwang bezogen werden. Denn ungesendet ist das Hörspiel nichts als ein Manuskript unter anderen. Hier sind zunächst die Differenzen zu sehen, die das Hörspiel als Literatur von der übrigen literarischen Szene scheidet.« (Helmut Heißenbüttel: Hörspielpraxis und Hörspielhypothese, 1969)
Produktion: BR/NDR/SWF 1970
Mitwirkende: Hans Wieder (1 M); Christoph Quest (2 M); Rüdiger Bahr (4 M); Paul Hoffmann (7 M); Heinz Baumann (9 M); Heinz Musäus (10 M); Michael Lenz (3 M); Hannelore Cremer (5 F); Imo Heite (6 M); Ilse Neubauer (8 F); Gert Heidenreich (11 M); Wolfgang Hess (12 M); Rosemarie Seehofer (13 M)
Regie: Heinz Hostnig
Dauer: 37'45
Ursendung: BR, 8. 5. 1970
»Heißenbüttels ›Zwei oder drei Portraits‹ erinnert an seinen ersten Roman: ›D'Alemberts Ende‹ (1970). In einem Kapitel dieses Buches wird eine Person aus sich variierenden, sich widersprechenden, wiederholenden, einander ergänzenden Sätzen rekonstruiert. Das Stereo-Hörspiel Heißenbüttels könnte ein Nebenprodukt dieses Romankapitels sein. Auch hier die Collage aus einer Décollage, das Herstellen der Figur eines Kunstkritikers – wobei sich erweist, daß Teile dieses Porträts mit denen eines zweiten identisch sind (und wie im Vexierbild erkennt sich der Autor im dritten Porträt). Das Faszinierende, Erschreckende, Belustigende ist das Auswechselbare der versammelten Zitate, Bilder, Vorstellungen, die auf zahlreiche Meinungen, Standorte, Assoziationen – auch Trugschlüsse und Ideologien – beruhen.« (Helmut M. Braem in der Stuttgarter Zeitung, 18. 2. 1971)
chh
* 10. 7.1927 München
Er ist ein bajuwarischer Filou, ein Münchner Sprachpoet, der von einer eingeschworenen Leser-Gemeinde verehrt wird, ein kryptischer, im eigenen Verwirrspiel sich versteckender Autor: Paul Wühr, der bis zu seiner vorzeitigen Pensionierung 1984 als Hauptschullehrer in Gräfelfing und Lochham arbeitete und seit den 50er Jahren Gedichte, Kinderbücher und Hörspiele sowie als besonderes Kennzeichen dickleibige experimentelle Romane veröffentlicht. Sein literarischer Ansatz: Die Lehre vom Falschen, folgt man beispielsweise seinem 1987 erschienenen, 715 Seiten starken Diarium »Der faule Strick«. Das Falsche ist demnach ein poetisches Spielsystem, das – so Wühr – sich gegen »das Richtige« wendet, wie es die Gesellschaft mit planmäßiger, zielgerichteter Entwicklung verkörpert, in der das Erreichenwollen sich mit Gewalt Recht verschafft. Poesie dagegen das Falsche – ist richtungslos, wahllos, mäandrierend, geriert sich als Sprung, als Spiel und manchmal auch als »freischaffender Blödsinn«.
Mit diesem nach und nach immer ausgefeilteren poetischen Ansatz wandte sich Paul Wühr Anfang der 60er Jahre auch dem Hörspiel zu. Ansprechpartner wurde zunächst die Kölner Hörspieldramaturgie, nachdem der Bayerische Rundfunk »Das Experiment« und »Wer kann mir sagen, wer Sheila ist?«, erste sprachexperimentelle Versuche, abgelehnt hatte. Eine Annäherung an den Heimatsender fand erst Anfang der 70er Jahre statt, als Wühr sein großes Städtebuchprojekt »Gegenmünchen« im Carl-Hanser-Verlag hatte veröffentlichen können. Statt des ursprünglichen Plans, aus dem »Gegenmünchen«-Material ein Hörspiel zu produzieren, entwickelte sich im Kontakt mit dem Münchner Dramaturgen Christoph Buggert im Herbst 1970 die Idee, mit einem Aufnahmegerät auf die Straße zu gehen und die Münchner Bürger zu befragen, wie sie sich in diesem Staate fühlen und wie sie ihre derzeitigen Lebensbedingungen beurteilen.
Paul Wühr berichtete in einem Vorspruch zum »Preislied« über den Ansatz seiner O-Ton-Arbeit: »Befragt wurden Personen aus allen sozialen Schichten und allen Altersgruppen (...): insgesamt 22 Personen (...). Das ist klar: Individuelle Aussagen und Meinungen wurden durch Kombination verändert. Blieb ihr Sinn zwar unangetastet, so bekamen sie doch in einem anderen Zusammenhang einen anderen Stellenwert. Hatten die Äußerungen der einzelnen Personen vorher ihre persönlichen Meinungen wiedergegeben, so drückten sie nun die Meinungen eines Gesamtbewußtseins aus. Mit der freimütigen Übergabe ihrer Stimmen ermöglichten die Beteiligten also dieses Spiel.«
In den folgenden Jahren überraschte Paul Wühr immer wieder mit spektakulären Hörspielarbeiten, darunter die aufwendige Sound-Collage »Soundseeing Metropolis München« (WDR 1987). Mit seinen O-Ton-Produktionen dagegen stieß er des öfteren auf Ablehnung. »Trip Null«, Aufnahmen mit jugendlichen Drogenabhängigen, wurde 1971 vom BR abgesetzt; »So eine Freiheit« wurde 1972 vom WDR wegen »peinlichen Voyeur-(ecouter-)ismus« abgelehnt.
Produktion: BR/NDR 1971
Mitwirkende: Vom Autor gesammelte Originalstimmen
Musik: Enno Dugend
Realisation: Paul Wühr
Dauer: 55'20
Ursendung: BR 2, 4. 6. 1971
»Durch geschickte Montage ergibt sich so (..) eine mit Allgemeinplätzen, Privatphilosophien, Lebensleitsätzen und Geschwätz gepflasterte ›Gesellschaft als Kunstwerk‹. Das Un-Sinnige von Klischees, das Systemimmanente von Sprichwörtern und sogenannten Lebensweisheiten deckt sich auf.« (Barbara Bronnen in der Münchner Abendzeitung, 4. 6. 1971)
huw
* 10. 5. 1928 Krefeld
Als Hans Noever im Mai 1973 für sein Hörspieldebüt »Der Tod meines Vaters« der Hörspielpreis der Kriegsblinden überreicht wurde, war der streitbare und unangepasste Dramatiker, Romancier und Journalist in der literarischen Öffentlichkeit der Bundesrepublik noch so gut wie unbekannt. In Krefeld aufgewachsen, mit 17 Jahren zum Militär eingezogen, war er erst 1955 nach Deutschland zurückgekehrt, nach 3 600 Kilometer Fußmarsch über Afrika, Spanien und Italien. Ein Theaterstück war entstanden, das 1961 in Paris aufgeführt worden war; ein Erzählband lag seit 1966 vor – »Venedig liegt bei Cleve« -, in dem er seine Nachkriegsodyssee verarbeitet hatte; daneben hatte Noever seit Ende der 60er Jahre erste Kontakte zur Münchner Filmszene geknüpft.
Im Februar 1971 hatten Christoph Buggert, den Hörspieldramaturgen des Bayerischen Rundfunks, »einige Gedanken zu einem Original-Hörspiel« erreicht. Mit einem Kurzdialog hob das Exposé an:
A: Herr W. hat sich erschossen.
B: Und warum hat Herr W. sich erschossen?
A: Er hatte bemerkt, dass er zweimal dieselbe Geschichte erzählte.
Das »Originalton-Projekt« wurde realisiert. Zweimal erzählt Hans Noever darin die Geschichte vom Tod seines Vaters. Zunächst offen assoziativ in einem Kreis zufällig anwesender Freunde, dann als Beifahrer während einer Autofahrt in der Umgebung Münchens. Ein Manuskript wurde nicht erstellt; lediglich Mikrophon und Bandgerät waren bereit. Damit nicht genug: In einem zweiten Arbeitsschritt unterzog Noever dieses Basismaterial einer Bearbeitung. Beide Erzählabläufe wurden parallelisiert und ineinandermontiert, wobei sich ergab, dass die unterschiedlichen Erzählanlässe sich erheblich beeinflusst hatten. Die beiden Berichte über ein- und dasselbe Erlebnis wiesen überraschende Unterschiede auf.
Die Geschichte alten Stils war aufgebrochen; die Grenzen zwischen der reinen Fiktion und der konkreten Wirklichkeit waren gesprengt. Noever und mit ihm eine ganze Autorengeneration hatten sich auf die Suche nach einer radikalen, durchaus subjektiv gefärbten Aufrichtigkeit begeben. Wie hatte Noever in seinem Exposé formuliert: »Je weniger Gegenwart, Bereitschaft zur Erfahrung im Augenblick, desto dicker bläst sich die Erinnerung als Mittel zum Gegenwartsersatz auf.«
Produktion: BR/WDR 1972
Sprecher: Erzähler (Hans Noever)
Realisation: Hans Noever
Dauer: 39'50
Ursendung: BR 2, 4.2.1972
Parallel zu seinem von einigen umjubelten, von anderen als verstörend empfundenen Hörspieldebüt startete der Autodidakt Hans Noever Anfang der 70er Jahre eine steile Karriere als Filmemacher und Fernsehregisseur. Zahlreiche Spielfilme folgten dem deutsch-französischem Erstling »Zahltag« seit 1973, darunter »Die Frau gegenüber« (1978), »Die Nacht mit Chandler« (1980) und »Lockwood Desert Nevada« (1987), ausgezeichnet mit einem Bayerischen Filmpreis.
huw
* 30. 6. 1944 Hamburg
Der in Berlin lebende Alfred Behrens ist ein Medienprofi par excellence. Er hat als Werbetexter, Journalist und Übersetzer sowie als »Programme Assistant« bei der BBC gearbeitet und gehört heute zu den produktivsten Hörspielautoren in der Bundesrepublik. Nur einige Titel aus seinem radiophonen Œuvre seien angeführt: »Frischwärts in die große Welt des totalen Urlaubs« (SDR 1974), »Tagebuch einer Liebe oder Jetzt erzählen wir uns eine Geschichte, in der jetzt immerzu jetzt bleibt« (SDR 1978), »Die Reise an den Anfang der Erinnerung« (SDR 1980), »Autoreverse« (SWF/SFB 1987) sowie »Die Fabrik, das Zimmer, die Fabrik«, HR/BR/SWF 1990). Darüber hinaus hat sich Behrens inzwischen auch einen ausgezeichneten Namen als Drehbuchautor für dokumentarische Szenarien gemacht.
Seine Hörspiele waren und sind stets auf der Höhe der radiophonen Entwicklung. Sie erproben jeweils das dramaturgisch und technisch Machbare, ohne dabei modischen Trends zu unterliegen. Das galt für die faszinierende O-Ton-Reise durch Europa in »Locomotion« (HR/BR/SFB 1987) ebenso wie für das preisgekrönte Science-Fiction-Stück »Das große Identifikationsspiel«, ein Hörspiel aus dem anbrechenden Zeitalter des Starkults und der Massenmanipulation bei gleichzeitiger Kommunikationslosigkeit in einer überlauten Mediengesellschaft. Mit kritischer Ironie und bissigem Zungenschlag werden willfährige Medienkonsumenten als manipulierbares »Identifikationsmaterial« im Glamour der elektronischen Scheinwelt missbraucht. Die Süchtigen werden »zwangsgetrippt«, sodass die Privatdetektive Dai Brysin und Lemmy Fergusson alle Mühe haben, die »atmenden Leichen« kontrolliert aus ihren Träumen abstürzen zu lassen.
In der Regieanweisung zu dem preisgekrönten Hörspiel notierte der Autor: »Für die Realisation dieses Hörspiels stellen meine Ohren sich eine durchgehende elektronische Musik-Geräusch-Montage vor, die die Funktion erfüllt, die drei textlichen Hauptelemente – Thriller, Kino und ScienceFiction – radiophonisch wirksam werden zu lassen.« Der Berliner Popmusiker Klaus Schulze setzte dies um, ein Künstler, der zuvor bei »Tangerine Dream« und »Ash Ra Temple« gespielt hatte.
Die Fachkritik feierte Behrens mit dieser Mischung aus Krimi, Science-Fiction und handfester Medienkritik als einen weiteren Vertreter des so genannten Neuen Hörspiels. Harry Neumann sprach anerkennend vom »reinsten Andy-Warhol-Hörspiel« und ergänzte: »Eines der (noch) seltenen Hörwerke, in denen die Stereophonie nicht bloß zusätzliches Reizmittel, sondern integrierender Bestandteil des Stoffes ist« (Funk-Korrespondenz, 28.2. 1974). Winfried Geldner hob hervor: »Die Wahl der Synchronsprecherstimmen, der unterlegte futuristische Geräuschteppich, Zwitschern, Dröhnen, vielfach moduliert, Collagen aus Twentieth Century Fox- und MGM-Thema, Eurovisionsthema und Filmmusiken, Wembley-Hits, Stadionatmosphäre mit exakt aufgelegter Reportage zeigten, zu welchem Faszinationsgrad sich das Hörspiel noch immer aufschwingen kann.« (epd/Kirche und Rundfunk, 22. 8. 1973)
Produktion: BR/RIAS 1973
Mitwirkende: Christian Brückner (Erzähler); Wolfgang Hess (Jack The Tripper); Leo Bardischewski (Jackie The Tripper); Hellmut Lange (Dai Brysin); Fred Maire (Jim Burns); Margot Leonhard (Betty Bums); Niels Clausnitzer (Sam Change); Klaus Kindler (Lemmy Ferguson); Rudolf Neumann (Dev Neidlinger); Christian Marschall (Jenkins); Michael Lenz (Myers); Manfred Seipold (Snatcher); in weiteren Rollen sprechen: Marlis Compere, Heinz Detlev Bock, Josef Manoth, Leon Rainer, Klaus Seidel, Martin Urtel
Musik: Klaus Schulze
Regie: Alfred Behrens
Dauer: 68'40
Ursendung: BR, 17. 8. 1973
»Behrens kennt sich in den von den Medien geschaffenen Traumräumen so gut aus, weil er von der Pike auf gelernt hat, wie man Bewußtsein verändern kann. Er ist ein ebenso erfahrener wie gewitzter Psychologe der Werbestrategie, die darauf aus ist, dem Konsumenten vorzugaukeln, die Scheinrealität sei die eigentliche Realität. Der Autor macht sich diese Strategie zu eigen, dreht jedoch den Spieß um, indem er zeigt, daß – zum Beispiel – die angeschwärmten Idole (Filmstars, populäre Fußballspieler) gar nicht mehr als Personen, sondern nur noch als synthetische Medien existieren.« (Helmut M. Braem in der Stuttgarter Zeitung, 28. 3. 1974)
chh
*1. 2. 1935 Köln
Dieter Kühn ist seit den 80er Jahren vor allem als Romancier bekannt, als intimer Kenner mittelalterlicher Literatur, als meisterhafter Übersetzer aus dem Mittelhochdeutschen und als Biograph. »Ich Wolkenstein« (1977), »Herr Neidhart« (1981), »Der Parzival des Wolfram von Eschenbach« (1986), »Neidhart aus dem Reuenthal« (1988) sowie »Tristan und Isolde des Gottfried von Straßburg« (1991) – lauten die Stationen eines beispiellosen Erfolgs. Die Kenntnis dieser Literatur und das Interesse an diesen Texten schafften im Zuge einer allgemeinen Mittelalter-Begeisterung den Sprung über das Mediävistik-Seminar in die breite Öffentlichkeit. Doch Dieter Kühn – der Hörspielautor?
Sieht man von einigen Hörspielen über Bettine von Arnim und Clara Schumann in den 80er und 90er Jahren ab, ist der Schwerpunkt der radiophonen Arbeit Dieter Kühns zwei Jahrzehnte zuvor anzusiedeln. Diese literarischen Anfänge in einem mittlerweile immensen Gesamtoeuvre sind heute nahezu vergessen. Dazu hat auch der Autor selbst beigetragen, da seine mehr als siebzig Hörspieltitel schwierig zu überblicken sind. Er ließ sich nicht an eine Hörspielabteilung binden, die seine Produktionen pflegte, sondern produzierte seit 1960 für fast alle Rundfunkanstalten. Er nutzte das Radio als Experimentierfeld, ergriff die Chance, Revisionsfassungen zu erstellen und verschiedene Inszenierungen anzuregen (auch die preisgekrönten »Goldberg-Variationen« haben neben der Inszenierung durch Regisseur Heinz von Cramer eine weitere, 1975 in Graz durch den Autor selbst eingespielte Fassung, in der die ursprünglich von Dieter Kühn vorgesehene Musikimprovisation des Jazzkomponisten Wolfgang Breuer verwendet wurde). Einen letzten Grund schließlich für diese Unüberschaubarkeit des Kühnschen Radiowerks nennt Eva-Maria Lenz: »Kühns unermüdliche akustische Expeditionen schließen auch das Risiko beträchtlicher Niveauschwankungen der Ergebnisse, ja des gelegentlichen Mißlingens ein. So hat der Autor Ende der siebziger Jahre (...) einen großen Teil früherer Hörspiele gesperrt, darunter eine Handvoll Debütstücke.« Lenz, die sich intensiv mit den Kühnschen Rundfunkarbeiten beschäftigt hat, spricht von »Hörlustspielen« (u. a. »Die Fünf-Uhr-Marquise«, WDR 1969), »Sprachregelungsspiele« (u.a. »Große Oper für Stanislaw den Schweiger«, BR/NDR/WDR 1973) sowie von »Kontroversen von Text und Musik zu Kunst und Leben«. Zu dieser letztgenannten Kategorie gehören »Schlachtsinfonie« (WDR 1970), in der sich Kühn mit dem ersten Teil von Beethovens einst überaus populärer Battaglia »Wellingtons Sieg« auseinandersetzt, sowie mehrere Arbeiten um den Komplex Richard Wagner und Ludwig Il. Im Zentrum dieser Text-Musik- bzw. Kunst-und-Leben-Hörspiele aber stehen die »Goldberg-Variationen«.
Produktion: BR/HR 1974
Mitwirkende: Ernst Jacobi (Graf Keyserlingk)
Regie: Heinz von Cramer
Dauer: 52'25
Ursendung: BR 2, 28. 6. 1974
»Dieses Hörspiel geht aus von einer historischen Vorlage: ein Musiker, Goldberg, steht im Dienst eines Fürsten, Keyserlingk. Freilich wird die Beziehung dieser beiden historischen Figuren nicht rekonstruiert, hörbar wird vielmehr ein Modell, das vorspielt und durchspielt, wie (auch) Musik dienstbar gemacht werden kann. Oder: welche Funktionen (auch) Musik auferlegt werden können und was solche Funktionen aus Musik machen können (...). Es findet statt ein Dialog zwischen einem Sprecher und einem Musiker, der freilich nur in Musik präsent ist, nicht selbst zu Wort kommt. Das Hörspiel ist eine Variationsreihe, wie schon der (übernommene) Titel andeutet: in immer neuen Konstellationen wird das Verhältnis von Sprechen und Musikmachen durchspielt. « (Dieter Kühn an die Hörspielabteilung des Bayerischen Rundfunks, 28. 6. 1973)
huw
* 14. 9. 1947 Dümpelfeld bei Adenau/Eifel
Er gehört heute zu den führenden und wichtigsten Hörspielregisseuren in der Radiolandschaft der Bundesrepublik Deutschland. Kein Hörspielprospekt von einer der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ohne seinen Namen: Walter Adler. Er bürgt für modernes (aber keineswegs modisches) Arrangement der Stimmen und Figuren. Gerühmt werden seine handwerkliche Perfektion in der Stimmenführung seiner Schauspieler, so dass seine Regiehandschrift zum Gütesiegel für zahlreiche Hörspielbearbeitungen geworden ist, die der Autor-Regisseur nicht selten selbst in die Hand genommen hat. Ob er beispielsweise den Kriminalroman »Fahrstuhl zum Schafott« von Noël Calef für eine herrliche Krimistunde einrichtet (SWR 1999) oder in Max Frischs »Triptychon« (DLF/SDR/SFB/WDR 1979) die Regie führt – immer kann der Hörer sicher sein, ein exzellentes radiophones Stück zu Gehör zu bekommen, in ästhetischer und in technischer Hinsicht.
Diese Karriere im Dienste des Hörspiels war keineswegs voraussehbar: Nach einer Lehre als Industriekaufmann betätigte sich Adler als Bühnenarbeiter, Schauspieler und Regieassistent, bevor er schließlich von 1969 bis 1971 als Regiedebütant in die Hörspielabteilung des Südwestfunks gelangte. Danach war Walter Adler vor allem freiberuflich tätig.
In »Centropolis«, dem 1976 preisgekrönten Hörspiel, stach vor allem die Erprobung der neuen »Kunstkopf-Tontechnik« hervor. Ein neuer, nahezu dreidimensionaler Tonraum war durch die technische Errungenschaft möglich geworden, der deutlich präziser als bei den stereophonen Produktionen zwischen »vorne« und »hinten« unterscheiden konnte. Diese »Kunstkopf«-Technik, die beim Hörer freilich immer einen Kopfhörer zur Voraussetzung hatte, setzte sich später nicht durch; sie sollte eine Episode in der Hörspielentwicklung bleiben. Die Jury des Hörspielpreises der Kriegsblinden konstatierte über »Centropolis« und über die »Kunstkopf«-Möglichkeiten: »Frappierend und für das Hörspiel konstitutiv ist die Genauigkeit, mit der Adler falsche Sprache, Klischees, die Leerformeln der Medien zu entlarven weiß. ›Centropolis‹ demonstriert, daß Spannung und Unterhaltsamkeit noch und wieder ohne Preisgabe von Qualität möglich sind.«
Produktion: WDR/BR/SWF 1975
Mitwirkende: Ernst Jacobi (Balt); Cordula Trantow (Pat); Eva-Katharina Schulz (Mary); Hans Korte (Kain); Gustl Halenke (Aufnahmeleiterin); Hans Caninberg (Chefarzt); Michael Degen (Lautsprecher); Rosel Schäfer (Terroristin); sowie in weiteren Rollen: Gertraud Heise, Marianne Lochert, Gerd Andresen, Heinz Meier, Michael Thomas, Heiner Schmidt u. a.
Realisation: Walter Adler
Dauer: 48'35
Ursendung: WDR, 2.12.1975
»Wo befinden wir uns? Im New York von heute oder von morgen? Mit Hilfe einer verfeinerten Stereophonie, der sogenannten Kunstkopftechnik, werden wir mit dem Science-fiction-Hörspiel ›Centropolis‹ von Walter Adler (...) in eine unheimliche Welt staatlich sanktionierter Verbrechen hineingeführt, hineingesogen. Im Grunde herrscht Anarchie. Aber diese Anarchie stellt sich dar im Gewande einer alles überwachenden, jede Freiheitsregung drosselnden totalen Herrschaft.« (Kurt Lothar Tank im Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt, 28.3.1976)
chh
* 21. 5. 1938 Basel/Schweiz
Vierzig oder mehr Hörspiele dürfte der Schweizer Nachbar Urs Widmer im Laufe der Jahre gewiss geschrieben und produziert haben. Er ist dabei vor allem dem ehemaligen Südwestfunk und seinem Chefdramaturgen Heinz Naber treu geblieben, produzierte aber auch für andere ARD-Rundfunkanstalten.
Den begehrten Karl-Sczuka-Preis des Südwestfunks errang der Autor-Regisseur bereits 1974 mit seinem Hörspiel »Die schreckliche Verwirrung des Guiseppe Verdi« (SWF 1974). In der Laudatio zu dieser Auszeichnung formulierte der Juror Tibor Kneif treffsicher: »Aber zweifelsohne ist in der ästhetischen Botschaft des Werkes eine andere, gesellschaftskritische verschlüsselt, die uns alle brennender denn je angeht. Es kommt darauf an, welche Schlüssel man zu ihrer Enträtselung verwendet. Ideologisch Verbogene werden, so scheint es, zu Urs Widmers Hörstück keinen Zugang finden.« Kurz: Widmers Hörspiele eignen sich in der Tat nicht für irgendeine Vereinnahmung. Sein Witz ist hintergründig und macht einen großen Bogen ums einfache Verlachen und alle Stammtischgrimassen, auch die akustischen.
»Fernsehabend« nahm bereits 25 Jahre vor »Big Brother« die Debilisierung und mentale Analphabetisierung des Fernsehkonsumenten im Angesicht des medialen Entertainments kritisch unter die Lupe. Das Lachen hält dem Lacher immer zugleich den eigenen Spiegel vor Ohren und das macht die Botschaften des Schweizers immer auch etwas unbequem für die (deutschen) »Lauscher«. Der Autor: »Ich bin nicht gekränkt, wenn jemand ein Hörspiel von mir kurzweilig findet, im Gegenteil. Wenn sich aber die Forderungen nach der unaufhörlichen Unterhaltung im Rundfunk durchsetzen, werde ich nicht mehr vergnügt sein können, weil meine Heiterkeit als Tarnung für sehr unheitere Vorgänge wirken wird.«
Produktion: SWF 1976
Mitwirkende: Dieter Eppler (Mann); Elisabeth Schwarz (Frau); Johannes E. Naher (Kind)
Regie: Urs Widmer
Dauer: 36' 10
Ursendung: SWF, 6. 5. 1976
»Ein Hauch von Melancholie und surrealem Widersinn gibt Widmers kleinem Stück, das im übrigen klug, freundlich und mit Witz einen Verschnitt bundesbürgerlicher Normalität aufbereitet, so etwas wie Tiefgang. Vorm Fernsehschirm, der von Fußball über Parlamentsdebatte bis Tierfilm das Übliche präsentiert, reden Mann und Frau über Gott und die Welt. Sie reden über Beckenbauer und Invasionen von einem anderen Stern, über Kampfbienen am Amazonas und Störche, über das Glück und übers Sterben – viel gehobenes Massenmedienhalbwissen und ein kleiner Rest Selbsterfahrenes.« (Heinrich Vormweg im Kölner Stadt-Anzeiger, 14. 4. 1977)
chh
* 17. 6.1937 Swinemünde
Nur einmal in der Geschichte des Hörspielpreises der Kriegsblinden wurde die Auszeichnung an einen amtierenden Hörspielchef verliehen. 1978 erhielt sie Christoph Buggert als Verfasser einer bitterbösen, aggressiven Satire; zu einem Zeitpunkt, als der 40Jährige bereits seit zwei Jahren sehr erfolgreich die Hörspielabteilung des Frankfurter Senders leitete.
Der Hörspielautor und der Hörspieldramaturg, der Romancier und der Redakteur – diese produktive Spannung war und ist konstitutiv für den 1937 auf der Insel Usedom in einem Pfarrhaus geborenen, in Pommern und in Bremen aufgewachsenen Christoph Buggert. Seit Schülertagen schreibt er; in der Freiburger Studentenzeit entstand ein unveröffentlichter Roman; seit 1972 – zunächst als Hörspieldramaturg beim BR, dann als Abteilungsleiter beim HR – ist sein Name untrennbar mit der Geschichte des deutschen Hörspiels verknüpft. Bisherige Bilanz: Mehr als ein gutes Dutzend Hörspiele in 30 Arbeitsjahren, dazu ein autobiographisch verdichteter Roman mit dem Titel »Das Pfarrhaus. Buch der Entzückungen« (1988); daneben das nicht zu quantifizierende Wirken etwa als Förderer des Kurzhörspiels in den 70er Jahren und des O-Ton-Hörspiels seit den 70er und 80er Jahren sowie als Mentor der groß angelegten »Radiotage« des Hessischen Rundfunks in den späten 90er Jahren. Zwei Gesichter, zwei Seiten eines »Hörspielers«.
»Unter allen Deutungen der Situation, in der wir leben, ist die für mich die einleuchtendste, daß wir uns in einen Zustand der totalen Desorientierung hineinbewegen«, äußerte der Autor Christoph Buggert 1977 über seinen literarischen Beweggrund und führte über »Vor dem Ersticken ein Schrei« aus: »Mein Hörspiel ist eine Beschreibung der zunehmenden Müdigkeit in uns, der Erschöpfung, der Unfähigkeit, weiterhin auseinanderzuhalten, was eigentlich sein sollte und was so nicht sein darf.« In einer Collage grotesker, absurd zugespitzter Kleinszenen brachte Buggert diese seine Entfremdungsobsession zum Ausdruck, bannte die »wahnsinnigen« Phänomene der Gesellschaft.
»Vor dem Ersticken ein Schrei« bildete den ersten Teil einer »Trilogie des bürgerlichen Wahnsinns«, deren zweiter – »Nullmord« – 1987 und deren dritter Teil unter dem Titel »Blauer Adler, Roter Hahn« 1989 beim WDR produziert worden sind.
Produktion: WDR/BR 1977
Mitwirkende: Eva Garg, Ingeborg Schlegel, Sigrun Höhler, Gisela Claudius (Weibliche Stimmen); Charles Wirths, Christian Brückner, Rudolf Jürgen Bartsch, Josef Meinertzhagen (Männliche Stimmen); Elsbeth Heurich (Alte Frau); Will Court (Alter Mann); Jan Mehrländer (Kind)
Regie: Raoul Wolfgang Schnell
Dauer: 67'48
Ursendung: WDR, 20.9. 1977
»Eine Frau soll ihren wahrscheinlich verunglückten Mann beschreiben, ihr fällt nichts ein. Auf einer Urlaubsfahrt durch Südfrankreich kommt einem Ehepaar der eigene Name, die eigene Adresse abhanden. Ein Mann zieht den Schluß, daß Partnerschaft auf Angestelltenbasis zeitgemäßer ist als jedes überlieferte Partnerschaftsprinzip. Und so weiter ... (Aus dem Pressetext zum Hörspiel »Vor dem Ersticken ein Schrei«)
huw
* 10.9.1929 Erfurt
† 17. 6. 1996 Karlsruhe
In der bundesrepublikanischen Nachkriegsliteratur nimmt Reinhard Lettau eine besondere Stellung ein: Ein deutscher Literaturwissenschaftler, der in Harvard promovierte und viele Jahre in den USA lehrte, ein Prosaautor, dessen schmales Werk zwischen 1962 und 1994 erschien und von Perioden literarischer Abstinenz gezeichnet war. Ein Poet und Essayist, der zeitgenössisch immer wieder für Aufsehen sorgte und trotzdem bei seinem frühen überraschenden Tod 1996 den Lesern von den Feuilletonisten erst wieder ins Bewusstsein gebracht werden musste.
Lettau debütierte 1962 mit »Schwierigkeiten beim Häuserbauen«, parabolischen Erzählungen voller hintergründig-groteskem Humor. Dem Prosaband folgten »Auftritt Manigs« (1963), »Gedichte« (1968), »Feinde« (1968) und »Immer kürzer werdende Geschichten & Gedichte & Porträts« (1973) – Veröffentlichungen, über die Karl-Heinz Bohrer urteilte, dass darin »die Widerlegung autoritären Denkens durch seine absurden Konsequenzen« erfolge. Lettau war ein hochpolitischer Autor, ein Schriftsteller jedoch, der Schreiben und Handeln kategorisch trennte. »Wenn ich Politik machen will, gibt es Tribünen, von denen ich meine Ideen ausdrücken kann«, erklärte er 1963, zu einem Zeitpunkt, als junge Intellektuelle in Deutschland den Tod der Literatur auf ihre Fahnen schrieben. Auf eine Rede hin, in der Lettau 1967 in Berlin die Springer-Presse attackierte, wurde er als amerikanischer Staatsbürger aufgefordert, die Bundesrepublik zu verlassen. Er ging zurück in die USA, wo er eine Literatur-Professur an der Universität von Kalifornien in La Jolla übernahm.
»Die Frühstücksgespräche in Miami« waren 1977 – nach »Täglicher Faschismus. Amerikanische Evidenz aus 6 Monaten«, einer dokumentarischen Analyse über die Frage »Welche Verbrechen teilen uns die Mächtigen in ihren Medien mit?« – ein literarisches Comeback, ein Text, in dem sich Lettau das erste und einzige Mal an der dramatischen Form versuchte. Die Gesprächsszenen um lateinamerikanische Diktatoren in einer Hotelhalle in Florida waren vom Süddeutschen Rundfunk im April 1978 als Hörspiel eingespielt worden, das Stadttheater Gießen führte das Stück im September des selben Jahres auf.
Reinhard Lettau kehrte nach der Vereinigung 1991 aus den USA nach Deutschland zurück. 1993 erhielt er den Berliner, 1995 den Bremer Literaturpreis verliehen. Sein literarisches Gesamtwerk, das nach seinem Tod neu herausgegeben wird, findet große Aufmerksamkeit.
Produktion: SDR/HR/WDR 1978
Mitwirkende: Karl-Maria Schley (Vorsitzender); Hannes Messemer (Präsident Amulio Manuel Rosa); Wolfgang Engels (General Wessin y Wessin); Traugott Buhre (General Miguel Mimosa); Ulrich Matschoss (General Luis Torrijos); Ernst Jacobi (Der Professor) sowie Brigitte Buhre, Monika Debusmann u. a.
Musik: Peter Zwetkoff
Regie: Walter Adler
Dauer: 65'20
Ursendung: Südfunk 2, 27.4. 1978
»Ein Hotel in Miami (USA) beherbergt abgehalfterte lateinamerikanische Diktatoren, Generäle, Gefolgsleute, Geheimdienste. Unabgerissen sind die Beziehungen zum Vaterland und zum Gastland; zwischen Gegenwart und Vergangenheit, Persönlichem und Politischem fetzen die Szenen und Gespräche auseinander.« (Presseankündigung des Süddeutschen Rundfunks)
huw
* 24. 12. 1931 Buenos Aires/Argentinien
Mauricio Kagel, obwohl im südamerikanischen Buenos Aires geboren, ist maßgeblicher Erneuerer des deutschen Hörspiels, ein Sprech- und Klangvirtuose, der Ton und Wort souverän zu verschränken weiß. In seinem internationalen Schaffen verbindet sich das, was im besten Sinne als multikulturelle Leitkultur zu verstehen wäre. Nach ersten musikalischen Engagements in Argentinien kam Kagel 1957 als Stipendiat des Deutschen Akademischen Austauschdienstes in die Bundesrepublik. Von 1969 an leitete er das Institut für Neue Musik an der Rheinischen Musikschule und wurde 1974 zum Professor für Neues Musiktheater an der Musikhochschule in Köln ernannt. Vor allem sein Kurs »Musik als Hörspiel« fand breite Beachtung. Für sein Hörwerk »Die Umkehrung Amerikas« wurde Kagel 1977 mit dem Prix Italia ausgezeichnet; zweimal – 1970 und 1995 – erhielt er den Karl-Sczuka-Preis für seine beim WDR produzierten Stücke »Ein Aufnahmezustand« sowie »Nah und Fern. Radiostück für Glocken und Trompeten im Hintergrund«.
Als ihm 1980 für »Der Tribun« der Hörspielpreis der Kriegsblinden zuerkannt wurde, gab es Stimmen in der Jury, die fast wehmütig attestierten, Mauricio Kagel hätte den Hörspielpreis eigentlich schon viel früher verdient: zum einen für »Soundtrack« (WDR 1975), zum anderen für »Die Umkehrung Amerikas« (WDR 1977). Kagel zeigte im »Tribun« – übrigens in einer interessanten Fortschreibung der Lettauschen Diktatoren-Satire des Vorjahrs – die Kritik an mächtigen politischen Marionetten. Kagel, Skriptschreiber, Regisseur und Sprecher in einem, zeigt im »Tribun« das vollständige Spektrum dessen, was Hörspiel als ars sui generis auszeichnen kann: kunstvolle Sprache und Musik, einmalig und unverwechselbar konzipiert für die medialen Möglichkeiten des Rundfunks und seine Hörer.
Produktion: WDR 1979
Mitwirkende: Mauricio Kagel (Der Tribun)
Musik: Mauricio Kagel
Regie: Mauricio Kagel
Dauer: 55'55
Ursendung: WDR, 19.11. 1979
»Während einer Reihe von Jahren versuchte ich, gewisse Elemente zu abstrahieren, die zu politischen Reden gehören. Ich schrieb etwa 500 Karteikarten mit stichwortartigen Themen. Die Entstehung meines Hörspiels ›Der Tribun‹ bestand daraus, in ein Studio eingeschlossen zu werden, um mit Hilfe der Karteikarten stundenlang zu improvisieren und somit in den Zustand eines Politikers zu kommen, der überzeugen muB. Ich habe nicht (einen bestimmten Text) gelesen, sondern meine Rede frei gehalten, mit Hilfe einer breiten Palette von Wut bis Pseudoliebe, von verwerflicher Rhetorik bis Betonung von Edelgedanken, um einen Zustand unaufhörlichen Sprechens zu rekonstruieren.« (Mauricio Kagel in dem Vortrag »Realität und Fiktion im Radio und Hörspiel« auf der Hörspieltagung der European Broadcasting Union (EBU) in Berlin, 27. 11. 1981)
chh
* 29.4.1929 Rostock
Sein Name verband sich lange Zeit ausschließlich mit seinen Romanerfolgen (und deren Verfilmungen): »Tadellöser & Wolff« (1971) und »Uns geht's ja noch gold« (1972) – Chroniken der deutschen Geschichte und immer auch die Saga der eigenen Familie. Es war eine bemerkenswerte literarische Karriere, die den Sohn eines Rostocker Reeders zu einem der meist gelesenen deutschen Gegenwartsautoren werden ließ.
In Walter Kempowskis Biographie spiegelte sich bis dahin vieles der deutsch-deutschen Kriegs- und Nachkriegswirklichkeit wider: Aus dem Flakhelfer der letzten Kriegstage wurde nach 1945 ein Druckerlehrling, der zwischen West und Ost, zwischen Wiesbaden und Rostock pendelte. 1948, bei einem Besuch der Elternstadt, wurde er unter Spionageverdacht verhaftet und von einem sowjetischen Militärtribunal zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Mehrere Jahre saß er in Bautzen ein, bevor er 1954 amnestiert wurde. Im Westen dann holte er das Abitur nach, studierte Pädagogik und wurde Landschullehrer in Niedersachsen. 1980 ließ er sich beurlauben und lebt seither als freier Schriftsteller in Haus Kreienhoop bei Nahrtum.
In diesem Jahr 1980 gründete Kempowski ein eigenes zeithistorisches Archiv, in dem er begann, Lebenszeugnisse zu sammeln – Fotos und Briefe, Tagebücher und Berichte, Biographien und Erinnerungsnotate –, geschichtliche Dokumente von Privatpersonen, Augen- und Ohrenzeugen, so genannten kleinen Leuten; mit überwältigender Resonanz, wie bislang 3000 Familiennachlässe und rund 200 000 Fotos bei ihm demonstrieren. Erwies sich der Autor Kempowski bereits in seinen früheren Veröffentlichungen als scharfsinniger Protokollant und aufmerksamer Chronist des deutschen Bürgertums, so steigerte der Sammler und Arrangeur Kempowski das Collage-Prinzip in seinem »Echolot«-Projekt zu bislang ungeahnten Dimensionen. 1993 erschienen die ersten vier – von der Kritik und dem Publikum euphorisch aufgenommenen – Bände des »kollektiven Tagebuchs 1943 -1949« unter dem Titel »Echolot«, gefolgt 1999 von weiteren 3 200 Seiten »kollektiven Tagebuchs« zwischen dem 12. Januar und dem 14. Februar 1945«.
Speziell dieses »Echolot ll«-Material lag einem der spektakulärsten Rundfunkarbeiten in den 90er Jahren zugrunde, der 14stündigen Ton-Collage »Der Krieg geht zu Ende. Chronik für Stimmen. Januar bis Mai 1945«, gesendet zum 50. Jahrestag des Kriegsendes am 7. Mai 1995 als »Radiotag« des Hessischen Rundfunks. Doch die Beziehung Walter Kempowskis zum Rundfunk reichte bis in die 70er Jahre zurück. Als kulturkritischer Originalton-Autor hatte er für »Beethovens Fünfte«, einem Originalton-Hörspiel (NDR/SDR 1975/76), bereits den Karl-Sczuka-Preis erhalten; für »Moin Vaddr läbt« (HR 1980), eine sensible Hörballade, war dem stark vom Elternhaus und von seinem im Weltkrieg gefallenen Vater geprägten Autor der Hörspielpreis der Kriegsblinden verliehen worden.
Produktion: HR 1980
Mitwirkende: Ernst Jacobi (Erzähler); Friedrich Maurer (Mahn 1); Dieter Borsche (Mahn 2); Käthe Haack (Fruè); Bruni Löbel (Fruè 2); Anette Conrad (Kind); Bettina Döser (Kind); Matthias Ebert (Kind); Elisabeth Miserre (Kind); Lars Rösner (Kind); Daniel Sailer (Kind)
Musik: Peter Zwetkoff
Regie: Horst H. Vollmer
Dauer: 33' 15
Ursendung: HR 2, 25.2. 1980
»Kempowski verwendet eine erfundene, aus Elementen des Jiddischen, Schlesischen und Niedersächsischen zusammengesetzte Sprache. Kempowski, der sich hier ›Wullar Kinnpusku‹ nennt, erscheint nicht, wie in seinem Roman, in der Distanz des Erzählers. Er bringt sich als Betroffener ins Spiel. Die sprachliche Verwebung von Opfern und Tätern und die Versöhnung in der guten Welt der Kinder gibt diesem Hörspiel über das ganz Persönliche hinaus den Wert des Dokumentarischen.« (Thomas Thieringer in der Frankfurter Rundschau, 26.3.1981)
huw
* 10. 12.1938 Leipzig
Er sei in »eine Wirklichkeit voller Gewalt« hineingeboren worden, so markierte Peter Steinbach 1982 den Ausgangspunkt seiner schriftstellerischen Medienarbeit; in die »Wirklichkeit einer Zivilisation des Grauens«, wie er betonte, der nur durch den »Mut zur totalen gewaltlosen Verweigerung« zu begegnen sei: »Wer Schwerter zu Pflugscharen umschmieden will, der muß die verfluchten Schwerter erst einmal von sich werfen.« Die Debatte um den so genannten NATO-Nachrüstungsbeschluss in der Bundesrepublik war auf einem Höhepunkt angekommen, und die deutsch-deutsche Auseinandersetzung trieb einer neuen Eiszeit entgegen. In diese Situation hinein hielt Peter Steinbach eine der politisch markantesten Reden in der Geschichte des Hörspielpreises der Kriegsblinden.
Dieses Engagement, diese Auseinandersetzung mit der deutschen NS-Geschichte, mit dem Kriegsgeschehen und den Erfahrungen der Nachkriegszeit beherrschten den in Leipzig geborenen, seit 1954 zunächst in Kiel, dann auf einer dänischen Insel lebenden Fernseh- und Hörspielmacher. In den 60er Jahre entstanden erste literarische Arbeiten, Theater- und Hörfunkarbeiten, Kinderbücher; Geschichten von einfachen Leuten, die um das Thema Heimat- und Wurzellosigkeit kreisen.
1974 wurde sein erstes Hörspiel gesendet, »Immer geradeaus und geblasen«, dessen Recherche-Material auch in das Drehbuch für den Film »Die Stunde Null« einging, den Edgar Reitz 1976 realisierte. Speziell die Ereignisse dieser vermeintlichen Wendezeit in Europa und die Entwicklungen ab dieser »Stunde Null« kehrten von nun an immer wieder: in den Drehbüchern zum dreiteiligen Fernsehprojekt »Das Dorf« in den 80er Jahren ebenso wie in dem preisgekrönten Hörspiel »Hell genug – und trotzdem stockfinster«.
In der Begründung der Jury wurde hervorgehoben: »Steinbach schildert bedrückende Vorgänge bei Kriegsende in einem Dorf, das von den Amerikanern besetzt wird. Er verbindet die zeitgeschichtliche Dokumentation mit aktueller Zeit- und Medienkritik, indem er ein Fernseh-Reportageteam, für das die Menschen nur verwertbares Material sind, jene Vorgänge konstruieren läßt.«
Hörspiel und Fernsehen – in beiden Medien ist Peter Steinbach einer der produktivsten Autoren. So entstammen seiner Feder nicht nur die Drehbücher zu Edgar Reitz' »Heimat«-Epos, zur Fernsehverfilmung von Viktor Klemperers Tagebüchern sowie zusammen mit Christoph Busch zur Verfilmung von Uwe Johnsons »Jahrestage«, sondern mittlerweile auch mehr als 30 Hörspiele, darunter – ebenfalls zusammen mit Christoph Busch »Mein wunderbares Schattenspiel«, eine westfälische Alltagsgeschichte, in deren Mitte ein kleines Kino steht, eine Kino-Geschichte im Hörspiel.
Produktion: WDR 1981
Mitwirkende: Klaus Herm (Reporter); Franziska Grasshoff (Assistentin); Michael Gspandl (Kameramann); Wolfgang Wagner (Johannes Gass heute); Marcus Riedel-Weber (Johannes Gass – damals); Günther Mack (Erzähler) sowie Erwin Dittberner; August Dahl; August Schmittinger u. v. a.
Regie: Bernd Lau
Dauer: 59'33
Ursendung: WDR, 8.10.1981
huw
* 29.1. 1932 Limbach
† 1. 7. 1993 Erding
Als ihm 1983 der Hörspielpreis der Kriegsblinden überreicht wurde, war der 50jährige Schriftsteller, Publizist und promovierte Literaturwissenschaftler Gert Hofmann zwar kein literarischer Newcomer mehr, doch er stand erst am Beginn seines fulminanten Schaffensdranges. In den fast eineinhalb Jahrzehnten zwischen 1980 und seinem Tod 1993 sicherte er sich mit knapp 20 Romanen, Novellen und Prosaarbeiten einen einzigartigen Ruf als Erzähler in der deutschen Gegenwartsliteratur. »Die letzte große Hoffnung auf eine zeitgenössische Prosakunst, die an die Traditionen der Moderne anknüpft«, rühmte Jens Jessen im Nachruf der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung«, und der »Tagesspiegel« sicherte ihm neben den literarischen Paten Thomas Bernhard und Elias Canetti einen festen Platz zu. Ein faszinierender Ruhm, den sich der eigenwillig melancholische und gleichzeitig engagiert aufklärerische Prosaist, angefangen bei der Novelle »Die Denunziation« (1979) über seinen bekanntesten Roman »Der Kinoerzähler« (1990) bis zum Lichtenberg-Roman »Die kleine Stechardin« (posthum 1994 erschienen) erschrieben hatte.
Gegenüber dem Erzähler Gert Hofmann trat der Dramatiker und Rundfunkautor im Bewusstsein der Öffentlichkeit zurück. In den 60er und 70er Jahren, als der Germanistikdozent zunächst noch an verschiedenen europäischen Universitäten arbeitete, waren mehrere Bühnenwerke entstanden, und von 1972 an schrieb Gert Hofmann stetig an einem Hörspielœuvre von annähernd 50 Sendungen, auch sie jedoch ein integraler Bestandteil des auffallend geschlossenen literarischen Werkes Hofmanns, eines Kosmos, in dem immer wieder die gleichen Figuren, Motive und Konstellationen auftauchen und obsessiv umkreist werden. »Mein Interesse gilt weniger den Möglichkeiten des Mediums«, führte Hofmann bei der Verleihung des Hörspielpreises der Kriegsblinden aus, »als denen des Menschen, mit ihm ist mein Los enger verknüpft. Der Schauplatz meiner Werke, ob man sie nun liest oder hört, ist und bleibt der Menschenkopf, der, da es ein moderner Kopf ist, ein unübersichtlicher, heikler, von allen Seiten bedrängter, von Druck, Lärm und Gestank unablässig überfluteter, mit sich selbst und den anderen tödlich entzweiter Kopf ist. Davon handle ich.«
Dass gerade ein literarischer »Kopf« wie der des Schweizer Robert Walser besondere Anziehungskraft besaß, wird vor dem Hintergrund dieser Aussagen verständlich. Mehrfach taucht dieser daher im Werk Hofmanns auf, etwa im Schauspiel »Der Austritt des Dichters Robert Walser aus dem Literarischen Verein«, 1983 uraufgeführt, sowie im preisgekrönten Hörspiel um dessen tragikomisches Liebeswerben um eine schlichte, lebenskluge Frau.
Produktion: NDR/HR 1982
Mitwirkende: Alfred Eich (Robert Walser); Miriam Spoerri (Frieda Mermet); Horst Keitel (Konsul Hausschild); Rüdiger Schulzki (ein Sprecher); Peter Müller-Buchow (ein Ansager); Pete Sage (eine Geige)
Realisation: Hans Rosenhauer
Dauer: 64' 15
Ursendung: NDR 3, 22.5. 1982
»Die einzigartige Leistung Hofmanns besteht darin, daß er den Hörer zwar feinfühlig in die Sprachwelt Walsers versetzt, diese aber zugleich mit seinem durchaus eigenen Sprachstil verschmilzt. Kein Experiment also, aber vielleicht ist das der Zukunftsweg des Hörspiels: anrührende, bewegende Geschichten zu erzählen.« (Friedrich Wilhelm Hymmen im Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt, 27.3. 1983)
huw
* 12. 2. 1930 Wien
Gerhard Rühm ist ein multimedialer Künstler par excellence: Poet, Komponist und Maler – oder präziser: klangmalender Schriftsteller, literarischer Komponist, Verfertiger von Klebegedichten und Schriftbildern, Komponist und Arrangeur von Klängen, Lauten und Tönen.
Der Sohn eines Wiener Philharmonikers studierte in Wien an der Staatsakademie für Musik und darstellende Kunst. Seine Künstlerlaufbahn begann er in Wien mit avantgardistischen Kompositionen, etwa dem gemeinsam mit dem Pianisten Hans Kann produzierten Tonband »geräuschsymphonie in a« (1951). Bald wurde Rühm aber auch literarisch tätig und veröffentlichte erste »lautgedichte«. Er gehörte zu den Mitbegründern der so genannten »Wiener Gruppe«, einer Autorenvereinigung, zu der neben Gerhard Rühm die Schriftsteller Hans Carl Artmann, Friedrich Achleitner, Konrad Beyer und Oswald Wiener gehörten, und die sich in der Nachfolge des Dadaismus und des Surrealismus neuen experimentellen Ausdrucksformen widmeten. In jenen Jahren entstanden Rühms »montagen« (1956), zahlreiche Dialektgedichte sowie der Band »konstellationen« (1961).
Als die »Wiener Gruppe« 1964 auseinanderging, zog Rühm nach Berlin, wo er seine künstlerische Arbeit fortsetzte. 1972 übernahm er eine Dozentur, später bis 1995 eine Professur für freie Graphik und künstlerische Teilbereiche an der staatlichen Kunsthochschule in Hamburg. Der Literaturwissenschaftler Jörg Drews, ein intimer Kenner des Rühmschen Schaffens, kommentierte 1976: »Seine Herkunft vom Komponieren hat sicher etwas zu tun mit seiner dann auch auf dem Gebiet der Literatur und des Hörspiels angewendeten Auffassung vom Material-Charakter aller Teilbereiche von Sprache: Der Laut, der Buchstabe, das Wort, der Satz sind ihm Ausgangselemente der poetischen Konstruktion, nicht vorgegebene Gattungen und auch nicht der Stoff, der Inhalt als etwas, das sich dann schon eine in der Art eines Gefäßes zu denkende, nur lax auf den Inhalt bezogene Form suchen werde. Kein Parameter künstlerischen Arbeitens und künstlerischer Gebilde sollte mehr unbefragt, unanalysiert bleiben; Form und Struktur sollten tendenziell in jedem Fall erst analytisch und konstruktiv zugleich gefunden werden.«
Diese Transformation von Texten in Musik, diese interdisziplinäre, multimediale künstlerische Arbeit setzte Gerhard Rühm seit Ende der 60er Jahre in einer Reihe von Hörwerken um, die vor allem in enger Zusammenarbeit mit dem WDR 3 Hörspiel-Studio bzw. dem nachfolgenden Studio Akustische Kunst unter seinem Leiter Klaus Schöning entstanden. Gerhard Rühm erhielt 1977 für sein »Radiomelodram« »Wintermärchen« den Karl-Sczuka-Preis für Hörspiel als Radiokunst und 1983 den Hörspielpreis der Kriegsblinden für »Wald. Ein deutsches Requiem«.
Produktion: WDR 1983
Mitwirkende: Elisabeth Hartmann und Matthias Ponnier (Sprecher); Othello Liesmann (Violoncello); Gerhard Rühm (Stimme und Klavier); Collegium Vocale Köln, Leitung: Wolfgang Fromme (Chor)
Realisation: Gerhard Rühm
Dauer: 32'25
Ursendung: WDR 3, 6.12. 1983
»Das Hörspiel faßt, wie von selbst, auf konzentrierte Weise verschiedene akustische und im engeren Sinn radiophone Ausdrucksformen wie Feature, Hörbild, O-Ton (Meinungsumfrage), Magazin, Nachrichten, Melodram zu einer montagehaften Einheit zusammen. Dieses Hörspiel sollte vor allem eine durch künstlerische Mittel besonders eindringlich gewordene Mitteilung sein, die – ohne Kommentar, ohne Polemik und durch kein persönliches Credo belastet – den Hörer zu eigener Stellungnahme provozieren will.« (Gerhard Rühm in der Presseankündigung zu »Wald. Ein deutsches Requiem«)
huw
* 6.4.1948 Sindelfingen
»Ein bißchen Gott spielen am Schreibtisch« – das ist in Friederike Roths Worten der Akt des Schreibens. Seit 1979 arbeitet sie als Hörspieldramaturgin beim SDR bzw. beim SWR. Sie studierte Philosophie und Linguistik und promovierte bei Max Bense.
Ihre frühen Hörspiele – »Klavierspiele« (WDR 1980), »Der Kopf, das Seil, die Wirklichkeit« (SDR 1981) – spiegeln vor allem die Lust und die Leidenschaft, die Welt mit der Architektur der Sprache neu zu schöpfen. Die Schauspiele »Ritt auf die Wartburg« (1982), »Krötenbrunnen« (1984), »Das Ganze ein Stück« (1986), »Erben und Sterben« (1992) brachten ihr wohlwollende Aufmerksamkeit der Kritik ein. Sie erhielt den Stuttgarter Literaturpreis (1982), den Ingeborg-Bachmann-Preis (1983) und wurde ein Jahr später Stadtschreiberin von Bergen-Enkheim.
In den 90er Jahren zog sie sich, selbstgewollt, aus dem aktiven literarischen Betrieb zurück. Radiohörer von SDR und SWR werden freilich durch die eine oder andere Hörspielbearbeitung aus ihrer Feder nach Texten von Javier Tomeo, Philip Roth oder Ivan Goncarov entschädigt.
Elf Tage haben 1984 die Hörspielaufnahmen zu »Nachtschatten« unter der Regie von Heinz von Cramer gedauert, eine lange Produktionszeit für ein Zwei-Personen-Hörspiel. Nicht zuletzt die musikalischen Einschübe, die Zwiesprache der Geschlechter, machen den Zuhörer vergessen, dass »Nachtschatten« kein analytisches Hörgeschehen verfolgt. Der Hörer soll eintauchen in entwickelte Weltgefühle, ohne den Verstand zu entmündigen. Auffallend ist in diesem Hörspiel die Vorliebe der Autorin für archaisierende Wendungen und Bilder, ihre Neigung zur Auflösung der grammatikalischen Ordnung mit Hilfe von Inversionen und anderen syntaktischen Effekten. »Nachtschatten«, das ist akustisch geronnene Schöpfungssehnsucht, verschränkt mit einem wild auflauernden Vernichtungstrieb.
»Ganz wunderbar und überzeugend ist Heinz von Cramers Inszenierung dieses verwegen schwierigen und vieltönigen, langen Gedanken- und Wortspiels.« (Rolf Vollmann in der Stuttgarter Zeitung vom 17.11. 1984)
Produktion: SDR/NDR/RIAS Berlin 1984
Mitwirkende: Walter Renneisen (Der Mann); Hille Darjes (Die Frau)
Musik: Salvatore Sciarrino; Giacinto Scelsi; Ludwig van Beethoven; Bob Dylan
Regie: Heinz von Cramer
Dauer: 67'05
Ursendung: SDR, 15.11. 1984
»Die Welten, deren Erschaffung mir vorschwebt, sind vornehmlich Welten aus Stimmen und Tönen, was an meiner individuellen Wahrnehmungs-, Erinnerungs-, und Assoziationsstruktur liegen mag. Was dabei idealerweise entstehen soll: ein Gewebe aus Stimmen – Geraune, Geflüster, Geschrei, und Geseufze, Geplapper, Geschwätz – aber auch Beschwörung und Vergewisserung der Existenz aus ihren Wörtern; ein Stimmengewebe also als Versuch der Rekonstruktion, nicht jedoch bloßer Abbildung des menschlichen Diskurses. Das Hörspiel bietet sich hier, wie keine andere Gattung sonst, als Medium an. (Aus der Preisrede von Friederike Roth, gehalten am 25. April 1985 in Bonn)
chh
* 9. 1. 1929 Eppendorf/Sachsen
† 30. 12. 1995 Berlin/
* 17. 8. 1952 Neustadt/Weinstraße
Seine Hörspiele, seine Kompositionen und Performances veränderten in den 80er Jahren die Hörspiellandschaft grundlegend. In der Diskussion um eine Musikalisierung der Hörspielform war eine neue Stimme zu hören, die sich mit überwältigendem Erfolg Gehör verschaffte. Vor allem die Reihe mit Produktionen, die der seit 1972 in Frankfurt am Main lebende Musiker und Komponist Heiner Goebbels nach Texten des in der DDR lebenden Dramatikers Heiner Müller vorstellte, war imposant, darunter: »Verkommenes Ufer« (HR 1984), »Die Befreiung des Prometheus« (HR/SWF 1985), »Der Mann im Fahrstuhl« (ECM 1988) und »Wolokolamsker Chaussee I – V« (SWF/BR/HR 1989). Die Auszeichnungen ließen nicht auf sich warten, allein drei Mal der Karl-Sczuka-Preis – 1984, 1990 und 1992 –, dazu der Prix Futura 1990 und der Hörspielpreis des Jahres 1997; nicht zu vergessen der Hörspielpreis der Kriegsblinden am Beginn dieser Erfolgskurve 1986.
Fasziniert waren die Jurys sowie ein zahlreiches Konzert- und Rundfunkpublikum von Heiner Goebbels Umgang mit Texten. Er selbst beschrieb sein kompositorisches Verfahren mehrfach, indem er den »Materialcharakter der Texte« betonte und den Anspruch hervorhob, diesen »mit musikalischen Mitteln transparent zu machen«. Es sei eine »Expedition«, auf die er sich einlasse, ein Vordringen in eine »Textlandschaft«. In seinem Essay »Text als Landschaft« führte Goebbels aus: »Wenn ein Text auch in seinen Bauprinzipien, seiner Schreibweise auf den Inhalt, oder sagen wir besser die Inhalte verweist, Hinweise aufstellt – was bei Texten Müllers immer der Fall ist –, erweist sich dieses Verfahren eben doch nicht als formal; sondern es reflektiert rhythmische, strukturelle, architektonische Referenzen. Kompositorische Arbeit damit, ermöglicht – jenseits interpretatorischer Illustration – ein Hörbarmachen dieser Schichten, Transparenz der schriftstellerischen Strategie und Erfahrung an Text.«
Ausgangspunkt für das Hörstück »Die Befreiung des Prometheus« ist ein kurzer Prosatext, der in Müllers Theaterstück »Zement« integriert war. Mit Songs und Collagen, in einer raffinierten, am Film orientierten Technik des Schnitts und der Rückblende näherte sich Goebbels diesem Text, um zweierlei hörbar zu machen, wie er in der Presseankündigung schrieb: »Die große Faszination, die die unvorstellbaren Dimensionen von Arbeit und Zeit, Kot und Gestank auf mich ausüben; und die (nach André Gide und Franz Kafka) neuen politischen Perspektiven der Arbeit am Mythos, mit denen Müller den Doppelcharakter des Prometheus humorvoll ausstattete. Einmal ist er als Feuerräuber Helfer der Menschen, zum anderen ist er Gast am Tisch der Götter.«
Produktion: HR/SWF 1985
Mitwirkende: Otto Sander; Heiner Müller; Angela Schanelec; Jacob Goebbels-Rendtorff; Walter Raffeiner (Gesang)
Komposition: Heiner Goebbels
Realisation: Heiner Goebbels
Dauer: 44'39
Ursendung: HR 2, 3.10. 1985
Gleich am Beginn der dramatischen Arbeiten Heiner Müllers stand ein Hörspiel: »Die Korrektur«, 1957 im Rundfunk der DDR urgesendet. Es folgten mehrere Rundfunkarbeiten, z. T. zusammen mit Inge Müller verfasst, sowie Müllers Lieblingshörspiel »Der Tod ist kein Geschäft« 1961, ein Kriminalhörspiel, das er während der Zeit seines Aufführungsverbotes unter dem Pseudonym Max Messer geschrieben hatte. 1990 wurden im Rahmen der »Experimenta 6« in Frankfurt am Main, die Heiner Müller gewidmet war, in einer Werkschau mehr als 25 Hörspielproduktionen öffentlich und im Programm des HR präsentiert.
»Müllers Texte sind selbst musikalisch, im strengen Sinn; eher verwandt der Musik Bachs oder Schönbergs als der Chopins oder Strawinskys (...). Der Leser eines Textes von Heiner Müller geht Wege zurück, genauer: oft vor und zurück, Wege zwischen den Worten, weil präzise Auslassungen, Verkürzungen immer wieder zu diesen Wegen einladen.« (Reiner Goebbels in einer Rede auf der Experimenta 6, 1990)
huw
* 18. 7.1927 Sulzbach/Saar
Ausgangspunkt seiner gesamten literarischen Arbeit sei, so Ludwig Harig in einem Interview 1989, die »innere Notwendigkeit, daß etwas gesprochen und nicht gelesen, daß etwas gehört und nicht gelesen« werde. Als ihn prägendes Beispiel führt er Raymond Queneaus »Exercises de style« an, jene 99 Variationen des Sprechens, die er zusammen mit Eugen Helmle aus dem Französischen übersetzt hatte. Ludwig Harig also weniger ein Schriftsteller als vielmehr ein Sprachsteller, ein Hörsteller?
Der 1927 in Sulzbach im Saarland geborene Autor kann zwar mittlerweile auf ein umfangreiches Œuvre blicken: Romane und Novellen, Gedichte aller Art, darunter Sonette und Haikus, Texte zu Foto- und Graphikbänden, Essays und Übersetzungen. Doch zu diesen Veröffentlichungen im Druck gesellt sich noch einmal eine Vielzahl an Rundfunksendungen. Radioarbeiten, wie Features, Reiseberichte, Radio-Essays und Kindersendungen, deren Honorare es ihm möglich machten, seinen von 1950 bis 1970 ausgeübten Beruf als Volksschullehrer zu quittieren und seither als freier Schriftsteller zu leben; sowie schließlich mehr als ein Dutzend großer Hörspielarbeiten, von denen nahezu jede Produktion – darunter »Starallüren« (SR/SDR 1967), »Ein Blumenstück« (SR/SDR/HR/SWF 1968), »haiku hiroshima« (SR/WDR 1969) und »Staatsbegräbnis« (SR/WDR 1969) – in der Geschichte der Weiterentwicklung des Sprachspiels, des O-Ton-Verfahrens und der stereophonen Möglichkeiten im so genannten »Neuen Hörspiel« einen besonderen Platz einnimmt. Zu Recht wird dieses medienspezifische Merkmal der literarischen Arbeit Harigs mittlerweile in Lexikoneinträgen und Porträts gewürdigt.
1987, dem Jahr, in dem Harig der Hörspielpreis der Kriegsblinden überreicht wurde, war eine Auswahl seiner bisherigen Hörspielarbeiten unter dem Titel »Akustische Kunst im Radio« in der Audiothek der Kasseler Documenta zu hören. Der Preis galt der beim WDR realisierten Produktion »Drei Männer im Feld«, einem Hörspiel, das Erfahrungen verarbeitet, die der Autor bei den Recherchen auf den französischen Schlachtfeldern für seinen Roman »Ordnung ist das ganze Leben« gesammelt hatte. Dieser 1986 erschienene Vater-Roman, der vor dem Hintergrund der deutsch-französischen Auseinandersetzung im Ersten Weltkrieg spielt, war damals vielfach beachtet worden und wurde vom Rundfunk mit einer Reihe von Lesungen, Gesprächen und Geschichten flankiert.
Produktion: WDR 1986
Mitwirkende: Ludwig Harig (Ich); Alois Garg (Vater); Paul Hoffmann (Thiele); Eva Garg (Sprecher)
Musik: Alfons Nowacki
Realisation: Hans Gerd Krogmann
Dauer: 59'40
Ursendung: WDR 1, 20.2. 1986
»Ich erzähle dieses Leben meines Vaters, ich erkläre es nicht (...). Ich bin nicht in der Lage zu entscheiden, was gut und böse, was richtig und falsch war und ist. Es geht mir vielmehr um das Erzählen von Lebenssituationen, wie sie mir bekannt wurden und ich sie selbst miterlebt habe: wie mein Vater die prägenden Normen aus Anlage und Erziehung erfahren und vermittelt hat (...), wie er sein Leben geordnet und die Ordnung zum Maß der Dinge gesetzt hat.« (Ludwig Harig in der Presseankündigung des Hörspiels »Drei Männer im Feld«)
huw
* 29.6.1932 Saalfeld/Thüringen
Mit dem Sammelband »Das nächste Spiel ist immer das schwerste« verabschiedete sich Ror Wolf 1990 nach 25jähriger offensiver literarischer Begleitung des Fußballgeschehens aus einer Arena, die er in Wort und Ton meisterlich festgehalten und persifliert hatte. »Der Fall ist beendet. Das ist mein Abschied vom Fußball« – eine Entscheidung, die überraschte. Die Fachkritik musste erst einmal durchatmen, denn immerhin hatte der nonkonformistische Prosaist und Dokumentarist etliche Fußball-Hörspiele – jeweils schwebend zwischen knallharter Reportage und surrealer Adaption – hinterlassen, darunter: »Die heiße Luft der Spiele« (SDR/SR/ SWF 1973), »Cordoba Juni 13 Uhr 45« (HR 1979), »Der Ball ist rund« (HR 1979).
Aber das ist nicht alles. Seine Prosatexte »Nachrichten aus der bewohnten Welt«, »Aussichten auf neue Erlebnisse« belegen die fulminanten Sprachspiele zwischen Burleske, Collage und Traktat. Der Österreicher Gert F. Jonke urteilte über den in Mainz lebenden Autor: »Ror Wolf ist an einigen Techniken, die er perfekt beherrscht und immer wieder anwendet, sofort zu erkennen, da wäre beispielsweise seine Angewohnheit, an bestimmten Stellen zunächst alles möglichst rhythmisch aufzuzählen, vor allem Namen, Personen, Gegenstände (...).«
»Bix Beiderbecke« ist sicherlich sein poetischstes Hörspiel, mit musikalischen Einschüben und Ritardandi, die immer wieder die Ohren betören und den Hörer von einem Atlantis der Jazzgeschichte träumen lassen. Nicht nur eine Jazzlegende und ihr tragischer Fall kommen zum Ausdruck, sondern eben auch Jazzlyrismen, die den Musikexperten Ror Wolf verraten, der die alten Schellackplatten, die im Hörspiel zu hören sind, in mühevoller Kleinarbeit in Europa und Übersee höchstpersönlich ausgegraben hat.
Produktion: SWF/HR/NDR/WDR 1986
Mitwirkende: Walter Gontermann (Erzähler); Wolfgang Hess (Jackson/Armstrong); Olaf
Queiser (Jones/Mares); Michael Thomas (Carmichael); Helmut Wöstmann (Trumbauer); Douglas Welbat (Mezzrow); Christian Bruckner (Beiderbecke); Siemen Rühaak (McPartland); Christian Mey (Russell); Hans Wyprächtiger (Whitman); Heinz Hostnig (Böser Mann); Andreas Szerda, Karl-Rudolf Menke, Jürgen Franz, Peter Weis, Gerhard Hinze (Stimmen)
Regie: Heinz Hostnig
Dauer: 71'30
Ursendung: SWF, 12.2. 1987
»Ror Wolf beschreibt am Beispiel des legendären Musikers Bix Beiderbecke ein Stück Jazz-Geschichte der zwanziger Jahre. Das persönliche Schicksal des Kornettisten zeigt das Scheitern des Künstlers, wenngleich nicht seiner Kunst, an den harten Bedingungen des Musikmarktes. Der weitschwingende Erzählbogen verbindet sich mit den originalen Tondokumenten zu einer mitreißenden polyphonen Ballade. Der epische Gestus des Hörspiels und seine Musikalität machen das Werkfür viele Hörer zugänglich. Ror Wolfs eigenständige und eigenwillige fast zwanzigjährige Beschäftigung mit der Radiokunst hat damit einen neuen Höhepunkt erreicht.« (Aus der Begründung der Jury des Hörspielpreises der Kriegsblinden)
chh
* 30. 5. 1951 Meiningen/Thüringen
Über ein Dutzend Hörspiele hat Peter Jacobi – ehemaliger Buchhändler, Student der Theaterwissenschaften, der Anglistik und Philosophie – bislang geschrieben, darunter »Tümpners Neunte« (SFB 1980), »Mordende Worte« (WDR 1983) und »Ein Fallenlassen« (SR 1987). Theaterstücke wie »Fußballplatz« oder »Der Sohn der Eltern des Chefarztes« kommen hinzu und – nicht zu vergessen – die kleine epische Capriole »Mein Leben als Buch« (2000), ein schmales »sprechendes« Bändchen über das personifizierte Leben als veritables Buch im Regal und zwischen neugierigen Händen seiner Leserinnen und Leser. Was Peter Jacobi auch zu Papier bringt, der Welt und ihren unausweichlichen Zwischenfällen werden bei ihm die komischen und skurrilen Seiten abgelauscht. Die Comédie Humaine ist sein literarischer Tummelplatz.
Die Hörspieljury darf sich zugute halten, Peter Jacobis verspielte Späße richtig bewertet und für nicht zu leicht befunden zu haben. Nicht der spektakuläre radiophone Kunstgriff wurde 1989 von der Jury belohnt, sondern das listig-vertrackte Spiel zweier Berufsspione und -abhörer, die möglichwerweise im Dienste irgendeiner fremden Macht stehen. (Die Normannenstraße, ihre Tonbandarchive und die MfS-Mannschaft lassen da ganz munter grüßen.) Doch wer wen abhört und belauscht, bleibt im Hörspiel listig offen. Das kollegiale Vertrauen wird schließlich erschüttert, als die Geheimdienstler erkennen müssen, dass sie sich nichtsahnend gegenseitig abhören und dabei ihr unschickliches Tun noch via Radio gesendet wird. Wer hier eigentlich für wen Programm macht, ist eine weitere sarkastische und medienspezifische Frage des Hörspiels an seine Hörer.
In der Jurysitzung des Jahres 1989 anlässlich der Vergabe des Hörspielpreises der Kriegsblinden gab es einige Stimmen, die intern von einer »Verlegenheitslösung« sprachen, obwohl die respektable Zeitsatire die meisterliche Könnerschaft Jacobis nachdrücklich unter Beweis stellte. Hinter solchen Minderheitsvoten verbarg sich die bekannte (aber unbegründete) Furcht vor der Leichtigkeit des Hörspiels. Doch die Fraktion der Sparte »U« konnte sich in der Schlussabstimmung dann deutlich gegen die Abteilung »E« durchsetzen.
Produktion: WDR 1988
Mitwirkende: Ulrich Friedrichsen (Schnödl); Gerd Baltus (Baader); Eva Garg (Frauenstimme); Wolfgang Grönebaum (Jacobi)
Regie: Dieter Carls
Dauer: 36' 15
Ursendung: WDR, 11. 12. 1988
»›Wer Sie sind‹, heißt dieses Hörspiel des 38jährigen Autors Peter Jacobi, der sich schon mit so manchem Text lakonisch und bissig auf die Medienwirklichkeit eingelassen hat. Diesmal wagt er sich weit vor, indem er die zeitgenössischen Abhörängste kombiniert mit Räsonnieren über die scheinbar so elitäre Hörspielkunst, die Untertanen-Mentalität der schnüffelnden Beamten und ihre kaum kaschierten Zweikämpfe kontrastiert mit der Schauspielerarbeit im Studio (...). Jede Pause, jeder akustische Akzent, jedes Wort sitzt in diesem komisch-grotesken Dialog der beiden Abhör-Darsteller.« (Mechthild Zschau in der Frankfurter Rundschau, 30. 3. 1989)
chh
* 14. 5. 1955 Karl-Marx-Stadt/heute: Chemnitz
In den Feuilletons ist man sich einig: Jens Sparschuh, 1955 in der DDR geboren, seit den 80er Jahren literarisch tätig, gehört zu den wichtigsten Vertretern einer so genannten neuen ostdeutschen Literatur: Ein politisch integrer Schriftsteller, denn der seit 1983 in Berlin arbeitende Romancier, Dramatiker und Kinderbuchautor engagierte sich Ende der 80er Jahre im Neuen Forum und einige Zeit später im Bündnis 90; ein intelligent-anspielungsreicher Literat, der den Goethe-Adlatus zu Wort kommen lässt in seinem Roman »Der große Coup. Aus den geheimen Tage- und Nachtbüchern des Johann Peter Eckermann« (1987) oder in dem preisgekrönten Hörspiel »Ein Nebulo bist du« mit Immanuel Kant und seinem Diener ein Kapitel Philosophiegeschichte von unten schreibt; sowie schließlich ein unterhaltsamer, witziger Romancier, dessen satirischer »Heimatroman« »Der Zimmerspringbrunnen« (1995) etwa als höchst vergnügliche Satire auf die »Ostalgie« gefeiert wird.
»Hörspiel ist die hohe Schule des Seelenvermögens. Jemand spricht. Und während des Sprechens verwandelt sich Jemand in eine Gestalt, bekommt Hand und Fuß, steht auf eigenen Füßen, geht, geht nicht, geht dann doch, kommt wieder – spricht. Und wenn er das alles mit genug Eigenart getan hat, dann geht er plötzlich ... uns nicht mehr aus dem Kopf. Wir werden zu Ohrenzeugen eines reinen Schöpfungsaktes.« Mit diesen Worten formulierte Jens Sparschuh sein Credo an die radiophone Form. Eine Liebeserklärung, deren praktische Umsetzung bis in das Jahr 1980 zurückreicht, als »Adieu mein König Salomo« beim Rundfunk der DDR produziert wurde. Diesem Auftakt folgten mehrere Hörspiele und Features, für den Rundfunk der DDR ebenso wie bereits vor 1989 für den Norddeutschen Rundfunk und Radio Bremen.
Obwohl Jens Sparschuh, wie er sagt, mit der offiziellen Kulturpolitik der DDR kaum in Berührung gekommen ist, war dem »groß angelegten Projekt der zwangsweisen Besserung des Menschen durch Aufklärung«, wie »Ein Nebulo bist du« in eigentümlicher Beziehung zur DDR schildert, vor der Wende kein Erfolg beschieden. Der monologische Text des Martin Lampe, des Dieners von Immanuel Kant, war bereits in den Leningrader Studententagen von Sparschuh Mitte der 70er Jahre entstanden, doch die Veröffentlichung 1980 blieb unbeachtet. Den Titel entlieh er einem lateinischen Studentenspruch, der zu Kants Jugendzeit in Königsberg kursierte: »vacca, eine Zange, forceps, eine Kuh, rusticus, ein Knebelbart, ein nebulo bist du«. Als ein solcher Nebulo, ein Flatterwesen, sei der große Philosoph in den Augen seines Dieners Lampe erschienen, bewundernswert in der Theorie, ein Ignorant jedoch gegenüber den alltäglichen Dingen des Lebens.
Produktion: SR/SWF/SDR 1989
Mitwirkende: Manfred Steffen (Martin Lampe)
Realisation: Norbert Schaeffer
Dauer: 62'52
Ursendung: SR, 14.9. 1989
»In argumentativen Slapsticks stolpert der Diener virtuos am Rande der Kluft zwischen dem Allgemeinen und dem Besonderen dahin. Ähnlich komisch wie Nestroy nimmt Sparschuh Metaphern beim Wort (...). Und wenn der Diener über ›Kompromittierende Kompromisse‹ an der Seite des Genies klagt, tritt er sozusagen in die Fußstapfen von Karl Kraus. « (Frankfurter Allgemeine Zeitung)
huw
* 3. 5. 1946 Berlin
* 28. 8.1954 Geithain/Sachsen
1989, Montagsdemonstrationen: In Leipzig und anderen Städten der DDR versammelten sich Bürgerinnen und Bürger, um friedlich gegen die DDR-Regierung zu demonstrieren. Im Herbst des Jahres fiel die Mauer: Die Wende, die Geschichte der DDR ging ihrem Ende entgegen. Ein großes zeithistorisches Ereignis, das nachdrückliche Spuren beim Einzelnen hinterließ, das Fragen aufwarf, Wünsche und Hoffnungen freisetzte, aber auch Enttäuschungen und Zorn hervorrief.
Karl-Heinz Schmidt-Lauzemis, freier Film-, Fernseh- und Hörfunkautor, griff im Herbst 1989 die Initiative von Christoph Buggert, dem Hörspielleiter des HR, auf, nach Leipzig zu gehen, um das turbulente Geschehen akustisch zu dokumentieren. Unterstützung bot ihm die von Peter Leonhard Braun geleitete Feature-Abteilung des SFB. In der sächsischen Handelsmetropole erhielt er Produktionshilfe durch Ralph Oehme, der als freier Autor in Leipzig lebte. Gemeinsam nahm man ein halbes Jahr lang, bis zu den ersten freien Volkskammerwahlen im Frühjahr 1990 rund 120 Stunden Originalton auf, Mitschnitte von Versammlungen, öffentliche Gespräche, aber auch persönliche Aussagen von Leipzigern über das, was um sie herum vorgeht, und über das, was sie in diesen Tagen bewegt. Aus dem reichhaltigen akustischen Material entstand im Frankfurter Hörspielstudio eine packende einstündige O-Ton-Collage.
Die Jury des Hörspielpreises der Kriegsblinden würdigte das groß angelegte radiophone Oral-History-Unternehmen »Stille Helden siegen selten«, indem sie betonte, dass die Zeugenaussagen von den beiden Autoren »zu einer kunstvoll aufgebauten Erzählung zusammengefügt« worden seien, »in der nicht die vielgenannten Anführer das Wort haben, sondern unbekannte Menschen, leidende, aufständische und beglückte, aber auch Stasi- und Parteifunktionäre, Spekulanten und Nutznießer.« Und sie führte aus: »Die Sendung geht durch ihre Gliederung, Dramaturgie und durch die deutende Montage weit über konventionelle Dokumentation hinaus.«
Karl-Heinz Schmidt-Lauzemis ist dem Publikum nicht nur mit zahlreichen Hörspiel- und Featureproduktionen bekannt, sondern auch durch seine Autorschaft bei Film- und Fernsehdrehbüchern, darunter populäre Serien wie »Verbotene Liebe«, »Dr. Sommerfeld, Neues vom Bülowbogen« und das ZDF-Kinderprogramm »Löwenzahn«.
Ralph Oehme arbeitet als freier Autor in Leipzig, wo er besonders als Dramatiker Erfolge feiert, etwa 1998 mit der Komödie »Die spanische Lunte« am Leipziger Schauspiel.
Produktion: HR/Sachsen Radio/SFB 1990
Mitwirkende: Zeitzeugen der so genannten sanften deutschen Revolution
Realisation: Karl-Heinz Schmidt-Lauzemis und Ralph Oehme
Dauer: 57'40
Ursendung: HR 2, 8.10. 1990
»Auf ihre Weise nimmt diese Collage die Parole ›Wir sind das Volk‹ beim Wort, indem sie den Bann des Kollektivs bricht und Einzelstimmen heraushebt, indem sie nicht Prominenz, sondern den unbekannten Demonstranten Stellung beziehen läßt.« (Eva-Maria Lenz in der FrankfurterAllgemeinen Zeitung, 4.4.1991)
huw
* 1926 Neuruppin
Die Jury war begeistert. 17 von 19 Stimmen entfielen auf die subversive Jazz-Wort-Collage von Horst Giese. Das radiophon entwickelte Spiel mit alten Jazz-Schallplatten und der aberwitzigen Handlung um den lautstark in die Konzertaufnahmen hinein servierenden Kellner Lehmann, der für einen Spion und für einen Insassen einer Psychiatrie gehalten werden kann, begeisterte die Juroren. Der Spaß an und mit den hörbaren Jazzabenteuern war groß.
Um so ernüchternder die Folgen dieser Preisentscheidung. Eine auf die Pressemitteilung hin erfolgte Anzeige entlarvte im Mai 1992 Horst Giese – der in der DDR als Schauspieler, Stimmenimitator, Regieassistent und als Mitarbeiter bei der DEFA gearbeitet hatte – als »IM«, als inoffiziellen Mitarbeiter; darüber hinaus stellte sich heraus, dass Giese zwischen 1961 und 1977 mehrfach für die »Staatssicherheit« tätig geworden war. Der Juryvorsitzende Friedrich Wilhelm Hymmen und der BKD als Träger des Hörspielpreises der Kriegsblinden hielten zwar an ihrer Entscheidung fest, verschoben jedoch die Feier auf das Frühjahr 1993.
Der »Fall« Horst Giese beschäftigte die Medien im gerade wiedervereinigten Deutschland. Ein besonderes Gewicht kam dabei einer Sendung der RIAS-Redakteurin Gylfe Schollak zu; ihr Titel: Der Preis; Untertitel: Zwischen Stasi und Jazzabenteuer. Versuch einer Klärung (RIAS, 20. 1. 1993). In den Aussagen von Horst Giese, seiner Ehefrau Gisela sowie den Stellungnahmen einiger von ihm bespitzelter und verratener Personen wird die heillose Verstrickung Gieses in ein skrupelloses System deutlich, seine Unentschiedenheit, sein wirres Leben, das anderen Tribut abverlangte und für das er selbst einen lebenslangen Preis zahlt.
Produktion: RIAS 1990/Eigenproduktion des Autors 1979
Darsteller: Horst Giese in 26 Rollen sowie Originalstimmen bekannter Filmschauspieler
Realisation: Horst Giese
Dauer: 75'21
Ursendung: RIAS, 4. 1. 1991
»Sie hörten: ›Die sehr merkwürdigen Jazzabenteuer des Herrn Lehmann‹. Idee, Manuskript, Musikzusammenstellung, Trickaufnahmen, Schnitt und Sprecher sämtlicher Rollen war Horst Giese (...). Die Produktion dieses Hörspiels erfolgte von Januar bis April 1979 auf zwei Heimtonbandgeräten in Potsdam und durfte bis zur Wende nicht veröffentlicht werden.« (Aus dem Abspann des Hörspiels)
huw
* 4. 5. 1960 Waldsassen
Meist riefen seine bisherigen Erzählungen, Stücke und Filmprojekte ein unterschiedliches Echo hervor.
Für die einen ist der in der Oberpfalz, im deutsch-böhmischen Grenzgebiet aufgewachsene Autor Werner Fritsch ein eigenständiges hoffnungsvolles Talent in der Tradition von Marieluise Fleißer, Franz Xaver Kroetz und Herbert Achternbusch. »Er erfindet für die zur Sprachlosigkeit verrohten Menschen eine kräftige, ordinäre, verstörende Kunstsprache«, urteilten Kritiker und konstatierten in Bezug auf den 1992 erschienenen Monolog »Sense«: »Dieser furiose und rauhe Text ist nicht unmittelbare Weltabbildung, sondern ein ziemlich hinterhältiges Kunstprodukt«. Luck, der Landwirt aus der Oberpfalz, sei »eine Kunstfigur, dem über dem Versuch, sich ein Weltbild zu machen, bizarr poetische Bilder aufsteigen und sich in seine Sprache drängen.«
Für andere ist Werner Fritsch ein Enfant terrible im literarischen Betrieb, ein Mundart-Kraftmeier, dessen »knorziges Idiom bei Nordlichtern manches skurrile Mißverständnis provoziere« (Der Spiegel), ein gefährlicher Autor schlechterdings, der den Protagonisten Bewußtseinsmonologe in den Mund lege, die im »faschistoiden Sprachbodensatz der Gesellschaft gründeln« (Frankfurter Allgemeine Zeitung).
Dabei ist das literarische Opus des jungen nordostbayerischen Autors noch relativ schmal: 1987 das Debüt mit »Cherubim«, das in 203 Einstellungen die Lebensgeschichte des Bauernknechtes Wenzel erzählt; 1989 »Steinbruch«, ein Text, in dem der Autor das Bewusstsein eines im Manöver Geschundenen wiedergibt; 1992 »Fleischwolf«, ein spektakuläres Theaterstück, ein Kriegsdrama in Friedenszeiten mit Nutten, Zuhältern, sadistischen Offizieren, in dem sich »Blut, Schweiß und Sperma« zu einem grässlichen Szenario zusammenfügen. Darüber hinaus weitere Bühnenstücke und Prosatexte wie »Jenseits« und »Aller Seelen. Golgotha« (beide 2000 erschienen).
Dazwischen: »Sense«, ein in der Buchfassung 60 Seiten schmaler Monolog, dessen beim SWF entstandener Radiofassung 1993 der Hörspielpreis der Kriegsblinden zuerkannt wurde. Mit einem denkbar knappen Vorsprung von nur einer Stimme setzten sich der beeindruckende Text und die kraftvolle Gestaltung durch Hans Brenner gegenüber hörspielspezifischen Werken von Simone Schneider (Roter Stern, BR 1992) und Heiner Goebbels (Schliemanns Radio, HR/BR/SFB 1992) durch.
Produktion: SWF 1992
Mitwirkende: Hans Brenner
Musik: Peter Zwetkoff
Realisation: Norbert Schaeffer
Dauer: 75'57
Ursendung: SWF, 22.10. 1992
»Werner Fritsch läßt in einem mehrschichtigen, oft dramatischen Monolog einen alten Bauern zu Wort kommen, dessen enge Erlebniswelt sich überwiegend in Kriegserinnerungen und in Klagen über das Ende seines Schäferhundes erschöpft. Als ein Opfer seiner Zeit, macht sich der Bauer Lukas hilflos und verbohrt einen Reim auf eine, auch durch gegenwärtige Katastrophen aus den Fugen geratene Welt (...). Die rauhe, belebte Sprache wird unter der Regie von Norbert Schaeffer durch die kraftvolle Stimme Hans Brenners in den unterschiedlichsten Tönungen vom Brutalen bis zum Zärtlichen, vom Angeberischen bis zur Verunsicherung bedrängend präsent.« (Aus der Begründung der Jury des Hörspielpreises der Kriegsblinden)
huw
* 25.12. 1928 Hamburg
Sein Lebenslauf verlief eher in Sprüngen und verrät den Unangepassten, der sich nicht vereinnahmen und kaum feiern lässt – schon gar nicht im offiziellen Bonn bei einer Preisverleihung für eines seiner Hörspiele. »Lehrmeinungen und Institutionen haben sich in den Augen Geisslers immer wieder unfähig erwiesen, wirksamen Widerstand gegen herrschendes Unrecht zu leisten«, schrieb der Literaturwissenschaftler Hans Joachim Schröder und fuhr fort: »Im Kampf gegen Lüge, Brutalität, Ungerechtigkeit und Unterdrückung war er offenkundig nicht bereit, sich taktisch zu verhalten und zugunsten irgendeiner Glaubens- und Parteitreue Kompromisse einzugehen.«
Sein erstes Hörspiel schrieb Geissler 1957: »Es geschah in ... Holland« (WDR 1957); gefolgt von »Jahrestag eines Mordes« (SWF 1968) und »Verständigungsschwierigkeiten« (SWF 1970). Daneben arbeitete Geissler als Dokumentarfilmer für den NDR und war Dozent an der Film- und Fernsehakademie in West-Berlin. Zusammen mit Egon Monk realisierte er die Fernsehfilme »Anfrage« (NDR 1962), »Schlachtvieh« (NDR 1963) und »Wilhelmsburger Freitag« (NDR 1964). Darüber hinaus stehen im Mittelpunkt seines literarischen Schaffens Romane und Gedichte: »Anfrage« (1960), »Ende der Anfrage« (1967), »Das Brot mit der Feile« (1973), »Kamalatta« 1988), »Wildwechsel mit Gleisanschluß« (1996).
Als ehemals aktiver Parteigänger der DKP, als Kämpfer gegen Neonazismus und Mitglied des Kuratoriums »Kampagne für Abrüstung und Ostermarsch« war Geissler stets ein entschiedener Pazifist. In der Auseinandersetzung mit seinem politischen Engagement, mit Terrorismus und Pazifismus sowie mit dem Zusammenbruch des Kommunismus kommt dem preisgekrönten Hörspiel »Unser Boot nach Bir Ould Brini« – parallel zu seiner »Schreibarbeit Februar 89 bis Februar 92«, veröffentlicht unter dem Titel »Prozeß im Bruch« (1992) – eine zentrale Stellung zu. Im Hörspiel bedient Geissler sich geheimnisvoller Sprachchiffren und mythischer Bilder; die Sehnsucht nach sozialistischer oder urchristlicher Solidarität treibt die facettenreiche Monologe durch eine mehrdeutige Wüstenlandschaft. Hannelore Hoger hat dem politischen Traumspiel in der Wüste ihre fein nuancierende Stimme geliehen, und der Autor selbst spricht und zelebriert unter der überzeugenden Regie von Hermann Naher ein expressives Epitaph auf zersprengte und verloren gegangene sozialistische Identitäten.
Produktion: SWF 1993
Mitwirkende: Hannelore Hoger (Sprecherin); Hans Peter Bögel, Helmut Wöstmann, Markus Hoffmann, Sabine Postel, Anette Ziellenbach (Stimmen); Christian Geissler (Stimme des Autors)
Komposition: Cornelius Schwehr
Regie: Hermann Naber
Dauer: 64'20
Ursendung: SWF, 8.4.1993
»FREMD IN BONN
gedanken zum
verrücktwerden
oder wie ich mich doch auf das bitten verlegte
lieber herr dr. sonntag, lieber herr hymmen, meine damen und herren.
liebe kolleginnen und kollegen aus dem mediengeschäft. liebe freundinnen und freunde, liebhaber der sprache, genossen im unsinn der tage.
guten tag, herr minister
drei Leute haben zur entstehung von bir ould brini, ohne davon zu wissen beigetragen. sie können heute nicht hier sein. darum nenne ich sie mit namen. die gefangene eva haule hat mir einmal ein märchen gezeigt, von ihr erfunden und aufgeschrieben für ein kind draußen in stuttgart. in diesem märchen ist das befreite gebiet eine wüste. und die lehrerin brigitte henke-sechtig will ich grüßen und ihren mann, den lehrer birger henke-sechtig. die beiden machen saharafahrten, haben ihre erfahrungen in einem buch veröffentlicht, haben mir viel erzählt, wichtige bilder gezeigt – die Schönheit einer Sorgfalt eines mutes einer freude. ich grüße und danke.« (Christian Geissler bei der Verleihung des Hörspielpreises der Kriegsblinden in Bonn am 24. Juni 1994)
chh
* 23. 3. 1960 München
* 18. 12. 1958 Dortmund
Zu Beginn des Jahres
1990 überraschte ein junger Autor die Hörspielszene:
Andreas Ammer, 1960 in München geboren, abgeschlossenes Studium,
freier Schriftsteller und Journalist. Seine »akustische
Enzyklopädie der Geräuschkunst«, der »Orbis
auditus« (BR 1990), machte hellhörig, denn hier spielte
einer souverän mit der Klangkunst, machte die soundpoetry zum
akustischen Erlebnis. Ein selbstvergewissernder Auftakt mit
lexikalischem Ansatz, dem folgerichtig innerhalb des nächsten
Jahrzehnts immer neue Ausformungen und Weiterentwicklungen der
Radioform(en) folgten. Mittlerweile mehr als ein gutes Dutzend großer
und kleiner Hörspielwerke – von der großen
Hörspiel-Oper bis zur etüdenhaften Montage und dem Remix
– verbinden sich seither mit einer stattlichen Anzahl an
nationalen und internationalen Auszeichnungen.
Schnappschuss unmittelbar nach der Übergabe der Hörspielpreisplastiken an FM Einheit und Andreas Ammer (1995); rechts der BKD-Vorsitzende Franz Sonntag.
Vor allem eine Komposition beeindruckte das Hörspielpublikum 1993 nachdrücklich. Gemeinsam mit FM Einheit, dem Musiker und Komponisten, dem Soundtüftler und langjährigen Schlagzeuger der Gruppe »Einstürzende Neubauten«, begab sich Ammer auf den akustischen Wellentrip. Weltliteratur als Ausgangspunkt für Audio Art: »Die Hölle, das ist ein Text von Dante«, und »Radio Inferno« – so der Titel dieser konzertanten Aufführung im Münchner Marstall – ist eine groß angelegte Rock-Pop-Oper, eine anspielungsreiche Klang- und Zitaten-Collage.
Während »Radio Inferno« 1994 in der Juryabstimmung beim Hörspielpreis der Kriegsblinden nur knapp unterlag, war die Entscheidung ein Jahr später eindeutig. Wieder hatte das Duo Ammer/FM Einheit sich einem Text der Weltliteratur genähert, diesmal einem biblischen Text, der Apokalypse des Johannes. Im Bayerischen Staatsschauspiel, dem Münchner Marstall, wurde mit allen erdenklichen musikalischen und stimmkünstlerischen Mitteln das Welt-ende eingespielt. Für alle, die beim Showdown nicht live dabei sein konnten, gab es die Aufzeichnung. Denn im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit ist die Apokalypse wiederholbar geworden und war am Jahresende 1994 im Radioprogramm zu verfolgen.
Produktion: BR/Bayerisches Staatsschauspiel (Marstall)/Bayerische Staatsoper
Mitwirkende: Sprache und Gesang: Phil Minton (Hl. Johannes und The Angel); Alex Hacke (Die Bibel); David Greiner (Der Kastrat); Hanns-Joachim Friedrichs (Das TV); Pater Karl Kleiner (Der alte Grieche). – Das Orchster: Alex Hacke (Elektrische Gitarre); Ulrike Haage (Flügel und Keyboards); FM Einheit (Schlagzeug und Feuer); Sebastian Hess (Cello)
Komposition: FM Einheit und Ulrike Haage
Realisation: Andreas Ammer und FM Einheit
Dauer: 69'00
Ursendung: BR 2, 9.12. 1994
»Der Weltuntergang wird zum Medienereignis: vielfach gespiegelt und perspektivisch gebrochen, akustisch in allen Versionen und Facetten interpretiert, als grandioses Spektakel in einer Nachrichten-Show zelebriert. In 22 songartig aufgebauten Abschnitten treibt das Arrangement, das Zitate aus Jazz, Pop, Country, Barock mit Neukompositionen und Improvisationen mischt und mit Text-Bruchstücken verbindet, die vielfach instrumentierte und raffiniert geschichtete Oratoriums-Revue vorwärts (...). Ein Bibel-Höhepunkt wandelt sich so zum Sonderprogramm, Untergangsvisionen werden zu Tonträgern von Werbespots.« (Aus der Begründung der Jury des Hörspielpreises der Kriegsblinden)
»Die Intelligenz des Stückes von Ammer und FM Einheit liegt wohl auch darin, dass er kein kulturhistorisches Lamento anstimmt, nicht ostentativ über Verfallsprozesse klagt, nicht überdeutlich etwas anprangert, sondern nur etwas reflektiert, kritisch und zugleich nicht aufs Bessere zeigend oder vor dem noch Schlimmeren warnend. Ammers Kunststück ist, nicht einfach glatt mitzuschwimmen, nicht einfach bloß ein schickes Medien-Produkt abzuliefern, das besinnungslos ›von heute‹ ist, sondern die Ironie, die Distanz von dem, was im Augenblick so läuft und angesagt wird, ohne großes Pathos dennoch einzukomponieren. Der denkerische oder geschichts- und gesellschaftskritische Punkt, von dem her der Gang der Dinge heute zu kritisieren wäre, ist einfach nicht zu konstruieren – es sei denn um den Preis einer besserwisserischen Metaphysizität, die einem keiner abnähme. « (Jörg Drews)
huw
* 19. 5. 1935 Bilbao/Spanien
Es war die 45. Sitzung in der Geschichte des Hörspielpreises und es war gleichzeitig die erste Sitzung ohne den Gründungsvater Friedrich Wilhelm Hymmen, der im Jahr zuvor im Alter von 82 Jahren verstorben war. Aus einem Kanon diskussionswürdiger und preisverdächtiger Stücke, deren Schwerpunkt auf der Geschichte ruhte und um das Erzählen von Geschichten kreiste, ging Fritz Rudolf Fries' Hörspiel »Frauentags Ende oder Die Rückkehr nach Ubliaduh« hervor.
Wesentliche Hörspielmotive hatte der 1935 in Spanien geborene, in Leipzig aufgewachsene und seit 1966 in Berlin lebende Autor seinem Prosaerstling »Der Weg nach Oobliadooh« (1966) entnommen, den er als DDR-Schriftsteller damals nur im Westen veröffentlichen konnte. Erst 1989, kurz vor der Wende, hatte der Roman auch eine DDR-Ausgabe erlebt. Weitere Motive kamen aus seiner 1982 entstandenen Erzählung »Frauentags Ende oder Das Ende von Arlecq und Paasch« hinzu.
Ausgangspunkt des vom Mitteldeutschen Rundfunk produzierten Hörspiels ist der Jahreswechsel 1989/90, wenn sich die beiden Jugendfreunde Arlecq und Paasch an ihre wilde Zeit in den 50er Jahren erinnern. Alkohol und Mädchen, Zigaretten und Jazz bestimmen das studentische Leben, Politik ist allenfalls ein Gegenstand für Parodie.
Schon wenige Jahre nach der Wende stach das kunstvoll erzählte Hörspiel von den vielen Betroffenheitsgesten der ostdeutschen Mentalität ab; der starke literarische Text des renommierten Prosaautors Fritz Rudolf Fries gewann dem bei ihm so genannten »dialektischen Umwandlungsprozess« viel Witz und sprachliche Eleganz ab; die sublime Erzählkunst voller Anspielungen und Verschlüsselungen bot ein Hörspiel, das viel über den DDR-Alltag und die DDR-Geschichte berichtete, um gleichzeitig eine ebenso mustergültige Geschichte von zwei jungen Leuten zu erzählen, die von »Ubliaduh«, dem Märchenland in Dizzie Gillespies Jazz-Ballade, träumen, aber schließlich von der Realität ihres Staates und der bürgerlichen Ehe eingeholt werden.
Das Hörvergnügen der Jury im März 1995 wurde nur kurze Zeit später in Frage gestellt. Im April wurden die weit reichenden Verstrickungen des ostdeutschen Schriftstellers mit der »Stasi« aufgedeckt. Die feierliche Übergabe des Preises im Plenarsaal war geplatzt. In den Feuilletons entspannte sich eine lebhafte Diskussion um den »IM Pedro Hagen« alias Fritz Rudolf Fries, und der Hörspielpreis der Kriegsblinden geriet in die Schlagzeilen. Während Fries – gleichermaßen geängstigt wie pikiert schwieg, suchte die Jury eine neue Form für die Übergabe ihres Preises, der zunächst einmal einem Stück und nicht der moralischen Qualität einer Person gilt. Die »kritische Öffentlichkeit« statt der ausgewählten Polit-Prominenz fand sich am 30. Oktober 1995 im Berliner Künstlerklub »Die Möwe« ein. Fritz Rudolf Fries' Rede bei der Verleihung des Preises mit dem Titel »Die Gräte im Hals« sowie ein Rundfunkkommentar des damaligen Münchner Hörspielverantwortlichen Christoph Lindenmeyer zum »Fall Fries« werden in diesem Band abgedruckt.
Produktion: MDR Leipzig 1995
Mitwirkende: Winfried Glatzeder (Peter Arlecq); Manfred Krug (Klaus Paasch); Andrea Solter (Anne); Frauke Poolmann (Brigitte Lohmann); Horst Hiemer (Herr Lohmann); Marylu Poolman (Frau Lohmann); Franziska Troegner (Tante Flora); Eberhard Esche (Gott); Edgar Harter (Stanislaw); Heide Kipp (Frau Schwennicke); Dieter Bellmann (Chefarzt); Siegfried Worch (Hauswirt); Matthias Hummitzsch (Stasi 1); Wolfgang Jakob (Stasi 2); Peter Groeger (Berger) u. a.
Regie: Wolfgang Rindfleisch
Dauer: 59'55
Ursendung: MDR Kultur, 3.10. 1995
huw
* 21. 2. 1944 Dresden
Die Schlussabstimmung der Jury wurde spannend. Denkbar knapp fiel 1997 das Ergebnis zugunsten von Ingomar von Kieseritzky aus, John Berger und Klaus Buhlert unterlagen mit ihrem medialen Spiel »Will it Be a Likeness«. Ingomar von Kieseritzky, seit 1971 in Berlin als freier Autor arbeitend, erhielt mit seinem grotesk-satirischen Dialoghörspiel »Compagnons und Concurrenten oder Die wahren Künste« jetzt diejenige Auszeichnung zugesprochen, der in den zurückliegenden Jahren schon so manche seiner Hörspielarbeiten sehr nahe gekommen war. Allein 1972 und 1980 hatte sich Kieseritzky mit »Zwei Systeme« und »Plutonium II« nur mit Platz 2 begnügen müssen, in nahezu allen Jahrgängen der letzten zwei Jahrzehnte war immer auch ein Hörspiel des Meisters des radiophonen Dialogs zur Debatte gestanden. 1997 hatte es gereicht.
Es mag Kieseritzkys sage und schreibe 100. (!) Hörspiel gewesen sein oder dieser runden Bilanz zumindest sehr nahe kommen, wie der Überblick über das große Hörspielœuvre seit 1969 zeigt. Manfred Mixners polemische Bemerkung im Nachwort zu einer Auswahledition, mit der Kieseritzkys Verlag Klett-Cotta seinen Autor vor einigen Jahren bedachte, wurde widerlegt. Der ehemalige Berliner Hörspielleiter hatte geschrieben: »Wie viele Hörspiel-Manuskripte er in den vergangenen zwanzig Jahren geschrieben hat, weiß er selbst nicht mehr. Für keines hat er bislang eine Auszeichnung oder einen Preis bekommen. Das spricht nicht für den deutschen Hörspielbetrieb.«
Denn seine Hörspiele fanden und finden sich in den Programmen aller Rundfunkanstalten. In den letzten Jahren betreute besonders die Stuttgarter bzw. Baden-Badener Hörspieldramaturgie seine Arbeiten. Dazu gehören »Auch Mäuse haben Parasiten oder Ein Haus wird besetzt« (1995), »Die Fragen des Yeti oder Die Lichtung« (1994) sowie »Wunschprogramme für Riesenschildkröten« und »Katzenfutter« (beide 1992).
»Compagnons und Concurrenten oder Die wahren Künste« ist eine Satire auf die Dichter-Clubs in Weimar nach Goethes Tod 1832, gezeichnet mit dem für Kieseritzky so typischen intellektuellen Humor. Die Epigonen feiern. Zwischen dem Zirkel um Huhn und dem um Maushack entwickelt sich eine veritable Konkurrenz, Kunstwerke produzieren zu müssen. In diversen Musenkränzchen, Teegesellschaften und Trinkgemeinschaften wird heftigst diskutiert, konversiert, räsoniert. Man würde den Kanon der Literatur gern durchbrechen, um zu Dichterruhm zu gelangen, wenn man nur wüßte, wie dieser Kanon beschaffen ist.
Wie in vielen der Kieseritzkyschen Funkarbeiten sind es auch in dem »Compagnons und Concurrenten«-Stück die skurrilen Helden und die komischen Vertreter ihres Fachs, mit denen ihr Autor kybernetische Systeme – hier den epigonalen Literaturbetrieb – durchspielt. Voller parodistischem Wortwitz, der in diesem Hörspiel gepaart ist mit dialektaler Vielfalt, voller satirischer Anspielungen auf Moderne und Postmoderne, entwickelt sich das für alle seine Hörspiele so charakteristische Hörvergnügen am brillanten Dialog.
Produktion: SDR/DLR Berlin
Mitwirkende: Wolfgang Jakob (Barthels); Dieter Mann (Huhn); Jürgen Holtz (Lüdge); Eberhard Esche (Storch); Klaus Bieligk (Maushack); Axel Wandtke (Ganser); Dirk Audehm (Vetting); Katrin Klein (Ottilie); Gudrun Ritter (Witwe Weniger)
Regie: Joachim Staritz
Dauer: 66'32
Ursendung: SDR 2, 11.4.1996
»Eine für Kieseritzky typische Konstellation: Mit austarierten Kopfgeburten Sinn und Praxis des Lebens auszuloten. Und dabei regelmäßig ins Spannungsfeld von Witz und Aberwitz zu geraten. So entfaltet sich eine absurde Unterhaltung, angetrieben von federnden Sprachspielen, von grotesken Einfällen, von eigentümlichen Vorstellungen.« (Aus der Begründung der Jury des Hörspielpreises der Kriegsblinden)
huw
* 31. 1. 1945 Großsteinberg (Sachsen)
* 4. 6. 1962 Essen
Zwei Radiomacher oder besser: Insider des ganz praktischen Radiobetriebs am SFB hatten sich 1997 zusammengeschlossen und erzählten von den Innenansichten eines russischen Komponisten (Schostakowitsch) und den ideologischen Exzessen unter Stalin. Der eine Praktiker heißt Peter Avar und ist seit 1987 Toningenieur und Tonmeister beim SFB; seine Kollegin, Ilona Jeisman, arbeitet seit vielen Jahren für den Hörfunk in den Abteilungen E-Musik, Hörspiel und Feature.
»Wirrwar statt Musik«, so war am 28. Januar 1936 ein Artikel in der »Prawda« überschrieben. Der Gescholtene und Erniedrigte war kein Geringerer als Dimitri Schostakowitsch, dessen neuer Musikstil als »volksfremd«, »westlich« und »unnatürlich« gebrandmarkt wurde. Hier setzten Jeismann und Avar mit ihrem Hörspiel ein, in dem sie in kunstvollen musikalischen Brechungen und fiktiven Monologen den Kampf des Komponisten gegen Stalinismus, Terror und Einengung des Individuums spiegeln.
Beeindruckende Sprech- und Rapszenen werden dabei neben die Originalzitate aus der 10. Symphonie (sie wird nach und nach in voller Länge eingespielt) gestellt. Der Medienkritiker Jens Balzer kommentierte das neue Hörspielverfahren folgendermaßen: »Der Tonmeister Peter Avar hat Jeismanns Text in die Musik eingewirkt, mit allen Tricks des digitalen Sound-Engineering. Sehr kunstvoll nutzt er Lautstärke, Hall und Verzerrungseffekte, um die wechselnde Distanz des Sprechenden zum erinnerten Geschehen zu symbolisieren.«
Die zunächst riskante Gratwanderung zwischen Musikgeschichte, Tagespolitik und Künstlerbiographie verliert durch das musikalische Gewicht der Symphonie manche bizarre Verkrustung und lässt dann auch das plakative Gedankengut über das Thema Kunst und Partei zu einem aufregenden Hörerlebnis werden. Die Verbindung von Sprache und Symphonie sei – so die »Hörzu« – »absolutes Neuland im Hörspiel-Genre. Und das war es, was die Jury vor allem beeindruckte.«
Produktion: SFB 1997
Mitwirkende: Dieter Mann (Schostakowitsch); Winfried Wagner (Tuchatschevsky); Klaus Manchen (Stalin); Jürgen Hentsch (Tschechow); Lissy Tempelhof (Achmatova)
Realisation: Ilona Jeismann und Peter Avar
Dauer: 59'57
Ursendung: SFB, 4.11. 1997
»Hier ist die Musik der Ur-Text. Vorlage ist die Zehnte Symphonie von Schostakowitsch, entstanden nach Stalins Tod im Jahr 1953. In dem programmatischen Werk spiegeln sich die tragischen Erfahrungen des Komponisten, der die russische Revolution künstlerisch feierte, dann aber immer stärker in die Zwänge des Stalinismus verstrickt wurde. In dieses musikalische Zeitgemälde, das in voller Länge gespielt wird, ›komponieren‹ Ilona Jeismann und Peter Avar einen übersetzenden Text. Die Themen und Motive, die Zäsuren und Rhythmen werden bis in die kleinsten Verästelungen analysiert, gedeutet und in dicht geschriebene Aussagen umgesetzt. So entsteht als interpretierende Spiegelung ein vielschichtiges Bild der inneren Zustände Schostakowitschs.« (Aus der Begründung der Jury des Hörspielpreises der Kriegsblinden)
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* 19. 10. 1953 Crroßmugl/Niederösterreich
* 22. 3. 1975 Basel/Schweiz
Eberhard Petschinka arbeitet seit 1978 als Regisseur, Bühnen-, Film- und Hörspielautor in Wien. Mit einem »Dramatikerstipendium« entstand 1983 sein erstes Theaterstück, »Auf zum Tirolerland«, gemeinsam verfasst mit Helmuth Mößmer. Dem Debüt folgten mehrere Dramen, die von der Kritik und dem Publikum sehr positiv aufgenommen und mit Preisen bedacht worden sind, so beispielsweise »Cicciolina und der Papst« (Kleines Theater Bruneck, 1993; Dramatikerpreis der Stadt Bruneck) und »Goebbels & Guzzi – ein Tattoo« (1997; Dramatikerpreis des Österreichischen Bundesministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst).
Seit 1986 schrieb Petschinka in steter Folge bislang mehr als zwanzig Hörspiele, für österreichische und schweizerische Hörspieldramaturgien sowie für bundesrepublikanische Rundfunkanstalten, vor allem für den WDR. Häufig werden aktuelle Themen aufgegriffen und satirisch verarbeitet, wie beispielsweise in dem gemeinsam mit Helmuth Mößmer verfassten »Krok«, einem grotesken Spiel um gentechnologische Experimente und Gewalt in den Medien (DRS/ORF 1994; ausgezeichnet mit dem Prix Futura), oder in »Ladykiller« (DLR 1998), in dem die Erinny einen Paparazzo nach dem Tode von Lady Diana zur Strecke bringen. Häufig erarbeitet Petschinka als Autor die Texte zusammen mit Kollegen und Freunden, darunter vor allem der Wiener Schriftsteller Helmuth Mößmer sowie die Autoren Raphael Sanchez, Roland Neuwirth und Friedrich Berstenreiner. Mit dem amerikanisch jüdischen Schriftsteller David Zane Mairowitz entstand 1999 die bissig-böse Satire über die Debatte um Nazi-Gold auf Schweizer Banken (»Goldrausch oder Something for everybody«, DRS).
»Wenn Petschinka, wie er sagt, ›gesellschaftliche Themen‹ aufgreift, sieht er sich in bester Wiener Tradition: der des Volkstheaters des neunzehnten Jahrhunderts. Gerne beruft er sich auf Nestroy, der in seinen Komödien, besonders in den Couplets, jeweils aktuelle Anspielungen machte. Vom Wiener Volkstheater hat Petschinka auch gelernt, daß Erkenntnis und Vergnügen, Raffinement und Naivität sich nicht ausschließen.« (Eva-Maria Lenz)
Rafael Sanchez Garcia, Schauspieler und Regieassistent, lebt als spanischer Staatsangehöriger in der Schweiz. Am »Jungen Theater Basel« war er an den Inszenierungen »Morgen bin ich fort« von Paul Steinmann (1994), »Beispiele geglückten Lebens« von Eberhard Petschinka (1995) und »Die Memphis Brothers« von Paul Steinmann (1996) beteiligt. Rafael Sanchez schrieb 1993 und 1994 zwei Hörspiele – »Vom Himmel gefallen« und »Stück 2« –, die nicht zur Aufführung gelangten.
»Rafael Sanchez erzählt: Spiel mir das Lied vom Tod« wurde 1996 von dem Autorenduo Petschinka/Sanchez entworfen und ausgearbeitet. Das ebenso kunstvoll aufgebaute wie vergnüglich unterhaltende Stück über den Kultfilm »Spiel mir das Lied vom Tod« wurde im Frühjahr 1998 unter der Dramaturgie von Angela Diciriaco-Sussdorff beim WDR-Köln als Koproduktion mit dem MDR und dem ORF realisiert. Neben dem »Hörspielpreis der Kriegsblinden« erhielt es 1998 eine »Special Commendation« beim »Prix Italia« und 1999 den »Premios Ondas«. »Rafael Sanchez erzählt: Spiel mir das Lied vom Tod« wurde am »Theater Basel« in einer Bühnenfassung realisiert.
Produktion: WDR/MDR/ORF 1998
Mitwirkende: Rafael Sanchez (Rafael Sanchez); Nobert Schwientek (Großvater); Jennifer Minetti (Großmutter); Nelly Riggenbach (Pepita); Rodolfo Seas Arayo (Pepitas Ehemann); Carmen Garcia (Nachbarin); Urli Jaeggi (Onkel As); José Luis García (Juan); Erwin Wölkenstein (Ramon); Maurici Farré (Jesús el Baboso); Josefin Platt (Theresa); Wolfgang Pampel (Konsul); Jose Luis Garcia (Alter Mann); Ferdinando Chefalo (Häftling)
Musik: Wolfgang Mitterer
Realisation: Eberhard Petschinka
Dauer: 58'38
Ursendung: WDR, 11. 3. 1998
»Petschinka und Sanchez machen aus dem auch stark durch die Musik geprägten Kino-mythos ein ganz eigenständiges Hörabenteuer. Der Kunstgriff: Der durch Original-Zitate und durch subjektive Schilderungen vergegenwärtigte Film wird zur biographischen Heimat des heranwachsenden Rafael, der an den Mustern des Films seine Phantasien ausbildet und seine eigenen Erfahrungen mit denen der bewunderten Leinwandhelden verschränkt. So entsteht eine vielschichtig verwobene Geschichte, in der dörfliche und familiäre Lebensrealität, kindliche Einbildungskraft sowie Phantasie- und Lebensmuster der Erwachsenen zu einem lustvoll erzählten Gesamtkunstwerk werden (...).« (Aus der Begründung der Jury des Hörspielpreises der Kriegsblinden)
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* 9. 3. 1949 Grieskirchen/Österreich
* 30. 7. 1947 München
Die Leute zum Reden zu bringen – so könnte man pointiert Jürgen Geers radiophonen Ansatz umreissen. Sein Name und der seiner Kollegin und Partnerin Inge Kurtz sind untrennbar mit den Spielformen des so genannten O-Ton-Hörspiels verbunden. Als 23jähriger Germanistikstudent in München fing er an. Paul Wühr hatte 1970 den Plan, ein O-Ton-Stück über die bayerische Metropole zu machen und erbat sich bei Jürgen Geers Hilfe im Umgang mit Mikrophon und Aufnahmegerät. Aus dem Plan wurde später die Produktion »Preislied«, die 1972 den Hörspielpreis der Kriegsblinden erhielt. Für Geers begann eine typische Karriere beim Rundfunk: freier Mitarbeiter, Regieassistent, Hilfstätigkeiten in allen Bereichen. Er sah sich bald als der »Kreative vom Dienst« abgestempelt, der die »Krüppelkinder großziehen« muß, das heißt: Produktionen auf die Beine stellen sollte, die Autoren mit ihren künstlerischen Plänen technisch und organisatorisch nicht mehr allein umsetzen konnten.
In den 70er Jahren entstanden aber auch schon erste eigene Hörspielarbeiten, von Anfang an von der Idee getragen, Zeitzeugen und Zeitgenossen zu befragen, Alltagspersonen Stimme zu geben. 1978 wechselte Jürgen Geers nach Frankfurt, wo er für den Hessischen Rundfunk zu arbeiten begann. Sein Durchbruch kam ein paar Jahre später mit der vielbeachteten Produktion »Der Meinungscontainer« (HR 1984). 30 Tage lang stand anlässlich der Kasseler »documenta« ein barackenähnlicher Kasten in der Fußgängerzone der nordhessischen Stadt. Die Bürger waren eingeladen, »akustische Graffiti« abzugeben, sie konnten ihre Stimme abgeben, erhielten Redezeit. 24 000 kamen in den Container, zirka 1 000 Besucher machten davon Gebrauch, ihre Meinung auf Band zu sprechen. Der 25minütige Zusammenschnitt – mit einem Spezialpreis des Prix Italia ausgezeichnet – galt als der Inbegriff dafür, mit Hilfe des O-Ton-Verfahrens Brechts theoretische Forderung nach einem Rundfunk, der nicht nur sendet, sondern auch Kommunikation aufnimmt, einzulösen.
Immer wieder sollte in den folgenden Jahren dieser Ansatz von Jürgen Geers bzw. dann auch zusammen mit Inge Kurtz ausprobiert und durchexerziert werden. Das Projekt »Liebes Volk« beispielsweise, bei dem sich 350 »Normalbürger« aus ganz Deutschland meldeten und sich zutrauten, eine Rede zu halten, maximal 20 Minuten lang. Eine mit Rita Süssmuth, Walter Jens und Dieter Hildebrandt besetzte Jury wählte aus. Drei prämierte Beiträge wurden ausgestrahlt sowie ein von den Autoren veranstalteter Zusammenschnitt (HR 1985). Ein Hörfunkbeitrag, der freilich auch Anstoß erregte, wegen einzelner Sätze, etwa dem, dass »alle Soldaten Mörder seien«. Die Rundfunkgremien beharrten auf dem verletzenden Charakter solcher freier Meinungsäußerung und verlangten, die beanstandeten Passagen herauszuschneiden. Die Initiatoren Geers und Kurtz waren enttäuscht, dass ihr Konzept, dem »Volk aufs Maul zu schauen« und das Frei-von-der Leber-weg-Gesagte zu dokumentieren, solchermaßen »beschnitten« wurde.
15 Jahre später waren solche Probleme nicht mehr zu erwarten. Das Konzept von Jürgen Geers und Inge Kurtz, die Menschen zum Sprechen zu bringen, wurde für das bevorstehende Millenniumsjahr noch einmal, diesmal in die ganz große Form umgesetzt. Nicht ein Problem, eine Schicht oder ein spezielles Ereignis wurde zum Gegenstand genommen, sondern die Geschichte des zu Ende gehenden Jahrhunderts selbst. Gespräche mit mehreren Dutzend Zeitzeugen gingen in den »Radiotag« ein, der am 28. November 1999 eine knapp 16 Stunden lange Collage aus Originaltönen brachte, Alltagserinnerungen aus 100 Jahren deutscher Geschichte.
Produktion: HR 1999
Mitwirkende: Unbekannte Zeitzeugen erzählen aus ihrem Leben
Realisation: Inge Kurtz und Jürgen Geers
Dauer: 14 Stunden 45 Minuten 14 Sekunden
Ursendung: HR 2, 28.11. 1999
»Ich erzähle gern. Radio ist ein Erzählmedium. Ich unterhalte mich gern, es ist ein Dialogmedium.« (Jürgen Geers in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung, 5. 12. 1984)
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* 18. 8. 1959 Köln
Seit den 90er Jahren durchpflügt er in allen nur erdenklichen Formen und Formaten das unerschöpfliche Feld massenkultureller Phänomene: Walter Filz, der in Köln lebende Radiomacher. Egal, ob High oder Low, ob E oder U – alles, was sich als Ton, als Geräusch und Klang, als Sound und stereotype Sprechblase in den Medien äußert, wird ihm zum Material. Mehr als 30 Features seit 1989/90, ein halbes Dutzend Hörspiele seit 1996 belegen den produktiven Elan, den der Schriftsteller, Kulturjournalist und Rundfunkautor an den Tag legt.
Immer ist es ein originär radiophoner Ansatz, den Walter Filz seinen Produktionen zugrundelegt. In »Apokalypse H0. Der etwas kleinere Weltuntergang« (WDR 1996) beispielsweise – einer raffinierten Collage aus Originaltönen – brechen sich die medial vermittelten Katastrophenmeldungen mit der im Interview zu Tage tretenden beschaulichen Welt des Modelleisenbahners im Hobbykeller. Der bastelnde Demiurg antwortet mit seiner auf die Spurbreite HO reduzierten Schöpfung auf die Hysterie der Weltuntergangsszenarien.
Oder »Resonanz Rosa. Eine Frau hört mehr« (WDR 1999), ausgezeichnet mit dem Publikumspreis der Berliner Akademie der Künste: Rosa, die bei einer Talkshow-Produktionsfirma arbeitet, hört Rest-Resonanzen, Schallwellen, die nicht verebbt sind, Stimmen, Gesprächsfetzen, Geräusche. Rosas Hör-Anfälle korrespondieren mit ihrem alltäglichen Stress des auf Quote und Profit ausgerichteten Small-Talks, dem leeren Mitteilungs- und Bekenntnisdrang der gecasteten Teilnehmer.
Walter Filz, der seit 1997 ein eigenes Studio aufgebaut hat, arbeitet als freier Produzent vor allem für den Westdeutschen Rundfunk. Viele seiner Hörspielsendungen stehen in enger Verbindung mit dem Sendeplatz »Lauschangriff« im WDR-Programm »Radio Eins Live«, dessen auf ein jüngeres Zielpublikum ausgerichtete Maxime lautet: »Hören aus lauter Lust«.
Eine Prämisse, die für »Pitcher«, dem 2001 ausgezeichneten Hörspiel, in besonderem Maße gilt. In dem fiktivem Hörspiel, das vorrangig aus O-TonMaterial besteht, geht Walter Filz auf Stimmenfang – auf eine unverwechselbare, komisch-satirische, grotesk-absurde Weise, die dem Thema Sound-Design gleich noch eine Krimihandlung, eine Kleinbürgersatire und eine Medienschelte abgewinnt. Ihre Hauptfigur: ein Profi-Synchronsprecher, in unzähligen Werbespots verschlissen, dessen Auftragslage zurückgeht. Seine Stimme müsste einmal aufpoliert werden. Für ihn hat Vox, der Boss des Stimmenkartells, einen Auftrag. Im Erzgebirge, in Schneeberg, soll er den Mann, der Töne »pitcht«, also Stimmen manipulieren kann, ausfindig machen. Doch der Sonderauftrag erweist sich als ein eingefädeltes Spiel. Vox, auf der Suche nach einer neuen Baby-Stimme, opfert seinen abgehalfterten Sprecher für diese synthetische Stimme.
Produktion: WDR 2000
Mitwirkende: Walter Filz; Joachim Kerzel
Realisation: Walter Filz
Dauer: 57'35
Ursendung: WDR 1, 10. 10. 2000
»Aus dieser kuriosen Konstellation entwickelt sich ein nicht nur doppel-, sondern gleich mehrfachbödiges skurriles Spiel. Walter Filz verwertet dabei Radio-Versatzstücke – O-Töne aus Reportagen, Reiseberichten und Interviews – und kombiniert dieses authentische Material mit fiktiven Passagen. Er inszeniert also Vorgefundenes, indem er es durch Erfundenes verbindet und konstruiert so neue Sinnbögen und Zusammenhänge (...). Eine raffinierte Satire mit einer Mischung aus Krimi-Elementen und Anklängen an eine komische Nummern-Opera (Aus der Begründung der Jury des Hörspielpreises der Kriegsblinden)
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(Stand: 22. Oktober 1997)
Der Hörspielpreis der Kriegsblinden wird jährlich für ein von einem deutschsprachigen Sender konzipiertes und produziertes Original-Hörspiel verliehen, das in herausragender Weise die Möglichkeiten der Kunstform realisiert und erweitert. Dieses Original-Hörspiel muss im vorausgegangenen Jahr erstmals ausgestrahlt worden sein.
Träger des Preises sind der Bund der Kriegsblinden Deutschlands e. V. (BKD) und – seit 1994 – die Filmstiftung Nordrhein-Westfalen GmbH.
Der Hörspielpreis der Kriegsblinden ist ein Ehrenpreis, der dem Autor oder den Autoren zuerkannt wird.
Über den
Preis befindet eine Jury, die jährlich zusammentritt.
Die
Jury besteht aus dem Vorsitzenden, neun Kritikern und neun
Kriegsblinden. Der Vorsitzende und der Stellvertretende Vorsitzende
werden von den Trägern für die Dauer von drei Jahren
berufen. Der Stellvertretende Vorsitzende kommt aus dem Kreis der
Kriegsblinden. Eine Wiederberufung ist möglich. Der
Redaktionsvertreter der Zeitschrift »Der Kriegsblinde«
ist ständiges Mitglied der Jury.
Die übrigen Mitglieder
der Jury werden von den Trägern berufen. Bei den Kriegsblinden
geschieht dies durch den Bundesvorsitzenden der Kriegsblinden
Deutschlands. Bei den durch die Träger zu berufenden Kritikern
hat der Juryvorsitzende ein Vorschlagsrecht. Er benachrichtigt die
einzuberufenden Jurymitglieder.
Bei der Berufung beachten die
Träger den Grundsatz eines ausreichenden Wechsels in der
Zusammensetzung der Jury.
Die Jury entscheidet über den Preis mit der Mehrheit der abgegebenen Stimmen. Bei Stimmengleichheit gibt die Stimme des Vorsitzenden den Ausschlag.
Für den Hörspielpreis der Kriegsblinden darf jede der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ein Hörspiel einreichen. Außerdem können alle deutschen Sender der Jury eine Produktion vorschlagen. Eine höchstens gleich große Anzahl von Produktionen wie die der eingereichten Titel kann auf Vorschlag von Jurymitgliedern und auf der Grundlage der Sendervorschläge vom Vorsitzenden für die Jurysitzung nominiert werden.
Der Vorsitzende des Bundes der Kriegsblinden Deutschlands teilt dem Preisträger oder den Preisträgern die Entscheidung der Jury mit.
BonnHeinrich Johanning Bundesvorsitzender des BKD |
DüsseldorfDieter Kosslick Geschäftsführer der Filmstiftung Nordrhein-Westfalen |
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