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Autor: Hörburger, Christian.
Titel: Massenmedien zwischen Kriegs- und Friedensjournalismus.
Quelle: Wolfgang Vogt (Hrsg.): Friedenskultur statt Kulturkampf. Baden-Baden 1999. S. 152-165.
Verlag: Nomos Verlagsgesellschaft.
Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.
Christian Hörburger
Massenmedien zwischen Kriegs- und Friedensjournalismus
"Wie kaum ein anderes Funktionssystem der Gesellschaft ist Journalismus auf Krisenbeobachtung fixiert", konstatieren Kohring, Görker und Ruhrmann in ihrer Untersuchung zur "Funktion internationaler Krisenkommunikation" (Kohring/Görker/Ruhr-mann 1996:297). Journalismus könne buchstäblich ohne die Krise nicht leben und selbst "seine eigene Krise nicht ignorieren". Die Funktion journalistischer Kommunikation über inter- und transnationale Krisen liege in "einer ständigen Irritierung des politischen Nationalstaatsdenkens" (Kohring/Görker/Ruhrmann 1996:298), was die globale Vernetzung der journalistischen Tätigkeit einerseits und die Aufsprengung nur lokaler Verantwortlichkeit andererseits unterstreichen mag.
Das Fernsehen und seine Berichterstattung haben dabei ganz offensichtlich so etwas wie die öffentliche Meinungsführerschaft in allen Belangen der Information übernommen. Viele Menschen - es darf die begründete Behauptung aufgestellt werden: die allermeisten - beziehen ihre Kenntnisse und Einschätzungen über fremde Länder, Krisen und Kriege in der Welt überwiegend aus der Fülle der Informationskanäle, aus dem Informationsangebot der Fernsehanstalten. Das elektronische Medium bestimmt damit maßgeblich den Blickwinkel und die Einschätzung, die "man" sich über fremde Nationen, globale Konflikte und Fragestellungen angeeignet hat. Die Zeitung und ihre Nachrichten sind keineswegs abgedrängt, doch genießt die stets suggestive Bildlichkeit des Bildschirms die höhere Akzeptanz und die ungleich höhere Glaubwürdigkeit. "Papier ist geduldig", sagt der skeptische Volksmund und scheint dabei die vielfältigen "Wahrheiten des Bildes" im Fernsehen zu vergessen oder - wahrscheinlicher - nicht zu kennen. Öffentlich-rechtliche Auslandsmagazine wie "Weltspiegel" (ARD) und "auslandsjournal" (ZDF), die beiden Flaggschiffe transnationaler Information, kämpfen bei Zuschauerquoten von zwei bis drei Millionen Interessierten zwar stets um ihren Bestand, dürfen aber der schützenden Hand der Fernsehdirektoren jeweils (noch) sicher sein.
Es gehört zum erklärten Selbstverständnis der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten, über die politischen, sozialen und kulturellen Entwicklungen des Auslandes, in Sonderheit der "Dritten Welt" und der sogenannten Schwellenländer, umfassend und ausführlich zu berichten. Aus diesem Grund wurde in den sechziger Jahren, als die Gebühreneinnahmen bei den Sendeanstalten florierten, das internationale Korrespondentennetz von ARD und ZDF weltweit ausgebaut, wobei die beiden Anstalten freilich aus Konkurrenzgründen oft in denselben Metropolen residieren, ein Wettbewerb, der sich jetzt bei knappen Gebühren und gestiegenen Fixkosten als kurzsichtig und letztlich informationshemmend erweist.
1980 definierte Reinhard Appel die Mission der Auslandsberichte mit dem Hinweis auf die deutsche Geschichte und die neuen wirtschaftlichen Interessen der Bundesrepublik Deutschland, denen auch das Fernsehen zu dienen habe. Er führte aus: "Unmittelbar nach dem Krieg, nach der verblendeten nazistischen Einschnürung, wollten auch wir Journalisten (wie viele Deutsche) endlich die geistigen und nationalen Grenzen beseitigen. Wir wollten bewußt der hypertrophen Formel "Am deutschen Wesen soll die Welt genesen" eine weltoffene Orientierung entgegensetzen, ein Klima schaffen, in welchem der Chauvinismus keinen Nährboden mehr findet, das den menschlichen Horizont erweitert und das uns mit freien Kulturen und Traditionen vertraut macht. Diese Grundeinstellung ist bis heute geblieben. Mit der Aufwärtsentwicklung unseres Außenhandels, der wachsenden Abhängigkeit unseres Wohlstandes von der Exportfähigkeit, stieg außerdem das Interesse an Kenntnissen über die politischen und gesellschaftlichen Strukturen und Entwicklungen unserer Handelspartnerländer. Schließlich verlangt unsere geopolitische Lage - die Grenzposition zum kommunistischen System, die militärische Sicherheit und nicht zuletzt unser Eingebundensein in die Europäische Gemeinschaft -, unsere Augen geöffnet zu halten und über Entwicklungen in den europäischen Ländern und anderen Kontinenten informiert zu bleiben." (Appel 1981:61).
Die Verquickung des Informationsauftrags mit merkantilen Interessen ist auffällig und macht deutlich, wie eng die publizistische Nachricht aus dem Ausland mit handfesten wirtschaftspolitischen Eckpunkten verknüpft sein kann. Es ist und kann daher nicht gleichgültig sein, wie es um das "Gesicht" und die "Farbe" der Auslandsberichterstattung bestellt ist. Die jeweiligen Rundfunkgesetze von ARD und ZDF mahnen zwar ganz unmittelbar die Freiheit der politischen Berichterstattung an, das kann aber in der Praxis nicht heißen, daß unabhängiger Journalismus frei von Einfluß auf die Innen- und Außenpolitik sei und umgekehrt. Außenpolitiker jedweder Couleur nutzen das Forum der Presse und der elektronischen Medien, um handfeste Politik zu machen, um sie vorzubereiten oder um das politische Terrain massenwirksam im eigenen Interesse oder im Interesse "des Landes" zu erkunden.
In diesem Sinne hat das Fernsehen seine Unschuld als bescheidener Nachrichtenüberbringer im Dienste der "Wahrheit" längst verloren. Auch die Auslandsberichterstattung, seriös verpackt und moderiert, ist in hohem Grade eine Choreografie von Daten und Vermutungen im Kontext des öffentlich-rechtlichen Mainstream-Journalismus. Dieser setzt auf Pluralismus im Spektrum eines "staatstragenden" Konsenses, und Opposition kann sich im Regel-Spiel allenfalls artikulieren, wenn sie dieser Grundannahme verpflichtet ist. Außenpolitik, Menschenrechte und die "Globalisierung" unterliegen in den Medien allzu leicht dem Diktat des Infotainments, sie sind bei allem vorgetragenen Ernst nur zu oft Teil der "Schreinemakerisierung" der Medien, allen voran des Fernsehens (Weischenberg 1997). Auch für den deutschen Fernsehjournalismus und seine Rezipienten dürfte die Bemerkung des Pulitzer-Preisträgers David Halberstamm berechtigt sein: "Kennedy hielt das, was er da sah, für schrecklich wichtig. Vielleicht war es nicht die Realität. Möglicherweise war es nicht einmal guter Journalismus. Aber es war das, was das ganze Land für die Wirklichkeit hielt." (Weischenberg 1997:19).
Die verschiedenen Residenzen der ARD- und ZDF-Studios folgten und folgen kaum zufällig der (alten) bündnispolitischen Gewichtung des Westens, der dann die ehemaligen Ostblockstaaten und die wenigen Domizile in der "Dritten Welt" nachgeordnet sind. Die zunächst politisch gewollte Dreiteilung, der Welt - "freier Westen", "Ostblock" und "Dritte Welt" - haben die Sendeanstalten faktisch nachvollzogen und geopolitisch widergespiegelt. Die Zweidrittelwelt ist demnach bis heute schon rein äußerlich mit den entsprechend notwendigen Studios deutlich unterrepräsentiert. Der afrikanische Kontinent ist durch die ARD mit lediglich fünf Fernsehstudios vertreten.1
China mit einer Ausdehnung von 9,591 Millionen km2 - so läßt sich die Klage exemplarisch weiterführen - stehen zwei Studios in Peking zur Verfügung, wobei sich ZDF und ARD in der chinesischen Metropole zusätzlich durch je ein selbständiges Studio kräftezehrende Konkurrenz machen. Das bringt selbstverständlich neben allen Besonderheiten, die das sozialistische System der "freien" Berichterstattung abverlangt, sehr grundsätzliche Fragen und Probleme mit sich. Was soll/kann und wie soll/kann berichtet werden über ein Land, dessen kulturelle Struktur, politische Verfasstheit und Sprache sich in keiner Weise mit den europäischen Erfahrungen des Zuschauers in Einklang bringen lassen?
Der Übertragungsort China bringt freilich dem, fragwürdig wie auch immer, journalistischen Selbstverständnis von der "Notwendigkeit" einer "sensationellen Nachricht" vieles entgegen: Berichte über eines der letzten "sozialistischen Bollwerke" haben per se Nachrichtenwert; die beispiellose Unterdrückung der freien Meinung, die Inhaftierung und Hinrichtung von jährlich Tausenden von Oppositionellen und Dissidenten (amnesty international 1996:163-169; amnesty international 1997:164-171), die Errichtung des größten Staudamms der Welt am Oberlauf des Jang-tse, all dies hat erheblichen Nachrichtenwert. Zudem verspricht das Schwellenland China, dies wird zumindest von Politik und Industrie so vorgegeben, der deutschen Wirtschaft in Zeiten großer Arbeitslosigkeit und rezessiver Strukturen Aussichten auf Milliardenaufträge. Der Konflikt zwischen wirtschaftlichem Pragmatismus, wie ihn die große Politik mehr oder weniger unverblümt zum Ausdruck bringt, und der nachdrücklich von NGOs geforderten Einlösung der Menschenrechte in China ist ein Antagonismus, der gerade im Medienjahr 1996 an verschiedenen Brennpunkten zum Ausdruck kam. Welche Stellung bezieht und bezog dabei die Auslandsberichterstattung des Fernsehens? So lautet eine zentrale publizistische und politische Fragestellung. Das heißt es ist außenpolitisch und innenpolitisch sehr wohl entscheidend, wie das Fernsehen über bestimmte Ereignisse und Konflikte berichtet, zumal dann, wenn die bilateralen Beziehungen dabei ganz unmittelbar. berührt werden. Das China-Bild, welches das deutsche Fernsehen von dem asiatischen Giganten zeichnet - so lautet eine Hypothese - ist bei der Bedeutung des Massenmediums Fernsehen von zentraler Wichtigkeit und kann Einfluß auf das Beziehungsgeflecht beider Länder nehmen. In Anlehnung an Volkmar Deile, Generalsekretär der deutschen Sektion von amnesty international, hätte auch das Fernsehen, wenn nicht stetig, so doch nachdrücklich und immer wieder folgende Fragen zu beantworten:
Wie kann die Prävention von Menschenrechtsverletzungen verbessert werden?
Wie können das Völkerrecht und die internationalen und regionalen Überwachungsinstrumente - und das heißt auch die Vereinten Nationen - gestärkt werden?
Wie kann der Zusammenhang von Frieden und Menschenrechten politisch umgesetzt werden?
Wie kann die Wirtschaft im Zeichen der Globalisierung zur Mitverantwortung für die Einhaltung von Menschenrechten herangezogen werden?
Wie können soziale und wirtschaftliche Rechte größeres politisches Gewicht bekommen? (Deile 1997).
Die Kritik an der Auslandsberichterstattung der Medien, insbesondere des Fernsehens, ist umfassend und vielschichtig, hat Tradition und ist in sehr vielen Sektoren begründet. Die Ausgangslage dieser Kritik, die fast immer von außerhalb des Mediums operiert und argumentiert, ist unschwer nachzuvollziehen, weil Defizite und Mängel bei der Auslandsberichterstattung dieser Sparte inhärent sind. Die Kritik umfaßt vor allem folgende Gesichtspunkte:
beschränkte Präsenz der Beiträge aus der "Dritten Welt" oder den Schwellenländern im aktuellen Fernsehprogramm;
Auslandsberichterstattung ist im Programm in der Regel als Dauerkrisenbericht etabliert;
davon abweichend gibt es die spektakuläre Hofberichterstattung aus dem Ausland unter dem Signum "cui bono?"
Krieg, Katastrophen und Hunger sind die üblichen Berichtsthemen;
wenige positive Berichte über die Eigenleistungen der Zweidrittelwelt;
eine Journalismus-Praxis, die dem Komplex globaler Gefährdungen gerecht werden könnte, hat sich bislang noch nicht etabliert.
"Über 20 Millionen, Zuschauer sehen jeden Abend TV-Nachrichten (Piltz 1997:89), rechnet ZDF-Redakteur Eberhard Piltz vor. Nachrichtenzeit ist längst zum Schutzraum der gebildeten Fernsehstände avanciert: Nach 20 Uhr herrscht für 15 Minuten ein ungeschriebenes Telefonierverbot, das dem Freund und Verwandten in aller Regel die anruf-freie Viertelstunde im Rahmen der "Tagesschau" sichert. Es ist demnach, nimmt man die Tabuzone ernst, etwas Besonderes um die Konsumtion der Nachrichtensendungen, die bei aller Öffentlichkeit den Schutz der Privatsphäre reklamieren können.
Der Programmbereich "Nachrichten" und "Berichte" unterliegt übrigens in allen Rundfunkgesetzen dem besonderen Schutz durch den Gesetzgeber. Im Staatsvertrag über den soeben neu gegründeten Südwestrundfunk heißt es in § 6, dem Abschnitt über "Programmgrundsätze": "Alle Beiträge für Informationssendungen (Nachrichten, Berichte und Magazine) sind gewissenhaft zu recherchieren; sie müssen wahrheitsgetreu und sachlich sein. Nachrichten sind vor ihrer Verbreitung mit der nach den Umständen gebotenen Sorgfalt auf Wahrheit und Herkunft zu prüfen. Die Redakteure sind bei der Auswahl und Sendung der Nachrichten zu Objektivität und Überparteilichkeit verpflichtet. Kommentare sind deutlich von Nachrichten zu trennen und unter Nennung des Verfassers als persönliche Stellungnahme zu kennzeichnen. Sie haben dem Gebot der journalistischen Fairneß zu entsprechen." (Staatsvertrag 1997:3).
Nicht nur der hohe Stellenwert, den Nachrichten im juristischen Selbstverständnis genießen, ist hier von Interesse, offensichtlich geht der Gesetzgeber auch davon aus, daß es so etwas wie "Wahrheit" und Objektivität in der Nachricht dem Grunde nach gibt. Der persönlich verfaßte Kommentar, der zu kennzeichnen ist, rangiert demnach qualitativ unter der Aussage und dem Inhalt der ("geprüften") Agenturmeldung. Die "Nachricht", von doch zunächst meist anonym bleibenden Mitarbeitern der Agenturen (dpa, Reuters, AP, epd etc.) zusammengestellt und für die Übertragung im elektronischen Netz, bearbeitet, genießt de jure und de facto höchsten Schutz. und höchste Glaubwürdigkeit. Die komplexen Wege der "Benachrichtigung" und die Entstehungskriterien für die semantische Botschaft sind dabei für den Redakteur fast immer verschlossen und lassen sich im Redaktionsalltag nur in Ausnahmefällen rekonstruieren.
So kommt es, daß das "Nachrichten"-Wort selbst, ohne Nennung des Überbringers und scheinbar ohne Autorenschaft, sich einer axiomatisch gesetzten Verlautbarung annähern kann. Der Diskurs mit deren Moderator, Nachrichtensprecher oder Redakteur ist beim Ritual der Nachrichtenzitation nicht vorgesehen. Nachrichten in Rundfunk oder Fernsehen gesprochen oder verlesen, sind nicht dialogisch angelegt und demnach ihrer Struktur nach eindimensional disponiert. Aus diesem Aspekt heraus wird im übrigen auch verständlich, warum der Versprecher in der Nachrichtensendung - die Abweichung von der Norm - als nahezu sensationelles Ereignis registriert wird. Die Nachrichtensendung als gleichsam sakraler Akt ist durch die Abdrift gestört, sie duldet im Verständnis der Macher und Konsumenten keine Improvisation durch ihre "Hauptdarsteller" vor Kamera und Mikrofon.
Der Medienwissenschaftler Knut Hickethier machte 1997 in einer klugen Analyse den Versuch, die Nachrichtenpraxis des Fernsehens aus der Tradition einer permanenten "audiovisuellen Erzählung" zu interpretieren. Dieser wissenschaftliche "Kunstgriff" ermöglichte es Hickethier, sich von der wenig fruchtbaren Debatte über Wahrheit und Realitätswiedergabe, von Manipulation und Selektion in den Nachrichten zunächst zu verabschieden (Hickethier 1997:6). In diesem Kontext werden Nachrichtensprecher, Moderatoren, anchormen und anchorwomen zu medialen Erzählern, die die Welt ordnen, sichten und zurechtrücken:
"Sie (oder die hinter ihnen stehende Redaktion, die dem Erzähler zuarbeitet und als zweite Erzählinstanz dem Zuschauer unsichtbar bleibt) haben für die Zuschauer das Geschehen sortiert und berichten nur noch das, was als 'wesentlich' gelten, soll, woraus sich für die Zuschauer der Umkehrschluß ergibt, daß alles, was präsentiert wird, auch wichtig ist." (Hickethier 1997:8).
Die Trennung von Nachricht und Kommentar diene dazu, den "Objektivitätsschein" der Nachricht zu erhöhen. Nachrichtenerzähler, dem auktorialen Gestus verpflichtet, seien Darsteller einer Rolle, hinter denen weitere Stimmen stehen, was durch die Regiestimme aus dem Off (bei Pannen) hörbar wird. Der Wechsel vom epischen Präteritum zum berichtenden Präsens trage mit dazu bei, "bei manchen Zuschauern den Eindruck ungebrochener Realitätswiedergabe zu erzeugen. Doch auch in den Nachrichtensendungen wird nur bereits Vergangenes berichtet. Selbst dort, wo sich der Nachrichtensprecher 'live' mit einem Korrespondenten zusammenschaltet, um vom jeweils 'gegenwärtigen' Stand eines Geschehens zu erfahren, wird nur ein Bericht des bereits Geschehenen geliefert, allenfalls gibt der Korrespondent als eine Art Untererzähler über zu erwartende Ereignisse zusätzliche Vermutungen." (Hickethier 1997:8).
"Wahrheit", Unabhängigkeit und Information als, den Gebrauchswert der Nachricht einzufordern ist berechtigt, doch scheint es so zu sein, daß das Medium immer wieder Gesetzmäßigkeiten folgt, die außerhalb kodifizierter Nonnen und Maßstäbe ablaufen. Die Sprache des Fernsehens, "da sie im Kapitalverhältnis wurzelt", sagt Klaus Kreimeier, "ist laut und marktschreierisch: darum sind das Logo, die Frisur, das Girren und Werben mit videographischen Lockmitteln, das Zähneblecken und das Ausrufezeichen in der Ansage von eminenter Bedeutung. Und schließlich: Da sie Klatsch und Tratsch, den Jahrmarkt, das Panoptikum und das Kino ersetzen muß, ist die Sprache des Fernsehens schamlos, platt, vulgär, grob, undifferenziert, kitschig bis zum Exzess, redundant, selbstgefällig, schrill, verlogen, brutal, gefühlstriefend, geschmacklos, dummdreist, effekthascherisch und populistisch bis zur unerträglichen Anbiederei - aber auch: respektlos, antihierarchisch, ihrem Wesen nach radikaldemokratisch, egalitär und in besten Momenten zur ironischen Selbstreferenz begabt." (Kreimeier 1997:169).
Nach fast zehnjährigen Vorarbeiten2 verabschiedete die 20. Generalkonferenz der UNESCO im November 1978 in Paris ihre sogenannte Mediendeklaration, deren vollständiger Titel lautet: "Erklärung über die Grundprinzipien für den Beitrag der Massenmedien zur Stärkung des Friedens und der internationalen Verständigung, zur Förderung der Menschenrechte und zur Bekämpfung von Rassismus, Apartheid und Kriegshetze." (Europa-Archiv 1979: D188/vgl. Knott 1976:1-5, Knott 1978:1-4). Der Ost-West-Konflikt alter Prägung bestimmte seinerzeit noch die Diskussion, und die sozialistischen Staaten, unter ihnen auch der Vertreter der DDR, Wolfgang Kleinwächter, befürchteten, durch den "freien Nachrichtenfluß", um den die Konferenz zu ringen sich anschickte, an politischer Einflußnahme zu verlieren. Der Schutz des freien Informationsflusses sollte nach östlicher Vorstellung zunächst dort enden, wo "menschenfeindliche Propaganda und die Verbreitung von Gedankengut, das die Koexistenz von Staaten und Völkern belastet", die Souveränität behindere - so der Leiter der DDR-Delegation Bernhard Neugebauer (Weyl 1980:421; vgl. Breunig 1996:67-84). Damit sollte zunächst einer liberaleren "westlichen" Vorstellung von Medienfreiheit entgegengewirkt werden, wobei die drei Gruppierungen westliche Demokratien, sozialistische Staaten und Entwicklungsländer - sich dann doch auf einen Kompromiß verständigten, der "einen freien Austausch und eine umfassendere und ausgewogenere Verbreitung von Information" (Artikel 1 der Mediendeklaration) von der Völkergemeinschaft einforderte.
Der damalige Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher führte als Leiter der westdeutschen Delegation zu Konferenzbeginn aus:
"Mein Land tritt entschieden ein für einen gleichgewichtigeren Informationsaustausch zwischen Industrie- und Entwicklungsländern. Wir haben daran ein eigenes Interesse. Wir wünschen, daß die Menschen in den Entwicklungsländern über unser Land auch durch eigene Nachrichtenmedien unterrichtet werden. Wir wollen vermehrt hören, was Journalisten der Dritten Welt über ihre Länder berichten, wir wollen mehr über die Entwicklungsländer wissen. Die Zusammenarbeit zwischen Nord und Süd mit dem Ziel, die Kluft zwischen armen und reichen Ländern stetig zu verringern, ist die entscheidende internationale Aufgabe unserer Zeit. Daß dies allen Menschen bewußt wird, dazu müssen die Nachrichtenmedien ihren unentbehrlichen Beitrag leisten." (Bulletin 1978:1149).
Gegen verfälschte Information gebe es nur ein Mittel: die Pluralität der Informationen und die Vielfalt der Informationsmedien, dies sei der beste und der einzige Schutz gegen verfälschte Berichterstattung und manipulierte Meinungsmache (ebd.). Die verabschiedete Mediendeklaration der UNESCO von 1978 läßt begrifflich allenfalls noch am Rande den alten Konflikt zwischen demokratischen Anliegen und alten sozialistischen Prinzipien erahnen. Die bis heute gültige Mediendeklaration der UNESCO bildet die anerkannte Grundlage3 für die nationale und transnationale Medienpolitik der Völkergemeinschaft, auf deren Grundlage sich die aktuelle Berichterstattung messen lassen muß.
Die Mediendeklaration gliedert sich in elf Artikel:
Artikel I fordert, wie bereits erwähnt, den freien und möglichst umfassenden Austausch von Information.
Artikel II gegliedert in vier Unterabschnitte, betont
die Verschränkung der Menschenrechte und der Grundfreiheiten mit der Meinungs- und Informationsfreiheit;
fordert den freien Zugang der Allgemeinheit zur Information durch Vielfalt der Informationsquellen und das Recht der Journalisten zur freien Berichterstattung;
unterstreicht die Wichtigkeit der Massenmedien hinsichtlich der Förderung der Menschenrechte und ihren Beitrag im Kampf gegen Kolonialismus und Rassendiskriminierung. Massenmedien sollen den "unterdrückten Völkern ihre Stimme leihen";
mahnt den Schutz der Journalisten im eigenen Land und im Ausland an.
Artikel III fordert in zwei Abschnitten die Stärkung des Friedens durch die Massenmedien und nennt als weitere Ziele u.a. die Bekämpfung von Armut, Unterernährung und Krankheiten.
Artikel IV beschreibt die Rolle der Massenmedien bei der Erziehung Jugendlicher und fordert die Bekanntmachung von deren Ansichten.
Artikel V postuliert auch die Darstellung von Meinungen derjenigen, die meinten, "daß die über sie veröffentlichten Informationen ihren Bemühungen um Frieden etc. ernstlich Abbruch getan hätten" (Weyl 1980:419).
Artikel VI fordert, Ungleichgewichte im Informationsfluß zu und aus den Entwicklungsländern zu beseitigen.
Artikel VII spricht von der Unterstützung der Ziele und Grundsätze der UN durch die Massenmedien.
Artikel VIII deklariert: journalistische Standesregeln und ethische Normen sollen die UNESCO-Grundsätze in Zukunft besonders berücksichtigen.
Artikel IV mahnt die Völkergemeinschaft zur Schaffung der Voraussetzungen "für einen freien Austausch" von Informationen "für den Schutz der Journalisten" an.
Artikel X fordert u.a. ein weiteres Mal den freien Austausch und eine "umfassendere" Verbreitung von Informationen, die Verbesserung der Medienstruktur für und in den Entwicklungsländern und die "Achtung der Verschiedenartigkeit von Kulturen, aus denen das gemeinsame Erbe der Menschheit besteht".
Artikel XI ersucht abschließend die Mitgliedsstaaten im Einklang mit der Erklärung der Allgemeinen Menschenrechte, "für günstige Voraussetzungen für die Arbeit der Massenmedien zu sorgen".
Aus westlicher und damit auch deutscher Sicht hat es vordergründig den Anschein, als seien die wesentlichen Forderungen der Mediendeklaration der UNESCO im Kontext eines demokratischen und öffentlich-rechtlichen Rundfunksystems erfüllt und eingelöst. Dagegen seien die Defizite für eine demokratische und plurale Rundfunk- und Pressestruktur weiterhin (und allein) in den staatsmonopolistischen Diktaturen wie der VR China und anderer Länder (Reporters Sans Frontières 1995:72ff) zu beklagen. Übersehen oder nicht diskutiert wird dabei, daß in den westlichen Rundfunk-Demokratien noch erheblicher Handlungsbedarf bei der Realisierung und Erfüllung der Artikel II, III, IV und VI besteht. Des weiteren sind in den letzten Jahren Probleme durch die Privatisierung und Vertrustung der Mediengesellschaft entstanden, die im Übrigen auch das öffentlich-rechtliche Spektrum erfaßt und beeinflußt haben. Kritische Vielfalt wird mehr und mehr einem kommerziellen oder auch öffentlich-rechtlichen Mainstream geopfert, der nur noch scheinbar pluraler Diversifikation dient. "Großkonzerne sind in der Regel nicht dafür bekannt", schreiben Lutz Hachmeister und Günther Rager, "daß sie der Kreativität einen Hort bieten, während eine möglichst vielfältige Medienproduktion mit unterschiedlichen Kulturen und Stilen ohne die Förderung schöpferischer Talente mit den dafür notwendigen Freiräumen - nicht zustande kommen kann. Die Vertrustung im Mediengewerbe birgt also nicht nur die üblicherweise debattierten Gefahren für die Freiheit der Meinungsbildung, sie beeinträchtigt ganz allgemein die (ohnehin schon relative) Freiheit der Stellen- und Berufswahl." (Hachmeister/Rager 1997:13).
Diese neuen Gefahren, basierend auf dem ökonomischen Kalkül der Kartelle und ihrer Interessenvertreter in Wirtschaft und Politik, hat auch die UNESCO inzwischen als eine neue Herausforderung begriffen und zur Wachsamkeit gemahnt. In einer "Empfehlung an Regierungen und Handlungsträger" regte die 28. Generalkonferenz der UNESCO 1995 die Förderung einer Medienumwelt an, "die der menschlichen Entwicklung nützt, durch die Achtung von Wettbewerbsprinzipien, der Vielfalt, eines Minimums an moralischen Standards und einer Ausgewogenheit zwischen Effizienz und Chancengleichheit." (UNESCO heute IV 1996:313).
Im Sinne der UNESCO handelt es sich bei Veranstaltungen von ARD und ZDF um "unabhängige Rundfunk- und Fernsehstationen" (UNESCO heute IV 1996:313), doch hat der politische Druck der Parteien auf die öffentlich-rechtlichen Anstalten derart zugenommen, daß von einer unabhängigen journalistischen Tagesarbeit, die diesen Namen verdiente, nicht ohne weiteres ausgegangen werden kann. Nicht nur das ZDF4 steht unter relativ engmaschigem Einfluß der Politik, auch die ARD-Sender unterliegen einer weitreichenden politischen Kontrolle, was gerade die Neugründung des Südwestrundfunk (SWR) und die Struktur seiner Aufsichtsgremien (Rundfunkrat/Verwaltungsrat) bestätigen (Staatsvertrag 1997).
Die medienpolitische Hinterfragung des öffentlich-rechtlichen Rundfunksystems ist in dem Maße verstummt wie die Konkurrenz mit den Privaten angewachsen ist. Öffentlich-rechtlicher Rundfunk mag vor dem Vorwurf eines stromlinienförmigen "Staatsrundfunks" zwar noch sicher sein. Das öffentlich-rechtliche Rundfunksystem kann aber in seiner derzeitigen Gestalt und Behäbigkeit die Interessen von Minderheiten, Unterprivilegierten und Stimmlosen nicht mehr artikulieren. Im Kontext der des öffentlich-rechtlichen Rundfunks hat sich ein Mainstream-Journalismus breitmachen können, der z.B. die Bonner Großwetterlage ängstlich und risikolos vorwegnimmt und ausschnuppert. Das hat nichts mit Parteienproporz zu tun, wohl aber mit der Kapitulation vor demokratischen Traditionen und Werten. Die beängstigende "Ausgewogenheit" der abendlichen Fernsehkommentare ist ein Indiz für die schleichende Verseifung von Meinungen und Positionen.
Zwei Wege gibt es in der Berichterstattung, so die Beobachtung von Johan Galtung, einen Konflikt zu betrachten. Der eine, der Weg der Berichterstattung, werde in den Medien am häufigsten eingeschlagen. Er "konzentriert sich auf denjenigen, der den Konflikt gewinnt", dabei werde der Konflikt selbst als ein "Kampf" eingestuft (Galtung 1997:d8). Übertragen auf die politikorientierte China-Berichterstattung trifft diese Beobachtung sicherlich vollständig zu. Nachrichten über die Reisen, Bewegungen, Verhandlungen und Streitigkeiten deutscher und chinesischer Eliten sind in der Tat in wesentlichen Aspekten audiovisuelle "Kampfberichte", die dem Zuschauer, Hörer oder Leser die aktuelle "Plazierung" des politischen Agenten benennen müssen. Im Kontext der "Langzeiterzählung" (Hickethier 1997:11) im Fernsehen geht es also um den Kitzel und den Punktestand bei einem deutsch-chinesischen Kräftemessen. Vereinfacht: Wie schneidet Kohl ab? Wie Kinkel? Wie Herzog? Zwingt Jiang Zemin seine Gäste in die Knie? Was sagt die Wirtschaft? Bekommt diese die erhofften Millionen- oder Milliardenaufträge, wer übernimmt, die Ausfallbürgschaften und in welcher Höhe?
Das Interesse an der "fremden Sache" und ihren Menschen ist unter diesen Voraussetzungen ein antagonistisches. Gewinne lassen sich in Mark, Dollar und Yen bemessen, verloren hat in dieser Logik - wie beim Fingerhakeln -, wer nachgibt, nachgeben muß und keine Reserven mehr ausspielen kann. Auch die verbalen Auseinandersetzungen um Menschenrechte auf hohem politischen Level wären in diesem Sinne nicht in erster Linie ein zu lösendes Sachproblem. Im internationalen Disput zwischen Deutschland und China um die Menschenrechte ging es im Sommer 1996 und später darum, von der gegnerischen Seite nicht ausgepunktet zu werden. Es wurde aus deutscher Perspektive nicht das gesprochen, was nötig war, sondern das, was ohne Gesichtsverlust - und das hieß immer im Hinblick auf die innenpolitische Situation Deutschlands - noch möglich war.
Menschenrechtsdebatten, ausgetragen im Windschatten der politischen Eliten und der sie begleitenden Medien, sind so gesehen ein publizistisches "Kampfgeschehen", das mit Provokation und Gegenreaktionen rechnet. Bei Galtung heißt das, und er bezieht sich dabei auf die Berichterstattung über direkte Gewaltanwendung: "Der Konflikt selbst wird als ein Kampf eingestuft. Die Beteiligten, normalerweise auf zwei Lager reduziert, werden als Gegner in einem Ringen um die jeweiligen Ziele, ohne Rücksicht auf andere dargestellt. Das dahinterliegende Modell, sehr oft in Reportagen klar zu erkennen, ist das eines militärischen Befehls: wer greift an, wer erleidet eine Niederlage hinsichtlich der gesteckten Ziele; Verluste werden durch die Anzahl der Toten, der Verletzten und durch den materiellen Schaden definiert. Diese Vorgehensweise gleicht einer Sportreportage, in der das Gewinnen an sich "nicht nur ein Teilaspekt dessen, sondern das eigentliche Ziel ist." Diese eingenommene Perspektive wird in die Friedensverhandlungen mit hineingetragen: Derjenige, der sich als der klügere erweist, der dem anderen ein Zugeständnis abringt; derjenige, der letztendlich sein gestecktes Ziel erreicht hat, wird als Gewinner etabliert. Dies ist eine Form des Kriegsjournalismus; mit Kriegs-, Gerichts- und Sportkorrespondenten als archetypische Muster." (Galtung 1997:d8).
Den anderen journalistischen Ansatz beschreibt Galtung als denjenigen, der friedensjournalistisch orientiert ist, wobei das Augenmerk auf die "Konflikttransformation" (Galtung 1997: d8) gerichtet ist. Die "gewöhnliche" Auslandsberichterstattung, der Normalfall also, ist immer noch hauptsächlich konfliktdisponiert und pflegt gewissermaßen den Dissens als den Stoff, aus dem die "guten" Nachrichten sind. Über China zu berichten ist deshalb so "aufregend" für die Medien, weil mit dem Konflikt spekuliert wird, er ist die Nachricht schlechthin. Die "Verletzung der Menschenrechte" in China ist demnach in diesem traditionellen Modell die zentrale Nachricht. Bei der Überwindung dieses Dilemmas journalistisch zu helfen, das wäre bereits die "Transformation" im Galtungschen Sinne. Doch eben dieser Weg ist augenblicklich in den Medien noch weitgehend versperrt. Der Friedensforscher empfiehlt dem Friedensjournalisten, Fragen zu stellen, u.a.:
Worum handelt es sich in dem Konflikt? Wer sind die Beteiligten; welches sind ihre jeweiligen Ziele? Nicht zu vergessen sind die Beteiligten, die nicht im Mittelpunkt der gewalttätigen Auseinandersetzung stehen.
Welches sind die strukturellen, kulturellen und historischen Wurzeln des Konflikts?
Welche kreativen und alternativen Lösungsansätze existieren, im Gegensatz zur einseitigen Betrachtung, die mit Unterdrückung einhergeht?
Wie wird mit Traumata und Haß, mit dem Verlangen nach Rache und Ruhm im Rahmen einer gewalttätigen Auseinandersetzung umgegangen?
Wer bemüht sich darum, Gewalt zu vermeiden? Wie sind die Vorgehensweisen? Wie werden die Ergebnisse konfliktreicher und konfliktloser Auseinandersetzungen eingestuft?
Wer beginnt mit dem Wiederaufbau, der Wiedergutmachung, wie steht es um die Einhaltung von Resolutionen? (Galtung 1997:d8).
Unter diesen friedensjournalistischen Prämissen betrachtet, fehlt es dem Gros der Auslandsberichte an der emphatischen Einfühlung in das beschriebene Gegenüber. Die Bürgerrechtlerin oder der Dissident5 interessieren nicht, im Rahmen einer "Transformation", sondern im Kontext der partikularen Besonderheit. Die wenigen Fernsehreportagen, die sich mit "Dissidenten" und Normabweichern befassen, zeigen diese meist als biographischen Sonderfall, der durch erlittenes Unrecht und das zugefügte Leid sich legitimiert. Politische und gesellschaftliche Implikationen, die über den Einzelfall hinausweisen, sind in Reportagen selten zu entdecken. Die Biographien eines Harry Wu (Harry Wu 1996) oder Wei Jingsheng (Wei Jingsheng 1995) befriedigen zunächst die Teilhabe des Lesers an den Schrecken der chinesischen Gulags. Erst in zweiter Linie wird von befragenden Journalisten der Hintergrund zu Veränderungen und Umwandlungsprozessen ermittelt.. Andererseits geriet der deutsche Journalist Henrik Bork nur deshalb in die Schlagzeilen, weil er im Dezember 1995 durch einen politischen Willkürakt ausgewiesen wurde. Die Konfrontation eines einzelnen deutschen Journalisten mit dem Staatsapparat war hierzulande wichtiger als die Frage, wie hat dieser, übrigens frei arbeitende Journalist aus der Volksrepublik berichtet. Henrik Bork hat nämlich sehr viel deutlicher als die meisten seiner Kollegen in seinen Kommentaren und Berichten die wechselseitigen Beziehungen und politischen Verantwortungen herausgestellt. In diesem Sinne zeigt Henrik Bork Ansätze eines Friedens- und Konfliktjournalismus, der auch die eigene Befindlichkeit und Betroffenheit in das Beschriebene mit einfließen läßt.
"Falls uns daran gelegen ist, daß Konflikte nicht zur Explosion kommen", betont Eckart Spoo mit Blick auf innenpolitische Konflikte und ihre journalistische Aufarbeitung, "sondern entschärft werden, dann müssen wir uns frühzeitig für die Anliegen von Demonstranten interessieren, also gegensätzliche Interessen von Konfliktparteien wahrnehmen: Unterdrückungsverhältnisse und Ausbeutungsverhältnisse. Hauptkriterium sollten die Menschenrechte sein." (Spoo 1997:131).
An dieser teilnehmenden und "transformierenden" Wahrnehmungsstrategie läßt es übrigens der öffentlich-rechtliche Rundfunk zunehmend fehlen. Im sich verschärfenden Parteienwettbewerb in den Aufsichtsgremien der Sender und den daraus resultierenden Repressionen auf die Journalisten hat sich ein "liberaler Anpassungsjournalismus" etablieren können, der zwar nach Kräften alle Faktoren einer Krise benennt, Veränderungen und "Transformation" aber nicht mehr einfordert. Im öffentlich-rechtlichen Fernsehkommentar wird der nach allen Seiten offene Sowohl-als-auch-Journalismus Tag für Tag auf die Spitze getrieben: "Tue niemand weh und halte dich nach allen Seiten offen", könnte die ungeschriebene Devise vieler Fernsehjournalisten" lauten. Genau diese Haltung aber ist es - wenn wir vom dekretierten Journalismus im "Staatsrundfunk" einmal absehen -, die der konfrontativen Weltsicht und dem klassischen Sensationsjournalismus Vorschub leistet. Wenn bei innenpolitischen Fragen zum Beispiel alle Positionen als möglich, zulässig und im Grunde erlaubt beschrieben werden, dann können die Faktoren hinter struktureller Gewalt freilich nicht mehr in den Blick gerückt werden. Wenn Arbeitslosigkeit, um nur ein Beispiel zu nennen, von Journalisten nur noch mittels eines Fernrohrs für globale Vernetzung betrachtet wird, dann verschließt sich diese Analyse von vorneherein der Diskussion irgendwelcher Lösungsstrategien.
Spoo mahnt in einem 12-Punkte-Programm für Journalisten zu einem Kampf gegen Erwartungshaltungen und formuliert:
"Wir müssen uns gegen Erwartungshaltungen durchsetzen - nicht nur im Publikum, sondern auch schon in den Redaktionen. Man erwartet Bestätigung dessen, was man zu wissen glaubt: die Nachrichten, die wir liefern, sollen die eigene Seite bestätigen und rechtfertigen - eine Erwartungshaltung, der wir uns nicht dienstbar machen dürfen." (Spoo 1997:131)
In der jüngsten amerikanisch-irakischen Krise wird solch ein Erwartungsjournalismus neuerlich sichtbar: Dem Zuschauer und Leser wird täglich mitgeteilt, ein Diktator habe Vernichtungswaffen versteckt, und, auf der anderen Seite, es sei eine altruistische Großmacht angetreten, um Freiheit und Gerechtigkeit mit allen Mitteln durchzusetzen. Auf Seiten des Zuschauers, Hörers und Lesers ist wieder die beherrschende Frage: Wer gewinnt? - eine Position, die neuerlich den Konflikt schon allein durch die Frage eskalieren lassen kann. Die journalistischen Muster aus dem zweiten Golfkrieg sind hinreichend bekannt, und es hat den Anschein, daß bislang aus diesen Erfahrungen kaum Konsequenzen gezogen wurden. Klaus Bednarz beklagte 1993:
"Wir haben in unseren Medien mit Sicherheit versäumt, eine kontinuierliche Berichterstattung über Hintergründe und Ursachen zu bringen. Unsere Berichterstattung ist viel zu sehr auf Aktionismus ausgerichtet. Wir haben viel zu wenig konkrete Sendeplätze, um Entwicklungen darzustellen, die sich zunächst einmal subkutan bemerkbar machen, die aber absehbar auch zu offenen Konfliktsituationen führen werden. Wir steigen mit unserem Medium immer erst dann ein, wenn es irgendwo knallt. Davon müssen wir wegkommen." (Bednarz 1993:150).
Friedensjournalismus im Sinne einer aktiv transformierenden Berichterstattung, wenn er sich etablieren will, muß Abschied nehmen vom Diktat einer autographlosen Weltbeobachtung, die vorgibt, es gebe nur einen Standpunkt, den der namenlosen und ungezeichneten Agenturmeldung. Gerade sie ist signifikantes Brandzeichen für "verantwortlungslose". Weltbeobachtung, bei der sich das reportierende Ich unter berufsständischen Verabredungen und Verpflichtungen aus dem Gegenstand des Berichts her-ausgemogelt hat. Daß das Spiel mit Weltnachrichten, Siegern und Besiegten, Wetterbericht, Interviews und Menschen zu einer kultivierten Theaterakrobatik verkommen ist, das beweist Sabine Christiansen, die im einfachen Gespräch außerhalb der "Tagesschau" zur sprachlosen Marionette verkümmert ist.
Die Griechen, die den Überbringer schlechter Nachrichten bekanntlich tödlich abstraften, hatten im Kontext des Mythos nicht einmal ganz Unrecht: Sie empfanden die Teilhabe des "Reporters" am Geschehen und klagten bei ihm einen Teil dieser Nachricht ein. Mit blutrünstiger Rachsucht hat das nichts zu tun. Friedensjournalismus, pazifizierender, schlichtender und ausgleichender, wird sich an der persönlichen Teilhabe daran, worüber berichtet wird, messen lassen müssen. Die humane Intervention des Beobachters wird dann selbstverständlich und nicht ehrenrührig sein. Noch feilt diese neue Journalisten-Equipe an ihrem Handwerkszeug, der schnelle Bleistift und der wegtäuschende Radierer werden nicht ausreichen.
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1 Algier, Johannesburg, Kairo, Nairobi, Rabat.
2 1970 brachte Weißrußland einen Resolutionsentwurf ein, wonach Kriegshetze zu verbieten sei; 1972 anläßlich der 17. Generalkonferenz der UNESCO, wurde beschlossen, eine Resolution zum Gebrauch der Massenmedien auf den Weg zu bringen (vgl. Weyl 1995:192).
3 In diesem Zusammenhang - und bei ausführlicher Analyse - wäre auch die Schlußakte der KSZE von 1975 zu diskutieren, Im "Korb 3" ist dort die "Verbesserung der Verbreitung von, des Zugangs zu und des Austausches von Informationen" niedergelegt, die "Verbesserung der Arbeitsbedingungen für Journalisten" detailliert beschrieben. (Vgl. Schweisfürth 1993:50ff;. Kleinwächter1993:36ff; auch Tudyka 1997.)
4 Der ZDF-Intendant wird vom Fernsehrat gewählt: "einem politisch dominierten Aufsichtsorgan, das die Programmrichtlinien definiert, den Haushaltsplan genehmigt und neuen Programmvorhaben zustimmen muß. Darüber hinaus hat das ZDF einen Verwaltungsrat, der durch die Mitgliedschaft von sechs Ministerpräsidenten ebenfalls stark politisch geprägt ist." (Hachmeister/Rager 1997:269).
5 Der Begriff "Dissident" ist aus friedensjournalistischer Sicht äußerst problematisch, weil er gewissermaßen einen "Normabweicher" meint, ein bereits außerhalb der Gesellschaft stehendes Individuum benennt. Die Sprache isoliert diese Demokraten ein weiteres Mal und verweigert ihnen von vornherein die notwendige Solidarität. Wer vom Dissident spricht oder sprechen muß, der beschreibt diesen von außen und als ein relativ fernes Gegenüber.