European Medi@Culture-Online http://www.european-mediaculture.org
Autor: Hörburger, Christian.
Titel: Nihilisten - Pazifisten - Nestbeschmutzer. Gesichtete Zeit im Spiegel des Kabaretts.
Quelle: Christian Hörburger: Nihilisten - Pazifisten - Nestbeschmutzer. Gesichtete Zeit im Spiegel des Kabaretts. Tübingen 1993. S. 9-299.
Verlag: Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V..
Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.
Christian Hörburger
Nihilisten - Pazifisten - Nestbeschmutzer
Gesichtete Zeit im Spiegel des Kabaretts
Inhaltsverzeichnis
Vorwort: Wir mahlen Pfeffer in die Bonbonnière 3
Auftakt 5
Probleme, Fragen, Widersprüche 5
Das Kabarett - Ein deutscher Totentanz 7
Französische Uraufführung 10
Von Kriegern und Lumpen 13
Unter Diktatur und Hakenkreuz 16
Die Nazis kommen - Kassandra und Spötter auf der Flucht 16
Gepfeffertes aus München und Zürich 24
Witz als Widerstand - Werner Finck provoziert die Nazis in der Katakombe 31
Frohsinn der rechten Denkungsart oder Die gute Laune ist ein Kriegsartikel, versichert der Minister 43
Zum Totlachen oder Theresienstadt, Theresienstadt ist das modernste Ghetto, das die Welt heut hat 59
Trauerarbeit und Restauration 89
Erich Kästner gibt Nachhilfe 89
Demokratisch - aber wie! Spötter wider die Reaktion 97
Das Kabarett, das aus der Kälte kam - Die Insulaner im Kampfanzug 111
Der Tod ist ein Meister aus Deutschland und die Republik läßt wieder rüsten 122
Der Ball ist rund und die Republik läßt es sich gutgehen 138
Vermauertes und Vernageltes. Die sechziger Jahre zwischen Aufbruch und Protest 147
Eiszeit in den Köpfen 147
Der beredte Außenseiter - Wolfgang Neuss 158
Mit strahlendem Gesicht 164
Unziviles - Agitation und APO-Kabartett 168
Verzweiflung, Wut und Schrecken 187
Der überwachte Staat 187
Nachgerüstet - Wettlauf zwischen Schwertern und Pflugscharen 197
Von Wende zu Wende 207
Neues aus Skandalusien 207
Über die Fremde - Dialektales und Dialektisches 212
Eine Zensur findet statt 222
Ausgelacht - Das Kabarett unter Hammer und Sichel 235
Deutscher Epilog 248
Spreng-Sätze 248
Das Kabarett in der Bildungsarbeit 252
1. Interpretation und Neuformulierung 253
2. Was darf die Satire? 255
3. Schlagzeilen 258
Glossar zum Kabarett 263
„Jetzt wollen wir was Hübsches singen“ - mit diesem Vers begann in München am 1. Januar 1933 das erste Programm der Pfeffermühle. Erika und Klaus Mann haben zusammen mit Walter Mehring die Texte geschrieben und selber neben Therese Giehse, Magnus Henning oder Sybille Schloß auf den Bretteln gestanden - in der etwas heruntergekommenen Bonbonniere gleich hinter dem Hofbräuhaus. Ich erzähle diese Einzelheiten aber nicht, um mit dem so unglaublich materialreichen Fundus dieses Buches zu wetteifern, sondern weil sie in ihrer beinah niederen, jedenfalls beiläufigen Weise die Quintessenz der so merkwürdigen wie immer noch populären Gattung zum Ausdruck bringen, der sich Christian Hörburger nicht nur auf dem Papier verschrieben hat.
Denn natürlich sind die derart angekündigten Lieder alles andere als hübsch im landläufigen Sinne des Worts, zumindest kommen sie vielen garstig vor, und auch diejenigen, die sich darüber amüsieren, werden sie eher witzig, satirisch, komisch oder karikaturistisch finden. Der Kabarettist, das kleine Wort lehrt es bereits, ist ein Meister der zweideutigen Rede, er meint es selten genau so, wie er es sagt, Scherz, Ironie, Satire sind seine wichtigsten Ausdrucksformen - nicht allein, weil er oftmals Verbot, Verfolgung, Zensur befürchten mußte, sondern auch weil alles Komische aus einer Spannung lebt und Anspielung, Verrätselung, Andeutung zu seinen wichtigsten Merkmalen zählen.
Pfeffermühle, wie bei den meisten Kabaretts, bedeutet ein Programm, der Name spricht und macht die Absicht kenntlich. Der Anekdote nach - und auch sie ist aussageträchtig, über den Einzelfall hinaus - hat Thomas Mann diesen Einfall gehabt. Die Familie saß beim Essen, Erika und Klaus waren voller Ideen für das gemeinsame Projekt, allein, das Kind war noch namenlos, und keine der in Erwägung gezogenen Bezeichnungen hielt stand. Da griff Thomas Mann nach der hölzernen Pfeffermühle und hielt sie den beiden mit den Worten hin: „Wie wär's denn damit?“ -Die Geburt eines Kabaretts am bürgerlichen Mittagstisch, das wirkt wie ein Gleichnis für die Entstehung dieses Zwitterwesens aus Theater und Künstlerkneipe, Satire und Gassenhauer, Unterhaltung und Belehrung: das Kabarett ist eine bürgerliche Erfindung, und die Pariser Boheme, aus deren Schoß es Ende des 19. Jahrhunderts wuchs, rekrutierte sich aus den Kindern und Enkeln des Standes, der das Hauptziel aller satirischen Angriffe und Sottisen, Witze und Spottlieder der Kleinkunst-Bühnen war und bis heute ist. Auch daß sich Die Pfeffermühle gleichsam im Rücken des Hofbräuhauses etablierte, hat in diesem Zusammenhang signifikante Bedeutung, die noch stärker auffällt, wenn man bedenkt, daß es sich nicht nur als Kneiport bierseliger Spießer, sondern vor allem als Versammlungsstätte nationalsozialistischer Parteigänger seinen Namen gemacht hat. Im Hinterhof, am Rande und ganz unspektakulär sammelte sich der Widerstand und sandte Pfeil für Pfeil in die andere, die Gegenrichtung. Denn wenn es einen gemeinsamen Nenner aller Kabaretts gibt, so ist es die Opposition, womit man aber nicht eine politische Partei verbinden darf. Der Kabarettist ist kein Politiker, und wenn er auch der politischen Opposition naturgemäß zuneigt, wird man ihn nicht als Parteigänger nehmen dürfen. Ein Kabarett ohne Distanz auch zur eigenen Wunschfraktion wird zum politischen Propaganda-Apparat und verliert seine wichtigste Funktion: wachsam nach allen Seiten zu sein, Unmoral überall anzuprangern und seinen Witz an Verirrungen aller Art und Richtung zu schärfen. Wir haben es auch hier mit einer moralischen Anstalt zu tun, die selbst dort, wo sie politisch wird, unterwegs niemals die Moral verliert. Ja, das Kabarett ist ein später Abkömmling der Aufklärung, und wenn es die Fehler der anderen Seite aufdeckt, heißt das nicht, daß es eben diejenigen der eigenen verschweigt. Insofern ist es auch eine höchst streitbare, ja kämpferische Kunst, (man denke nur noch einmal an Die Pfeffermühle), die zwar den Frieden will, aber Kirchhofsfrieden haßt.
So kommt es auch, daß Kabarett und Kabarettisten von Parteigängern, die nichts anderes sind, immer mit Mißtrauen betrachtet werden, ob sie links oder rechts stehen. Überdies gibt es noch einen weiteren Stein des Anstoßes: wenn der Kabarettist verkündet, er wolle etwas Hübsches singen, ist das ja nicht bloß ironisch gemeint. Unterhaltung gehört schon zum Kabarett dazu, Caféhaus- und Kneipenatmosphäre sind nicht nur sein äußerlicher Rahmen, sondern werden durch das Ideal geselliger Gemeinsamkeit verbunden. Didaktisches Theater, Lehrstücke im kleinen, darf man von den Sketchen und Szenen hier glücklicherweise nicht erwarten, es wird gelacht, der Humor bricht immer wieder die Speerspitzen der Feindseligkeit, und die komische Aufklärung soll das Publikum vergnügen - welch ein Greuel für Funktionärsschädel jeglicher Couleur. Ein Greuel - oder zumindest ein verdächtiger Fremdkörper ist das Kabarett wohl auch aus diesem Grunde für die Wissenschaft geblieben. Sich ernst über den Humor zu äußern, birgt immer die Gefahr, selber komisch zu wirken, und das fürchten die Gelehrten aller Zeiten und Länder seit jeher. Außerdem ist das Kabarett eine Mixtur aus allen möglichen kleinen Formen der literarischen und theatralischen Künste, dem Jahrmarkt verdächtig nahe, begrifflich schwer zu fassen, noch dazu der Tagesaktualität verpflichtet und daher offenbar von zweifelhaftem Kunstanspruch. Christian Hörburger hat in diesem Buche eine Methode bemüht, die seinem Gegenstand selber nicht fremd ist: eine Art „Nummernprogramm“, in dem das Beispiel und die Analyse, Text und Beschreibung einander abwechseln und sich gegenseitig erhellen. Der Zeitraum: die neuere deutsche Geschichte von 1933 bis zur Gegenwart, ist weit gespannt und ausladend genug, um alle Formen und Mittel des Kabaretts zur Darstellung zu bringen, uns aber auch nicht fern, so daß umständliche historische Exkurse, die detaillierte Einbettung ins Zeitgeschehen - Feinde jeder kabarettistischen Wirkung - meist entfallen können. Zum dritten Male also: „Jetzt wollen wir was Hübsches singen“ - diesmal als „Vorhang auf“ fürs Buch, seinen Autor und alle seine Proben aufs Exempel.
Gert Ueding
Die Anregungen zu diesem Buch verdankt der Autor vor allem der Tätigkeit in der Erwachsenenbildung an der Universität und im Bereich von Zivildienstschulen. Hier konnte das Medium Kabarett in seinen vielfältigen Erscheinungsformen in Seminaren und Unterrichtseinheiten erprobt und didaktisch umgesetzt werden. Es zeigte sich sehr rasch, daß der Facettenreichtum der Gattung in hervorragender Weise geeignet ist, um die verschiedenen Nahtstellen zwischen Literatur und Politik, Kultur, Subkultur und satirisch gespiegelter Zeitgeschichte exemplarisch herauszuarbeiten. Anders als das Geschichtsbuch, das dem „objektiven Rückblick“ verpflichtet ist, setzt das Kabarett in Lied, Wort und Ton auf die subjektive Ablichtung von Ereignissen. Es geht nicht um den allgemeingültigen Standpunkt, sondern um die Bewertung der Geschichte durch das artistische Individuum, das seine Zeit schrankenlos „persönlich“ betrachtet und beurteilt.
Es ist ein Anliegen dieses Überblicks, der Verbindung von Kabarett und Zeitgeschichte in Deutschland besonders nachzuspüren. Die Auseinandersetzung der Künstler mit dem Staatsapparat in Diktatur und Demokratie, der Kampf um eine befriedete und ihrem Wesen nach antimilitaristische Republik soll hier an einzelnen ausgewählten Beispielen herausgearbeitet werden. Der grenzüberschreitende Blick über die engere Gattung hinaus auf Schlager, Protestlied oder auch Untergrundlyrik kann von Fall zu Fall den Blick für kulturelle Verschränkungen vertiefen. Auch im Schlager manifestiert sich unter Umständen der populäre Geist der Zeit. Abstecher in dieses abseits liegende Terrain scheinen ebenso lohnend wie kleine Seitenblicke auf das Filmgeschehen.
Die Literatur über das europäische Kabarett ist umfangreich, wenngleich im Einzelfall nur noch schwer zugänglich. Kleine Auflagen, gelegentlich von exotischen Kleinverlagen publiziert, erschweren die Beschäftigung mit der Geschichte des Kabaretts. Das beigefügte Literaturverzeichnis ermöglicht hier einen ersten fundierten Einstieg in das Thema. Viele Publikationen leiden darunter, daß entweder nur auf die Überlieferung der Texte geachtet wurde -Anthologien -, oder daß sie andererseits nur die kulturgeschichtlichen Zusammenhänge des Kabaretts - mit ganz wenigen Textbeispielen - berücksichtigen. Beide Vorgehensweisen sind legitim, haben aber auch erhebliche Schwächen.
Die vorliegende Beschreibung bemüht sich um einen Kompromiß, wobei dem originalen Text neben seiner Einordnung das Augenmerk gilt. Nach Möglichkeit sind die Texte zum Kabarett durch historische Archivaufnahmen aus Funk, Schallplattenindustrie und Fernsehen abgesichert. Dabei sind den Möglichkeiten eines freien Autors - das bleibt eingeräumt - freilich Grenzen gesetzt. Die Entwicklung des deutschsprachigen Kabaretts bis 1933 wird in diesem Buch nur gestreift. Auf diesen Aspekt mußte hier verzichtet werden, die einschlägige Literatur ist gleichwohl ausgewiesen. Das Wechselspiel zwischen der Zeitgeschichte und dem Kabarett der Zeit wird besonders hervorgehoben. Das Buch wertet die Texte durchaus persönlich und nicht immer akademisch. Das hat den Vorteil der methodischen Transparenz. Das leidenschaftliche Wort der Kabarettisten für gewaltfreies Handeln und einen deutschen Friedensbeitrag in der Welt - ohne Waffen -, das hat das Arrangement der Thesen, Dokumente und Zitate aus dem Kabarett und über dieses vielfach bestimmt. Ausflüge in gegenteilige Weltbeschreibungen, zumal unter den Bedingungen des Faschismus und des Kalten Krieges, sind notwendig, um das kämpferisch-demokratische Kabarett in seiner Funktion präziser ausleuchten zu können.
Hinweise für Pädagogen am Schluß des Buches zur Arbeit mit dem Kabarett verstehen sich als Anregungen, die weiter zu ergänzen sind.
Das Kabarett ist eine theatralische Kunst, die je nach politischer Gesinnung und Couleur, auf geziemende Provokation angelegt ist. Auf den Zuschauer wirkt es abstoßend oder anziehend, womöglich unterhaltlich. Es kommt jeweils auf die aktuelle Gemütslage des Betrachters an. Ob dieser sich auf das Bühnengeschehen einläßt oder sich ihm verschließt, das hat oft, beileibe nicht immer, mit dem Partei- oder dem Gesangbuch zu tun.
Das Kabarett verfolgt als Gattung keine Doktrin. Es ist gemütvoll, eifernd, ätzend, auch langweilig, wenn die Sprache versagt. Es gibt sich oft parteilich und mit Bedacht weltverbessernd. Dort, wo bestallte oder unbestallte Zensoren mit der Schere Hand anlegen, lohnt es sich allemal zuzuhören. Der Griff nach dem freien Wort, unter den Bedingungen der Diktatur üblich, beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk keineswegs abgeschafft und durch den Begriff „Ausgewogenheit“ entschuldigt, hat unter allen Regierungsformen Tradition. Das obrigkeitsstaatliche Verbot der spöttelnden oder kritischen Nachricht, der Eingriff in den literarischen und künstlerischen Prozeß, in letzter Konsequenz Berufsverbot oder gar Inhaftierung in Gefängnis oder Konzentrationslager, gehören zum extremsten Risiko für die Künstler. Die Nationalsozialisten haben die Kritiker der braunen Herrschaft und die Herolde der Freiheit unversöhnlich verfolgt, geschunden und eingepfercht. Dort, im Angesicht der Todesfabriken, hatten die inhaftierten Kabarettisten, Komiker, Coupletsänger und Varietékünstler ihre Peiniger und Schlächter zu unterhalten. Die Gedemütigten haben es getan, weil der makabre Totentanz zumindest für die Dauer des Vortrags vor den Nachstellungen der Wachmannschaften schützte. Überlebende Kabarettisten aus Theresienstadt oder Auschwitz berichten übereinstimmend von dieser allerletzten Möglichkeit, sich der Identität und eigenen Menschenwürde durch das Spiel auf der Lagerbühne zu versichern. Das Kabarett in Ketten zeigt in einem verheerenden Umkehrschluß den Zusammenstoß von blutgewordener Politik und entlarvender Menschlichkeit. Die Henker besahen sich genüßlich den Spiegel, den die Sänger im grausigen End-Spiel ihnen vorhielten.
Die Wirkung gefesselter Diseusen, Kabarettisten und satirischer Gedanken ist im 20. Jahrhundert niemals fataler unter Beweis gestellt worden. Der Zug der Komödianten hat unter den Bedingungen des Schafotts die brutalste Verschränkung von Gewaltpolitik und Literatur durchlitten. Das aufklärende, liberale und freie Wort, das unterhaltliche Lied, das Maskenspiel des Clowns, sie kulminieren hier in einem deutschen Extrem. Jede Auseinandersetzung mit dem Genre hat daran zu erinnern. Die Abrechnung heutiger Kabarettisten mit Mißständen in Politik und Gesellschaft verkümmerte ohne diesen notwendigen Reflex zur folgenlosen Unterhaltungskunst saturierter Spaßvögel im Windschatten des Fernsehens. Die Verschränkung von Krieg und Humanitas, Gewalt und oppositioneller Arbeit für Frieden und Menschenwürde ist in der kurzen Geschichte des Kabarettes sinnenfällig. Stellvertretend für unbekannt gebliebene Literaten, Alleinunterhalter, Komiker, Zauberkünstler und Kabarettisten, die über Stationen wie Theresienstadt oder Westerbork in die Gaskammern kamen, hier die Namen einiger Opfer:
Kurt Gerron (1897-1944). Im Künstler-Kaffee 1919, dem Küka in Berlin, für das Kabarett entdeckt. 1928 spielt er bei der Uraufführung der „Dreigroschenoper“ Tiger Brown, 1930 im Film „Der blaue Engel“ den Direktor der Variégruppe. 1933 Emigration nach den Niederlanden. Inhaftierung und Deportation in die Lager Westerbork und Theresienstadt. Hier gründet er das Lagerkabarett Das Karussell und trägt hinter Stacheldraht und Wachtürmen Songs von Brecht und Weill vor. Im September 1944 muß er die Regie in dem Propagandafilm „Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“ übernehmen. Unmittelbar nach Abschluß der Dreharbeiten wird Gerron nach Auschwitz verschleppt und im selben Jahr ermordet.
Paul Morgan (1886-1938). Schauspieler, Komiker, Kabarettist und Buchautor. 1886 in Wien geboren. Tritt 1914 im Wiener Simplicissimus auf. Er gründet 1924 mit Kurt Robitschek und Max Hansen das Berliner Kabarett der Komiker. Im März 1938 verhaften ihn die Nazis in Österreich: KZ Dachau, KZ Buchenwald. Im Dezember stirbt Morgan an Entkräftung im Lager.
Egon Friedell (1878-1938). Schriftsteller, Kabarettist und Theaterkritiker. Seit 1924 spielt er abwechselnd in Berlin und Wien auf den Reinhardt-Bühnen. Leitet das Cabaret Fledermaus in Wien und schreibt seine „Kulturgeschichte der Neuzeit“. Beim Eintreffen der Gestapo springt er in Wien aus dem Fenster.
Erich Mühsam (1878-1934). Schriftsteller, Politiker, Kabarettautor. Die Chansons „Der Revoluzzer“, „Lumpenlied“, „Kriegslied“ und „Die drei Gesellen“ stammen aus seiner Feder. 1919 ist er Mitglied des Zentralrats der Bayerischen Räterepublik. Anschließend sechs Jahre in Haft. Nach dem Reichstagsbrand erneute Inhaftierung. Er stirbt im Konzentrationslager Oranienburg nach Folter. Die Nazis verbreiten die Falschmeldung, Erich Mühsam habe sich erhängt.
Manfred Greiffenhagen (1896-1945). Schriftsteller und Kabarettautor. In Theresienstadt schreibt er für das Lager-Kabarett. Er wird 1944 nach Auschwitz deportiert und stirbt im Konzentrationslager Dachau.
Dora Gerson (1899-1943). Die Schauspielerin tritt in Werner Fincks Berliner Katakombe auf. Sie emigriert nach Holland und wird bei einem Fluchtversuch in die Schweiz festgenommen. Sie stirbt in Auschwitz.
Willy Rosen (1894-1944). Texter, Kabarettist und Schlagersänger. In den Niederlanden gründet er das Emigranten-Kabarett Theater der Prominenten. 1942 werden die meisten Mitglieder des Ensembles verhaftet und in das „zentrale Flüchtlingslager“ Westerbork eingepfercht. In der alten Garnisonsanlage kommt es zur Gründung der Bühne Lager Westerbork, das Gesangsduo Johnny & Jones singt Lieder, der Lagerkommandant Konrad Gemmeker will sich am Abend amüsieren. Zusammen mit Max Ehrlich leitet Rosen das Kabarett. Beide werden 1944 in Auschwitz ermordet.
Jura Soyfer (1912-1939). Dramatiker und Kabarettist. Er gehört zu den originellsten und zugleich bedeutensten Autoren des deutschsprachigen Kabaretts. Er schließt sich 1933 der illegalen kommunistischen Partei Österreichs an. Horst Jarka, der Herausgeber des Gesamtwerkes, kommentiert: „In Soyfers Stücken, ihrem Wesen nach >Hetz und Witz mit tieferer Bedeutung<, wird Brecht - Brecht der dreißiger Jahre - von Raimund und Nestroy überspielt. Andererseits beweisen gerade Soyfers Stücke, in denen sich Anklänge an Nestroy und Raimund neben solchen an Brecht finden, die Verwandtschaft von Alt-Wiener Volkstheater und Brechts Dramatik.“1 Nach dem Einmarsch der Deutschen wird er auf der Flucht verhaftet und ins KZ Dachau eingesperrt. Von ihm stammt das berühmte „Dachau-Lied“. Im Alter von 26 Jahren stirbt Jura Soyfer in Buchenwald an Typhus.
Im November 1881 eröffnet der Maler Rodolphe Salis eine Kneipe für Künstler und Liebhaber. Chat noir heißt das gesellige Etablissement in Paris am Montmartre. Die Absichtserklärung des Gastgebers Salis ist bemerkenswert:
„Wir legen ab heute unsere sämtlichen Manuskripte, Noten, Malereien, Gedanken und deren Splitter zusammen und bilden daraus eine Gesellschaft zur Veröffentlichung unserer bekannten Schöpfungen. Auf diesem Klavier werden unsere Vorträge begleitet werden, und diese Stelle, wo ich stehe, bildet das Podium, auf dem wir unsere Gedichte den Zuhörern, falls sich welche einfinden, vortragen werden. Wir werden politische Ereignisse persiflieren, die Menschheit belehren, ihr ihre Dummheit vorhalten, dem Philister die Sonnenseite des Lebens zeigen, dem Hypochonder die heuchlerische Maske abnehmen, und, um Material für diese literarischen Unternehmungen zu finden, werden wir am Tage lauschen und herumschleichen, wie es nachts die Katzen auf den Dächern tun.“2
Als Eintrag ins „Vereinsregister“ -einmal angenommen - für die bunten und schillernden Vögel des Kabaretts gedacht, hätte die Kunstgattung sich demnach der politischen Belehrung von unten verpflichtet. Die Perspektive wäre eine bürgerliche, kaum noch aristokratische. Die Regieanweisungen kämen seit der Uraufführung 1881 nicht aus der gepolsterten Königsloge, sondern aus dem sympathischen Dunstkreis der Absinth-Trinker. Die Boheme inszeniert ihr eigenes Welttheater. Victor Hugo, Emile Zola und Claude Debussy treten sich auf die Rockschöße. Im kleinen Kreis gibt sich die Pariser Intelligenz unangepaßt, spaßig, satirisch und revolutionär. Madame Yvette Guilbert (1867-1944) erhebt das Chanson zum Kunststück, Toulouse Lautrec hält sie in einem Portrait fest. Berlin läßt sich von ihren Liedern anstecken. Alfred Polgar notiert 1928: „Aus ein paar kargen Liedzeilen schöpft sie die Fülle des Lebens, Zartes, Gefährliches, Humor und Tragik, Gestalten, Schicksal, vollkommenes Spiel ohne den breiten Umstand und Aufwand der Bühne.“3
Das ist nicht Cabaret oder Kabarett, jedenfalls nicht nur. Die Dame bietet infizierende Kunst gegen verkleisterndes Spießertum diesseits und jenseits des Rheins. Der literarische Papst Weimars, Alfred Kerr, lobt den Gast: „Sie stülpt heute nicht mehr schieflings auf den Detz eine Mütze, schnellt nicht um die Gurgel ein Halstuch. Sie gibt zwischendurch Erläuterungen zur Mundart; zum Rotwelsch. Aber während sie nur darlegt, was sie singen wird: schon dann steigt im Handumdrehn ein Drama heraus. In zwei, drei Gebärden der Andeutung.“4 Das war 1930 und bezeichnet eine Künstlerin, eine Chansonette. Der Vortrag hat im Variete Platz, auf kleinen und großen Bühnen und schert sich einen Teufel um kluge Definitionen. Kabarett? Cabaret? Das auch, und am Rande ganz bestimmt.
Die Vielzahl der handgestrickten Definitionen und Mutmaßungen über die Gattung lassen Raum für Streitgespräche unter Theaterwissenschaftlern, Rhetorikern und Germanisten. Sie alle wollen es ganz genau wissen und glauben, die kleine Kunst mit der großen Wirkung präzis vermessen zu können. Die Anstrengung ist löblich, aber auch zum Teil vergeblich. Zuhören, was die Artisten zu vermelden haben, ist in der Kabarett-Variete-Cabaret-Debatte oft einträglicher als die aufreibende Schlacht um Begriffe. Max Herrmann-Neiße, Kabarettautor und Kabarettkritiker von hohem Rang, beschreibt 1924 in einem Essay zum Thema, wie die Kunst aus seiner Sicht beschaffen ist oder doch sein sollte. Bei der Nachahmung französischer Vorbilder soll es nicht bleiben.
Prinzipielles zum Kabarett
Kabarett hat mit dem Theater gemeinsam die Bühne, beruht wie das Varieté auf Geschmeidigkeit, Mannigfaltigkeit, komprimiertem Minuteneffekt. Aber die Bühnenvorgänge des Kabaretts müssen etwas vom Augenblicksspiel haben, die Einakter, die man hier gibt, müssen Stücke sein, die ihren Witz wie eine Rakete auffliegen lassen, die im Husch vorbeiwirbeln und keinen langen Atem haben. Und übers Varieté hebt sich das Kabarett durch seine Geistigkeit. Eine Geistigkeit, die so überlegen und beweglich schalten kann, wie kaum sonst irgendwo: unbeschwert durch den Anspruch auf Ewigkeitsgeltung aktuell kämpferisch, rebellisch sein, großzügig karikieren, angreifen, improvisiert glossieren, aufpeitschen.
Lautensack schrieb vom „spezifischen Gewicht` des Kabaretts; Kerr stellte dem Brettl die Aufgabe, „tiefe Kleinigkeiten“ zu bieten. Die Formel wäre etwa: scharfe, mit Abwechslung gewürzte Momentkunst, ehrfurchtslos und unsentimental, voll Farbigkeit und Überraschung, Geist-Salto mortale, Hirn-Zirkus. Kein veredeltes Varieté und kein rapides Theater, sondern eben eine Sache für sich, eine Welt für sich!5
Nur selten hört in Deutschland das Kabarett und seine Ableger auf die Mächtigen, auf den chauvinistischen und rasselnden Kriegslärm. Der Coupletsänger Otto Reutter (1870-1931) ist ein scharfer Beobachter der Bourgeoisie („Der Überzieher“, „Der gewissenhafte Maurer“), zugleich aber auch willfähriger Claqueur der Kriegsmaschinerie. Ganz auf der Linie mit der Kriegsbegeisterung intoniert er in der Revue „Berlin im Krieg“ 1917 martialisches Getöse. Der bürgerliche Barde feiert die Vernichtung des Feindes und den Sieg der imperialen Denkungsart:
U-Boot heraus!
Für der Deutschen Heimat Ehre
kämpft die todesmut'ge Schar.
Für die Freiheit deutscher Meere
hebt die Schwingen Preußens Aar ...
Und wenn die Besten finden
ein nasses Wellengrab,
laßt doch den Mut nicht schwinden.
Gebet! Die Mützen ab!
Dann aber stoßt das Eisen
ins Herz dem Briten-Leun,
um würdig euch zu weisen
den Helden von U9.
Otto Reutter, 19176
Ist die „kleine Kunst Kabarett demnach nicht nur unbescholten und aufrührerisch, wie es das nachsichtige Gedächtnis glauben machen möchte? Die bequeme Anbiederung an die veröffentlichte Meinung der Herrschenden gehört auch, beileibe nicht überwiegend, zum Kennzeichen der meist ketzerischen Zunge. Aber in der Regel sind Kabarett und kleines Lied in den zwanziger Jahren der Beleg der Solidarität mit den ausgegrenzten Randgruppen, mit den ewig Zukurzgekommenen, den Verachteten, den Lumpen, den Vergessenen. Erich Mühsam, der literarische und politische „Revoluzzer“, hat ihnen 1903 das Denkmal gesetzt.
Lumpenlied
Kein Schlips am Hals, kein Geld im Sack.
Wir sind ein schäbiges Lumpenpack,
Auf das der Bürger speit.
Der Bürger blank von Stiebellack,
Mit Ordenszacken auf dem Frack,
Der Bürger mit dem Chapeau claque,
Fromm und voll Redlichkeit.
Der Bürger speit und hat auch recht.
Er hat Geschmeide gold und echt -
Wir haben Schnaps im Bauch.
Wer Schnaps im Bauch hat, ist bezecht,
Und wer bezecht ist, der erfrecht
Zu Dingen sich, die jener schlecht
Und niedrig findet auch.
Der Bürger kann gesittet sein,
Er lernte Bibel und Latein.
Wir lernen nur den Neid.
Wer Porter trinkt und Schampus-Wein,
Lustwandelt fein im Sonnenschein,
Der bürstet sich, wenn unserein
Ihn anrührt mit dem Kleid.
Wo hat der Bürger alles her:
Den Geldsack und das Schießgewehr?
Er stiehlt es grad wie wir.
Bloß macht man uns das Stehlen schwer.
Doch er kriegt mehr als sein Begehr.
Er schröpft dazu die Taschen leer
Von allem Arbeitstier.
O, wär ich doch ein reicher Mann,
Der ohne Mühe stehlen kann,
Gepriesen und geehrt.
Träf ich euch auf der Straße dann,
Ihr Strohkumpane, Fritz, Johann,
Ihr Lumpenvolk, ich spie' euch an.
Das seid ihr Hunde wert!
Erich Mühsam, 19037
Werner Finck, der es wissen müßte, was das Kabarett zum Cabaret macht oder umgekehrt, er drückt sich stets eloquent und genüßlich um die beiden Begriffe. Die Festlegung scheint ihm, dem Nazi-Verspötter, ohnehin nicht dienlich, und er ist frei genug, noch im siebzigsten Lebensjahr, 1972, „Cabaret“ mit einem dicken C oder auch K zu schreiben, ohne damit das eine höher, oder tiefer, frivoler oder politischer rangieren zu lassen. Der Meister notiert:
„Das Cabaret war der amüsanteste Protest, der je gegen die Langeweile konventioneller Geselligkeit erhoben worden ist. Später wurde es leider umgekehrt. Die konventionelle Gesellschaft protestierte gegen die Langeweile in den Kabaretts. Cabaret ist in Deutschland mit Kabarett übersetzt worden. Es gibt bekanntlich noch verschiedene andere Übersetzungen; die verhängnisvollste scheint mir die mit ,Kleinkunst' zu sein. Seitdem erwartet man am Cabaret keine großen Künstler mehr, sondern nur noch kleine. Kleinkünstler, Zauberkünstler, Rechenkünstler, Hungerkünstler (merken Sie was?). (...) Zum Glück sind unsere Cabarets auf dem Wege der Besserung. Laßt uns weiterhin die goldenen Kälber unserer Vergnügungsindustriellen auf dem Altar der heiteren Muse, auf daß wir das Wort Cabaret oder Kabarett eines Tages wieder gebrauchen können, ohne dafür von den Vertretern der Schwesternkünste mitleidig an - oder vielmehr nicht angesehen zu werden. Auf daß wir weder das Cabaret signieren können mit unserem ehrlichen Namen.“
Werner Finck, 19728
Das Gift der kommenden Diktatur hat eine überraschend lange Inkubationszeit und wirkt nicht erst zum 30. Januar 1933. Schon vor der braunen Wende ist der Rundfunk und sein kultureller Auftrag zerstört und ausgehöhlt, Zensur und machtgeschützte Parteilichkeit sind die verbrieften Maximen. Völkisch nationale Töne in Musik und Hörspiel bilden die Fanfare zum programmgemäßen Staffettenwechsel an die Partei-Intendanten. Die kulturellen Eruptionen erschüttern die sensible Kabarettlandschaft schon Ende der zwanziger Jahre. Sie ist verletzlicher als der aufgeblähte Staatsrundfunk und antizipiert das Unheil der Diktatur auf vielen Bühnen. Kurt Tucholsky, der linksintellektuelle Publizist und Chansonautor, flieht bereits 1929 in das schwedische Exil. Das TTT, das Tingeltangel Theater in Berlin, verliert mit Friedrich Hollaenders Flucht seinen erfolgreichsten Komponisten („Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“, „Ich bin die fesche Lola“). Der Hauskomponist von Max Reinhardt verabschiedet sich 1932 von seinem Publikum mit dem programmatischen Hinweis: „Höchste Eisenbahn!“ Schlägertrupps der SA fühlen sich nicht ohne Grund angesprochen und ziehen pöbelnd und spuckend durchs Theater. Hollaender emigriert über Paris nach Hollywood. Werner Finck, dem bürgerlich-liberalen Spötter, schwant in seiner Katakombe 1932 Unheiliges und ein brauner Herbst. Hardy Worm warnt in dem Kabarett Die Pille vor den braunen Chaoten, die anläßlich der Premiere des Antikriegsfilms „Im Westen nichts Neues“9 im Kinosaal weiße Mäuse tanzen lassen. Hellmuth Krüger nimmt mit seinem Lied vom „Bücherkarren“ 1931 im Korso-Kabarett die Bücherverbrennung voraus. Wer den Mund noch aufmacht, hat mit Zensur und anderen Repressalien zu rechnen. Das politisch-satirische Kabarett Die Wespen - es führte in besseren Tagen Nummern von Erich Mühsam, Erich Weinert, Ernst Busch und Erich Kästner auf - fällt einer der üblich gewordenen „Notverordnungen“ zum Opfer. Die Republik torkelt in den Abgrund und verabschiedet ihre kritischen und bissigen Barden mit Fußtritten. Der Bahnsteig ist für viele letzte Hoffnung auf Flucht. Die planmäßige Fahrt der Güterzüge nach Theresienstadt oder Auschwitz vermag sich jetzt noch niemand vorzustellen.
Höchste Eisenbahn!
Höchste, höchste, allerhöchste Eisenbahn!
Für alles, was du nicht getan!
Gibt's eine Frau, die du noch nicht geküßt?
Gibt's noch ein Land, wo du nicht gewesen bist?
Höchste Eisenbahn! Höchste Eisenbahn!!
Gibt's einen Ausweg, den du noch nicht ersannst?
Gibt's ein Recht, das du dir holen kannst?
Höchste Eisenbahn! Höchste Eisenbahn!!
Denn keiner weiß, was morgen wird geschehn,
Und niemand kann die nächste Stunde sehn.
Schon übermorgen kann sich alles drehn!
Heute gilt nur:
Zu fassen, was zu fassen ist,
Zu hassen, was zu hassen ist,
Zu ketten, was zu ketten ist,
Zu retten, was zu retten ist.
Höchste Eisenbahn! Höchste Eisenbahn!!
Höchste, allerhöchste Eisenbahn!!
Wer heute seine Zeit verpaßt, der ist ein schlimmer Sünder,
Für verlorne Chancen gibt es keinen ehrlichen Finder.
Höchste Eisenbahn!
Ach, es rast der Uhrzeiger wie im Fieberwahn:
Höchste, allerhöchste Eisenbahn!!!
Gibt es ein Unrecht, das du nicht gesühnt?
Gibt es ein Glück, das du dir nicht verdient?
Höchste Eisenbahn! Höchste Eisenbahn!!
Gibt's ein Schuft, den du noch nicht gefaßt?
Gibt's einen Armen, dem du nicht geholfen hast?
Höchste Eisenbahn! Höchste Eisenbahn!!
Gibt's eine Wahrheit, die dein Mund verschwieg?
Gibt es noch immer Militärmusik?
Immer noch den verfluchten Traum vom Krieg?
Jetzt ist's an dir:
Zu wagen, was du wagen mußt!
Zu sagen, was du sagen mußt!
Verzeihn, was du verzeihen mußt!
Zu schreien, was du schreien mußt!
Höchste Eisenbahn! Höchste Eisenbahn!!
Höchste, allerhöchste Eisenbahn!!
Der Zug, den du jetzt verpaßt, du träge Menschenschnecke,
Fährt dir vor der Nase weg, und du bleibst auf der Strecke.
Höchste Eisenbahn!
Unbarmherzig rückt der Zeiger. Hast du deine Pflicht getan?
Höchste, allerhöchste Eisenbahn!!
Friedrich Hollaender, 193210
Herbst 1932
Wie es so regnet heut' nacht,
hab' ich sofort: Aha! gedacht,
der Sommer ist zu Ende.
O mein prophetisches Gefühl!
Heut' morgen war's schon richtig kühl
und herbstlich im Gelände.
Die Sonne scheint noch immer froh,
doch sieh dich vor: es scheint nur so,
das sind noch Restbestände.
Nein, nein, der Sommer ist vorbei,
und Feld und Fluren werden frei
für unsre Wehrverbände.
Wie schnell das ging! Ja, die Natur!
Glaubt nicht, daß eine Diktatur
Mal ähnlich schnell verschwände!
Werner Finck, 193211
Die Nationalstrolchisten
Anjetreten! Held markieren!
Und Proleten massakrieren!
Saal umstellen! Blut muß fließen!
Janze Blase niederschießen!
Jeist ist Dreck. Mit Dolch und Knüppel,
Arjument der Jeisteskrüppel,
Haun sie ein uff jeden Mann,
Wenn er sich nicht wehren kann.
Stilljestanden! Augen rechts!
Hakenkreuz uff rotem Jrunde
Flattert über der Rotunde –
Hosen runter vorm Jefecht!
An der Spitze von det Janze:
Goebbels im Heldenjlanze!
Mimt des Vaterlandes Retter
Uff der Schmiere blutje Bretter.
Alle sind hurrabejeistert,
Wenn er ihr Jehirn verkleistert.
Beifall tobt durchs volle Haus,
Läßt er weiße Mäuse raus.
Stilljestanden! Hand zum Schwur!
Hakenkreuz uff roter Fahne,
Stramm bezahlt von Thyssens Jelde,
Is das Sinnbild der Kultur.
Phrasen dreschen, Mord ausbrüten,
Wie die wilden Tiere wüten –
Das, nur das, kann diese Horde,
Stets bereit zum Meuchelmorde.
Wenn's bezahlt jibt und die Pässe,
Haun sie jeden vor die Fresse.
Jeld her! Die Kanone kracht.
Nachher ham se nischt jemacht.
Stilljestanden! Denn es naht:
Hakenkreuz uff rotem Felde,
Ruhmjekrönt wie ein Jermane,
Den ihr an der Front nie saht.
Hardy Worm, 193212
Der Bücherkarren
Ich baue meinen Karren um, weil ich so langsam spüre,
Der Felix Dahn kriegt Publikum, nach rechts geht die Lektüre.
Den Emil Ludwig stell ich weg, der hat nun ausgejodelt,
jetzt kommt die Karre aus dem Dreck: Wir werden umgemodelt!
Wie sag ich's meinen Lesern gleich:
Wir kriegen jetzt das Dritte Reich!
Wenn ich wüßte, was der Adolf mit uns vorhat,
Wenn er erst die Macht am Brandenburger Tor hat?
Müssen wir dann alle braune Hemden tragen?
Darf dann niemand mehr das Wörtchen „nebbich“ sagen?
Wird ein Vollbart unsre Heldenbrust bedecken?
Werden wir zum Gruß die dürren Arme recken?
Rufen wir dem Adolf „Heil“?!
Oder auch das Gegenteil?
Bald gibt es keine Mollen Bier, nur Met gibt es zu trinken,
Und bei Kempinski rollen wir aufs Brot den Bärenschinken.
Statt Girls tanzt ein Walkürenchor bei Hermann Haller balde,
Das Kadeko macht Kabarett im Teutoburger Walde.
Hab ich das richtig vorgeahnt?
Ich weiß ja nicht, was Adolf plant!
Wenn ich wüßte, was der Adolf mit uns vorhat,
Macht er aus Berlin nur eine Münchner Vorstadt?
Wird das Tageblatt Fraktur nur schreiben?
Wird der Kreuzberg ohne Haken bleiben?
Darf sich Reinhardt nur noch Goldmann nennen?
Oder wird man ihn trotzdem verbrennen?
Trifft ins Herz uns Adolfs Pfeil?
Oder nur ins Gegenteil?
Hellmuth Krüger, 193113
Die Lieder aus dunkler Zeit belegen nachhaltig, daß es vor dem Machtwechsel genügend Mahner und Rufer gibt, die laut und unmißverständlich die drohende Schreckensherrschaft als Menetekel skizzieren. Hellmuth Krüger nimmt mit protokollarischer Präzision die kommende Totschlag-Aktion der Bücherverbrennung zwischen April und Mai 1933 vorweg, fiebert von dekretierten „Sprachregelungen“ und „Säuberungsfeldzügen“ gegen jüdische Mitbürger und Intellektuelle, Hardy Worm beschwört die unheilige Allianz von Großindustrie und Braunhemd-Mob, Werner Finck bemüht den „deutschen Herbst 1932“ als „politisches“ Naturschauspiel. Friedrich Hollaender läßt den Zug der Zeit als Tertium comparationis zwischen eigenem Versagen und dem kommenden Schrecken, zwischen Vergangenheit und Zukunft pendeln. Die Redewendung wird beim Wort genommen, das Kabarett zur moralischen Anstalt, in der ein Künftiges - der Albtraum vom Krieg, Mutlosigkeit und Verzagtheit - verhandelt wird. Es gibt keine Unverbindlichkeit in diesen Chansons, kein Zurückweichen in die Berliner Idylle. Fakten werden beschrieben, die Apokalypse des Nationalsozialismus nach der Bedingung der hellwachen Fantasie ausgemalt.
Erika
Mann, 1934
Neunundzwanzig Tage vor Hitlers Ernennung zum Reichskanzler gründet Erika Mann am 1. Januar 1933 zusammen mit dem Bruder Klaus und der bereits arrivierten Therese Giehse das politisch-literarische Kabarett Die Pfeffermühle in München. Der Vater, Thomas Mann, hat die Idee für den Namen; er spricht von dem Unternehmen als „Schwanengesang der deutschen Republik“. Erika Mann weiß von Anfang an um die Gefährlichkeit der politischen Situation, um das eingegangene Risiko. Der Völkische Beobachter nahm die Schauspielerin und Publizistin bereits 1932 unter massiven Beschuß. Sie referierte bei der „Internationalen Frauenversammlung für Frieden und Abrüstung“. Das Kampfblatt VB drohte ihr und der Familie ganz unverhohlen: „Das Kapitel 'Familie Mann' erweitert sich nachgerade zu einem Münchener Skandal, der auch zu gegebener Zeit seine Liquidierung finden muß.“ Erika Mann läßt sich durch die kruden Drohungen nicht einschüchtern und verfolgt unbeirrt die Pläne für die Etablierung des Kabaretts. Sie riskiert beim Aufmarsch der braunen Kolonnen den politisch-literarischen Gegenangriff und notiert später:
„Es war ein kühnes Unterfangen. Denn von Anfang an war die 'Mühle' militant antinazistisch. Während Hitler brüllte, schwiegen wir nicht. Wir schwiegen auch nicht an jenem Februarabend, da im Hofbräuhaus, Rücken an Rücken mit unserer 'Bonbonniere', der 'Führer' seine Antrittsrede als Reichskanzler hielt. In unserem überfüllten Saal befand sich Herr Frick - eifrig kritzelnd. Er stellte seine schwarze Liste her. Wir spielten, während der Reichstag brannte.“14
Nach dem Reichstagsbrand am 27. Februar 1933 residiert der braune Ritter von Epp als Gauleiter in München. Die erste Verhaftungswelle rollt. Otto Falckenberg, Direktor der Kammerspiele, wird von den Nazis vorübergehend in „Schutzhaft“ genommen.15 In München spielt Die Pfeffermühle nur zweimal. Das Kabarett debütiert mit Texten von Erika und Klaus Mann und Walter Mehring, das Folgeprogramm (Premiere 1.2.1933) bildet bereits das Finale in Deutschland vor der erzwungenen Flucht. Die streitbare Kabarettistin Mann erinnert sich:
„Es war undenkbar, die ,Pfeffermühle` weiter zu betreiben. Ich ging zu dem Besitzer vom 'Serinissimus' und sagte: 'Es ist Ihnen klar, daß wir nicht am 1.4. bei Ihnen eröffnen können.' Der, ein Ur-Münchner, sagte: 'Was, warum nicht. Sie haben einen Vertrag, einen Vertrag ham'S!' Ich sagte: 'Ja ja, wir haben einen Vertrag, aber wir sind doch ein Antidingsda-Unternehmen, und die Schwarzen Listen liegen schon vor, und das wäre doch für Sie, auch für Sie ...' Sagt er: 'Für mi! Des war no des Bessre, es geht ums G'schäft.' Ich sagte: 'Ja, es geht ums Geschäft, aber es wird ja sofort geschlossen, und wir werden alle verhaftet. Sie auch!' Sagt er: 'I? Ich bin ein altes Parteimitglied, da schaun's her, und ich stell Ihnen ein SA-Saalschutz, Sie werden beschützt sein ...' Ich hab also gesagt: 'Mit einem SA-Saalschutz machen wir das eins-A, die Sache ist geschaukelt, das wäre ja noch besser.', 'Ja', sagt er, 'sonst müßt ich Sie wegen Vertragsbruch glatt belangen.' 'Nein, wir treten auf.' Also dies gesagt habend, setzte ich mich mit den Mitgliedern meiner Truppe in Verbindung und sagte: 'Dies geht nicht, wie Euch klar ist.'“16
Mit englischem Paß ist die Flucht nach Zürich für Erika Mann problemloser als für das übrige Ensemble. Therese Giehse, Sybille Schloß und der Komponist und Pianist Magnus Henning folgen in das Exil. Nach längeren, durchweg schwierigen Vorarbeiten eröffnet das erste Exil-Programm der Pfeffermühle im Züricher Hotel „Hirschen“ am 30. September 1933. „Dieses ungewöhnliche Kabarettprogramm“, schreibt Klaus Mann, „hatte nicht nur sittlichen Ernst und geistige Aktualität, sondern Charme, Rhythmus, Laune: Eigenschaften, ohne die keine Gesinnung, sei sie noch so schön, sich bei dem Theaterpublikum durchsetzt.“17
Die Texte können im übrigen jetzt in der Fremde die häßlichen Spuren im Gesicht von Hitler-Deutschland schärfer umreißen, als es beim Münchner Start möglich war. Das erzwungene Exil bietet die Chance, den Gegenstand der Kritik deutlicher zu artikulieren. Die Autoren begnügen sich keineswegs nur mit artigen Andeutungen und unverbindlichen Anspielungen. Der Barbarismus im Reich läßt sich benennen, die Aufkündigung der Menschenwürde wenigstens aus der Distanz ins Visier nehmen. Therese Giehse als Frau X besingt die Furcht vor neuen Kriegen, das Säbelrasseln jenseits der Grenze:
Wenn wir daheim sind und am Radio hören,
Wie das so funkt und tut aus manchem Reich.
Und andre Leute lassen sich nicht stören, -
Nur Österreich selber ward ein bißchen bleich18
Der militärische Griff nach der Alpenrepublik steht noch aus, doch die Kassandra im Theatersaal vom Hotel „Hirschen“ beschwört vorauseilend kommende Ereignisse. Mit politischer Intuition hat dies zu tun, mit einem sensiblen Gespür für die realen gesellschaftlichen Machtverhältnisse und die damit verbundenen Gefahren. Die neu errungene Freiheit außerhalb Deutschlands hat freilich auch ihre Schranken. Die Fremdenpolizei ist dem Ensemble permanent auf den Versen, die dubiosen diplomatischen Beziehungen zwischen Bern und Berlin erschweren indirekt den ungezügelten Zungenschlag in der Pfeffermühle. Die Kritik in der Neuesten Zürcher Zeitung ist freundlich und wohlwollend, das Baseler Publikum applaudiert nach einem Abstecher nicht minder.
Die Pfeffermühle
Es war eine reichlich massivere „Kunst“, die einen bisher aus den ausgehängten Photos und Plakaten im Vorbeigehen am „Gambrinus“ anrief, als die, welche seit gestern dort eingezogen ist. Skeptisch ging man hin: werden die Basler wirklich dem Rufe hierher folgen? Und die erste Überraschung, wie man das Lokal betritt, ist - das Publikum. Der Saal ist bombenvoll, viel Künstlerjugend, und daneben ein wenig tout Bâle! Was in Zürich glänzend gelang, scheint in Basel nicht fehlschlagen zu wollen. Und gerne beglückwünscht man das Halbdutzend junger Künstler, die sich da um Erika Mann, die Dichtertochter und begabte Dichterin, geschart haben, zu ihrem Unternehmen. Denn sie überraschen uns wirklich mit etwas Apartem. Erika Mann bringt ja aus München Kabaretttradition mit. Und doch: wie hat sich seit Wolzogens Ueberbrettl, seit den Elf Scharfrichtern und dem Simplizissimus das literarische Kabarett wieder gewandelt! Wie zeitberührt sind diese jungen Menschen, wie weit entfernt vom Klingklanggloribusch romantischer Vorkriegs Kabarettkunst. Wie ernst ist ihr Spott und doch wie echt dabei ihr Lachen, wie treffsicher ihre Satire, wie übermütig ihre Kunst und doch wie gesinnungsgetragen. Wenn Erika Mann ihren Märchentraum vorträgt, dann wird die tiefere Kraft, die in ihrem Dichten und Singen steckt, ganz offenbar, und für Harlekins Zeitlied möchte man ihr ganz besonders danken. Ihres Bruders Klaus Beiträge zum Programm sind da viel mehr auf äußeren Effekt hin gearbeitetes, wenn auch schlagkräftiges Kabarett. (...)
Basler Nationalzeitung, November 193319
Doch es gibt Kritik von ganz links, von sozialdemokratischer und kommunistischer Seite. Dem Kabarett fehle es an klassenkämpferischem Engagement, heißt es. Der parteiliche Vorwurf vergißt freilich die Adressaten im Parkett und das Anliegen der exilierten Harlekine. Sie missionieren nur insofern, als das literarische Anliegen mit der Konvention parteiloser Mitmenschlichkeit übereinstimmen muß. Die Botschaften gegen Bevormundung und Tyrannei bedürfen nicht der plakativen Etikette. Jiri Voskovec, tschechischer Kabarettist und Autor, schreibt einen Brief an Erika Mann und Die Pfeffermühle und charakterisiert die Qualitäten des antifaschistischen Kabaretts.
Liebe Erika Mann und liebe Pfeffermühle,
ich komme ungefähr einmal im Jahr ins Theater, weil ich jeden Abend spiele: 1935 habe ich das Glück gehabt, der schönsten Aufführung beizuwohnen, die ich je gesehen habe, auf der kleinsten Bühne, die ich je zu sehen bekam.
Ich möchte Ihnen sagen, wie sehr ich Ihre Glut, Ihr Herz, Ihren Stil und Ihren Mut bewundere. Es ist eine recht kleine Insel, eine winzige Oase inmitten eines verfaulten Europas, aber wie schön ist diese Insel und welch ein Trost stellt sie dar!
Sie werden nie den Erfolg ernten können, den Sie verdienen; seien Sie aber zumindest in der Gewißheit gestärkt, die von Dauer ist: Sie machen das einzige Theater, das ich als das wahre bezeichnen kann, ein Theater, in dem weder Tricks noch Manien zählen, sondern allein das Herz und das Bedürfnis, etwas auszudrücken.
Auf Wiedersehen und Dank an alle Prag, den 9.2.1935
Jiri Voskovec20
Das politische Selbstverständnis der Kabarettisten ruft indessen reaktionäre Schweizer Kreise auf den Plan. Mit gezielten Provokationen schüren die „Frontisten“ bei den Aufführungen Krawalle. Das angeheizte Klima erinnert an bekannte und ferngelenkte Störaktionen aus Nazi Deutschland. Der Kanton Zürich beugt sich schließlich dem Druck der rechten Kreise und verabschiedet 1935 die „Lex Pfeffermühle“. Das kantonale Gesetz verbietet ausländischen Kabarettisten, mit „politischen“ Texten aufzutreten. Zuvor schon haben der Völkische Beobachter und die politische Polizei im Reich versucht, über die Grenze hinweg die Auftritte der Pfeffermühle zu unterbinden. Der österreichische Gesandte in Bern läßt sich in die Kampagnen gegen das Kabarett einspannen. In einem diplomatisch gehaltenen Brief versucht Erika Mann zu beschwichtigen. Doch dem Druck der Politik vermögen die Kabarettisten auf Dauer nicht zu widerstehen. Die Exilierten packen die Koffer- schon wieder. Die Tourneen in die Enklaven des noch unbesetzten Europas beschreiben den verengten Spielraum der Truppe. Es ist eine permanente Fluchtbewegung vor staatlichem Terror, der Krieg gegen das freie Wort überschreitet jetzt alle Grenzen.
Von 1933 bis 1937 gibt es 1034 Vorstellungen der Pfeffermühle. Nach dem Aufführungsverbot in der Schweiz spielen die Künstler in Holland, Belgien, Luxemburg und der Tschechoslowakei. Die Flucht führt zuletzt bis in die Vereinigten Staaten. Mit einem Fiasko der Peppermill in New York endet die Wanderschaft der verfemten und verfolgten Kabarettisten 1937. Amerika hat seine Schwierigkeiten mit der kleinen und bitteren europäischen Kunstform. Der Kopf des Unternehmens aber, Erika Mann, versucht sich gegen alle Widerstände als Publizistin und engagierte „Lecturer“ durchzusetzen. Das Schicksal der Emigranten hat 1934 bereits Walter Mehring in der Mühle besungen.
Der Emigrantenchoral
Werft eure Herzen über alle Grenzen,
Und wo ein Blick grüßt, werft die Anker aus!
Zählt auf der Wandrung nicht nach Monden, Wintern, Lenzen-
Starb eine Welt - ihr sollt sie nicht bekränzen!
Schärft das euch ein und sagt: Wir sind zu Haus!
Baut euch ein neues Nest!
Vergeßt - vergeßt Was man euch aberkannt und euch gestohlen!
Kommt ihr von Isar, Spree und Waterkant:
Was gibt's da heut zu holen?
Die ganze Heimat und
Das bißchen Vaterland
Die trägt der Emigrant
Von Mensch zu Mensch – von Ort zu Ort
An seinen Sohlen, in seinem Sacktuch mit sich fort.
Tarnt Euch mit Scheuklappen - mit Mönchskapuzen:
Ihr werdt Euch doch die Schädel drunter beuln!
Ihr seid gewarnt: das Schicksal läßt sich da nicht uzen
Wir wollen uns lieber mit Hyänen duzen
Als drüben mit den Volksgenossen heuln!
Wo Ihr auch seid:
Das gleiche Leid
Auf 'ner Wildwestfarm - einem Nest in Polen,
Die Stadt, der Strand, von denen Ihr verbannt:
Was gibt's da noch zu holen?
Die ganze Heimat und
Das bißchen Vaterland
Die trägt der Emigrant
Von Mensch zu Mensch - von Ort zu Ort
An seinen Sohlen, in einem Sacktuch mit sich fort.
Werft eure Hoffnung über neue Grenzen -
Reißt Euch die alte aus wie'n hohlen Zahn!
Es ist nicht alles Gold, wo Uniformen glänzen!
Solln sie verleumden - sich vor Wut besprenzen -
Sie spucken Haß in einen Ozean!
Laßt sie allein
Beim Rachespein
Bis sie erbrechen, was sie euch gestohlen,
Das Haus, den Acker - Berg und Waterkant.
Der Teufel mag sie holen!
Die ganze Heimat und
Das bißchen Vaterland
Die trägt der Emigrant
Von Mensch zu Mensch - landauf, landab
Und wenn sein Lebensvisum abläuft, mit ins Grab.
Walter Mehring, 193421
Hans Sahl, Dichter und Emigrant, erinnert sich:
Es gehörte Mut dazu, den Kampf gegen Hitler in einem Lande auszutragen, das sich, jedenfalls nach außen hin, zu politischer Neutralität verpflichtet hatte und wahrscheinlich nur aus Rücksicht auf den Namen Thomas Mann seine Tochter stillschweigend gewähren ließ. Erika Mann hatte in der Pfeffermühle einen Stil entwickelt, der Kunst mit Politik und Literatur geschickt vermischte. Sie schrieb ihre Texte selber und trug sie vorn an der Rampe vor. Sie hatte große, brennende Augen und einen wunderbar geformten, klassischen Kopf, der mit den in die Stirn gekämmten Haarsträhnen ein wenig an Heinrich von Kleist erinnerte. Sie war von einer Unmittelbarkeit, die überzeugte, weil sie so verblüffend kunstlos etwas beim Namen nannte, das in der Luft lag. „Warum ist es so kalt?“ sang sie. Oder das Chanson, mit dem die unvergleichliche Therese Giehse vor das Publikum trat und mit dröhnender Stimme verkündete: „Ich bin die Dummheit, hört mein Lied.“
Erika Mann wirkte vor allem durch ihre Persönlichkeit. Mehr noch als dies: sie hatte eine Mission, sie war die Tochter Thomas Manns, seine Statthalterin auf Erden. Sie war sein politisches Gewissen, die letzte Instanz, an die der ewig Zaudernde und Zögernde sich wandte, wenn er nicht weiter wußte. Sie war es auch gewesen, die Thomas Mann schließlich bewog, sich von Deutschland loszusagen.
Hans Sahl, Das Exil im Exil, 199022
Der Apothekersohn aus Görlitz kommt auf Umwegen 1928 nach Berlin. Als ausgebildeter Schauspieler spricht er Verse und Reime; zunächst im literarisch-politischen Kabarett Die Unmöglichen, im Larifari, dann im Küka, dem Künstler-Kaffee in der Budapester Straße. Einen ersten Zusammenstoß mit der politischen Wirklichkeit erlebt Werner Finck bei der Parodie auf ein jiddisch-russisches Theaterstück. Es kommt zum Skandal. Das vorwiegend jüdische Publikum bei den Unmöglichen erzwingt die Absetzung der Nummer. Jahre später, 1935 im Konzentrationslager Esterwege, drängt die SS-Leitung den Conferencier Finck, die Nummer auch dort hinter Stacheldraht vorzutragen. Der Künstler erinnert sich: „Ich bedauerte, daß ich den Text völlig vergessen hätte und daß er mir wahrscheinlich erst wieder einfallen werde, wenn die Juden nicht mehr verfolgt und vernichtet werden.“23
Werner Finck läßt sich nicht vereinnahmen. Er verstummt nicht im Konzentrationslager und er erkennt vor der sogenannten Machtergreifung die aufziehenden Gefahren. Dabei ist seine Kritik eher verhalten und von sarkastischer Noblesse. Das, was er zu kritisieren hat, nennt er chiffriert beim Namen, ohne daß er dabei sein Gesicht je in Haß verzerrt. Politische Aufklärung ist bei ihm auf allen Bühnen, die er bespielt, ein humanes Geschäft. Seine Worte zerstören nicht, sie desavouieren und demaskieren. Sie beschreiben die törichte Dumpfheit der Herrenmenschen und ihre schamlose Ideologie.
Nach dem Krieg beklagt Werner Finck, daß die Mehrheit der Kabarettisten in der Weimarer Republik den aufziehenden Faschismus unterschätzt hätten, sich selbst nimmt er dabei keineswegs aus. Doch der „Fall Werner Finck“ belegt eindrücklich den genutzten Spiel- und Oppositionsraum unter den Bedingungen der Diktatur. Die Sticheleien des Künstlers gegen das Regime, die Provokation der Mächtigen im NS-Staat ist ein naiver und zugleich ausgeklügelter Balanceakt, stets bedroht mit Berufsverbot oder Inhaftierung. Frühzeitig polemisieren nationalsozialistische Kampfblätter gegen den Schauspieler und Komiker. In dem berühmt-berüchtigten Fridericus-Film „Der Choral von Leuthen“ (1932) erhält Finck eine Nebenrolle. Unter der Regie von Carl Froelich mimt er einen Kandidaten der Theologie. Die Stahlhelm-Zeitung spricht von einem „unverzeihlichen Mißgriff“ und poltert: „Dieser 'große Dichter' Werner Finck, der von Krieg und Heldentum keine Ahnung hat, muß ausgerechnet auf den Feldern von Leuthen den Heldentod sterben!“24 Die braune Film-Kritik belegt anläßlich der Uraufführung des Streifens im Februar 1933 den latenten Widerspruch zwischen öffentlichem Agieren des Künstlers in der Katakombe und den Intentionen des propagandistisch operierenden Fridericus-Schinkens.
Kabarett unter dem Hakenkreuz, das heißt für das Ensemble der Katakombe, sich in der Kunst der hingespielten Andeutung zu spezialisieren. Jedes Wort zu viel kann dem Schlußstrich für das Unternehmen bedeuten. Kontrolliert und überwacht durch Gestapo und Sicherheitsdienst, nimmt der Kabarettist seine Überwacher höchstpersönlich ins Visier. Finck spricht sie an: „Spreche ich zu schnell? Kommen Sie mit? - Oder - muß ich mitkommen?“ - so lautet eine der vielen Provokationen, die an die Zensoren im Saal gerichtet sind.25
Die ungebrochene Popularität des Künstlers Werner Finck ist es letztlich, die ihn zunächst vor dem Zugriff der politischen Polizei schützt. Den Skandal einer Verhaftung zieht der Propagandaminister Joseph Goebbels sicherlich mit ins politische Kalkül. Immerhin räumt das Regime dem Künstler eine Galgenfrist von zwei Jahren ein, bis der Vorhang in der Katakombe endgültig nicht mehr hochgeht. Bis zuletzt frotzelt Finck ganz halsbrecherisch über die Rassepolitik:
In der Ritterzeit taucht in unserer Familie ein Knappe Lewinski auf. Glücklicherweise brannte die Kirche in seinem Sprengel ab, so daß keine nachteiligen Beweise mehr vorhanden sind.
Oder er macht sich sehr freie Gedanken über Deutschlands Bäume in Verbindung mit Adolf Hitler:
Weil ich mit meinem kleinen Bäumchen so reingefallen war, wollte ich mir beim Fachmann den Sprößling eines großen Baumes besorgen. Den fand ich dann auch in einer Baumschule, der Gärtner bot mir den Steckling einer Eiche an. Preis 150.- Mark. Mir blieb die Spucke weg. „Das ist doch ein Wucherpreis“, rief ich, „wenn das der Führer wußte!“ „Ja“, sagte der Baumverkäufer, „das ist ja auch keine gewöhnliche Eiche, das ist eine Hitler-Eiche, die kann 1000 Jahre alt werden.“ „Na“, meinte ich, „das ist eine Vertrauenssache.“26
Werner Finck muß die Pointe auf Weisung dann streichen. Ergebnis: er verschlimmbessert die Klimax durch eine weitere, höchstriskante Volte.
Am nächsten Abend habe ich mich entschuldigt: Es wäre keine Vertrauenssache - im Gegenteil! Ich wäre mit dem gesunden Wachsen der Hitler-Eiche sehr zufrieden. „Vor ein paar Monaten war sie noch ganz klein, gerade bis zu meinen Knöcheln, dann reichte sie mir bis an die Knie, und jetzt steht sie mir schon bis zum Hals“27
Aus historischer Distanz von rund sechzig Jahren muten die Seitenhiebe gegen die Tyrannei den Leser vielleicht harmlos an. Die Texte und Vorträge des Chefs der Katakombe haben gewiß nicht die literarische Dichte eines Kurt Tucholsky, die geballte Kampfkraft eines Walter Mehring oder das aufklärerische Pathos von Erich Mühsam. Doch die oberflächliche Einschätzung verkennt den Kontext und den Spielraum, der dem satirischen Wort nach 1933 noch eingeräumt bleibt. Werner Finck, der Bourgeois mit der Moral eines Humanisten und Republikaners, predigt keine neue politische Utopie, ist gewiß kein Sozialist, und redet doch dem aufgeklärten Menschenverstand und der Menschenwürde das Wort. Unter den Bedingungen des Staatsterrors schöpft er die Nischen des versteckten und sublimen Widerstands im Wort aus. Finck ist ein Exempel des Mutes und der unbeugsamen Zivilcourage. Wo andere schweigen oder sich Scheuklappen anlegen, kitzelt er die braunen Militaristen, gibt dem Publikum ein Beispiel, wie individuelle Integrität unter den neuen Machtverhältnissen zu bewahren sei. Der Kampf des David mit der Tarnkappe gegen den Staats Goliath bleibt ein Intermezzo des intellektuellen Widerstands, ein unnachahmliches Signal.
Im „Fragment vom Schneider“, 1935 in der Katakombe zusammen mit Ivo Veit vorgetragen, wird die subversive Kraft des Kabaretts und ihre Stoßrichtung gegen Militarismus und die faschistische Ideologie deutlich.
Den Sketch nehmen die Nazis zum Anlaß, um das Auftrittsverbot für Finck und seine Kollegen nach langen „Vorarbeiten“ der Gestapo definitiv durchzusetzen.
Fragment vom Schneider
(Auf der Bühne ein Stuhl. Der Schneider wartet. Ein Kunde kommt herein.)
Schneider (Ivo Veit): Womit kann ich dienen?
Kunde (Werner Finck, beiseite):
Spricht der auch schon vom Dienen! (Laut) Ich möchte einen Anzug haben. (Vielsagende Pause. Dann nachdenklich, mit gedämpfter Stimme:) Weil mir was im Anzug zu sein scheint.
Schneider: Schön
Kunde: Ob das schön ist - Na, ich weiß nicht ...
Schneider: (Etwas ungeduldig) Was soll's denn nun sein? Ich habe neuerdings eine ganze Menge auf Lager.
Kunde: Auf's Lager wird ja alles hinauslaufen.
Schneider: Soll's was Einheitliches oder Gemustertes sein?
Kunde: Einheitliches hat man jetzt schon genug. Aber auf keinen Fall Musterung! Schneider: Vielleicht etwas mit Streifen?
Kunde: Die Streifen kommen von alleine, wenn die Musterung vorbei ist. (Dann resigniert:) An den Hosen wird sich ein Streifen nicht vermeiden lassen ...
Schneider: Fangen wir mal erst mit der Jacke an. Wie wäre denn eine mit Winkel und Aufschlägen?
KKunde: Ach, Sie meinen eine Zwangsjacke?
Schneider: Wie man's nimmt ... (fragt weiter:) Einreihig oder zweireihig?
Kunde: Das ist mir gleich. Nur nicht diesreihig ... (Von Finck gesprochen wie: „Nur nicht dies Reich.“)
Schneider: Wie wünschen Sie die Revers?
Kunde: Recht breit, damit ein bißchen was draufgeht. Vielleicht gehen wir alle mal drauf. Immer fest druff, hat schon der Kronprinz gesagt. (Dann nachdenklich das letzte Wort fortspinnend:) Vielleicht gehen wir alle mal drauf.
Schneider: Dann darf ich vielleicht einmal Maß nehmen?
Kunde: Doch, doch, das sind wir gewöhnt. (Der Kunde nimmt Haltung an, der Schneider stellt sich mit dem Zentimetermaß neben ihn. Er nimmt Maß, während der Kunde die Hände stramm an die Hosennaht legt:)
Schneider: (Auf das Maßband blickend:) 14/18.-Ach, bitte, steh'n Sie doch bitte einmal gerade!
Kunde: Für wen?
Schneider: Ach so - ja ... Und jetzt bitte den rechten Arm hoch - mit geschlossener Faust 18/19. Und jetzt mit ausgestreckter Hand ... 33 ... Ja, warum nehmen Sie denn den Arm nicht herunter? Was soll denn das heißen?
Kunde: Aufgehobene Rechte ...28
Die Doppelbödigkeit der Satire, ihre antimilitaristische Tendenz bei gleichzeitigen Seitenhieben auf den Geneneralfeldmarschall Hermann Göring und seine Ordenssucht, die kaum verhüllte Benennung der Konzentrationslager, alles das muß der geheimen Staatspolizei höchst verdächtig sein. Die relative Narrenfreiheit der Katakombe dauert trotz günstiger Pressestimmen nur bis zur Jahreswende 1934/35. Danach wird das Programm auf Weisung der Herren Goebbels, Reinhard Heydrich und Gestapochef Heinrich Müller massiv überwacht. „Das Fragment vom Schneider“ wird ebenso beanstandet wie eine freche Satire („Fragment vom Zahnarzt“) über die Bespitzelung der Mitbürger im NS-Staat. Unter dem Datum 6. Mai 1935 ist ein Dossier überliefert, in dem es verunsichert und grollend über die Auftritte in der Lutherstraße 22 heißt:
„Die Darbietungen stehen durchweg auf einem sehr niedrigen Niveau und sind fast ausschließlich politisch beeinflußt. Sie stellen so ziemlich das Übelste an politischer Brunnenvergiftung dar, wie sie im neuen Staat überhaupt noch möglich sein kann. Bei jedem politischen Angriff, mag er auch noch so versteckt sein, rast das eigenartig zusammengesetzte Publikum Beifall: Es wartet nur auf das politische Stichwort, (sic) das oft nur in einer zynischen Andeutung besteht. Besonders gefährlich erscheint der pazifistische Einschlag in den Darbietungen, in denen alles Militärische verächtlich gemacht wird. Es hat sich bei dieser Art Kabaretts gegen früher nichts geändert. Die Personen, die hauptsächlich peinlich und hetzerisch wirken, sind Werner (sic) Fink, Heinrich Giesen und Ivo Veit.“29
Am 10. Mai schließen Die Katakombe und das Tingeltangel Theater (ITT). Das Referat III A 1/1 meldete am 18. Mai
„Gemäß Entscheidung des Herrn Reichsminister Dr. Goebbels sind die nachstehend aufgeführten, in der Angelegenheit 'Tingel-Tangel' und 'Katakombe' in Schutzhaft genommenen Schauspieler für die Dauer von 6 Wochen in ein Lager mit körperlicher Arbeit zu überführen.
1.) Walter Gross, 5. 2. 04 Eberswalde geb.,
2.) Walter Liek, 15. 6. 06 Charlottenburg geb.,
3.) Heinrich Giesen, 20. 3. 13 Berlin geb.,
4.) Walter Trautschold, 20. 2. 02 Berlin geb.,
5.) Werner Finck, 2.5. 02 Görlitz geb.,
6.) Günther Lüders, 5. 3. 05 Lübeck geb.
Ich bitte, die Überführung der vorgenannten Schutzhäftlinge in das Konzentrationslager Esterwege beschleunigt durchzuführen.“30
Bis Anfang Juli 1935 sitzen die Künstler von der Katakombe und vom Tingeltangel in Esterwege bei Papenburg in „Schutzhaft“ und erst im Herbst 1936 gibt es ein Gerichtsverfahren. Doch das juristische Unterfangen erweist sich als hausgemachte Blamage. Das eigens etablierte „Heimtücke-Gesetz“ von 1934 bleibt in seiner Anwendung auf die Kabarettisten ein untaugliches Instrument. Die Anklageschrift nennt u.a. aus Conférencen, politische Witze, Chansons und Sketche, die öffentlich zu verlesen sind. Der prozessuale Vortrag gipfelt in einer brisanten und grotesken Zuspitzung. Die inkriminierten Passagen, auch das „Fragment vom Schneider“, müssen der Öffentlichkeit ein weiteres Mal zur Kenntnis gebracht werden. Werner Finck erinnert sich an „ungeniertes Gelächter“ unter den Anwesenden und an einen gereizten Vorsitzenden der Kammer, der wütend dazwischenfährt: „Wenn das Gelache nicht aufhört, lasse ich den Saal räumen! Wir sind hier nicht im Kabarett!“31 Mangels Beweisen stellt das Gericht das Verfahren ein, ein Tatbestand, der nur formal für einen Rest an Rechtsstaatlichkeit spricht. Die Verurteilung des populären Kabarettisten und seiner Kollegen zu einer längeren Haftstrafe wäre ohne politischen Gesichtsverlust in der Presse kaum zu vermitteln. Auch bei den vorangegangenen Schauprozessen des Jahres 1935 gegen verdiente Rundfunkintendanten und Hörfunkpioniere aus der Weimarer Republik - darunter Hans Flesch, Hans Bredow und Kurt Magnus - vermeiden es die Nationalsozialisten tunlichst, den Bogen zu überspannen. Die intendierte Verhängung von Freiheitsstrafen käme in beiden Fällen einem Pyrrhus-Sieg gleich. Die Richter, die das Verfahren gegen Die Katakombe und das Tingeltangel leiten, werden auf Anordnung des Propagandaministers strafversetzt; der Minister bekundet damit seinen Unmut.
Für Werner Finck folgen Monate mit eingeschränkter Berufstätigkeit und nur gelegentlichen Bühnenauftritten. Im Kabarett der Komiker (KadeKo) kann Werner Finck bedingt weiterarbeiten, bis auch dieses Theater den Betrieb auf Weisung einstellt. Auf die Frage des Berliner Tageblatt, ob die Deutschen Humor haben, antwortet der Kabarettist Finck schlagfertig wie gewohnt:
„Doch, doch, wir haben. Oder meinen Sie mit wir Ihr geschätztes, auf 90.000 geschätztes Blatt? Denn schon die Fragestellung beweist es. - Oder meinen Sie uns, wenn Sie wir sagen? Auch dann bejahe ich es. Denn unter uns haben wir Humor. Aber das unter uns. Bliebe also noch die Frage, ob wir über uns auch Humor haben.“32
Diese neuerliche Attacke gegen das System, das antidemokratische Klima und den verwalteten NS-Humor führt dann endgültig zum umfassenden Berufsverbot für Werner Finck und zum Ausschluß aus der Reichskulturkammer. Das Berliner Tageblatt stellt sein Erscheinen ein. Aufgeschreckt durch den publizistischen Wirbel um die Kabarettisten, sieht sich Goebbels seinerseits gedrängt, zu erläutern, was deutscher Linien-Humor sei. Im Schlagabtausch mit dem verhaßten Werner Finck meint der Minister am 4. Februar 1939 im Völkischen Beobachter:
„Man komme uns nicht mit dem Einwand, daß wir humorlos wären. Wir waren nicht immer im Besitz des Staates und der öffentlichen Gewalt. Auch wir standen einmal in der Opposition; und es ist der deutschen Öffentlichkeit wohl noch nicht ganz entfallen, daß wir es waren, die einmal einen gewissen Polizeipräsidenten mit Namen Isidor Weiß durch Witze politisch getötet haben.
Wir könnten also auch so mit unseren Kritikern verfahren, wenn wir wollten. Aber wir wollen nicht. Wir haben keine Lust, und vor allem auch keine Zeit, uns mit armseligen Literaten polemisch auseinanderzusetzen. Wir haben augenblicklich Besseres zu tun.
Die politische Witzemacherei ist ein liberales Überbleibsel. Im vergangenen System konnte man damit noch etwas erreichen. Wir sind in diesen Dingen zu gescheit und erfahren, als daß wir sie ruhig weitertreiben ließen. Wir wissen, daß jetzt die deutsch-feindlichen Zeitungen in Paris, London und New York für unsere armen Conferenciers eintreten werden. Wir erwarten, daß die demokratischen Gouvernanten in Westeuropa erdenklich Klagen führen werden über den Mangel an Freiheit der Meinung in Deutschland. Uns berührt das innerlich gar nicht mehr.“
Weitere Konfrontationen mit der Goebbels-Diktatur wird der unbotmäßige Schelm nicht durchstehen, genauer: überleben. Deshalb flieht der Kabarettist an die Front. „Flucht ins graue Tuch“ heißt der Tatbestand.33 An der Front, so sieht es der verfolgte Kabarettist, ist das Leben sicherer als im Umfeld der Gestapo in Berlin. Werner Finck hätte nach 1945 allen Grund, kollegiale Mitläufer, Denunzianten oder die halbherzigen inneren Emigranten - es gibt derer im „Dritten Reich“ sehr viele - laut zu tadeln. Aber hier übt er sich in souveräner Zurückhaltung. Mit seinem Publikum stellt er Einverständnis her. Finck gibt den Zuhörern zu verstehen, daß sie damals unter dem „Irren“ genauso entschieden, profiliert und mutig gehandelt hätten wie er, der lächelnde Diktaturverächter. Das ist eine sympathische Vorgabe, eine allzu optimistische Einschätzung des Pädagogen in Sachen deutscher Zivilcourage zugleich. Immerhin dient Werner Finck nach 1945 unverdrossen und unbeschädigt als demokratisches Leitbild, er, der die politisch Labilen und braunen Mitläufer wegen ihres Versagens nicht beckmesserisch tadelt. Anstatt über das Versagen der eigenen Generation zu klagen, schlägt er bis zu seinem Tod 1978 versöhnliche Töne an und lebt ohne Aufhebens als Beispiel zur Nachahmung empfohlen.
Am besten nichts Neues
Dieses Institut war die Katakombe am Potsdamer Platz in Berlin. Und da wir nun alle unbekannt waren, waren wenig Leute da zu allererst. Es kamen kaum welche. Das waren vielleicht zwei, drei. Auf die konnte man sich verlassen. Die waren von der Baupolizei. Die Baupolizei hatte damals Anforderungen an uns gestellt, die waren ungeheuerlich. Beispielsweise verlangten sie zwei Notausgänge. Stellen Sie sich das einmal vor! So ein kleiner Raum und zwei Notausgänge! Und die hatten das Programm vorher noch gar nicht gesehen. (Lachen) Sehen Sie mal, und alle die damals in der Katakombe waren, sind eigentlich später etwas geworden. Wir haben einen Fehler gemacht, wir gingen nicht in die Politik hinein. Wir haben unser Publikum gehabt. Das genügte uns. Und unser Publikum (...) Also: Wir genügten dem Publikum und so. (...) Es war Inzucht. Dann haben wir uns gesagt: Ach Gott, das ist doch ein Irrer, haben wir uns gesagt. Das ist doch ein Irrer, der Hitler. Als ob das was in der Politik zu sagen hat! (Lachen) Und eines Tages landete ich denn im Gefängnis. 1935 war ich drin. Und völlig unvorbereitet! Das ist auch eine Sache, die ich dem bürgerlichen Leben vorwerfe. Ich sehe noch den Moment, wo ein baumlanger Mann auf mich zugeschossen kam, betastete mich von allen Seiten, sämtliche Taschen oben, unten, Mitte und so, aber mit einem Griff, alles artistisch, und rief dazu: „Haben Sie Waffen?!“ Ich sagte: „Nein. Wieso braucht man hier welche?“ So naiv war man da. Und alles wegen ein paar politischen Witzen. Darauf lief's hinaus. Ich weiß noch ganz genau wie ich eingezogen wurde. Ich hatte mich freiwillig gemeldet. Ja, 1939. Ich sollte ja für wehrunwürdig erklärt werden. Unwürdig? Merkwürdig war ich. Da wurde die ganze Persönlichkeit aufgelöst - in nichts. (...) Wie ich hörte, der Zusammenbruch ist da, bin ich erst mal auf die Schreibstube gegangen, habe gefragt, ob noch was wäre (Lachen) und erst als man mir sagte, „vielen Dank“, es hätte sich erledigt, gab ich mich dem Zusammenbruch hin.
Werner Finck34
In seiner Untersuchung über das schwäbische Humoristen-Paar Häberle und Pfleiderer, alias Oscar Heiler und Willy Reichert, kommt Ulrich Keuler zu der Einschätzung, daß Werner Finck das Machtgefüge im NS-Staat zwar nicht erschüttern konnte, „aber er brachte die Fassade der Eintracht zum Bröckeln, erinnerte daran, daß das Staatsgebäude auf einem Fundament von Zwang und Einschüchterung ruhte.“35 Im Kontext des industriellen Mordens gehört dieser bald spaßige, bald subversive Kabarettist in der Tat zur kleinen Galerie der Unbeugsamen. Sein Witz und seine „Lust am Widerspruch und am Widerstand zuckten, sobald er das Gefühl hatte, man wolle seine Freiheit beschneiden. Und das wollte man.“36 Zum Widerstandskämpfer läßt sich Finck nach 1945 nicht stilisieren. Er könnte diese gängige Art der persönlichen „Bewältigung“ allemal für sich in Anspruch nehmen. Er tut es nicht. Der Kabarettist Weiß Ferdl (1883-1949), früher Sympathisant der Nationalsozialisten und strammer bajuwarisch-völkischer Komiker, bemüht sich nach dem Krieg zum Beispiel um solche nützliche Legendenbildung. Finck hat derlei Kapriolen nicht nötig.
An meinen Sohn Hans Werner
Du brauchst dich deines Vaters nicht zu schämen,
Mein Sohn.
Und wenn Sie dich einmal beiseite nehmen
Und dann auf mancherlei zu sprechen kämen,
Sei stolz, mein Sohn.
Sie haben deinem Vater reichlich zugesetzt,
Mein Sohn. Ihn ein- und ausgesperrt und abgesetzt,
Sie haben manchen Hund auf ihn gehetzt
Paß auf, mein Sohn:
Dein Vater hat gestohlen nicht und nicht betrogen,
Er ist nur gern mit Pfeil und Bogen
Als Freischütz auf die Phrasenjagd gezogen -
Und so, mein Sohn,
Kannst du den Leuten ruhig in die Augen gucken,
Mein Sohn.
Brauchst, wenn sie fragen, nicht zusammenzucken.
Ich ließ mir ungern in die Suppe spucken,
Das war's, mein Sohn.
Wie vieles hat der Wind nun schon verweht,
Mein Sohn.
Der Wind, nach dem ich mich noch nie gedreht -
Daß dir mein Name einmal nicht im Wege steht,
Gib Gott, mein Sohn!37
Bertolt Brecht, mit Applaus für die „inneren Emigranten“ und Hinterbliebenen während des „Dritten Reichs“ gewiß sparsam, schreibt 1947 anläßlich eines Finck-Gastspiels in Zürich eine Eloge auf den Narren. Der Sozialist verteilt über den unbeugsamen Alleinunterhalter nur die allerbesten menschlichen und zeitgeschichtlichen Noten.
Eulenspiegel überlebt den Krieg
Werner Finck gewidmet
Gleichend einer madigen Leich
Lag das dutzendjährige Reich
Als, fünfhundert Jahre alt
Eulenspiegel in Gestalt
Sich den Schweizern präsentierte
Und, für eine Mahlzeit, referierte
Wie, indem er Witze riß und bebte
Er die großen Zeiten überlebte.
Denn es war für Späßemacher
Die S.S. ein schlechter Lacher:
Eulenspieglein an der Wand,
Wer ist der Dümmste im ganzen Land?
Nun, da galt es mittlerweilen
Sich die Späße einzuteilen
Sich den Gürtel eng zu schnallen und gelassen
Grad nur so viel Witze zu verpassen
Als man unbedingt zum Leben brauchte
Daß die Bestie höchstens fauchte
Doch nicht biß.
Und als der große Gütevolle,
würdenlose Späßevogel diese knappe
Zeit beschrieb, da war's, als klappe
Geisterhaft ihm manche tote
Hand noch Beifall. Von dem Aufgebote
Derer unter Schutt und Aschehügel.
Und es war, als wüchsen Flügel
Diesem ungelenken Gaste
Der in großer Zeit nicht paßte
Und indem er witzig war und bebte
Wie das niedre Volk sie überlebte.
Bertolt Brecht, 194738
Die Kriegserklärung des Propagandaministers Goebbels gegen aufmüpfige Kabarettisten, die Schließung der Katakombe, des Tingeltangel und das Aus für Die Nachrichter39 führen zu einer empfindlichen Lücke in der Berliner Kabarettlandschaft. Doch ist der Propagandaminister Profi genug, um für den eingetretenen Verlust zumindest im Sinne der Parteidoktrin Abhilfe zu schaffen. In der Filmpolitik hat es der Minister bereits durchexerziert, wie unter der Maske der wohlfeilen Unterhaltung die Volksgenossen bei Laune zu halten sind. Es kommt ihm nicht darauf an, das Amüsement im Korsett von Marschmusik, Fahnen und Uniformen vorzuführen. Goebbels warnt immer wieder vor abgegriffenen Aufmärschen in Bild und Ton. Auch die einschläfernde Wirkung von germanischen „Thing-Hörspielen“, die braun-barocken „Hörkantaten“ zum Ruhme der Bewegung, sind ihm als Intellektuellem höchst suspekt. Die politische Infiltration hat vielmehr im Kostüm bekannter und tradierter Muster zu geschehen. In der Maske des Biedermanns spielen die genehmen NS-Claqueure ihrem bürgerlichen Publikum auf. Es ist fast alles so wie früher. Aber doch nur fast.
Da kommt das relativ unbekannte Tourneekabarett Die acht Entfesselten , 1935 von Ernst August Brenn und Rudi Godden gegründet, gerade recht. In einer parteilichen Umarmung vereinnahmt die NS-Kulturgemeinde das Ensemble. Unter Protektion der Entfesselten hofft die braune Brigade, den PG-Ulk in ihrem Sinne popularisieren zu können. Die Künstler sind willfährig genug, sich dieser Gunstbezeugung nicht zu entziehen. Ein gewisser Günter Meerstein bejubelt 1937 in seiner (selbst für nationalsozialistische Verhältnisse dürftigen) Dissertation („Das Kabarett im Dienste der Politik“) den neuen Geist, dem sich nun auch die Kleinkunst verpflichtet habe. So seien Die acht Entfesselten die ersten, „die den richtigen Weg zur Erneuerung der Kabarettkunst beschritten haben. Der Erfolg, den alle ihre Darbietungen erzielten, ist ein Beweis dafür, daß diese Kleinkunstbühne für die Gestaltung des Kabaretts im neuen Deutschland richtungsweisend sein kann.“40
Von höchst offizieller Seite, vom Kulturdienst der NSDAP, heißt es am 2. April 1936 zum Auftreten der angepaßten Witzbolde: „Aus dem Alltag des Volkes sind die Themen der Darbietungen genommen. Gegen Unnatürlichkeit in Kunst, Film, Funk, Theater, Operette, Wochenschau, Reklame wird eine vergnügte Attacke geritten. Dabei darf natürlich ein politischer Spott auf die Greuelpropaganda nicht fehlen.“41 Rudi Godden zelebriert mit seiner Truppe unverbindliches Wortgeplänkel, die Kunst der Ablenkung und des Amüsements, wie dies der schlesische Stimmenimitator Ludwig Manfred Lommel mit seinen Alltagssketchen im Radio ebenfalls mit Erfolg demonstriert. Der Intendant der Schlesischen Funkstunde in Breslau, Friedrich Bischoff, hat Lommel übrigens schon 1925 entdeckt und für das Radio verpflichtet. In Breslau kreiert der Spaßmacher seinen „Sender Runxendorf auf Welle 0,5“. Nichts Weltbewegendes will er erzählen. Immerhin präsentiert er seinen kleinen ländlich-akustischen Mikrokosmos ganz allein und mit der eigenen Stimme. Als Meister der menschlichen Stimme kann er drei oder vier Personen gleichzeitig in einem Sketch zu Worte kommen lassen. Ludwig Manfred Lommels Runxendorf ist „kein schlesisches Himmelreich“, wie Hans -Günter Martens betont, „es war ein Ort, wo die Sorgen des Alltags nicht so ernst genommen wurden, wo es Kalauer regnete, wo mitunter sogar - und das waren Lommels schönste Momente - der blühende Unsinn regierte.“42
Die Verbindlichkeit des Unverbindlichen, der Scherz ohne gesellschaftliche Erdung, lassen den Charme des Schlesiers eben auch für die nationalsozialistischen Ideologen hochwillkommen sein.
Mir ist schon alles ganz egal
Wir sterben lieber heut als morgen,
Ick hab den ganzen Kopp voll Sorgen:
Hab keenen Vater und keene Mutter,
Aufs Brot nicht mal die nötige Butter.
Wenn ich nicht bald'n Graf beerb,
Dann ist's mir lieber, wenn ich sterb.
Sterben müssen wir alle mal,
Mir ist schon alles ganz egal.
Selbst Steuern soll ick noch berappen,
Die woll'n das letzte mir wegschnappen.
Ich zahle nischt, ick kann's beteuern:
Ick hab ne Wut auf alle Steuern.
Ick soll bezahlen mit Barschecken?
Die können mich alle ... nicht entdecken.
Ick bin auf Reisen allemal
Mir ist schon alles ganz egal.
Früher soff ick wie'n Stier
Helles, dunkles Lager-Bier.
Ick soff mit Freunden im Verein,
Jetzt sitz ick vor mein'm Glas allein.
Ick sitze da mit offnem Maul
Und bin zum Saufen schon zu faul,
Die Nase tropft, das Bier wird schal.
Mir ist schon alles ganz egal.
Ick liebte manches Mägdelein,
Doch mußte's stets ne Hübsche sein.
Jetzt bin ick verheirat', welch Malheur,
Meine Olle gefällt mir gar nicht mehr.
Hat Beene wie'n Droschkengaul,
Een halben Zahn bloß noch im Maul
Und uff der Neese'n Muttermal.
Mir ist schon alles ganz egal.
Am Rundfunk sprech ick seit Jahren schon,
Ick sang viel Platten für Homophon.
Im Theater spiel ick alle Tage,
Auch oft im Varieté. Es ist ne Plage.
Jetzt soll ick noch zum Tonfilm gehen,
Dann könnt ihr mich auf der Leinwand sehen!
Die Hauptsache ist, es wird bezahlt –
Sonst ist mir alles ganz egal.
Ludwig Manfred Lommel, 193443
Die Liebe macht gewöhnlich blind
Ich bin im allgemeinen sehr verträglich,
Ich bin die Ruhe selbst, das steht mal fest.
Ich bin kein Ekel, also auch nicht eklig,
Doch jetzt ist Schluß, mein liebes Kind,
Jetzt mach ich mal Protest.
Sonst denkst du, alles was du tust, ist richtig
Und alles, was du sagst, für mich Musik.
Sei bitte nicht so eitel und so zuversichtlich.
Ich übe jetzt, jetzt übe ich, ich übe jetzt Kritik.
Die Liebe macht gewöhnlich blind
Doch Gott sei dank nicht so, mein Kind!
Neenee, i wo, nicht so!
Ich weiß doch, daß du Fehler hast.
Ich sag dir auch, was mir nicht paßt,
Nicht wahr? Na, klar! Ja, ja.
Da war erst neulich, das fiel mir doch gleich auf
Und das fällt ganz besonders ins Gewicht,
Was war denn das? Na, ich komme jetzt nicht drauf,
Na, ganz egal, auf jeden Fall: Man tut so etwas nicht!
Die Liebe macht gewöhnlich blind,
Doch Gott sei dank nicht so, mein Kind !
Neenee, i wo, nicht so!
Doch andrerseits, das kann ich nicht bestreiten:
Ich hab dich gern, ach was, ich liebe dich!
Du hast auch deine wirklich guten Seiten,
Die hast du, Liebling, laß mal, nee!
Du weißt es bloß noch nicht!
Ich stehe auch für dich mal gern im Regen,
Mir kommt es auf'n Schnupfen gar nicht an!
Ich warte letztenendes ja nur deinetwegen,
Damit ich dir was Nettes, wirklich Nettes sagen kann.
Die Liebe macht gewöhnlich blind.
In deinem Fall auch mich, mein Kind,
Nicht wahr? Na, klar! Ja, ja.
Zwar steh ich hier im Wolkenbruch,
'n Mann wie ich verträgt ja Zug,
Nich wahr? Na, klar? Ja, ja.
Aber ne ganze Stunde, das ist'n bißchen viel,
Ich grüble, ob ich länger warten soll,
Denn ohne dich wird's doch'n bißchen kühl.
Ich huste auch schon prima, und ich hab die Nase voll!
Die Liebe macht gewöhnlich blind,
Doch Gott sei dank nicht so, mein Kind,
I wo, neenee. Nicht so!
Die Liebe macht gewöhnlich blind,
Doch Gott sei dank nicht mich, mein Kind!
Neenee. Adieu! Ich geh!!
Rudi Godden, 193844
Während das kritische und liberale Großstadtkabarett der zwanziger Jahre die realen Konfrontationen der Gesellschaft nicht ausklammert, Finck mit seinen Conférencen die Stimme gegen die Diktatur erhebt, unterhalten vermeintlich unpolitische und komische Köpfe ab 1935 ihr Publikum mit standardisierter Fröhlichkeit. Wie im billigen Massenschlager sind die Texte dieser liebsamen Künstler bieder und dienen damit der erwünschten Stabilisierung nach innen. „Das kabarettistische Moment, das bei allen Völkern zu allen Zeiten vorhanden war und auch noch heute vorhanden ist“, betont der linientreue Kabarett-Theoretiker Meerstein, „wird im nationalsozialistischen Deutschland in der Kleinkunststätte 'Kabarett' als politisches Führungs- und Beeinflussungsmittel des gesamten Volkes herausgestellt, um der Staatsführung ein wirkungsvolles Instrument zur Unterhaltung und zur politischen Führung und Beeinflussung des Volkes in die Hand zu geben.“45
Uniformer Humor, im patriarchalischen Geist der Zeit geschrieben, Ulk-Witz, der nicht weh tut und doch vergessen läßt, kennzeichnet Goddens Liebesgruß für eine Verlassene, „denn Liebe macht gewöhnlich blind“. Sentimentaler Weltschmerz im Dienst der militärischen Logik ebnet 1937 im Münchener Simplicissimus den Siegeszug von Lili Marleen mit Lale Andersen. Hans Leip, Schriftsteller und Grafiker, hat den Text bereits 1915 als Soldat zu Papier gebracht. Die Zeilen bleiben über zwanzig Jahre unbeachtet. Der kommende Weltschlager - 1939 im Kabarett der Komikerin einer zweiten, der jetzt noch bekannten Version, vorgestellt und 1941 vom Besatzungssender in Belgrad als „Lied eines jungen Wachposten“ präsentiert - verschränkt in beispielhafter Weise melancholischen Weltschmerz des liebenden und beinahe straffällig werdenden Landsers mit unbedingter Pflichterfüllung. Über dem Privaten lauert allgegenwärtig das Diktat des soldatischen Gesetzes, das nicht hinterfragt werden darf. Glück und Liebe sind zulässig indem kasernierten Hitler-Reich. Sie unterstehen aber der profanen Logik des Kasernenhofes. Das suggestive musikalische Arrangement - von dem Pianisten Norbert Schultze komponiert - läßt beinahe den Kontext vergessen, in dem das Lied steht. Kornettsignale und Trommelschläge erinnern wie von fern, „wo die Musik spielt“ und wer sie macht.
Die stets betonte Internationalität des Liedes - u.a. werden es in den kommenden Jahren Bing Crosby, Jean-Claude Pascal, Freddy Quinn und Greta Garbo singen -, die Verfolgung der Lale Andersen durch die Gestapo, das Verbot des Schlagers nach der Schlacht von Stalingrad, alles das kann nicht über die Verherrlichung der soldatischen „Tugenden“ hinwegtäuschen. Lili Marleen, auf den Brettern des nationalsozialistischen Kabaretts zum zweitenmal geboren, im Äther zwischen den Fronten millionenfach ausgestrahlt, ist die Apotheose der soldatischen Pose schlechthin. Die Liebe unterliegt in dem Weltschlager den Gesetzen der Kaserne. Liebesschmerz gehorcht selbstverständlich und ohne Widerspruch den unausgesprochenen und höheren Einsichten hinter der Militärfeste mit ihrer romantischen Laterne „vor dem großen Tor“.
Anders als der Interpretin, bringt dem Komponisten Norbert Schultze der musikalische Triumph erheblichen materiellen Nutzen. Der Präsident der Reichsmusikkammer, Peter Raabe, setzt Schultze 1939 auf die Liste der „schöpferischen Künstler“. Filmmusiken zu „Feuertaufe“, einem Propagandafilm über den Überfall auf Polen, „Bomben auf England“ und 25 „Lieder der Nation“ kennzeichnen die nationalsozialistische Produktivität des Komponisten. Noch 1967 erklärte er gegenüber der New York Times : „Ich kann es nicht bedauern, daß ich all diese Lieder geschrieben habe. Es war die Zeit, die das verlangte, nicht ich. Andere haben geschossen. Ich habe diese Lieder komponiert.“46
Im Verlauf des Ätherkriegs nutzen die Engländer die Popularität des Liedes für die Gegenpropaganda: Was das Soldatenleben ist, für die Soldatenbraut Lili Marleen in dem Schlager bedeutet, das wird jetzt in Stoßrichtung Deutsches Reich laut und parodistisch zu Gehör gebracht. Die verträumte Melancholie des Originals ist durch die unmissverständliche Aufforderung zum Handeln aufgebrochen. Der pervertierte Schlager mahnt die Hörer zum Kampf gegen Unterdrückung und Hitlerfaschismus. Lucie Mannheim singt die neue Version am 3. April 1943 in einer deutschsprachigen Sendung der BBC, der Krieg hat sich an der russischen Front bereits gewendet.
Lili Marleen
Ich muß heut an Dich schreiben,
Mir ist das Herz so schwer.
Ich muß zuhause bleiben
Und lieb Dich doch so sehr.
Du sagst, Du tust nur deine Pflicht,
Doch trösten kann mich das ja nicht,
Ich wart an der Laterne -
Deine Lili Marleen
Was ich still hier leide,
Weiß nur der Mond und ich.
Einst schien er auf uns beide,
Nun scheint er nur auf mich.
Mein Herz tut mir so bitter weh,
Wenn ich an der Laterne steh
Mit meinem eignen Schatten -
Deine Lili Marleen
Vielleicht fällst du in Rußland,
Vielleicht in Afrika.
Doch irgendwo da fällst Du,
So will's Dein Führer ja.
Und wenn wir doch uns wiedersehen,
O möge die Laterne stehn
In einem andern Deutschland -
Deine Lili Marleen
Der Führer ist ein Schinder,
Das sehn wir hier genau.
Zu Waisen macht er Kinder,
Zur Witwe jede Frau.
Und wer an allem schuld ist, den
Will ich an der Laterne sehn,
Hängt ihn an die Laterne!
Deine Lili Marleen
BBC-Sendung am 3.4.194347
Zu den engagierten Claqueuren des Nationalsozialismus zählt der Sänger und Kabarettist Weiß Ferdl. Um ihn ranken sich Legenden und anekdotische Begebenheiten, die ihn zum Gegner des Nationalsozialismus stilisieren. Dabei dürfte es sich freilich um selbstgestrickte oder lancierte „Meldungen aus dem Reich“ handeln. Angeblich soll des Führers komischer Liebling 1938 im Münchner Platzl in einer von der NSDAP gemieteten Vorstellung vor vollem Haus gesagt haben: „Bleibt lieber in Euren mit sauer verdientem Geld ersparten, kleinen bescheidenen Villen am Lago di Bonzo. Ihr habt ja nicht einmal mehr Eisen-Euren 'eisernen Willen' habt ihr schon längst aufgegeben und nun fangt ihr schon an aus Materialnot die Juden einzuschmelzen.“48 Authentische Belege für solche Äußerungen des fröhlichen Rechtsauslegers gibt es indessen nicht. Auch Volker Kühn meldet in seinen Recherchen Zweifel an solchen nicht bezeugten „Heldentaten“ an.
Ferdinand Weisheitinger (1883-1949), genannt Weiß Ferdl, der Kabarettist vom Platzl in München, bejubelt 1934 jedenfalls die neuen „Errungenschaften“ im nationalsozialistischen Staat. Darunter fällt in seiner Hymne „Gleichgeschaltet“ auch die Drohung einer deutschen Gattin. Eheliche Untreue wird notfalls mit „Dachau“ bestraft, wer nicht hören will, muß sich im Konzentrationslager fügen. Die Stätte der Folter und Erniedrigung wird bei Weiß Ferdl salonfähig. Der böse Spaß treibt Kumpanei mit den Schlächtern und jagt die Eingesperrten wie in den obszönen „Juden-Witzen“. Die Solidarität mit den Gepeinigten ist aufgekündigt, gelacht wird - ausgesprochen oder nicht - mit den Folterknechten. Es gibt kein Tabu, der Komiker treibt mit dem Entsetzen Scherz und setzt auf Einverständnis mit seinem Publikum. Auch in der Conférence „Über die Lage“ (1936) ist mit „Dachau“ ein magisches sprachliches Zeichen gesetzt. Die topographische Einordnung genügt. Nichts muß erklärt, nichts erläutert werden. Der Sprecher kann sich des Kürzels bedienen, der Chiffre des Schreckens. Was gemeint ist – und zugleich nicht ausgesprochen - ,das darf er offensichtlich bei seinem Publikum voraussetzen. Dachau und die gedankliche Verbindung zu einem Luftkurort und einer „Luftveränderung in konzentrierter Form“ verdichten sich zu einer bösen euphemistischen Konstruktion. Die Schlächter werden nicht mehr provoziert und gereizt. Der Kabarettist sucht sich schon im nächsten Abschnitt des Wohlwollens und der Gunst der Mächtigen zu versichern. Gewiß, „große Männer verstehen schon Spaß“ und können die lax dahergesagte Dachau-Metapher gar nicht in den falschen Hals bekommen. Doch Weiß Ferdl ist auf der Hut und leistet schon mal vorsichtshalber Abbitte – auch auf Kosten jener, die gemeint sind: die geschundenen KZ-Häftlinge. Werner Finck lehnt später übrigens jeden Vergleich, vor allem in politischer Hinsicht, mit Weiß Ferdl ab.
Der Witz hinter der Hand – Lust und Gefahr
Überleben, dazu verhalf auch der Witz. Überleben, möglichst bei bester Gage. Man erzählte sich ihn von Karl Valentin, von Erich Kästner, der ohne publizieren zu dürfen, in den Cafehäusern des oberen Kurfürstendamm wie ein Relikt der schönsten „Systemzeit“ staunend zu betrachten war. Man legte Schauspielern, nur weil sie Komiker waren, politische Witze in den Mund. Dabei waren viele dieser Herren in Wirklichkeit jeder Störung ihrer Karriere durch solche Späße abhold. Auch sie wollten überleben, möglichst bei bester Gage.
Es ging das Gerücht um, daß überall, wo der Don Carlos gespielt wurde, bei des Posa dröhnender Forderung nach Gedankenfreiheit das Publikum in Schreie der Zustimmung ausgebrochen sei. Keiner konnte es bestätigen. Ich war bei einer solchen Aufführung. Aber da blieb es an dieser Stelle still. Man hörte dergleichen immerhin so gern. Man konnte bei solchen Gerüchten so schön Mut schöpfen und man tat es.
Witze höhlen kein diktatorisches System aus, sie werfen es nicht um. Aber sie können es weniger sicher erscheinen lassen. Die Machthaber merken vielleicht, daß ihr Stuhl wackelt oder doch wenigstens ein ganz bißchen unsicher steht. Wenn verbreitet wurde, der dicke, gern jovial und kumpelhaft hingestellte Hermann Göring habe sich allmorgendlich die neusten Witze erzählen lassen und sich dann lachend auf die monumentalen Schenkel geschlagen, so war diese offenbar doch offiziell verbreitete Onkelanekdote deutlich gezielt: Sie sollte den Witz gegen die Tyrannen unerheblich - und sollte die Tyrannen möglichst humorvoll und diesem Falle freundlich liberal erscheinen lassen. Beides ein Zeichen, wie man den Witz aus dem Volke und im Volke wohl fürchtete, ihn „offiziell“ zu entschärfen versuchte.
In den Kabaretts saßen damals meist die Schnüffler und Spitzel der Geheimen Staatspolizei, wie sie auch in den Gottesdiensten der mehr unbotmäßigen Geistlichen auf der harten Kirchenbank hockten und mitschrieben. An beiden Plätzen konnte man sie, wenn man seinen Blick für die Handlangertypen der Diktatur nur etwas geschärft hatte, sofort erkennen.
Friedrich Luft49
Gleichgeschaltet
Früher gab's so viel Parteien,
Deshalb auch viel Reibereien.
Bis dann sprach ein Ingenieur:
Deutsche, nein, so geht's nicht mehr.
Weg mit diesen Wechselströmen,
Woll'n wir lieber Gleichstrom nehmen!
Er hat aus- und umgestaltet.
Gleichgeschaltet, gleichgeschaltet.
Hat man Zeitungen gelesen,
Früher ist man blöd gewesen.
Die schrieb: „Bravo, sehr gut. Heil!“
Die andre „Pfui“, grad's Gegenteil.
Jetzt kannst du das Geld dir sparen.
Liest du eine, bist im klaren.
Gleichlautend sind all'gestaltet:
Gleichgeschaltet, gleichgeschaltet.
Arbeitsdienst wurd' eingeführet
Mancher freudig mitmaschieret:
„Endlich schaffen, Gott sei Dank.“
Andre aber macht es bang.
Statt beim 5-Uhr-Tee fein schwofen,
soll er jetzt im Gleichschritt loofen.
Hand, gepflegt, a Schaufel haltet
Gleichgeschaltet, gleichgeschaltet.
Man hört nicht mehr Saxophone,
Tanzt nicht Rumba, Charlestone.
Fort mit Jazz und Niggertanz,
Sind nicht mehr meschugge ganz.
Alte Weisen hört man wieder,
Stramme Märsche, deutsche Lieder,
Die man gern im Ohr behaltet.
Gleichgeschaltet, gleichgeschaltet.
Mit dem Eintopf, dem bekannten,
Sind die Frau'n sehr einverstanden.
Weg mit Austern, Kaviar,
Mit dö Schmankerln is jetzt gar.
Am Sonntag kochen s' alte Boana,
Sag'n: „Das is a Picklstoana“,
Aufg'wärmt, daß bis Samstag haltet,
Gleichgeschaltet, gleichgeschaltet.
Will der Mann a Freundin halten
Und nicht treu bleib'n seiner Alten,
Steht in Saft die deutsche Frau,
Droht dem Gatten mit Dachau:
„Zwanzig Jahr hast unverdrossen
Meine, Reize du genossen.
Dabei bleibt's, bist auch veraltet,
Gleichgeschaltet, gleichgeschaltet.“
Bei den Abrüstungskonf'renzen
Die Franzosen immer benzen:
Deutschland, ach, bedroht uns sehr!
Doch die Welt glaubt's längst nicht mehr.
Unser Kanzler sprach es offen:
„Friede hat nur der zu hoffen,
Der abrüstet, da Wort haltet.“
Gleichgeschaltet, gleichgeschaltet
Ganz vereint sind Bayern, Preißen,
Nicht mehr auseinand' zu reißen.
Statt, daß in die Berg' wir zieh'n,
Mach ma Weekend in Berlin,
Tun im Lunapark dort rodeln,
Preußen lernen dafür jodeln.
Mensch, wie det zusammenhaltet!
Gleichgeschaltet, gleichgeschaltet.
Wenn wir fest zusammenstehen,
Muß's doch wieder aufwärts gehen.
Bauer, Arbeitsmann und Knecht,
Adel, Bürger - gleiches Recht.
Für das Land, das wir gestritten
Und viel Jahre Not gelitten,
Woll'n wir leben, ungespaltet,
Gleichgestaltet, gleichgestaltet.
Weiss Ferdl, 193450
Über die Lage
Heutzutage ist es nicht leicht, Humorist zu sein. Das Publikum hat es so leicht, die kommen herein, zahlen den kleinen Eintritt, setzen sich hin und sagen: „Los!“ Das ist schnell gesagt, aber das Losgehen ist nicht so einfach. Ich weiß genau, was die Leute am liebsten hören. Schon im grauen Altertum war es so, daß sich die Leute am meisten gefreut haben, wenn man über die Großkopfat'n losgezogen hat und dieser Brauch hat sich bis auf den heutigen Tag erhalten. Nun werden Sie aber auch verstehen, daß dieses momentan eine etwas kitzlige Angelegenheit ist; - man hat Hemmungen. Mir persönlich kann ja nichts passieren, ich bin ja schon längere Zeit „Dachauer“ -da käme höchstens eine kleine Luftveränderung in konzentrierter Form in Frage.
Aber die Sache ist nicht so gefährlich. Ich weiß auch, daß die wirklich großen Männer schon Spaß verstehen und selber darüber lachen. Die wissen auch ganz genau, daß, wenn ich herin im Platzl einen Witz mache, deshalb ihre Position noch nicht erschüttert ist. Unangenehm sind nur die anderen, - die sich einbilden großkopfert zu sein - und sind's gar nicht.51
1941, da die deutsche Politik irreversibel auf die Vernichtung der Juden hinausläuft, Göring die „Evakuierung“ der Opfer anordnet, erste Vergasungen in Auschwitz anlaufen, der Kabarettist und Schlagertexter Fritz Grünbaum („Ich hab das Fräulein Helen baden sehn“) im Konzentrationslager Dachau zu Tode kommt, beschneidet der Propagandaminister nochmals entscheidend das Kabarettgeschehen. 1941 ist auch das Jahr, in welchem Goebbels die weitere Verbreitung von Lili Marleen zu verhindern sucht und sich dann letztlich geschlagen gibt. Sein Hinweis, die Verse seien zu „makaber“, die Musik zu „sentimental“, verfängt nicht, er muß klein beigeben. Es ist das Jahr, in dem die Propaganda nochmals gestrafft wird. Karl Valentin, von den Nationalsozialisten schon 1936 mit Film-Zensur belegt, verabschiedet sich erst einmal von der Wort- und Darstellungskunst und verdingt sich bis Ende des Krieges als Schreiner, Scherenschleifer und fabriziert Nudelwalker für den Haushalt. Im Radio dominieren Marschmusik und das reine Propaganda-Hörspiel. Unterhaltung abseits des cui bono duldet der Minister nicht. Im Film setzt sich mehr und mehr das krude Propagandakonstrukt durch. Veit Harlans Machwerk von 1940 „Jud Süß“ ist hierfür ebenso ein Beleg, wie das „dokumentarische“ Lügenprodukt „Der ewige Jude“ (1940) von Fritz Hippler oder Liebeneiners „Ich klage an“ (1941), ein Film der unverhohlen das Mordprogramm an Behinderten und Kranken rechtfertigt. In diesem Abschnitt der ideologischen Bündelung und verschärfter Indoktrination unterbindet Goebbels schließlich die freie Conférence im Kabarett.52 Das Spiel mit Personen und ihre Erwähnung ist dadurch eingeschränkt. Bezeichnend, daß die Anordnung in der Presse nicht diskutiert werden darf.
Es ist davon auszugehen, daß der Befehl kaum flächendeckend zu überprüfen ist, geschweige denn eingehalten wird. Ob im Frontkabarett Der Knobelbecher, das von 1942 bis 1944 die Truppe bei Laune hält53, oder auf der Wehrmachtsbühne Die Platzpatrone in Neapel 1943, die Ausklammerung der Conférence ist in der Tat nicht praktikabel und dient vor allem der vorbeugenden Disziplinierung der verbliebenen Amüsierbetriebe zwischen Dänemark, Rußland, Frankreich und Italien. Die Durchhaltekabaretts unterstehen seit Beginn des Krieges dem Oberkommando der Wehrmacht (OKW) und dem Propagandaministerium. Ursula Herking, Wolfgang Neuss, der in der Heimat verstoßene Werner Finck und auch der spätere Insulaner-Chef Günter Neumann sorgen für stramme Landserunterhaltung. Illusionen über das künstlerische Niveau dieser Truppenbetreuung braucht man sich nicht zu machen, die Frontklamotte als Normalmaß setzt sich durch.
Anordnung
betreffend Verbot des Conférence- und Ansagewesens.
Trotz meiner wiederholten Erlasse vom 8. Dezember 1937, 6. Mai 1939 und 11. Dezember 1940, in denen ich eindringlich die Forderung erhob, das Kabarett- und Vortragswesen den Erfordernissen des öffentlichen Geschmacks, besonders aber denen des Krieges anzugleichen, treiben sogenannte Conférenciers, Ansager und Kabarettisten, wie aus der Menge von Beschwerden aus dem Lande, vor allem aber von der Front berichtet wird, weiterhin ihr Unwesen. Sie gefallen sich in einer leichten und billigen Anpöbelung von Zuständen im öffentlichen Leben, die durch die Not des Krieges bedingt sind. In sogenannten politischen Witzen üben sie offene oder versteckte Kritik an der Politik, Wirtschafts- und Kulturführung des Reiches. Sie verhöhnen die bodenständigen Eigenheiten der einzelnen Stämme unseres Volkes und tragen damit dazu bei, die innere Einheit der Nation, die für die siegreiche Beendigung des Krieges die wichtigste Voraussetzung ist, zu gefährden. In Anbetracht dessen, da meine wiederholten, mit allem Ernst eingeschärften Mahnungen offenbar nichts gefruchtet haben und die alten, aus einer demokratisch-liberalistischen Staatsauffassung resultierenden Mängel und Fehler der Gestaltung der öffentlichen Unterhaltung immer aufs Neue wieder auftauchen, sehe ich mich nunmehr auf Befehl des Führers zu einschneidenden Maßnahmen gezwungen.
Auf Grund des §25 der Ersten Verordnung zur Durchführung des Reichskulturkammergesetzes vom 1. November 1933 (Reichsgesetzblatt I S. 797) ordne ich hiermit an:
1. Jegliche sogenannte Conférence oder Ansage wird ab sofort für die ganze Öffentlichkeit grundsätzlich verboten. Es ist dabei ganz gleichgültig, ob sie sich mit Dingen der Politik, der Wirtschaft, der Kultur oder sonstigen Angelegenheiten des öffentlichen oder privaten Lebens befassen will.
2. Glossierungen von Persönlichkeiten, Zuständen oder Vorgängen des öffentlichen Lebens, auch angeblich positiv gemeinte, sind in Theatern, Kabaretts, Varietés und sonstigen öffentlichen Unterhaltungsstätten verboten.
3. Die Presse ist schärfstens angewiesen, die Behandlung aller lebensunwichtigen Fragen, die das Volk heute unnötig belasten oder verstimmen könnten, peinlichst zu vermeiden. Dazu gehören vor allem Angelegenheiten, die Eigenheiten, Sitten, Gebräuche oder Dialekte einzelner Volksstämme betreffen.
4. Es ist verboten, einen Volksstamm gegen einen anderen, eine Stadt gegen eine andere oder einen Teil des Reiches oder Volkes gegen den anderen, wenn auch in angeblich gutgemeinter Art, auszuspielen. Alle Kräfte des öffentlichen Lebens müssen auf die Einheit des Volkes ausgerichtet werden. Probleme, an denen sich die Gemüter unnötig erhitzen und die für die siegreiche Durchführung des Krieges von untergeordneter Bedeutung sind, werden aus der öffentlichen Diskussion ausgeschaltet.
Dieser Erlaß stellt eine letzte, ernste und eindringliche Mahnung dar. Übertretungen werden auf Befehl des Führers mit schärfsten Strafen geahndet.
Berlin, den 30. Januar 1941 gez.
Dr. Goebbels
Anlage:
Abschrift überreiche ich zur Kenntnisnahme. Eine Veröffentlichung durch die Presse darf nicht erfolgen. Gez.
Dr. Goebbels54
Im Oktober 1941 kommt es zu „Verhandlungen“ zwischen der Jüdischen Kultusgemeinde in Prag und der SS mit dem Ziel, 60 Kilometer von Prag in Terezin (Theresienstadt) an der Eger ein Ghetto einzurichten. Die Interessenlage ist dabei freilich sehr unterschiedlich: Die jüdischen Verhandlungsführer hoffen, durch dieses Vorgehen Zeit zu gewinnen und die drohenden Massendeportationen nach Polen eindämmen zu können. Die Konzentrierung der jüdischen Häftlinge in Zwischenlagern entspricht der von langer Hand geplanten „Endlösung“, der systematischen Ermordung der jüdischen Minderheit. Theresienstadt ist als sogenanntes Altersghetto konzipiert. Tausende alter, invalider und kranker Menschen sollen in der historischen Garnison kaserniert werden. In das KZ Theresienstadt, leichtfertig als Vorzugslager gehandelt und im SS-Jargon als „Reichsaltersheim“ gepriesen, müssen sich die Juden gegen haltlose Versprechungen selbst „einkaufen“. Das heißt im Klartext: Das Vermögen der Häftlinge wird beschlagnahmt, bewegliches und festes Eigentum konfisziert.
In den „besseren“ Zeiten besteht die Lebensmittelration aus 225 Gramm Brot, 60 Gramm Kartoffeln und der üblichen Wassersuppe.
„Die Zuteilung war nicht größer als etwa 1000, höchstens 1200 Kalorien pro Kopf und Tag. Für Arbeitsunfähige ist die Zahl der Kalorien unter 800 gesunken. Tierisches Eiweiß gab es fast gar nicht und die Verdauungsorgane, besonders von alten Leuten, konnten die Kost nicht verdauen. Deutsche Ärzte ließen sich hier Avitaminosen, Pellagra, Nachtblindheit und Austrocknen der Bindehäute vorführen.“55
Am 18. September 1942 leben und hungern in dem Lager rund 59.000 Menschen, darunter 30.000 Alte und Kranke, 4.000 Krüppel und über 1.000 blinde Gefangene. Nur 60 Prozent der Inhaftierten haben einen eigenen Schlafplatz. 20.848 Menschen sterben durch die Entbehrungen und den Terror im Ghetto, über 16.000 Menschen müssen noch einmal die Reise im Viehwaggon antreten und fahren von Theresienstadt in die Todesfabriken von Auschwitz, Riga, Treblinka oder Izbica und werden dort ermordet.
Ungeachtet dieser Todes- und Schreckensbilanz verstehen es die Nationalsozialisten, das Zwischenlager mit infamsten Methoden propagandistisch auszuschlachten. Durch eine Lagerinfrastruktur, die zumindest nach außen den Anschein einer bürgerlichen Ordnung bietet, gaukeln die Bewacher sich und der Welt eine umzäunte Normalität vor. Zwar ohne ernstliches Warenangebot in den Regalen und Auslagen, gibt es eine Fleischerei ohne Fleisch, eine Apotheke ohne Medikamente und eine Parfümerie ohne Seife und Flacons, ein Haushaltsgeschäft, dekoriert mit Vasen aus beschlagnahmten Hinterlassenschaften. Im Sinne einer Potemkinschen Suggestion wird Wirklichkeit inszeniert und über die krude Faktizität gestülpt. Leni Riefenstahl beweist mit ihrem Dokumentarfilm „Triumph des Willens“ (1935) zuvor, daß das „Dritte Reich“ latent als inszenatorisches Show-Ereignis zu begreifen ist, als Exhibition der Mythen und Legenden, als theatralisches Spektakel. In Theresienstadt, im Wartesaal für Auschwitz, belegt die Umstülpung der Realität, daß die Henker die gefesselte Gemeinschaft von Theresienstadt choreographisch ausgetüftelt manipulieren.
In diesen Kontext gehört das Programm der „Stadtverschönerung“ von 1943, eine Propagandamaßnahme, die für die angekündigten Besuche des Internationalen Roten Kreuzes gedacht ist. „Viele Kommissionen besahen die Fortschritte und befahlen weitere Verbesserungen oder Änderungen. Bisher hatte sich niemand darum gekümmert, wie die Menschen untergebracht waren und wie für ihre primitivsten Bedürfnisse gesorgt war. Nun wurde man von einer durch und durch verlogenen Fürsorge sozusagen überfallen.“56 Man pflanzt Rosenstöcke, baut einen Kinderspielplatz, repariert die Straßen, Häuser erhalten einen frischen Anstrich ...
Die Restaurierung und „Verschönerung“ im Ort der Qualen dient aber nicht nur dem Selbstschutz vor kritischen Rückfragen. Nochmals zeigt der Vorgang den Bezug zu einer Theater- und Filmwelt. Die Nationalsozialisten möchten auch in der Tat für interne oder externe Propagandafeldzüge einen Film über das „Paradies“ in Theresienstadt herstellen. Gipfel der Schamlosigkeit: Regie, Produktionsleitung und Darsteller sind von den Inhaftierten zu stellen. Der Titel des „Dokumentarfilms“ lautet „Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“, ein Fragment (427 Meter) dieses beispiellosen Machwerks ist erhalten. Der Berliner Kabarettist Kurt Gerron - er spielt 1928 bei der Uraufführung der Dreigroschenoper den Tiger Brown, im Film Der blaue Engel übernimmt er die Rolle des Varieté-Direktors - hat zusammen mit dem niederländischen Zeichner Joe Spier und dem Prager Bühnenarchitekten Frantisek Zelenka die Produktion zu leiten. Das propagandistische Loblied auf das Ghetto - jedes Bild ist Pose, jedes Kommentarwort Lüge - entsteht zwischen dem 16. August und dem 11. September 1944. Nach Fertigstellung dieses Machwerks des „organisierten Wahnsinns“57 - man spielt Fußball, plaudert nach Feierabend, bildet sich bei Konzert und Vorträgen - vergasen die Nationalsozialisten so gut wie alle Beteiligten an diesem Film. Zwischen Fertigstellung der „Auftragsarbeit“ und Deportation liegen nach Augenzeugenberichten nur 24 Stunden. Die Künstler, Statisten und das übrige Personal beteiligen sich an dem inszenierten Schwindel, weil die trügerische Hoffnung besteht, man werde zumindest während der Dreharbeiten vor der Deportation nach Polen verschont.
Im Vorzeige-Ghetto sorgen die Mörder überaus eilfertig für Kunst, Musik und Unterhaltung, ein Angebot, das immer den Doppelaspekt von ideologischer Fassade für die Bewacher und mentalem Überlebenstraining für die Häftlinge erfüllt. Auf der Schaubühne der Tyrannen spielen Opfer in Theresienstadt Sinfoniekonzerte. Es gibt Matineen mit kammermusikalischen Darbietungen; die Ghetto Swingers intonieren die ansonsten im Reich verpönten Unterhaltungsklänge aus Amerika. Angesichts der Transporte nach Auschwitz ist das Zugeständnis ein doppelbödiges und janusgesichtiges.
Der Geiger, der gestern noch Mozart spielte, wird genauso abgeholt wie die Künstler der Lustigen Ghetto-Revue, die 1942 das einjährige „Jubiläum“ begehen. Im KZ spielt die Musik, gibt es Lieder-, Opern und Klavierabende. „Jüdische Komponisten“ wie Offenbach, Mendelssohn oder Abraham kommen hier, höchstoffiziell genehmigt, vor der SS und den Gepeinigten zu Gehör. In Theresienstadt, im exterritorialen Bereich der Kunst, da werden gespenstische „Freikarten“ verteilt: Billetts für eine weite, fast frei anmutende Kunstausübung, verbunden mit dem tödlichen Vermerk auf der Transportliste nach Treblinka, Auschwitz oder Riga. Die Bewacher gönnen ihren Opfern gar ein „Kaffeehaus“ für musikalische Darbietungen. Aber auch dieser Ort hat ein doppeltes und zynisches Gesicht: Livrierte Gefangene spielen Kellner und führen die Besucher zu den Plätzen. Es gibt Eintrittskarten, doch keine Bewirtung. Die Musik spielt auf, doch im „Kaffeehaus“ gibt es keinen Kaffee, keinen Kuchen. Alles das gehört mit zu dieser scheinbar bewirtschafteten Hölle. Fiktionen besetzen die Wirklichkeit, musische Aktivitäten, auch Aktionismus, verschleiern die Abfahrt des Güterzugs.
Zeittafel
1933
30.1. Hitler wird Reichskanzler.
27.2. Reichstagsbrand, Zerschlagung der KPD.
28.2. Aufhebung der Grundrechte.
März Konzentrationslager Osthofen errichtet.
20.3. Konzentrationslager Dachau.
23.3. Konzentrationslager Heuberg.
23.3. Ermächtigungsgesetz.
1.4. Boykottaktion der SA gegen Juden.
2.5. Zerschlagung der Gewerkschaften.
10.5. Bücherverbrennung.
1.11. Konzentrationslager Oberer Kuhberg.
31.12. Konzentrationslager Heuberg aufgelöst.
1935
15.9. Die sogenannten Nürnberger Gesetze werden verabschiedet: „Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“. Sie sind die Grundlage für die Ausschaltung der Juden aus allen öffentlichen Arbeitsverhältnissen.
1937
1.7. Martin Niemöller verhaftet.
16.7. Konzentrationslager Buchenwald errichtet.
1938
17.8. Alle Juden müssen zusätzlich den Namen „Israel“ bzw. „Sarah“ tragen. Konzentrationslager Mauthausen errichtet.
9.-10.11. „Reichskristallnacht“. Zerstörung von Synagogen, Geschäften und Wohnhäusern. Über 26000 Juden werden verhaftet. Jüdische Kinder werden fünf Tage später vom Besuch allgemeinbildender Schulen ausgeschlossen.
1939
30.1. Hitler verkündet vor dem Reichstag die Vernichtung der „jüdischen Rasse“.
1.9. Überfall auf Polen.
23.11. Das Tragendes Judenstern wird zur Pflicht im Generalgouvernement.
1940
30.4. Erstes Judenghetto in Lodz.
20.5. Konzentrationslager Auschwitz errichtet.
16.10. Errichtung des Warschauer Ghetto.
22.10. Judendeportationen aus Baden, Saarland, Pfalz, Elsaß-Lothringen nach Südfrankreich (Gurs).
1941
25.-26.2. Streiks in Holland gegen die Judenverfolgung, Konzentrationslager Natzweiler errichtet.
Juni Massenmorde der SS in der Sowjetunion.
13.9. Erste Vergasungen in Auschwitz.
13.9. Judenstern muß auch im Reich getragen werden.
10.10. Heydrich bestimmt Theresienstadt als Ghetto.
1.12. Deportation württembergischer Juden nach Riga.
1942
20.1. Wannsee-Konferenz über die „Endlösung der Judenfrage“.
18.5. Vernichtungslager Sobibor errichtet.
2.6. 1. Transport deutscher Juden nach Theresienstadt.
21.6. 1. Transport österreichischer Juden nach Theresienstadt.
23.7. Vernichtungslager Treblinka errichtet.
18.9. Gefangenenhöchstzahl in Theresienstadt: 58.491.
26.10. Beginn der systematischen Transporte von Theresienstadt nach Auschwitz - insgesamt 25 mit 46.000 Menschen.
1943
19.4.-16.5. Aufstand und Vernichtung des Warschauer Ghettos.
30.4. Bergen Belsen errichtet.
24.5. Deutsche Pressevertreter besichtigen Theresienstadt.
27.6. Deutsches Rotes Kreuz besucht Theresienstadt.
2.8. Aufstand in Treblinka.
1944
Februar „Stadtverschönerung“ wird für Theresienstadt angeordnet.
23.6. Dänisch-schweizerische Kommission besucht Theresienstadt.
20.7. Maidanek von sowjetischen Truppen befreit.
20.7. Attentat auf Hitler gescheitert.
1945
26.1. Konzentrationslager Auschwitz befreit.
11.4. Buchenwald befreit.
6.4. Eine Kommission des Internationalen Roten Kreuzes besucht Theresienstadt.
19.4. Dachau befreit.
2.5. IRK übernimmt den Schutz des Lagers Theresienstadt.
8.5. Theresienstadt wird durch die Rote Armee befreit. Bedingungslose Kapitulation.
Nach den Untersuchungen von Ulrike Migdal gibt es für die Bühnen am Abgrund keinerlei Zensur: „Aus dem Bewußtsein heraus, daß dies alles Todeskandidaten seien, gab man den Gefangenen in der winzigen Frist, die ihnen noch zugestanden wurde, Narrenfreiheit. Ob sie knapp vor ihrem Tode Heine rezitierten oder Goethe, ob sie Mahler spielten oder Beethoven, war dem SS-Personal völlig gleichgültig“.58 Was empfinden die Zuhörer, die Mozarts „Entführung aus dem Serail“ hören, Lessings „Nathan“ sehen? Man gibt Verdis „Requiem“, auch Eichmann gönnt sich die Abschweifung ins Kulturelle in Theresienstadt und ist mitten unter seinen Opfern.
1942 kreiert das tschechoslowakische Svenk -Kabarett in der Sudeten-Kaserne ein Lied, das später die Bezeichnung „Theresienstädter Marsch“ erhält.
Alles geht, wer's versteht,
Faßt an Händen euch und seht,
Böser Zeit zum Trutz Humor im Herzen haben,
Jeder Tag, Schlag auf Schlag,
Stets die Übersiedlungsplag'
Und nicht mehr als 30 Worte für den Brief.
Holla, morgen fängt das Leben an,
Mit ihm beginnt die Zeit
Da werd'n wir uns're Ranzen packen
Und nachhause gehn befreit.
Alles geht, wer's versteht.
Faßt an Händen euch und seht,
Und auf Ghettotrümmern lachen wir uns schief.59
Deportation und letzte Fahrt schrumpfen zur „Übersiedlungsplag“. Die Angst befreit sich im Lachen auf Trümmern, die die Kabarettisten beschwören. Das Hofer-Kabarett tritt allein 17 mal mit seinem Programm „Für Jugendliche verboten“ auf, die Ghetto-Swingers begleiten das Unternehmen. Die Komiker Ernst Morgan und Bobby John sind dabei, Berti Deutsch, Annie Frey und Lucie Hofer. Es gibt die Ensembles Lach mit uns, das Popper Kabarett, ein Frauenkabarett und nicht zuletzt Das Karussel unter Leitung von Kurt Gerron. Auf dieser Bühne sind die Songs aus der „Dreigroschenoper“ zu hören. Maceath trägt sein Messer im Namen der Gefangenen und rächt die Gepeinigten für Augenblicke. Der kunstvolle Protest wird nicht verboten. Die Schlächter goutieren die Kunst-Nachrichten der Opfer als prickelnde Sensation, als eine genehmigte Verschwörung, die nach Belieben beendet wird, in Polen oder durch die lapidare Erschießung in der Garnison.
Dank dem lieben Cabaret
Zur tausendsten Blockveranstaltung gewidmet dem
Strauß-Ensemble
Hungrig sitz ich auf der Leiter –
Da erklingts auf einmal heiter,
Wiener Walzer, Prager Weisen
Und mein Herz geht gleich auf Reisen.
In den Hof hinunter rasch,
Daß ich noch ein Lied erhasch
Fort ist meines Hungers Weh,
Dank dem lieben Cabaret.
Müde komm ich und verdrossen
Abends von dem Dienst zurück -
Da, durchs Tor, nur halb geschlossen,
Klingt entzückende Musik,
Melodie auf Melodie,
Dargereicht mit viel Esprit
Fort ist bald des Tages Weh,
Dank dem lieben Cabaret.
Das sind unsre besten Truppen,
Unsre braven Künstlergruppen.
Durch der harten Zeiten Qual
Tönt ihr Lied „Es war einmal“
Und die Herzen fallen ein
„Es wird wieder einmal sein“,
Fort ist unsrer Sehnsucht Weh,
Dank dem lieben Cabaret.
Frieda Rosenthal60
Wir jagen die Zeit
Wir jagen die Zeit,
Drehen das Rad der Geschichte,
Sie zieht durch Nebel
Ein verwundetes Schiff.
Hundert irreführende Lichter
Erschweren uns den Weg.
Hunderte Schwache
Verlangsamen den Lauf,
Das Schiff der Welt fährt
Voll von Sterbenden.
Das Ruder wollen wir,
Wir kämpfen darum.
Die morsche Welt Sträubt sich,
Die Barrieren zu überwinden,
Das Schiff schwankt,
Die Maschine setzt aus,
Die Angst vor Meuterei
Baut einen Galgen am Bug,
Allen den Mund stopfen
Will der blutige Henker.
Nur kurze Zeit habt ihr uns nicht gehört,
Deshalb ist die Stimme nicht erschlafft.
Das Schiff der Welt rettet
Niemand vor dem Untergang
Als wir und Die von uns erkämpfte Ordnung.
Auf seinem Mast Hissen wir unsere Flagge.
Sie können uns aufhalten,
Doch nicht bezwingen.
Der Kampf hört nicht auf,
Das Deck kracht unter dem Balken,
Unter dem Rad der Geschichte
Hat nur der Schotter geknirscht.
Wir gehen von neuem,
Fester und stärker,
Unser Werk noch besser zu verrichten.
Karel Svenk, 1942 aufgeführt im KZ Theresienstadt61
Spuk in der Kaserne
In einer Stadt, von allem abgeschlossen,
In einem Land, das vielen heut noch fremd,
In einer Welt, in der viel Tränen flossen,
In einer Zeit, die alles in uns hemmt,
Erscheinen wir in festlich hellem Rahmen,
Vor Ihnen, meine werten Herrn und Damen.
Den jungen Menschenkindern, die sich fanden
Sie zu erfreuen, sei deshalb gedankt,
Sie haben selbst schon viel zu gut verstanden,
Was diese Zeit und was ihr Geist verlangt.
Doch mit dem Rechte ihrer jungen Jahre
Erblicken sie im Frohsinn nur das Wahre.
Wer wollte ihnen auch das Recht bestreiten,
Zu singen und im Tanze sich zu drehn,
Der vielbeliebte Hinweis auf die Zeiten
War stets bei denen nur, die abseits stehn:
Es läßt sich leicht von fern mit billgen Mitteln
Verständnislos an einer Leistung kritteln.
Sie haben sich nach ihren Arbeitsstunden
Die Lieder und die Tänze einstudiert,
Und echte Freude haben sie empfunden,
Als man mit ihnen dieses Spiel probiert.
Was so entstand - wer wollt es kritisch trennen -,
Ist das Produkt von Wollen und von Können.
Sie wollen Ihnen heute gar nichts zeigen,
Sie spielen für sich selbst das kleine Spiel,
Sie tanzen unbeschwert den muntern Reigen,
Das Publikum bekümmert sie nicht viel,
Wobei Sie keineswegs vergessen wollen,
Den Beifall, den so gern man hört, zu zollen.
Nun wird es Nacht, es leuchten schon die Sterne,
Es schläft die Stadt, fast jede Arbeit ruht,
Und nur ein Scherz, ein Spuk in der Kaserne,
Dringt in die Stille, voller Übermut.
Es geht ein Posten pflichtgemäß die Runde,
Das Spiel beginnt, es schlägt die Geisterstunde.
Manfred Greiffenhagen
1944 im KZ Theresienstadt vorgetragen62
Transport
Nach hartem Kampfe mit den Elementen
War Menschengeist der stolze Sieg geglückt,
Mit der Verbindung zwischen Kontinenten
Hat man nicht nur Entfernung überbrückt.
Man maß im scharfem Wettbewerb die Kräfte,
Man exportiert und reist von Land zu Land,
Und dabei blühten nicht nur die Geschäfte,
Man kam sich nah und reichte sich die Hand.
Transport, Transport
Von Ort zu Ort,
Eilen die Wagen, sausen und jagen,
Ohne zu rosten, von West bis Osten,
Von Süd bis Nord
Transport.
Es brennt die Welt, es lodern die Flammen,
Darin die Erde schaurig sich erhellt,
Und krachend stürzt in Rauch und Glut zusammen,
Was sich der Mensch erbaut als seine Welt.
Was segensreich dem Frieden konnte dienen,
Gibt seine Kraft nun der Zerstörung her,
Im Tempokampf der Menschen und Maschinen
Erzeugt der Krieg gesteigerten Verkehr.
Transport, Transport
In einem fort
Rollen die Wagen, donnern und tragen
Millionenheere von Meer zu Meere,
Leistungsrekord!
Transport.
Wie häufig führte man das Wort im Munde.
Wie ahnungslos sprach man es vor sich hin,
Bis für alle kam die schwere Stunde,
Da wir erfaßten seinen wahren Sinn.
Man rollt die Decken, ein paar Abschiedsküsse,
Ein rascher Händedruck, ein letzter Blick,
Es dampft ein Zug hinaus ins Ungewisse,
Und leere Schienen bleiben uns zurück.
Transport, Transport, Kennst du das Wort,
Kennst du die Wagen, hörst du die Klagen?
Eh du begriffen, ist abgepfiffen,
Und sie sind fort.
Transport.
Doch eines bleibt, es bleibt uns bis zum Tode,
Das ist der Glaube, ihm gehört der Sieg,
Einmal wird alles für uns Episode,
Und einmal, einmal endet auch der Krieg.
Wir fragen nicht nach Sieg und Niederlage,
Wir fragen nur, wann kommt Ihr uns zurück?
Wir Juden wolln den Frieden unsrer Tage
Und irgendwo ein ganz bescheidenes Glück.
Transport, Transport
tönt's dann sofort!
Wir sehen sie wieder, Schwestern und Brüder,
Lachend und weinend sich wieder vereinend
Am Schlußakkord
Transport!!
Manfred Greiffenhagen
1944 im KZ Theresienstadt vorgetragen63
Manfred Greiffenhagen, der im Oktober 1944 nach Ausschwitz deportiert wird und schließlich im KZ Dachau ums Leben kommt, beschreibt die Intention der letzten Lieder vor dem Transport in den Tod. In Transport verweist der Autor auf eine Kunst, die nicht mehr auf das Publikum setzt. Die Gesänge im Schatten der SS und der Hinrichtungsmaschinerie sind in besonderem Maße Therapie im Dienste einer letzten Überlebensstrategie. Die Klage gegen die letzte Fahrt im Zug dient nicht mehr der Befriedigung eines satirisch disponierten Unterhaltungsbedürfnisses. Die kasernierten Opfer von Theresienstadt, Buchenwald oder Westerbork betreiben in der extremen Situation ein „psychodramatisches“ Schutztraining, das dem organisierten Wahnsinn der Bewacher mit Ernst und Würde begegnet. Wenn die unterernährten Gefangenen ein Potpourri aus dem Weißen Rössel intonieren, Villon-Balladen rezitieren oder Mozart spielen, dann sind die Artisten zugleich der Adressat. Die uniformierten Schlächter amüsieren sich an dem Spiel der Narren. Sie goutieren als wissende Bewacher die Endspiele vor Abfahrt der Viehwaggons nach Auschwitz. Ob Carmen, La Boheme, Die Fledermaus, ein Sketch oder Molieres George Dandin auf dem Programm steht, über die Gefangenen sagt dies nur wenig aus. Auch das scheinbar unverbindliche Unterhaltungslied aus Varieté und Operette rangiert in Theresienstadt in einem völlig neuen Kontext und evoziert dadurch Qualitätssprünge. Aus der belanglosen Unterhaltungskunst im bürgerlichen Rahmen entwickeln die Insassen die Kunst des Überlebens schlechthin.
Hinter der blutrünstigen Haupt- und Staatsaktion von Rudolf Kalmar unter dem Titel „Die Blutnacht auf dem Schreckenstein oder Ritter Adolars Brautfahrt und ihr grausiges Ende oder Die wahre Liebe ist das nicht“64 verbirgt sich die historisch drapierte Abrechnung mit Adolf Hitler. Das „komisch-schaurige Ritterstück in drei Aufzügen mit Musik“ wird 1943 an sechs Wochenenden vor rund eintausend Häftlingen und „Ehrengästen“ der SS in Dachau gespielt. Den Peinigern fällt die intendierte Parodie auf den amtierenden Reichstyrannen freilich nicht auf. Die Ungeheuerlichkeit dürfen sich die Angesprochenen nicht eingestehen. Sie lachen „manchmal verlegen mit, wenn die Gefangenen lachten“, notiert der Autor in seinen Erinnerungen.65 Erwin Geschonneck - er überlebt das Konzentrationslager - spielt 1943 in Dachau den mythischen Blutritter Adolar. Rudolf Kalmar bemerkt zu dem Auftritt Geschonnecks vor der Wachmannschaft:
„Er hielt sich in der pompösen Aufmachung seiner Raubritterrolle Wort für Wort an den genehmigten Text und vermied - wie alle übrigen Mitglieder - jedes anzügliche Extempore. Aber er betonte in seinen Tiraden die Zeitwörter gegen den inneren Sinn der jeweiligen Phrase und ritardierte komplizierte Perioden, um sie plötzlich gegen den Schluß mit dem aufgeregten Fortissimo eines wütenden Hundes herauszubellen. Anstatt Soldaten sagte er beharrlich Soldatten und unterstrich bei passendem Anlaß auch noch durch hämmernde Gesten mit geballter Faust, was ihm aus der Sprachparodie allein nicht deutlich genug zu sein schien. Der Adolar des Erwin Geschonneck war die Hitler-Persiflage einer Pfeffermühle im Konzentrationslager und wurde von den Gefangenen auch als solche erkannt.“66
Die Zauberflöte, Aida oder das berühmte Lied der Moorsoldaten - im August 1933 ist die Uraufführung im Konzentrationslager Börgermoor im Rahmen der Kabarettveranstaltung „Zirkus Konzentrazani“, 1000 Häftlinge hören zu - markieren an diesen Stätten keinen Gegensatz zwischen erhabener Kunst und Liedgut der Unterdrückten. Im dialektischen Brückenschlag ist das Wertekorsett zwischen ernster und unterhaltlich „leichter“ Kunst im Lager aufgehoben. Die Kategorien oben und unten, bildend und erhebend, haben unter den Bedingungen der Todeslager ihre normierende Wirkung eingebüßt. Es zählt vor Abfahrt des Zuges nach Auschwitz allein die Hoffnung auf Veränderbarkeit. Die Lieder der Verzweifelten sind Klänge, die auf den neuen Morgen setzen. Resignation gibt es, aber sie hat nicht das letzte Wort. Witz und selbstkritischer Humor transzendieren das Elend, schaffen mit an einer konkreten Friedensutopie.
Eines der frühesten Lieder gegen den Nazi-Terror ist aus dem Lager Heuberg in Württemberg überliefert. Das Lied entsteht 1933. Auf dem Heuberg sind vor allem Sozialdemokraten und Kommunisten festgehalten. Neben den Moorsoldaten erlangt das Dachau-Lied von Jura Soyfer große Popularität. Das Lied ist im August 1938 erstmals zu hören, geschrieben an einem schweren Arbeitstag, als der Literat und Kabarettist zusammen mit dem Komponisten Herbert Zipper in der Kiesgrube Dienst leistet. Im März 1940 steht das Lied im Londoner Exil-Kabarett Laterndl auf dem Programm. Jura Soyfer stirbt im Februar 1939 im KZ Buchenwald - „Typhus“ lautete die offizielle Diagnose.
Dachau-Lied
Stacheldraht, mit Tod geladen,
Ist um unsre Welt gespannt.
Drauf ein Himmel ohne Gnaden
Sendet Frost und Sonnenbrand.
Fern von uns sind alle Freuden,
Fern die Heimat und die Fraun,
Wenn wir stumm zur Arbeit schreiten,
Tausende im Morgengraun.
Doch wir haben die Losung von Dachau gelernt,
Und wir wurden stahlhart dabei.
Bleib ein Mensch, Kamerad,
Sei ein Mann, Kamerad,
Mach ganze Arbeit, pack an, Kamerad:
Denn Arbeit, denn Arbeit macht frei,
Denn Arbeit, denn Arbeit macht frei!
Vor der Mündung der Gewehre
Leben wir bei Tag und Nacht.
Leben wird uns hier zur Lehre,
Schwerer, als wir's je gedacht.
Keiner mehr zählt Tag' und Wochen,
Mancher schon die Jahre nicht.
Und so viele sind zerbrochen
Und verloren ihr Gesicht.
Doch wir haben die Losung von Dachau gelernt,
Und wir wurden stahlhart dabei.
Bleib ein Mensch, Kamerad,
Sei ein Mann, Kamerad,
Mach ganze Arbeit, pack an, Kamerad:
Denn Arbeit, denn Arbeit macht frei,
Denn Arbeit, denn Arbeit macht frei!
Heb den Stein und zieh den Wagen,
Keine Last sei dir zu schwer.
Der du warst in fernen Tagen,
Bist du heut schon längst nicht mehr.
Stich den Spaten in die Erde,
Grab dein Mitleid tief hinein,
Und im eignen Schweiße werde
Selber du zu Stahl und Stein.
Doch wir haben die Losung von Dachau gelernt,
Und wir wurden stahlhart dabei.
Bleib ein Mensch, Kamerad,
Sei ein Mann, Kamerad,
Mach ganze Arbeit, pack an, Kamerad:
Denn Arbeit, denn Arbeit macht frei,
Denn Arbeit, denn Arbeit macht frei!
Einst wird die Sirene künden:
Auf zum letzten Zählappel!
Draußen dann, wo wir uns finden,
Bist du, Kamerad, zur Stell.
Hell wird uns die Freiheit lachen,
Schaffen heißt's mit großem Mut.
Und die Arbeit, die wir machen,
Diese Arbeit, sie wird gut.
Denn wir haben die Losung von Dachau gelernt,
Und wir wurden stahlhart dabei.
Bleib ein Mensch, Kamerad,
Sei ein Mann, Kamerad,
Mach ganze Arbeit, pack an, Kamerad:
Denn Arbeit, denn Arbeit macht frei,
Denn Arbeit, denn Arbeit macht frei!
Text Jura Soyfer, Melodie Herbert Zipper
Konzentrationslager Dachau 193867
Bertolt Brecht erinnert in seinem Gedicht „An die Nachgeborenen“ 1938 in der Svedenborger Emigration, daß der Kampf gegen die Ungerechtigkeit in der Welt die Züge der Menschen verzerre. „Auch der Haß gegen die Niedrigkeit / Verzerrt die Züge. / Auch der Zorn über das Unrecht / Macht die Stimme heiser“, heißt es dort. Jura Soyfer greift - etwa zur selben Zeit wie Brecht - das Motiv auf: Die Diktatur des Konzentrationslagers gefährdet im Kampf um das Überleben auch die Integrität und Würde der Inhaftierten. Ein von der SS installiertes Subsystem der internen Bespitzelung und Überwachung der Gefangenen untereinander - verbunden mit kurzfristigen Privilegien und vermeintlichen Vorteilen für die Blockältesten, Kolonnenführer usw. - sät Mißtrauen und Haß unter den Inhaftierten. Es gibt zahlreiche Berichte, die dieses perfide System des sozialdarwinistischen Überlebenskampfes im Konzentrationslager beschreiben. Im Vernichtungskampf der Bewacher gegen jüdische Mitbürger und andere Opfer gehört die interne Bedrohung der Gefangenen zum Kalkül der bestallten Mörder. Sich auf dieses zerstörerische Spiel nicht einzulassen, das ist die entscheidende und Mut machende Botschaft im Dachau-Lied. Wer das mörderische Spiel durchschaut, dem kann die beispiellose Provokation am Lager-Tor - „Arbeit macht frei“ - nicht mehr viel anhaben. Der bösen Einladung der Nazis zu Verstümmelung und Tod durch Arbeit wird im sarkastischen Zitat die Spitze gebrochen. Der Hohn der Schlächter wird produktiv umgemünzt, der Satz seiner Intention entkleidet und mit neuem Mut zum Leben, zum Überleben gewendet. Für ein aufatmendes Lachen lassen die Verse keinen Spielraum. Es sind kleine literarische Bojen, begründete Versprechungen für eine freilich noch uneingelöste angstfreie Zukunft ohne Gaskammern. Dort, wo satirische Brechungen durchschimmern - eher verhalten denn lautstark polternd -, gilt auch das Wort von Alfred Polgar. Er schreibt 1938: „Der rechte Satiriker zieht, was er ins Lächerliche zieht, mit dem gleichen Griff auch ins Ernstere.“68 Jura Soyfer zeigt zusammen mit Herbert Zipper solch ein Zusammenspiel von Spott und Nachdenklichkeit.
Leo Strauß, der Sohn des Operetten-Komponisten Oscar Strauß, persifliert in Theresienstadt vor seinem Abtransport im Oktober 1944 nach Auschwitz das gespenstische Leben der Potemkinschen KZ-Garnison. Der Schrecken meldet sich verschlüsselt zu Wort, das Vertraute ist Maske, ein Spiel von Figuren und Marionetten rollt in der Garnison ab. Die unschwer zu vollziehende Dechiffrierung entlarvt ein Gemeintes als Fassaden-Wirklichkeit. Das Cafe ist eine installierte Fata Morgana, die Menschen dieser Geisterstadt bewegen sich im Irrealis, sie täuschen sich Vergangenheit und Zukunft in ungesicherten Projektionen vor. Gefährdungen, die Jura Soyfer beschrieben hat, Verlust der Mitmenschlichkeit, sie tauchen auch in diesem Chanson auf. Die Stadt ist „als ob“, die Menschen sind Opfer lancierter Gerüchte. Die Realität liegt außerhalb der Umzäunung, die Welt spult sich wie bei der Ufa in Babelsberg als Film ab. Irgendwo draußen, fern ab von der Geisterstadt Als-Ob, gibt es die geahnte Schreckensbühne. Dort gibt es Gleise, Bahnhöfe, den Prellbock, Schornsteine. Das Kabarett-Lied erlangt in Theresienstadt große Popularität und ist ein anrührendes Kabinettstück der artistischen Camouflage, der enthüllenden Aussparung.
Als ob
Ich kenn ein kleines Städtchen,
Ein Städtchen ganz tipptopp,
Ich nenn es nicht beim Namen,
Ich nenns die Stadt Als-ob.
Nicht alle Leute dürfen
In diese Stadt hinein,
Es müssen Auserwählte
Der Als-ob-Rasse sein.
Die leben dort ihr Leben,
Als obs ein Leben wär,
Und freun sich mit Gerüchten,
Als obs die Wahrheit wär.
Die Menschen auf den Straßen,
Die laufen im Galopp
Wenn man nichts zu tun hat,
Tut man doch so als ob.
Es gibt auch ein Kaffeehaus
Gleich dem Cafe de l'Europe,
Und bei Musikbegleitung
Fühlt man sich dort als ob.
Und mancher ist mit manchem
Auch manchmal ziemlich grob
Daheim war er kein Großer,
Hier macht er so als ob.
Des Morgens und des Abends
Trinkt man Als-ob-Kaffee
Am Samstag, ja am Samstag,
Da gibts Als-ob-Haché.
Man stellt sich an um Suppe,
Als ob da etwas drin,
Und man genießt die Dorsche
Als Als-ob-Vitamin.
Man legt sich auf den Boden,
Als ob das wär ein Bett,
Und denkt an seine Lieben,
Als ob man Nachricht hätt.
Man trägt das schwere Schicksal,
Als ob es nicht so schwer,
Und spricht von schöner Zukunft,
Als obs schon morgen wär.
Leo Strauß
Konzentrationslager Theresienstadt, 194369
Karussell
In den lang entschwundenen Jahren,
Da wir kleine Kinder waren,
Hatten wir ein Ideal.
Wollt man Ruhe in der Wohnung
Oder gab es als Belohnung
Ein Geschenk nach unserer Wahl,
Riefen alle Kinder schnell:
Karussell, ach bitte, bitte, Karussell...
Wir reiten auf hölzernen Pferden
Und werden im Kreise gedreht.
Wir sehnen uns, schwindlig zu werden,
Bevor noch das Ringelspiel steht.
Das ist eine seltsame Reise,
Das ist eine Fahrt ohne Ziel -
Wir kommen nicht fort aus dem Kreise
Und dennoch erleben wir viel.
Und die Musik vom Leierkasten
Vergessen wir im Leben nie,
Wenn lang die Bilder schon verblaßten.
Tönt noch im Ohr die Melodie:
Wir reiten auf hölzernen Pferden
Und werden im Kreise gedreht.
Wenn schwindlig wir haltmachen werden,
9.9.1944
Sehr geehrter Herr Eppstein!
Darf ich Sie daran erinnern, morgen bei der Dienststelle folgende Fragen zu klären:
1. Wann können wir in C III, 105 die „Karussell“-Dekoration aufbauen.
2. Wird der neue Prolog gestattet?
3. Werden weiterhin gestattet: Das Kasernenlied, die 2 französischen Refrains und das neue Finale: „Ein Glück, wenn man keins hat“, dessen letzte Strophe noch nicht genehmigt ist.
Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn wir morgen mittag eine Antwort bekommen könnten.
Ergebenst: (gez.)
Kurt Gerron70
Dann wird man erst sehn, wo man steht.
Leer ist meistensteils das Leben
Und erst Leidenschaften geben
Seinem Ablauf Sinn und Wert.
Ehrgeiz, Börse, Lotterbetten,
Kino, Fußball, Zigaretten -
Jeder hat sein Steckenpferd.
Laßt uns unsre Sensation:
Illusion, ach bitte, bitte, Illusion ...
Wir reiten auf hölzernen Pferden
Und werden im Kreise gedreht.
Wir sehnen uns, schwindlig zu werden,
Bevor noch das Ringelspiel steht.
Das ist eine seltsame Reise,
Das ist eine Fahrt ohne Ziel
Wir kommen nicht fort aus dem Kreise
Und dennoch erleben wir viel.
Und die Musik vom Leierkasten
Vergessen wir im Leben nie,
Wenn lang die Bilder schon verblaßten,
Tönt noch im Ohr die Melodie:
Wir reiten auf hölzernen Pferden
Und werden im Kreise gedreht.
Wenn schwindlig wir halt machen werden,
Dann wird man erst sehn, wo man steht.
Menschen haben Ambitionen
Selbst, wenn sie im Elend wohnen,
Wollen sie was Beßres sein.
Hat auch keiner was zu reden,
Ist's doch ein Genuß für jeden,
Mit noch Ärmeren zu schrein:
Hört ihr das Gespensterlied:
Unterschied, ach bitte, bitte, Unterschied...
Wir reiten auf hölzernen Pferden
Und werden im Kreise gedreht.
Wir sehnen uns, schwindlig zu werden,
Bevor noch das Ringelspiel steht.
Das ist eine seltsame Reise,
Das ist eine Fahrt ohne Ziel
Wir kommen nicht fort aus dem Kreise
Und dennoch erleben wir viel.
Und die Musik vom Leierkasten
Vergessen wir im Leben nie,
Wenn lang die Bilder schon verblaßten,
Tönt noch im Ohr die Melodie:
Wir reiten auf hölzernen Pferden
Und werden im Kreise gedreht.
Wenn schwindlig wir haltmachen werden,
Dann wird man erst sehn, wo man steht.
Leo Strauß, 1944 im KZ Theresienstadt vorgetragen71
Karussell, das anspruchvollste Kabarett in der KZ-Garnison, schart auf seinen Brettern die hellsten Köpfe, Kritiker und Künstler. Stalingrad ist längst gefallen, die Gegenoffensiven aus Ost und West rollen. Die Gefangenen in der Theresienstädter Scheinwelt ahnen von der Wende der politischen Lage nur Unbestimmtes. Leo Strauß läßt in seinem Karussell-Lied zum schaurigen und ungewissen Finale aufspielen. Hölzerne Pferde jagen die Opfer als Spielball und Marionette im Kreis.
Auf dem Jahrmarkt regieren Ohnmacht und Illusion. Die Triebkräfte des Bösen, die solch mörderisches Spiel veranlassen, bleiben im dunkeln. Zum danse macabre trifft man sich im Kabarett und auf dem Rummelplatz des Leo Strauß. Er kann keine Hoffnungen machen, er weiß nicht, wie lang das Uhrwerk funktioniert. Sein Lied und Couplet über die Gespensterstadt dient kaum der Unterhaltung. Es sind Strophen, gesungen am offenen Grab - für die Künstler, die gebetenen und ungebetenen Gäste im Saal. Im Zug nach Auschwitz hocken sie dann nebeneinander, die Sänger und Besungenen. Der letzte Transport nach Auschwitz mit 2038 Gefangenen verläßt am 28. Oktober 1944 das „Vorzeige-Ghetto“. Kurt Gerron, Leo Strauß und seine Frau Myra sind darunter, viele andere Künstler und Namenlose mit dem Stern müssen mit auf die letzte Reise nach Polen. Die Doppelgesichtigkeit in dem Wartesaal zum Tod hat Leo Strauß in dem Sketch zweier Damen - zwischen einer vermeintlich Wissenden und einer im Ghetto gerade Ankommenden - unter die Lupe genommen. Der Refrain spiegelt gestanzte NS-Propaganda und enttarnt die Sprache der Bewacher.
|
ERSTE DAME |
ZWEITE DAME |
|
kommt im Reisekleid |
im Putzkolonnen-Overall |
|
mit Plaid und Vogelkäfig |
kehrt nachlässig die Straße |
|
Ich komm grad herein vom Land, |
Wollen Sie über mich verfügen, |
|
Bin hier gänzlich unbekannt, |
Steh zu Diensten mit Vergnügen, |
|
Sagen Sie mir, wo ich hier |
Als alter Wien-Transport |
|
Mich am besten informier |
Kenn ich ganz genau den Ort |
|
Theresienstadt, Theresienstadt, Ist das modernste Ghetto, das die Welt heut hat. |
|
|
|
|
|
Sagen Sie, wie kommt das bloß, |
Mancher, der die Nase rümpft, |
|
Gestern noch ganz stemelos, |
Will sich tarnen, wenn er schimpft, |
|
Bin ich heute schon inmitten |
Drum frag ich ganz unverhohlen, |
|
Lauter polnischer Semiten? |
Gehörn Sie zu den Tarnopolen? |
|
Theresienstadt, Theresienstadt, Ist das antisemitischste Ghetto, das die Welt heut hat. |
|
|
Ist das Klima hier gesund? |
Kost ist knapp für starke Esser, |
|
Oder geht man hier zugrund? |
Für die Kranken sorgt man besser, |
|
Ist das Mittagessen reichlich? |
Will man stets gesund hier bleiben, |
|
Ist hier Krankheit unausweichlich? |
Muß man dauernd krank sich schreiben. |
|
Theresienstadt, Theresienstadt, Ist das humanste Ghetto, das die Welt heut hat. |
|
|
Also nicht genug zum Essen. |
Bitte, schweigen Sie sofort! |
|
hat man uns denn ganz vergessen? |
Hunger ist ein garstig Wort. |
|
Ist das meines Lebens Schluß, |
Hier benennt man diese Chose |
|
Daß ich hier verhungern muß? |
Vornehm Avitaminose. |
|
Theresienstadt, Theresienstadt, Ist das vornehmste Ghetto, das die Welt heut hat. |
|
|
Wer besorgt mir mein Logis, |
Mit ein wenig Phantasie, |
|
Ganz bescheiden, wissen Sie, |
Meine Gnädge, träumen Sie |
|
Zimmer, Küche, Kabinett, |
Von Zimmer, Küche, Kabinett |
|
Aber ruhig, sauber, nett? |
Auf dem obern Cavalett. |
|
Theresienstadt, Theresienstadt, Ist das verträumteste Ghetto, das die Welt heut hat. |
|
|
Richtig, eh ich dran vergeß, |
Meistens geht man hier salopp, |
|
Wie stehts hier mit Evening-Dress? |
Und nur manche tun als ob. |
|
Muß ein Mann, so möcht ich fragen, |
Schmücken sich je nach Geschmack, |
|
Abends einen Frack hier tragen? |
Mein Mann geht hier nur als Wrack. |
|
Theresienstadt, Theresienstadt, Ist das mondänste Ghetto, das die Welt heut hat. |
|
|
Ich bin zwar recht abgespannt |
Gehn Sie nur direkt nach Haus, |
|
Von der Reise in dies Land, |
Schlafen Sie sich richtig aus, |
|
Dennoch möchte ich mich bequemen, |
Denn die ersten Badekarten |
|
Heute noch ein Bad zu nehmen. |
Können Sie im Mai erwarten. |
|
Theresienstadt, Theresienstadt, Ist das hygienischste Ghetto, das die Welt heut hat. |
|
|
Ach, noch etwas, mein Gepäck |
Lassen Sie das Zeug nicht holen, |
|
Ist zum größten Teile weg, |
Denken Sie sich, Gott befohlen, |
|
Sagen Sie mir bitte an, |
Jeder Schritt ist für die Katz, |
|
Wie ichs holen lassen kann. |
Und Sie haben doch eh kein Platz. |
|
Theresienstadt, Theresienstadt, Ist das kulanteste Ghetto, das die Welt heut hat. |
|
|
Apropos, ich möchte morgen |
Dafür gibts hier kein Import, |
|
Vogelfutter hier besorgen, |
Gebens rasch den Vogel fort, |
|
Ach, mein Vogel braucht Diät, |
Wer hier einen Vogel hat, |
|
Frißt nur prima Qualität. |
Ist Cvokárna-Kandidat. |
|
Theresienstadt, Theresienstadt, Ist das verzwockteste Ghetto, das die Welt heut hat. |
|
|
Sagen Sie mir noch zum Schluß, |
Ja, da kann man sich nur richten |
|
Was ich dringend wissen muß, |
Nach den neuesten Berichten. |
|
Denn ich will nach Hause schreiben. |
Heute hört ich beispielsweise - |
|
Wie lang werden wir hier bleiben? |
Musik übertönt ihre Worte |
|
Theresienstadt, Theresienstadt, Ist das informierteste Ghetto, das die Welt heut hat! |
|
|
Leo Strauß72 |
|
In Buchenwald, Westerbork, Dachau oder Theresienstadt singen Gefangene gegen ihre Mörder, hier dichten, tanzen und steppen sie. Es ist der historisch singuläre Versuch, unter der Herrschaft der SS sich Menschenwürde zu bewahren. Während im zerfallenden Imperium nur noch Frontkabarettisten mit ihrem fragwürdigen Durchhalte-Humor geduldet sind, intonieren die Theresienstädter Narren ihr Lied als ein vielschichtiges Couplet der Entrechteten. Komik pervertiert in Bitterkeit, Zorn über die Wächter sucht sich die Sklavensprache der Allusionen und Andeutungen. Es bedarf des gezielten Winks, des kabarettistischen Kassibers, um sich in den Kasematten von Theresienstadt zu verständigen. Erst als die verheerenden Bombennächte über Deutschland anbrechen, Hamburg, Dresden und Stuttgart in Trümmern liegen, wagen sich nach und nach aus der Asche der Städte anonyme Spötter ans Licht. Die satirischen Partisanen riskieren viel, leben aber immerhin in Freiheit. Flugblätter aus unbekannter Hand verhöhnen den „Erlaß des Führers über die Bildung des deutschen Volkssturms“ vom 25. September 1944.
Leg weg das Strickzeug, liebe Olga,
und hör auch du her, Klaus, mein Sohn;
wir kämpfen nicht mehr an der Wolga,
wir fechten an der Neiße schon.
Vom Nil zum Rhein, vom Don zur Planke
mit Sack und Pack und Flak und Pferd,
welch niederschmetternder Gedanke:
der Krieg ist heim ins Reich gekehrt.
Wie anders kam es, als ich dachte,
Schatz, reich mir deine weiße Hand,
wir fahren in den Abgrund sachte
und nicht mehr gegen Engeland.
Nach Rache und Vergeltung lechz' ich,
drum auf zum Volkssturm, lieber Klaus!
Du bist erst zwölf, ich sechsundsechzig,
doch sehn wir fast wie Männer aus.
Und du, mein Weib - als Ehrengabe
sei dir der Spaten anvertraut.
O Olga, schippe, schanze, grabe,
ganz Deutschland ist auf Sand gebaut.
Gebiete, Teure, deinen Tränen,
wenn du auf deinen Garten schaust.
Ich knirsch' mit meinen letzten Zähnen
und ball' vor Wut die Panzerfaust.
Laßt uns die Gartentür verriegeln,
dann werfe ich mich in den Schmutz.
Ich bin bereit, mich einzuigeln,
Gemeinnutz geht vor Eigennutz.
So wollen wir den Feind erwarten,
des Führers letztes Aufgebot,
durch Panzerschreck im Schrebergarten
zum Reichsfamilienheldentod.
Wir hissen die zerfetzten Segel
und wandern froh an Hitlers Stab
Mit Mann und Maus und Kind und Kegel
ins Massengrab, ins Massengrab.
Anonym, 194473
Die Metropolen sind zertrümmert, Aufräumarbeiten in der verfilmten Propagandafeste Kolberg. Köln, Dresden, München verwüstet, apokalyptische Endzeit ohne Aussicht auf gestaltbare Zukunft. Hiroshima und Nagasaki, das sind die anderen Katastrophen und liegen weit entrückt vom deutschen Trümmerfeld. Die Sorge um das Brennholz und die Lebensmittelmarke wiegt schwer. Die Überlebenden im amputierten Reich sind mit sich selbst beschäftigt. Die Sieger schnüren das Korsett für die Besiegten. Kultur und das befreite Radio unterstehen den Kontrolloffizieren der Alliierten. Die Freiheit bemißt sich ganz selbstverständlich nach dem Freiheitsbegriff der militärischen Zensoren.
Im September 1945 besteht in Hamburg das Ausgehverbot noch immer. Um 22 Uhr 30 ist Schluß der Vorstellung. In Turnhallen, die noch Fenster haben, gibt es Theateraufführungen. Kirchen und Gemeindehäuser helfen im Dienste der neuen Trümmerkultur aus. Reeducation ist im Namen der ungewohnten Demokratie und der Alliierten angesetzt. Im Kino gehören Chaplins „Der große Diktator“, „Der Dritte Mann“ und Staudtes Defa-Produktion „Die Mörder sind unter uns“ zum Nachhilfeprogramm. Fragebögen über die nationalsozialistische Vergangenheit werden unters Volk gebracht. Radio und Wochenschau dokumentieren in Ton und Bild die Nürnberger Prozesse. Das Rote Kreuz fahndet nach den Verschollenen von Stalingrad. Die Opfer der Konzentrationslager, die gezeichneten Überlebenden, bleiben stumm.
Sie haben keine Lobby und keine Stimme. Ein Unerschrockener, Eugen Kogon, bringt die Fratze des SS-Staats zu Papier, störend für alle Mitläufer, die von nichts gewußt haben wollen, entlarvend, aber nahezu folgenlos, für Täter, die sich bald wieder in deutsche Amtsstuben einnisten oder unter der Sonne Südamerikas ihr Heil suchen. „Mit vielen und mit Freunden zusammen hoffte ich, es werde, obschon einmalig in der Geschichte, aus kollektiver Moral Politik entstehen können. Ungeheuerlich war doch das Erlebte gewesen“74, darauf setzt in der Stunde Null der Gefangene von Buchenwald und spätere Herausgeber der legendären „Frankfurter Hefte“. Viele Menschen suchen den ethischen und moralischen Aufbruch, formulieren die Utopie eines sozial verantworteten Christentums aus neuer Perspektive. Die evangelische Kirche bekennt sich im Oktober 1945 beispielhaft zur geschichtlichen Schuld und Mitverantwortung im „Dritten Reich“. Aus dem Untergrund tauchen die unter dem Nationalsozialismus verfemten Dichter auf. Die Verbotenen und Illegalen von einst melden sich zu Wort. Günter Weisenbom, Carl Zuckmayer, Thomas Mann und Friedrich Wolf setzen auf die Zäsur. Der Appell an den neuen Menschen hat kein gesichertes und stabiles Forum. Das meiste bleibt im Vorläufigen. Der Applaus, wenn er denn kommt, ist eher bescheiden, und niemand schreit hurra. Die Prospekte für die Zukunft sind rar. Angst und Entsetzen sitzen noch im Nacken. Die Analyse des vergangenen Terrors ist einsamen Rufern überlassen, die das persönliche Versagen in der Vergangenheit nicht verschweigen und mit in das Kalkül des Wiederaufbaus integrieren. Die Mehrheit der Geschlagenen, die Millionen, sie schweigen indessen.
Ablenkung und Unterhaltung werden großgeschrieben, weiterhin. Erich Kästner, der „verbrannte Literat“, der sich mit Pseudonym und Glück bei der nationalsozialistischen Propagandamaschinerie der Ufa mit dem Drehbuch für Münchhausen (1942) durchmogelte, er ist jetzt im zerbombten München ein gefragter Texter für die kleinen und größeren Kabaretts. Dort kann sich literarischer Zeitgeist nach der Liszt-Fanfare im „Volksempfänger“ wieder melden. Zunächst verstohlen und zaghaft. Theateroffiziere kontrollieren den Nachkriegsspaß. Es herrscht ganz selbstverständlich und unwidersprochen Zensur im Namen der Demokratie und der Reeducation. Für drei Jahre, bis zur Währungsreform, bestimmt die Münchner Schaubude das kabarettistische Geschehen der Stadt. Im Theatersaal des Katholischen Gesellenvereins-Hauses ist am 21. April 1946 Premiere.
Ursula Herking, Hellmuth Krüger, Karl John und Siegfried Lowitz treten hier auf. Um den Prominenten Erich Kästner versammeln sich Axel von Ambesser und Herbert Witt. Und hier singt die vierunddreißigjährige Herking Kästners „Marschlied 1945“. Zeitzeugen berichten von der „Betroffenheit“, die das Chanson unter dem Publikum auslöst. Der Dichter, der Komponist Edmund Nick und die Interpretin bewirken in der Stunde Null die Konvergenz zwischen Publikum und Bühne. Als zerlumpte Flüchtlingsfrau, mit Rucksack und Koffer bepackt, intoniert die Kabarettistin das Lied von Niederlage und Neubeginn. Jahre später heißt es in den Memoiren: „Schon nach den ersten drei Minuten war der Kontakt da. Als ich den letzten Ton des Marschliedes gesungen hatte, sprangen die Menschen von den Sitzen, umarmten sich, schrien, manche weinten, eine kaum glaubliche ‘Erlösung’ hatte da stattgefunden. Das lag nur zum kleinen Teil an mir, es war einfach das richtige Lied, richtig formuliert, richtig gebracht, im richtigen Moment! Das kommt selten vor, ist kaum zu wiederholen.“75 Die Musik, eher schlicht in seiner liedhaften bis „geschlagerten“ Melodie, untermalt mit eingängigen Klangmustern den Trauermarsch der gebeutelten Flüchtlingsfrau.
Marschlied 1945
Prospekt: Landstraße. Zerschossener Tank im Feld. Davor junge Frau in Männerhosen und altem Mantel, mit Rucksack und zerbeultem Koffer.
1.
In den letzten dreißig Wochen
zog ich sehr durch Wald und Feld.
Und mein Hemd ist so durchbrochen,
daß man's kaum für möglich hält.
Ich trag Schuhe ohne Sohlen,
und der Rucksack ist mein Schrank.
Meine Möbel hab'n die Polen
und mein Geld die Dresdner Bank.
Ohne Heimat und Verwandte,
und die Stiefel ohne Glanz, -
ja, das wär nun der bekannte
Untergang des Abendlands!
Links, zwei, drei, vier,
links, zwei, drei –
Hin ist hin! Was ich habe, ist allenfalls:
links, zwei, drei, vier,
links, zwei, drei –
ich habe den Kopf, ich hab ja den Kopf
noch fest auf dem Hals.
2.
Eine Großstadtpflanze bin ich.
Keinen roten Heller wert.
Weder stolz, noch hehr, noch innig,
sondern höchstens umgekehrt.
Freilich, als die Städte starben ...
als der Himmel sie erschlug ...
zwischen Stahl- und Phosphorgarben
damals war'n wir gut genug.
Wenn die andern leben müßten,
wie es uns sechs Jahr geschah –
doch wir wollen uns nicht brüsten.
Dazu ist die Brust nicht da.
Links, zwei, drei, vier,
links, zwei, drei –
Ich hab keinen Hut.
Ich hab nichts als:
links, zwei, drei, vier,
links, zwei, drei –
ich habe den Kopf, ich hab ja den Kopf
noch fest auf dem Hals!
3.
Ich trage Schuhe ohne Sohlen.
Durch die Hose pfeift der Wind.
Doch mich soll der Teufel holen,
wenn ich nicht nach Hause find.
In den Fenstern, die im Finstern
lagen, zwinkert wieder Licht.
Freilich nicht in allen Häusern.
Nein, in allen wirklich nicht...
Tausend Jahre sind vergangen
samt der Schnurrbart-Majestät.
Und nun heißt's: Von vorn anfangen!
Vorwärts marsch! Sonst wird's zu spät!
Links, zwei, drei, vier,
links, zwei, drei –
Vorwärts marsch, von der Memel bis zur Pfalz!
Spuckt in die Hand und nimmt den Koffer hoch.
Links, zwei, drei, vier,
links, zwei, drei –
Denn wir hab'n ja den Kopf, denn wir hab'n ja den Kopf
noch fest auf dem Hals!
Marschiert ab.
Erich Kästner, Musik von Edmund Nick vorgetragen am 21.4.1946 in der „Schaubude“76
„Marschlied 1945“ - das ist ein eruptiver Aufschrei der Herking, der auch in dem historischen Mitschnitt deutliche Spuren der Situaton von 1946 vermittelt. Der Schulterschluß der Ausgebombten und Flüchtlinge ist hier in der Reitmorstraße möglich, weil der Texter keine unbequemen Fragen nach Schuld und Mitverantwortung stellt. Krieg und Feuerhagel sind in der Sprache von 1945/46 auch bei dem kritischen Feuilletonisten des Münchner Blattes Die Neue Zeitung ein blindes Naturereignis. Kästner beschreibt in melancholischen Chiffren die Krise der demoralisierten Nation. Einer „Schnurrbart-Majestät“ - in handlicher und faßbarer Form des Diminutivum - ist das angesprochene Publikum gefolgt. Die sprachlichen Figuren reflektieren das Entsetzen in verdaulichen Häppchen. Noch ist nicht die Zeit der Aufarbeitung, geschweige der „Bewältigung“ der Vergangenheit gekommen, auch nicht für den Kritiker Kästner. Die Trauer über den Verlust der Menschen und den Krieg ist allgemein. Der Mut für die Zukunft kommt aus der Vergangenheit, aus den Marschrhythmen, die ins Verderben geführt haben. Diese Sicht unterstellt dem Autor keinen militaristischen Gestus. Das Lied offenbart aber aus dem Abstand von nahezu fünfzig Jahren die Widersprüche und die Sprachlosigkeit gegenüber dem Elend der gerade überwundenen Diktatur. Die Flüchtlingsfrau Ursula Herking besingt mit trotziger Stimme die Leidensfähigkeit der Deutschen - ihres Publikums. Mehr noch: Die geschundenen Verlierer sind unvergleichlich, auch im Erdulden. „Wenn die andern leben müßten, wie es uns sechs Jahr geschah“, das sind Verse, die auf die besondere Leidensfähigkeit der Deutschen hinweisen. Der Verlust von Menschen, Haus und Hof hat auch bei Kästner (ganz konkret und wörtlich) fatale Ursachen, die außerhalb einer geschichtlichen Verantwortung liegen. Die Ursachenforschung begnügt sich hier in dem gefeierten Lied mit dem Anreißen von „deutschen“ Symptomen, beschreibt Schicksalsschläge der verhängten Art.
Die Popularität des Chansons ist in diesem Sinne völlig einleuchtend, ja zwingend. Die Konvergenz von Tätern und Opfern, von Ausgebombten und Eroberern schafft nach dem Zusammenbruch dem bürgerlichen Kopf erst einmal Luft. Dabei liegt es Erich Kästner gewiß fern, die Nazis direkt oder indirekt zu exkulpieren. Das Chanson spiegelt aber gleichwohl die deutsche „Unfähigkeit zu trauern“, die von Alexander und Margarete Mitscherlich zwanzig Jahre später aufgedeckt wird. Kästners Abrechnung mit der Vergangenheit zählt fast alle Merkmale der kollektiven Entschuldung. Dazu heißt es später bei Mitscherlich: „Zu den Mitteln der Schuldleugnung gehört die seither häufig vertretene Auffassung, das Hereinbrechen einer Diktatur sei ein Naturereignis, das sich getrennt von Einzelschicksalen vorbereite und gleichsam über sie hinweggehe.“77
Ansprechend und melodisch gestaltet, vermittelt das „Marschlied 1945“ bei aller kritischen Intention des Autors vor allem Mitleidsaffekte für verschuldetes Elend. „Links, zwei, drei, vier“ ist ein böser und ein satirischer Refrain. Er reflektiert den Weg von der Pfalz bis zur Memel und zurück. Die Parole vom Wiederaufbau („nun heißt's von vorn anfangen!“) macht dem Publikum Mut, Mut für eine ganz und gar unbestimmte Zukunft. Daß es in der Realität - bei der Wiederbewaffnung, beim Ost-West-Konflikt - unverbesserliche geschichtliche Wiederholungen geben würde, dies steht 1946 noch nicht zu vermuten. Die Ohnmacht der melancholischen - mit hinreißendem Glissando gesungen -Argumente zeigt die vage Verbindlichkeit des kritischen Kopfes.
Der kabarettistische Rückspiegel ist, wenn man so will, beschlagen. Mit den unbestimmten Konturen läßt sich ein angekränkeltes Nachkriegs-Gemüt vorerst beruhigen. In dieser Verschränkung von vermeintlicher Aufklärung und objektiven Blindflecken ist die Zeitgenossenschaft des Liedes aus der Reitmorstraße begründet. Zur Stunde Null ist es das Chanson par excellence. Der „Untergang des Abendlandes“ läßt sich damit zeittypisch verkraften, ohne bindende Versprechen für einen qualitativen Neuanfang.
Doch Kästner hat gelegentlich auch einen schneidenden, ja zynischen Zungenschlag. Freilich, der kabarettistisch getrimmte Zorn unterschlägt Ursache und Wirkung, vermischt das Symptom mit dem Bedingenden. Es entsteht dadurch für den Hörer und Zuschauer ein Irrgarten der verschiedensten Befindlichkeiten. Die Wut ist ehrlich, das allgemeine Schnauben über die Missetaten - die unbenannten - ebenfalls. Die Fragen nach dem Wieso und Weshalb bleiben unbeantwortet. Die Stimmung ist schlecht und ein bißchen traurig und misanthropisch. Und weil Taten und Untaten vielleicht doch einem zirkulärem Gesetz unterliegen, deswegen gibt es aus der Sicht des berufenen Pessimisten keine Perspektive für Besserung. Die nächste Völkerschlacht ist angesagt:
Wir richten Deutschland jedesmal zugrund –
Und dann kommt ihr und dürft es retten.
Dann schaun wir zu und schimpfen euch Verräter
und spotten all der Fehler, die ihr macht.
Habt ihr das Land dann wieder hochgebracht,
Entsenden wir die ersten Attentäter
Und werben für die nächste Völkerschlacht!
Soviel für heute, alles andre später.78
Mit diesem lustvollen „moralischen Pessimismus“ bespielt die Schaubude das Münchner Publikum. Kästner setzt auf die Kritik des Eulenspiegels, auf die unbestimmte Selbstheilung durch das satirische Wort, ohne daß die Bilder und Metaphern sich analytisch und notwendig zuspitzen. Die Klage bleibt drohend und doch allgemein. Was treibt also die spitze Feder des Satirikers im Jahre 1946? Kästner: „Satiriker können nicht schweigen, weil sie Schulmeister sind. Und Schulmeister müssen schulmeistern. Ja, und im verstecktesten Winkel ihres Herzens blüht schüchtern und trotz allem Unfug der Welt die törichte, unsinnige Hoffnung, daß die Menschen vielleicht doch ein wenig, ein ganz klein wenig besser werden könnten, wenn man sie oft genug beschimpft, bittet, beleidigt und auslacht. Satiriker sind Idealisten.”79
1947: Es ist die Geburtsstunde einiger Studentenkabaretts, des nonkonformistischen Spotts zwischen Mensa-Tischen und der Alma mater. Die Amnestierten heißt ein solcher Zusammenschluß an der Kieler Universität. Zunächst als „Reisekabarett“ mit literarischen und politischen Ambitionen gestartet, schicken sich Joachim Hackethal, Klaus Peter Schreiner, Walter Niebuhr und Ernst König an, hinter den Müll der braunen Vergangenheit und Gegenwart zu leuchten. Die Männer haben etwas zu sagen, es gibt auch reichlich zu beklagen. Den Namen legen sich die akademischen Kabarettisten in direkter Anspielung auf einem Erlaß der Alliierten zu: Diese verfügen im Sinne der bürokratischen Vereinfachung bei der „Entnazifizierung“ erst einmal, jeder habe als unbescholten und unbelastet zu gelten, der nach 1919 geboren ist. Auch das erfüllt den Tatbestand der „Gnade der späten Geburt“, ein Vorzug, von dem Jahrzehnte später der erste pfälzische Bundeskanzler mit Nachdruck sprechen wird. Das Eingangslied der Amnestierten - sie singen es in Cambridge und London, in Basel und in Skandinavien - kündet davon. 700.000 Reisekilometer legen die Kabarettisten bis zum Aus im Juni 1965 in Berlin zurück.
Song der Amnestierten
Unbelastet,
Doch betroffen
Von den letzten tausend Jahren,
Hat man uns amnestiert,
Doch die Deutschen
Nur die Deutschen?
Sind von Nöten und Gefahren
Immer noch nicht ganz kuriert.
Wir können heute leicht begreifen,
Was damals nicht ganz richtig war.
Doch warum in die Ferne schweifen?
Seht, das Übel liegt so nah!
Man könnte alles auch ganz anders seh'n
Was nützen Ideale, wenn andre drauf spazierengehen?
Mit Witz allein ist es noch nicht getan!
Noch ist es Zeit zur Therapie, -
Aber höchste Eisenbahn
Joachim Hackethal, 194780
Immer wieder greift die Obrigkeit in das Kabarettgeschehen ein. Im April 1948 verbietet ein britischer Theateroffizier wegen einer pointierten Hitler-Szene das Programm. Günter Neumann, Chef der Insulaner in Berlin, übt in seinem Programm heftige Kritik an den sozialistisch angehauchten Nestbeschmutzern, und der VDS, der Verband Deutscher Studentenschaften, schließt Die Amnestierten 1950 aus dem Dachverband aus. Man untersagt den Profis von studentischer Seite das werbewirksame Attribut „Studentenkabarett“. Doch die eher kleinkarierten Nadelstiche lähmen die Arbeit der Truppe nicht, sie sind Teil eines realsatirischen Aspekts und künden von der Permanenz des zensorischen Kulturbetriebs, von einem verwalteten Kabarett, das sich der verschiedensten Zugriffe erwehrt.
Ein Schuster, namens Krause, vergegenwärtigt bei den Amnestierten, im Wechsel mit einem „Zeit-Chor“, das Elend der Kriege. Der Krieg ist zum beklagenswerten Weltenschicksal verkommen, er kann wiederkehren. Der makabre Vergleich zwischen den Gliedern Krieg und Leben/ Prothese und Bein verrät die kritische Distanz zur Zeitgeschichte. Wie bei Erich Kästner bleibt es jedoch bei der allgemeinen Klage, die Ursachenforschung findet nicht statt. Der Text besagt, daß Krieg eine allemal „scheußliche Geschichte“ ist, mit der der Zuhörer dem Grunde nach nichts zu tun hat. „Die da oben“ haben das Elend ausgelöst, die andern haben es über sich ergehen lassen. Hier sind bereits viele Muster des Verdrängens und Vergessens angelegt. Es fehlt an einem analytischen Zugriff, an einer differenzierten Sprache und klarer Bildlichkeit. Immerhin, der Tod ist als numerische Größe aufgelistet. Im Namen der Militärs hat man bombardiert, präsentiert und liquidiert. Doch die Kritik nimmt sich aus heutiger Sicht eigentümlich kraftlos und unverbindlich aus. Die Szene bleibt - und das ist allemal zeittypisch für das Kabarett in Trümmern - im geschichtslosen Raum haften, auch wenn die Zahl der Toten von Weltkrieg zu Weltkrieg beträchtlich angewachsen ist. Krieg, das ist bei den Amnestierten zunächst ein unvermeidliches Desaster, aber nicht jede Kugel hat getroffen. Was gestern war, kann morgen wieder kommen, so lautet die triste Botschaft. Es ist ein Song der linken Melancholie, wie Walter Benjamin es für den Fall Erich Kästner beschrieben hat. Die Betrachtung des Reisekabaretts schafft immerhin ein wenig Luft fürs Überleben und das Arrangement mit dem Status quo.
Kriege wird es immer geben
Kriege werden immer sein.
Denn der Krieg gehört zum Leben,
wie die Prothese zu dem Bein!
Stimmen:
Präsentieren, schwadronieren
bombardieren, liquidieren,
triumphieren, salutieren,
internieren und erfrieren,
Kampf für kommende Generationen,
Volkssturm, Kapitulationen,
Massenaufgebote!
Krause:
Für 1914-1918:
Zwei Millionen Tote!
Für 1939-1945:
Zehn Millionen Tote!
So spielt man mit uns Heldenspiel,
mal unten und mal oben.
Die Regel ist nur zu bekannt,
Gewinne stellt das Vaterland,
man wird von selbst geschoben.
Chor:
Ein Volk von Spielern steht bereit.
Entscheidend ist Geschicklichkeit.
Der Einsatz ist gegeben:
Er kostet nur das Leben!
Krause:
Na, eben!
Die Amnestierten81
Im Kabarett der Stunde Null ist der Blick auf die Mittäterschaft im „Dritten Reich“ ein vermittelter. Das Klaglied über die Vermißten und Toten mündet oft in psychoanalytisch begründeter Entschuldung des eigenen Mittuns. Das Böse und die Verbrechen, das betrifft die „anderen“, verschmilzt zu einem Parameter, der als Selbstschutz außerhalb der persönlichen Einflußsphäre steht.
Wo das Kabarett sich verantwortlich artikuliert, das plätschernde Gleichmaß der Unterhaltung meidet, da ist auch die beherzte Abrechnung mit den neofaschistischen Tendenzen, mit dem Tschingderrassabumm der Ewiggestrigen und den restaurativen Strömungen in der neuen Republik zu entdecken. Die Hinterbliebenen, das vagabundierende Reisekabarett aus Bad Reichenhall, erinnert in einem entsprechenden Lied an den Fall Veit Harlan, den Regisseur der perfiden Propandafilme vor 1945, an die Riege der Film- und Theaterprominenz, die Stehaufmännchen, die mit der Nachsicht einer einäugigen Nachkriegsjustiz rechnen können. Ernst Leopold Stahl begeistert sich in der Zeitschrift Die Quelle über den Biß der Kabarettisten und bemerkt:
„Man muß sich vorstellen, was es heißt: man führt uns zwei Stunden lang in der künstlerischen Übertreibung von Parodie und Satire Vorgänge und Tatbestände vor, von denen jeder ohne Ausnahme zum Heulen ist. Man bagatellisiert sie nicht, beschönigt nichts und schont niemanden und vermag doch mit einem tollen Galgenhumor eine Wirkung zu erzielen, die zugleich nach außen höchst heiter und nach innen tief ernst, will sagen nachdenklich stimmt. Das ist, mit zwei Worten, Aristophanisches Theater.(...) Auf einer über die Parteipolitik erhobenen Ebene geschieht eine demokratische Aufklärung und Erziehung des Volkes, die bisher in Deutschland von keiner Stelle aus wirkungsvoller, gescheiter, phantasiebegabter und unterhaltender durchgeführt worden ist.“82
Mit schwarzen Zylindern und violetten Mänteln ausstaffiert, verspotten die Künstler - sie verstehen sich als kabarettistisches Gesinnungskollektiv - den politischen und kulturellen Morast, den Sieger und Besiegte in großer Einmütigkeit pflegen.
Die pädagogischen Moralisten erinnern und ziehen auf ihrer Bühne zur Verantwortung. Die braunen VIPs aus der Vergangenheit, die prominenten Mitläufer, die unter der Diktatur Kasse gemacht und von den Segnungen des Hakenkreuzes bestens gelebt haben, sie geben reichlich Stoff zum Lachen und Nachdenken.
Schüttelgereimte Conférence
Es geht ja schon vorwärts, im vierten Gang:
Spruchkammern gehn auf Privilegiertenfang.
Und die Bühnenwelt fühlt sich genesen:
Was? Schauspieler Nazis? Nie gewesen!
Man bat, daß die Kammer sich laß erweichen -
Und Frau Söderbaum spielt wieder Reichswasserleichen,
Weil ihr Hermann einmal den Eh'ring gab,
Lehnt doch keiner die Emmy Göring ab,
Herr Krauss wird in Braus und Saus gegrüßt,
Weil die bittersten Zeit uns Herr Krauss „gesüßt“.
Es schöß wohl nur, wer ein Quängler war,
Gegen Furtsbusch und Knappertswängler quer;
Und wenn Zeugen sich wegen Herrn Wiemanns regen
Auch Heinz Rühmanns und Johannes Riemanns wegen,
Und wenn wieder Theater haben die Gründgens,
Dann beweist das: hier liegen's begraben, die Hündgens!
Doch da schon der alte Lärm anhebt,
Auch wenn nicht mehr der wackere Hermann lebt,
Da, um uns vor östlicher Macht zu beschützen,
Schon der Ami beginnt, unsern Schacht zu benützen,
Da es Männer schon gibt mit Verstümmlerhirnen
Hinter den markigen Himmlerstirnen,
Und da schon Demokraten wie Hitler schalten,
Kann getrost seinen Mund jetzt der Schüttler halten!!
Hermann Mostar83
Die kabarettistischen Attacken der Hinterbliebenen bleiben bis zu ihrem Abschied 1949 leidenschaftlich und scharf. Sie haben beileibe nichts von der Betulichkeit, die der Kabarett-Direktor in Wolfgang Borcherts Hörspiel und Theaterstück „Draußen vor der Tür“ (1947) anmahnt. Die Radio- und Bühnenfigur verlangt die wohlfeile Unterhaltung für das Publikum. Begriffe wie Kultur, Wahrheit und Schönheit dienen im Diskurs über die Qualität der kleinen Bretterkunst meist als Totschlag-Argumente der Obrigkeit und sind gegen das freie Wort gerichtet. Der CSU-Kultusminister Alois Hundhammer attackiert im Münchner Mittag (25.7.47) Die Amnestierten als „Kulturschande“. Die Kieler Narren prangern die selektive Flüchtlingspolitik des Ministers respektlos an und verlieren das Wohlwollen des Politikers.
Flüchtlinge können jetzt
das bayerische Bürgerrecht erwerben.
Auf zwei Arten,
durch Auswandern
oder durch Sterben.84
Der Krieg ist vorbei, Frieden eine ungesicherte Vision, und das militärische Denken ist keineswegs ausgerottet. Günter Neumann, der gelehrige Schüler des Werner Finck, verlacht in einer Kabarett-Revue mit dem Titel „Schwarzer Jahrmarkt“ den Militarismus, angereichert mit den „schmissigen“ Klängen der „Alten Kameraden“, Neumann, den später die Kritik „Frontkämpfer des Kalten Krieges“ tituliert, er findet im Umfeld des Kabaret Ulenspiegel zu einer kritischen Diktion und rundet die jüngste deutsche Zeitgeschichte zu einen packenden Panorama. Straßennamen stehen für Fakten zwischen Monarchie, Republik und Diktatur, und die Marschmusik, das klingende Spiel, schafft jene einfühlende Emotionalität, mit der sich die Kriegssehnsucht eines Offiziers desavouieren läßt. Der verknöcherte Militarist, er träumt gar vom Weltkrieg Nummer drei, er ist dem Spott preisgegeben und darf auf ein beifälliges Publikum rechnen. Im bloßstellenden Lachen wird seine unverbesserliche Sehnsucht nach Krieg symbolisch „vernichtet“, während der ängstliche Budenbesitzer in unschlüssiger Kumpanei auch die objektive Unsicherheit vieler aus dem Saal reflektiert. 15. Dezember 1947, Nürnbergerstraße 50 in West-Berlin, „Schwarzer Jahrmarkt“ im Ulenspiegel:
Alte Kameraden
Offizier (in Zivil mit Ledermantel und Schlapphut):
Saren Se ma - jibt's denn hier keene Schießbude? Man kommt ja ganz aus der Übung!
Budenbesitzer:
Schießbude is hier, mein Herr. Aber Schießen is nich mehr.
Offizier:
Nanu? Muß doch aber irjend'n Ersatz dafür jeben?
Budenbesitzer:
Sie können was einschmeißen. Sie kriegen 'ne Stoffkugel und töppern leere Konservenbüchsen runter. Macht auch ganz schön Krach.
Offizier:
Na ja - aber der richtije Jenuß isses nich!
Budenbesitzer (mit leuchtenden Augen):
Nee, Herr Oberstleutnant!
Offizier (peinlich berührt): Sie kenn' mich?
Budenbesitzer:
Jawoll, Herr Oberstleutnant!
Offizier:
Rühren! Wo jedient?
Budenbesitzer:
In Ihrem Rrrrrrrement, Herr Oberstleutnant!
Offzier:
Rühren! Tja, soweit sind wir also jekommen. Nich mal jeschossen darf mehr werden. Und so was nennt sich nu Volksbelustigung! (Singt nach den Melodien des Marsches „Alte Kameraden“:)
Ein Jewehr
ham wir leider heut nich' mehr,
und wir schmeißen doch die Flinte nich' ins Korn!
Budenbesitzer:
Jawoll, Herr Oberstleutnant
Offizier:
Zwei, drei Zeil'n,
und wir wer'n zur Fahne eil'n,
janz ejal zu welcher, und bejinn'von vorn!
Budenbesitzer:
Jawoll, Herr Oberstleutnant!
Offzier:
Wort wie
LKW und PKW,
Dienstbefehl und Einsatz sind noch nich' entfernt!
Budenbesitzer:
Jawoll, Herr Oberstleutnant!
Offizier:
Noch sind wir schwach nich' jeworden,
noch sind die Tage der Orden,
wir stehn ohne Jewähr bei Fuß,
jelernt is jelemt!
(Er flaniert nach alter Operettenart grüßend über die Bühne:)
Noch jibt's den
Kaiserplatz, Wilhelmplatz, Lützowplatz, Herrmannplatz
Kronprinzenallee!
Kaiserdamm, Preußenpark, Friedrichstadt, Bismarckplatz
und den Schlachtensee,
noch jibt's die
Kanonierstraße, die Jrenadierstraße,
den Hohenzollemplatz!
Da komm'se wieder an
mit Stresemann,
alles für die Katz!
Augen gradeaus!
(Er legt Hut und Mantel ab. Darunter kommen Pickelhaube und ordenschwere Litewka zum Vorschein. Er klimpert mit den Orden und beginnt wie ein Irrsinniger im Stechschritt auf der Stelle zu marschieren.)
Unsre Zeit is' nich' vorbei!
Budenbesitzer (besorgt):
Sei'n Se doch bloß vorsichtig!
Offizier:
Wir sind noch da wie einst im Mai!
Budenbesitzer:
Sei'n Se doch bloß vorsichtig!
Offizier:
Erst kam Weltkrieg eins und zwei
Budenbesitzer:
Sei'n Se doch bloß vorsichtig!
Offizier:
Doch aller juten Dinge sind drei!
Budenbesitzer:
Sei'n Se doch bloß vorsichtig!
Offizier:
Demokratie - janz jut und schön,
Budenbesitzer:
Sei'n Se doch - ach was! (Er marschiert begeistert mit.)
Offizier:
Bloß 'n Führer müßte oben stehn!
Was fängt man an
als deutscher Mann,
solang' man keinem treu jehorchen kann!
Günter Neumann, 194785
Am 30. September 1946 enden die Nürnberger Prozesse, der „größte“ Strafprozeß der Geschichte, wie die Alliierten betonen. Doch die zwölf Todesurteile bemänteln letztlich die gescheiterte „Denazification“- so der englische Begriff-, das große juristische Aufräumen mit der Vergangenheit. Bis Ende 1949 finden 2,5 Millionen Überprüfungen durch die zuständigen Spruchkammern in den drei Westzonen statt. 1,4% der Überprüften rangieren als „Hauptschuldige“ oder „Belastete“, 9,4% als „Minderbelastete. 54 % der untersuchten Fälle erhalten den Stempel „Mitläufer“ und nicht einmal 0,6 Prozent gelten als zweifelsfrei „entlastet“, als Gegner des Naziregimes. Trotz des gewaltigen publizistischen Aufwands, mit dem die Prozesse aufgerollt werden, ist das Trommelfeuer der Presse und Justiz bei der „Aufarbeitung“ von zweifelhaftem Erfolg gekrönt. Die Richter des „Dritten Reiches“ bleiben gänzlich ungeschoren und haben schon nach wenigen Jahren ihre Schäfchen wieder im Trockenen. Die Herren Globke, Kiesinger, Filbinger oder auch Gerstenmaier, sie alle demonstrieren mit Geschick und Raffinement, wie sich Karrieren trotz brauner Vergangenheit mühelos wieder planen und einrichten lassen.86 Und wenn, Jahrzehnte später die „Großkopfeten“ dann doch ein später politischer Sturz ereilt, dann haben die Täter und ehemaligen Blutrichter in aller Regel, wie einst die Nomenklatura im Nürnberger Gerichtssaal oder, später, die Stasi-Schergen und Mauerschützen, ein schlechtes Gedächtnis.
Der Kabarett-Autor Horst Lommer beschreibt die Nürnberger Vergeßlichkeit, die retrograde Amnesie der Nazi-Größen vor den Schranken des Gerichts, und Hellmuth Krüger vom Ulenspiegel sinniert über die Schuldfrage, über die Strategien der Exkulpierung der eigenen Mittäterschaft.
Nürnberger Betrachtungen
Ich wandle wie im Traum einher,
Der Paralyse streb' ich zu,
Ich habe kein Gedächtnis mehr,
Das wirkt wie ein Theatercoup.
Ich sitze auf dem Sünderstuhl
Als Primadonna der Idee,
Ich weiß nicht, bin ich somnambul?
Bin ich Prophet? Bin ich Premier?
Wußt' ich als Hitlers rechte Hand
Nicht recht, was seine linke tat?
War ich Trabant, war ich Garant,
War ich Infant im Führerstaat?
Nach allem, was ich letztlich las,
Ist mir die Politik ein Graus.
Nur eine Politik macht Spaß,
Die Politik des Vogel Strauß.
Ach, litte doch die ganze Welt
An Rudolf-Heß-Gedächtnisschwund,
Dann wär es wohl um mich bestellt,
Zur Klage hätte keiner Grund.
Und keiner käm' mir auf die Spur,
Ich schwebte durch das Weltgericht
Und blühte auf der deutschen Flur
Als herziges Vergißmeinnicht.
Horst Lommer 194687
Die Schuld
Einer muß die Schuld daran doch tragen,
Daß uns heute so die Schuld bedrückt,
Und wir wollen darum nicht verzagen,
Bis es ihn zu fnden uns geglückt.
War es Bismarck, der uns falsch geleitet?
Hat der Alte Fritz uns so versaut?
War es Nietzsche, der uns also zubereitet?
Hat uns Hegel das Gehirn verhaut?
Sind es die Gebrüder Grimm gewesen,
Deren Märchen Grausamkeit durchzieht?
Oder haben wir zu lang gelesen
In dem bösen Nibelungenlied?
Sicher werden wir den Kerl noch finden,
Also wappnen wir uns mit Geduld!
Sind es nicht die alten Adams Sünden,
Sind zum Schlusse doch die Radfahrer dran schuld.
Heldmuth Krüger, 194788
In einem dadaistischen Kabinettstück analysiert Fritz Winterling die Kunst des Verdrängens und Abschiebens. Der Tod ist ein Meister aus Deutschland, und die Mörder sind mitten unter uns. Bei den kleinen Schiebern ist das geradeso wie bei den großen aus der Politik.
Du
mir.-
Ich
dir.-
Schwer!
Her!
Nein!!
mein!-
Schuft!
Luft!!!---
tot?
tot!
-
-
Mord!
fort!!!
Fritz Winterding 194789
Die Geburtsstunde der lnsulaner, des West-Berliner Rundfunkkabaretts, fällt unmittelbar in den Zeitraum der Berlinkrise und der Blockade der Stadt durch die sowjetischen Besatzungsmächte. Am 24. Juni 1948 kommt der gesamte Interzonenverkehr zum Stillstand. Als Antwort auf die Bedrohung des westlichen Sektors der Frontstadt richten die Westalliierten die legendäre Luftbrücke mit den „Rosinenbombern“ ein. General Lucius Clay, Militärgouverneur im amerikanischen Sektor der gespaltenen Metropole, macht ein Bekenntnis: „Wir haben die Tschechoslowakei verloren. Norwegen ist bedroht, in Italien bereiten sich entscheidende Wahlen vor. Geben wir Berlin auf, dann ist Westdeutschland verloren. Wenn wir Europa gegen den Kommunismus verteidigen wollen, müssen wir durchhalten.“90
Dieser politischen Einschätzung ist auch Günter Neumann, der Gründer der Radio-Insulaner, weitgehend verpflichtet. Zunächst erscheint nur das gedruckte Insulaner-Magazin, eine Satirezeitschrift, die sich bis zur Währungsreform beim Publikum behauptet. Herbert Sandberg fungiert als Chefredakteur, setzt sich dann aber in den Osten der Stadt ab. Günter Neumann kann dank gefestigter Verbindungen zum alliierten Radiosender RIAS91 ein erstes Konzept für ein Radio-Kabarett anbieten. Geplant ist in aller Bescheidenheit nur eine Sendung zum Weihnachtsfest am 25. Dezember 1948. Doch es kommt in der Folge ganz anders. Der durchschlagende Erfolg der Kabarettisten ermöglicht von 1948 bis 1968 über 150 Radio-Inszenierungen. Erst das aufkommende Fernsehen Ende der fünfziger Jahre, aber auch die veränderte politische Landschaft in den sechziger Jahren in Berlin, die außerparlamentarische Opposition, Antiamerikanismus und Vietnam-Trauma bei der jungen Generation, verändern die Rezeptionsbedingungen für Neumanns Truppe entscheidend - und zu seinen Ungunsten. Mit den Protagonisten Tatjana Sais, Edith Schollwer, Rita Paul, Agnes Windeck, Joe Furtner, Bruno Fritz, Walter Gross und Ewald Wenck tingeln die Sänger im Namen der westlichen Freiheitsvorstellung in die Schweiz und nach Luxemburg. Der kalte Wind der Konfrontation zwischen Ost und West, das Säbelgerassel der Herren Stalin, Wilhem Pieck, Harry S. Truman, des Kanzlers am fernen Rhein, dienen als fruchtbarer Grund, auf dem der durchschlagende Erfolg der trutzigen Adenauer-Barden wurzelt. Ihre Erkennungsmelodie, das Lied der Insulaner, ist nicht nur eine patriotische Liebeserklärung an den Westen, in Sonderheit an die Schutzmacht Amerika. Die Komposition ist eine Reverenz an die swingende Liedtradition der Freunde aus den Staaten, an den süßlichverkitschten Sound der Andrew Sisters. Der angeschlagene Ton referiert ganz unverstellt das unter der jungen Generation beliebte AFN-Programm, Klänge, die nach dem Überdruß des Badenweiler-Marsches ein neues Kulturverständnis - auch den Protest gegen die braune Tradition versprechen. Amerikanisches ist in, mindestens im belagerten Berlin. Die erhaltenen Aufnahmen der Erkennungsmelodie von Günter Neumann und seinen Insulanern sind kostbare „Zeitmarken“.
Der Insulaner
Es liegt eine Insel im roten Meer, und die Insel heißt Berlin.
Der Osten ist nah, und der Westen ist fern,
und manch Flugzeug dröhnt durch die Nacht,
und wacht man dann auf, ham verärgerte Herrn
sich was Neues ausgedacht.
Wir woll'n unter fremdes Joch nicht,
trotz Drohungen und trotz Atom.
Wir bleiben auf dem Teppich,
und noch nich kriegen se uns auf den Boom!
Der Insulaner verliert die Ruhe nich,
der Insulaner liebt keen Jetue nich!
Und brumm' des Nachts auch laut die viermotor’ jen Schwärme,
det is Musik für unser Ohr,
wer red't vom Lärme?
Der Insulaner träumt lächelnd wunderschön,
daß wieder Licht ist, und alle Züge geh'n!
Der Insulaner hofft unbeirrt,
daß seine Insel wieder'n schönes Festland wird –
Ach, wär das schön!
Günter Neumann, 194892
Günter Neumanns Kabarettist eindeutig und unmißverständlich parteilich und etabliert (unterhaltlich) den ideologischen Konsens im Kampf gegen alles, was nur den Anschein von Sozialismus und Kommunismus im Panier mit sich führt. Das verzerrte Bild über den Feind im Osten, das Klaglied über die gemutmaßte Gewaltbereitschaft aller Kommunisten dieser Welt, perpetuiert die alten Urteile und Vorurteile, die während der faschistischen Diktatur das Propagandaministerium und seine Unterabteilungen verbreiten. West-Berlin ist in der Tat bedroht und abgeschnürt. Das Überleben in der Frontstadt können demnach nur die Alliierten sichern. Im Gegensatz zu den kabarettistischen Entwicklungen in der Bundesrepublik und der oft kritischen und oppositionellen Grundhaltung gegenüber der Regierung zeigt sich Günter Neumann dem neuen amerikanischen Denken und damit der Westpolitik, letztlich auch der Kommunisten-Hysterie des Senators Joe McCarthy, verpflichtet. Der „Bolschewismus“ dient als das neue und alte Feindbild. Reflexion auf die geschichtliche Mitverantwortung im Kalten-Kriegs-Geschehen ist in dieser geschichtlichen Phase, vor allem in Berlin, nicht opportun. Dem Feind im Gewand der SED oder ihrer roten Schutzmacht gilt aller Spott, ein Zugriff, der auch in den Rundfunkanstalten der Bundesrepublik auf große Zustimmung rechnen kann. Die im Felde „mißglückte“ Vernichtung des Gegners kann so - im symbolischen Akt - quasi rituell zu dem gewünschten Ende gedacht werden.
In der Neumann-Nummer „Der Funzionär“ - Walter Gross spricht zumeist diese vielbeklatschte Repertoirefigur- zeigt sich sklerotisierter Witz im Kalten Krieg. Der SED-Vertreter ist dumm, dreist und von dumpfer Naivität. Ihm gilt der Hohn im RIAS-Radio. Die „volkseigene Reportage“ ist eine direkte Antwort auf die Interviewserien in der sowjetischen Besatzungszone mit Werktätigen. Günter Neumann mixt Berliner mit sächsischem Dialekt, läßt vom Chinesischen ins Russische stolpern und umgekehrt. „Professor Quatschnie“ und der Chinese „Wat-Nu“ bilden ein freches Polit-Pärchen. Die freundliche These von Hans Rosenthal, Neumann habe „nie mit dem Hammer gearbeitet“ 93 ist kaum haltbar. Die intellektuelle Exekution des Ost-Feindes dient nicht allein der selbstlosen Unterhaltung. Neumann bläst mit vernehmlichem Hurra zur Demontage des Ostens, was dann oft auf Kosten der „Brüder“ und „Schwestern“ geht, die mit ihren realen Nöten bei den Insulanern kaum zu Wort kommen. Der Spaß trägt fast immer Züge der politischen Aufrüstung, ist die beredte Kampfansage an alle Duckmäuser, die sich etwa mit denen „drüben“ und ihrer Politik arrangieren wollen. Mit dieser ideologischen Stoßrichtung ist das Programm von höchstem Unterhaltungswert. Der deftige bis aggressive Grundton, das Kalkül der Auf- und Abrechnung mit der sozialistischen Ideologie, verschafft dem Programm jenen dramaturgischen Kitzel, der die Zuhörer und Zuschauer fesselt. Das Gefühl einer kollektiven Unschuldsvermutung - bezogen auf den Westen und seine Werteskala - kann sich via Radio breitmachen. Die Debilität der Ost-Figuren in der Insulaner-Schlacht bestärkt im vierwöchigem Rhythmus den selbstherrlichen Traum vor der eigenen politischen Unbescholtenheit. Stets lauert der Feind außerhalb des Sendesaales und wohnt ganz selbstverständlich jenseits der Sektorengrenzen. Westlich polierte Hybris, flockig und suggestiv serviert. bekämpft im RIAS-Kreuzzug östliche Borniertheit, ohne dabei die eigene Position je zu hinterfragen.94
Der Funzionär und die Planwirtschaft
Der Funzionär
... und damit, liebe Jenossen und Jenossinn', komme ick
nunmehr zu unsern heutijen Themata: Vorüber-
jehende Mangelerscheinung in unse Planwirtschaft!
Jenossen! Wat de DDR in de letzten Jahre jeleistet hat, das jeht
auf keene Kuhhaut! In eine Kette von beispiellose Erfolge
kann natürlich nich alles auf eenmal klappen, es jibt immer
mal wieder Kinderkrankheiten, aber der Zahn der Zeit wird
se schon abschleifen. Ihr müßt euch ja immer wieder
verwegenjewärtigen: Wat is bei uns losjewesen? Eier von
die jrößten Tirannen, den de Weltgeschichte je jesehn hat,
hat de Oojen zujekniffen -
Alle:
Psst! Vorsichtig!
Der Funzionär:
Sehta! Wir ham uns alle jesagt, na, d e n Verbrecher sind wa los, hahaha!
Alle:
Pscht!
Der Funzionär:
Was habt ihr denn zu pischten? Also mit eenen Wort: Hitler war dot!
Alle:
Ach so!
Der Funzionär:
Also nu bringt ma hier nich durcheinander! Nach diesen schaotischen Zusammenbruch herrschten bei uns die dollsten Zustände, und so kam es, daß unsa verehrter Jenosse Präzedent eines Tages das Ruder in seine kummerjewohnten Hände nahm, um - ick will ma bei das poetische' Bild bleiben - um als wettererprobter Steuermann die DDR in eine bessere Zukunft rüberzuschiffen! Natürlich jehts bei sowas nich ohne Havarjen ab ! Det is nu mal im Leben so! Ick möchte mal die Jenossen von de Landwirtschaft fragen: Wat passiert, wenn ihr'n neuen Traktor kriegt?
Einer:
Dann jeht er erstmal kaputt!
Der Funzionär:
Na sehta. Jenau so isses mit de DDR. Det sagt nich, daß wa uns mit jede Panne abfinden sollen, aber wir sollen ooch nicht unjeduldig werden. Die Zoffjetunion besteht nu schon über 35 Jahren, und wenn ihr vielleicht denkt, bei die is alles in Ordnung, denn seid ihr aber schief jewickelt! Jut Ding will Weile haben! Ihr wert euch vielleicht fragen, weshalb ick dieses Problem heute aufs Trapez bringe, aber das hat seinen juten Jrund! Bei de HO in Dresden hat sich nämlich ein unliebsamer Vorfall zujetragen. Und zwar haben sich die Jenossen aufjeregt, weil draußen dranstand: „Regenmäntel einjetroffen!“ Nu kamen se zu Hunderten mit ihre Punktkarte anjetrabt, es waren aber nur fünf Mäntel da! Tablau! Wat hätten die Jenossen von de Verkoofbrigade. machen sollen? Man kann doch keen Paletoto veranstalten! Also ham se die Mäntel an die Verdienstesten abjeben wollen, und dabei hats natürlich böses Blut jejeben. Eenen Tag drauf aber hat de Brigade Zwirn schon eenen rinjewürjt bekommen, und fürs nächstes Jahr ham se schon eine hundertprozentige Steigerung der Lieferung garantiert, so daß also 1954 schon zehn Rejenmäntel zur Verfügung stehen. Und soville regnet's ja jarnich in Dresden. Ihr seht, mit jutem Willen jeht alles!
Die Insulaner, 195395
Der RIAS weiß, was er seinen Insulanern schuldig ist und hofiert die Künstler aus gutem Grund. Die Medien allgemein, das Radio zumal, feiern die Kabarettisten als die beliebtesten und bekanntesten Botschafter der geteilten Stadt. Das, was mit der diffusen Begrifflichkeit „Zeitgeist“ zu umreißen ist, die Focussierung objektiver gesellschaftlicher Bedingungen, verdichtet sich im Funk-Kabarett aus Berlin in aller Schärfe.
Hans Rosenthal erinnert sich an den „Funzionär“ und an Herrn „Kummer“
Diese Rolle wurde bald Walter Gross’ Standardauftritt im Insulaner: Er wurde zum „Funzionär“, der in einem aussichtslosen Kampf die Parteilinie gegen Wahrheit und Wirklichkeit, gegen Widersprüche und Widerstand, gegen Vernunft und Logik zu verteidigen sucht. Würde Lächerlichkeit töten, dann hätte Walter Gross mit diesen Auftritten ganzen Heerscharen von SED-Funktionären die Existenzgrundlage entzogen.
Und da war auch Bruno Fritz als „Herr Kummer“. Er führte Telefongespräche mit einem eingebildeten Partner, in denen er die politischen Zusammenhänge- immer neuen, unentwirrbaren Mißverständnissen zum Opfer fallend - zu erhellen sich bemühte. Diese Figur lehnte sich an Tucholskys berühmten „Wendriner“ an und hatte ein lebhaftes Publikumsecho.
Die meisten Sender in der Bundesrepublik übernahmen schließlich die „Insulaner“, deren Aufnahmeleiter und späterer Regisseur ich war. Die Zeitschrift Günter Neumanns ging leider trotz unserer Rundfunkhilfe ein. Blockade, Papierknappheit, ein Alltag des Mangels - vielleicht auch unsere Radiokonkurrenz - hatten ihr das Leben zu schwer werden lassen. Fortan lebte „Der Insulaner“ also im Äthermeer. Manchmal - vor allem, wenn wir mit der Sendung auf Tournee in Westdeutschland waren und sie öffentlich produzierten - kam ich ganz schön ins Schwitzen: Günter komponierte immer die Musik zuerst. Die Texte ließen auf sich warten. Das Manuskript für den „Funzionär“ Walter Gross brachte er manchmal erst in der Pause an. Dann reichte die Zeit nicht einmal für eine einzige Probe, sondern nur noch zu flüchtigem Durchlesen. Aber gerade dieser Zeitdruck, der häufig zu Improvisationen zwang, hat der Sendung viel von ihrem Esprit gegeben.96
Das Kolorit der Ost-Westkonfrontation, der Jargon der Ära Adenauer, mithin das Freund-Feind-Denken, inkarniert sich in den satirisch-polemischen Sentenzen des Günter Neumann:
Die östlichen Herrn, die so prunkhaft reich,
sind äußerlich kapitalistengleich,
und dennoch gibt es da einen Unterschied,
den man auf den ersten Blick nicht gleich sieht:
der Kapitalist zahlt sein eigenes Geld,
er braucht nicht sein Volk auszumisten,
und in dem wunden Punkt
unterscheid'n sich die Herrn von den richtigen Kapitalisten!97
Das kaltkriegerische Weltbild ist populistisch. Nicht selten, so scheint es, sind die kabarettistischen Attacken im blinden Eifer niedergeschrieben. Die kleine „Kapitalismusanalyse“, die die Konvergenzen bei Ausbeutung und Korruption hüben und drüben platt unterschlägt, macht die politische Einäugigkeit deutlich. Günter Neumann, der lachende Star in der Ruinenstadt, hat für sich ein Programm entwickelt. Es lautet: „Wir sollten unsere Zuschauer nicht aus dem Kabarett schicken mit der fragwürdigen Quintessenz: ‘Von den Alliierten ist einer nicht besser als der andere’, und der mißmutige Kabarettist, der mit Gott und der westlichen Welt nicht zufrieden ist, sollte entweder nach Osten türmen oder sich und seinem Publikum klarmachen, daß er immerhin noch das kleinere Übel erwischt hat.“98 Die Empfehlung, bei kritischer Distanz zum Westen die Fronten zu wechseln, hat Tradition und beleuchtet das rauhe Klima im west-östlichen Kräftespiel. Die Normabweichung wird getadelt, auch im Kabarett, das im Namen der Freiheit und der Demokratie angetreten ist.
Die Hororatioren aus Kultur und Politik, zumal der Regierende Bürgermister der Stadt, Willy Brandt, bedankt sich freundlich und mit großem Respekt für die 100. Insulaner-Sendung. Das Oberhaupt der Stadt schreibt am 19. Oktober 1957 in einem Brief an den Insulaner-Chef:
„Günter Neumann und seine Insulaner sind ein Bestandteil Berlins. Sie sind unseren Weg durch Dunkelheit, Kälte und Not mit uns gegangen bis zum heutigen Tage und haben mit Humor und Scherz, mit Musik und Reim unserem Fühlen, Denken, Wollen und Sehnen so unübertroffen Ausdruck gegeben. Der wahre Humor lacht und weint zu gleicher Zeit. Und das haben die Insulaner trefflich verstanden, und deshalb gehören die Insulaner zu uns, wie wir zu ihnen gehören. Dafür Ihnen meinen Dank zu sagen, ist mir Herzenssache an dem Tage, da Sie Ihre 100. Sendung machen. 100 Sendungen, die den Berlinern und unseren Mitbürgern und Landsleuten jenseits des Brandenburger Tores Hoffnung und Mut und noch mehr Lachen und Schmunzeln gegeben haben.“99
Die Insulaner vermögen wie kaum ein anderes Kabarett ihrer Zeit, Identität widerzuspiegeln und diese gleichzeitig hervorzurufen. Ein überzeugendes Beispiel hierfür liefert eine Liedcollage aus dem Jahre 1952. Ernst Reuters Verdienste für die Stadt und ihre Menschen feiern die Kabarettisten geradezu enthusiastisch. Der „OB“ fungiert über alle Parteigrenzen hinweg als der Held der geteilten Stadt, er ist ein Botschafter des guten Willens, der anläßlich seines Amerikabesuchs die „Kasse“ für Berlin wieder auffrischt. In der historischen Aufnahme überschlägt sich das Publikum geradezu in Ovationen für Die Insulaner. Die Zuhörer bejubeln die Spitzen gegen Bonn, vor allem aber das „Schuldbekenntnis“ der Amerikaner, denen der Texter die Zeilen in den Mund legt: „Hätten wir lieber dat Jeld verjraben, das wir im Krieg an die Sowjets gaben.“ Musik und Text treffen den Nerv des Publikums. Die kabarettistische Volte exkulpiert deutsches Tun, zumal den Terror zur Zeit der Nazi-Dikatur. Das Rundfunk-Kabarett dient in diesem Sinne als ein köstliches Ruhepolster, als die wohlschmeckende Medizin, die vor inquisitorischen Geschichtsbetrachtungen schützt. Just in diesem Kontext sind Die Insulaner ein Paradigma für den staatsnahen Spaß in der Ära Adenauer. Gründlicher als manches Geschichtsbuch reflektieren die sechs Minuten im RIAS die Spuren der ideologischen Befindlichkeit zur Zeit des Kalten Krieges. Das Medley dokumentiert -versteckt wie auch immer - Wut der Besiegten über die verzweifelte Lage und ihre Liebe zum bürgernahen Idol Ernst Reuter. Er verspricht personal faßbare Sicherheit nach verlorener Schlacht.
Ernst Reuter in Amerika
Keine Mark in der Kasse mehr,
auch der Stadtsäckel schlaff und leer,
täglich neue Probleme.
Reuter dachte, als er das sah:
„Hilft nischt, ick muß nach USA,
auf die Spendierhosen kloppen
sonst sitzen wer hier uffem Trocknen.
(Applaus)
Muß i denn, muß i denn, ja ick muß mal übern Teich,
muß mal übern Teich, und ihr bleibt an der Spree!
Wenn ich drüben unser Leid erzähl,
dann is gleich alles o.k.
Wenn ich komm, wenn ich komm, wenn ich wieder, wieder komm,
wieder, wieder komm, komm ich mit nem Portemonnaie.“
(Lachen. Applaus)
Drüben fuhr er an der Spitze eines Geleits durch die Leut.
Seine kleine Baskenmütze wurd mit Konfetti bestreut.
In janz New York war een Hallo
und Reuter dachte froh:
„Das gibts nur einmal, ick komm bald wieder
(Großer Applaus)
Das is ja mehr als jut jejang!
Es fällt Konfetti auf mich hernieder,
in Bonn wurd ich nie so empfangen!
(Tosender Applaus, lange und anhaltend)
Die netten Leute,
ick weiß schon heute,
daß ick hier Unterstützung krieg.
Mir scheint New York liegt
von uns aus näher als mancher Ort der Bundesrepublik!“
(Großer Applaus)
Alle Amis standen da,
die mal in Berlin warn:
Herr McCloy und noch mehr von der Spree.
Clay, der in Erinnerung schwamm,
rief: „I have Heimweh nach se Kufürstendamm!“
(Beifall, tosend)
Und dann fuhrn se mit Gesang
immerzu den Broadway lang,
von det eene Restorang
in det andre Restorang.
Und dann gaben se an ihn
einen Scheck für West-Berlin,
und die Amis habn dazu im Chor jeschrien:
„Hätten wir lieber dat Jeld verjraben,
das wir im Krieg an die Sowjets gaben,
(Unterbrechung durch tosenden Beifall,
Füßegetrampel, zustimmendes Gejohle etc.)
könnten wir euch noch viel mehr jeben
als wirn Berlinern bisher jeben.“
Aber da kam schon der zweite Scheck,
Reuter erfuhr dann mit freudigem Schreck,
Dass er auch Aufträge bringt.
Zum Schluß hamse alle gewinkt:
„Auf Wijderseen, auf Wijderseen!
Bleib nicht zu lange fort!
Wenns wieder brennt:
Wir sind solvent
You know ein Män ein Word.
Auf Wijderseen, auf Wijderseen!
Du sollst zum Dank fürs Geld
bald in Neukölln
neu Gruß bestellln:
Daß auch ne neue Welt!“
(Applaus)
Und wenn jetzt Reuter wiederkommt
jehn wir in langen Schlangn
nach Tempelhof zum Flugplatz hin,
den OB zu empfangen.
Wenn's Flugzeug kommt,
dann stehn wir da,
wie Kinder feingemacht:
„Du Onkel aus Amerika,
was haste mitjebracht!“
(Großer Schlußapplaus)
Die Insulaner, 1952100
Auf Günter Neumann trifft der Begriff „Nestbeschmutzer“ nicht zu. Sein Protest - anders als kurz nach dem Krieg - sucht sehr bald den politischen Konsens mit der atlantischen Westpolitik. Er tritt für die Wiederbewaffnung ein und feiert am 7. Dezember 1968 in seiner letzten „Sonderausgabe des Insulaners“ kaum zufällig die Geschichte des Axel Springer Verlags mit einer musikalischen Revue. Gleichwohl dankt sein Kabarett ab. Es hat den kabarettistischen Kampf gegen Wolfgang Neuss, gegen revoltierende Studenten, gegen Die Stachelschweine oder auch gegen Dieter Hildebrandt endgültig verloren. Günter Neumann ignoriert nach Eintritt des latenten Tauwetters im Ost-West-Konflikt, des „Wandels durch Annäherung“, die Veränderungen im gesellschaftlichen Umfeld. Sein Kabarett gründet auf den Koordinaten des Kalten Krieges und der Insulaner-Chef verweigert sich einem Denken, das die politische Konfrontation und den militanten Antikommunismus auch nur für Augenblicke auf der Bühne oder im Radio vernachlässigt. Dieser Rigorismus macht den satirischen Fanatismus der Insulaner aus, ist aber zugleich das Brandzeichen der Unversöhnlichkeit. In der Ära Adenauers geschrieben und gespielt, tragen die meisten Nummern eine retrospektive Handschrift, eine Signatur, die ihre Aggressivität dem nationalen Pathos der Zeit vor 1945 entlehnt zu haben scheint.
Die Mahnungen von Paul Celan oder Wolfgang Borchert und vieler anderer Künstler und Intellektueller, nach innen und außen einen neuen Weg zu beschreiten, sich nicht erneut dem militärischen Denken zu verschreiben, verhallen ungehört. Konrad Adenauer zielt von Anfang an auf die Remilitarisierung der Bundesrepublik, eine Politik, die in ihrer Konsequenz zwar latente Stabilität garantiert, gleichzeitig aber auch zur Verschärfung des Kalten Krieges beiträgt. Die Politik der DDR operiert in den fünfziger Jahren mit den gleichen Vorgaben, die Regierung ist Vasall und Vollzugsorgan der östlichen Welt- und Großmacht und hat deren Interessen im Kalten Krieg mehr oder weniger bedingungslos zu erfüllen. Adenauer fordert im November 1950 im Bundestag die Schaffung einer neuen Armee und erklärt, daß die Bundesrepublik Deutschland, wenn sie von den westlichen Mächten dazu aufgefordert wird, bereit sein müsse, einen „angemessenen“ Beitrag zu dem Aufbau einer Abwehrfront zu leisten, und das in der Absicht, „die Freiheit ihrer Bewohner und die Weitergeltung der westlichen Kulturideale zu sichern.“101 Die forsche Gangart der Regierung in dieser Frage korreliert im übrigen allem Anschein nach nicht mit den tatsächlichen Wünschen der Bevölkerung. Diese verhält sich eher ablehnend, ja zurückhaltend. Eine Umfrage, die der Süddeutsche Rundfunk im Dezember 1949 zu dieser Frage aufzeichnet, bestätigt in deutlichen Worten die ablehnende Haltung fast aller Bevölkerungsschichten in dieser Frage.
Soll es wieder deutsche Soldaten geben?
Eine Pfarrerswitwe spricht:
Wenn man wie ich seinen Mann und seinen einzigen Bruder im Krieg verloren hat und nun mit seinen drei Kindern mehr oder weniger allein in der Welt steht, will man von Wiederaufrüstung oder dergleichen nichts mehr hören. Man kann es nicht mehr. Bei dem bloßen Gedanken, daß meine beiden heranwachsenden Söhne auch wieder den grauen Rock tragen und alles, was damit zusammenhängt, erdulden müßten, möchte ich aufschreien und rufen: Nein und noch einmal nein! Ich weiß, daß Wiederaufrüstung noch kein Krieg ist, aber der Weg dazu ist nicht weit. Helfen Sie alle mit, daß wir endlich im Frieden leben können und unsere Kinder für ein Leben in Frieden erziehen dürfen.
Es spricht ein Fischhändler, 32 Jahre alt, Kriegsteilnehmer, in Gefangenschaft gewesen:
Ich bin ein grundsätzlicher Gegner für die Remilitarisierung Deutschlands, nachdem ich selber zwölf Jahre Soldat war und in amerikanische Gefangenschaft geraten bin. Ich lehne es grundsätzlich ab, nachdem man mir diese Uniform, die ich zuletzt getragen habe, vom Leib gerissen hat und nun heute wieder auch in eine Uniform für dieselben Westalliierten eintreten soll, um ein Bollwerk gegen den Osten zu sein.
Ein junger Journalist, 26 Jahre alt, Kriegsteilnehmer und Flüchtling:
Ich würde eine Remilitarisierung Deutschlands geradezu für eine Katastrophe halten und zwar aus zwei Gründen: aus innenpolitischen und aus außenpolitischen. Meiner Ansicht nach würde eine Wiederbewaffnung Deutschlands einen Krieg, den sie angeblich vermeiden soll, beschleunigt herbeiführen. Es ist in der Geschichte immer so gewesen, daß steigende Rüstungen nie bewirkt haben, daß damit ein Konflikt hinausgeschoben wird, sondern ihn immer noch schneller herbeigeführt haben. Rußland würde sich durch eine Wiederbewaffnung Deutschlands bedroht fühlen, würde seinerseits Maßnahmen ergreifen. Die Westmächte würden das gleiche tun. Und so würden wir uns eines Tages in der größten Katastrophe befinden.
Ein junger Student, 23 Jahre, Kriegsteilnehmer und Fliegergeschädigter:
Als Student habe ich zu einer Remilitarisierung folgendes zu sagen: Die meisten Studenten haben ihre Ausbildung schon einmal unterbrechen müssen, um angeblich ein Vaterland zu verteidigen und andere totzuschießen, denen man dasselbe gesagt hat. Die Aufstellung eines sogenannten Verteidigungsheeres ist schon an sich eine der Bedrohungen des Weltfriedens. Ich habe keine Lust mehr mitzubedrohen.
Aus einer Sendung im Süddeutschen Rundfunk am 7. Dezember 1949102
Bekanntlich bestimmen die privaten und antimilitaristischen Äußerungen den Lauf der deutschen Innenpolitik nicht. Die Aufnahme der Bundesrepublik in die Nato erfolgt 1955, ein Jahr darauf marschieren die ersten 1000 Freiwilligen in die Kasernen der Bundeswehr. In Konsequenz dieser Politik wird auch die sogenannte Stalin-Note von 1952 nie ernsthaft als politische Möglichkeit für eine neue Deutschlandpolitik in Erwägung gezogen. Dem Westen ist die damit verbundene Neutralisierung Deutschlands ein zu hoher Preis. Die Note paßt ganz und gar nicht „in die politische Landschaft“, in der der Graue Rock wieder in Mode kommen soll. Adenauer lehnt entschieden ab, Kriegsdienstgegner haben wieder einen schweren Stand. Die Friedenstaube, die am 3. März 1952 bei einer Ansprache des Kanzlers eingefangen wird, spricht für sich.
Die Spötter der Nation, sie protestieren auf breiter Front gegen das alte und neue Lied, gegen die Wiederbewaffnung der Republik. Erich Kästner präsentiert sich im Kabarett Die Kleine Freiheit in München als entschiedener Gegner des militärischen Kurses und bemerkt rückblickend: „Während es in unserer Republik noch bei Strafe verboten war, auch nur eine Jagdflinte zu besitzen, wurden Hitler-Generäle nach Bonn beordert, um hinter verschlossenen Türen der Regierung wertvolle Ratschläge zu erteilen. -An Stelle der im laufenden Geschäftsjahr geplanten Kasernen könnten vierhunderttausend Wohnungen gebaut werden.“103 In dem „Solo mit unsichtbarem Chor“ beklagt der prominente Dichter 1952 die Vogel-Strauß-Politik und die Blindheit der Militärs.
Wir kommen, sehn und siegen
in ziemlich allen Kriegen,
ganz wurscht, unter welcher Regierung.
Das ist eine Frage der Führung.
Na also und hurra: Drum sind wir wieder da.
Unter Hitler hieß es „Wehrmacht“.
Unter Doktor Lehr heißt's „Lehrmacht“.
Doch ob Wehr - oder Lehr,
ist ja völlig sekundär.
Hauptsache, daß wir wieder Ordnung kriegen.
Und das deutsche Rückgrat wieder gradebiegen.
Und daß wir wieder gegen Engeland fliegen.104
Die Berliner Stachelschweine verspotten 1954 den neuen militaristischen Geist in ihrem Garnisons-Lied. Die große Bonner Politik und ihre Intentionen werden darin aus der Perspektive der Kleinstadt gesehen. Geld stinkt nicht und leitet auch den örtlichen Gemeinderat.
(Solo:) Nach langem Sitzen.
(Chor repetierend:) Nach langem Sitzen.
(Solo:) Und heftigem Schwitzen.
(Chor:) Und heftigem Schwitzen.
(Solo:) Stell ich, Gemeinderat von Poppenlohn,
folgendes Themata zur Diskussion.
(Chor:) Folgendes Themata zur Diskussion:
(Solo:) Da wir aus der Stadt keinen Kurort können machen
(Chor:) Zum Lachen!
Zum Lachen!
(Solo:) Ham wir doch kein Wald und Quellen heiß und sauer
(Chor:) O Trauer, o Trauer!
(Solo:) Auch kein großer Mann in Poppenlohn geboren ist.
Und wenn wir Festspiele bereiten:
(Chor:) Nur Pleiten! Nur Pleiten!
(Solo:) Wenn wir Festspiele bereiten:
(Chor:) Nur Pleiten! Nur Pleiten!
(Solo:) Sage ich, Gemeinderat von Poppenlohn,
um zu retten diese Situation:
Gibt's nur eins, selbst für die Opposition:
Unsere Stadt wird Garnison
(Chor:) Garnison, Garnison!
Ovation,
Diskussion
Garnison, Garnison,
Ovation,
Diskussion!
(Solo:) Möchte, daß die Stadt sich drum darum bewerbe,
zu bekommen Deutschlands Tradition und Erbe.
Und der Stolze ruft dann brausend durch die Nation:
Poppen-lohn, Poppen-lohn:
Deutschlands schönste Garnison
(Chor:)
Poppen-lohn, Poppenlohn:
Deutschlands schönste Garnison!105
In den weiteren Strophen besingen Die Stachelschweine die offensichtlich zahlreichen Vorzüge, die eine Garnisonsstadt im Bewußtsein des Spießers hat. Der Jubel ist allenthalben, das erträumte Glück ein rosiges und vermeintlich ungetrübtes. Die Feier der künftigen Militärniederlassung wird zur deutlichen Kritik an den bestehenden politischen Verhältnissen. Die Mittel, die die Sänger einsetzen, sind parodistische Überhöhung und satirische Verzerrung der kleinbürgerlichen Welt, die Musik ist sentimental und süßlich verkitscht. Hinter dem Spießer, der das Militär herbeisehnt, steht dann freilich auch eine Obrigkeit, die solches erst ermöglicht. Die Stachelschweine operieren hier ganz in der Tradition des klassischen Kabaretts: Über den musikalischen Gestus werden die Affekte angesprochen, die kitschigen Klänge dienen der Destruktion eines Unausgesprochenen - in diesem Fall des Militärs. Die „Garnison“ fungiert als pars pro toto, wird zum Schlüsselbegriff für die kritisierte Bonner Militärpolitik. Im Spott wird Einvernehmen mit dem Publikum provoziert. Die Intention ist bei aller Unterhaltung, die der Wechselgesang anbietet, die auf Veränderung setzende Kritik.
Als einsamer Gegner aller pazifistischen Tendenzen im deutschen Kabarett beklagt Günter Neumann mit den Insulanern jede militärische „Leisetreterei“. Er hat sich, wie bereits weiter oben besprochen, ohne Einschränkung der Bonner Linie verpflichtet. Neumanns Klagelied ist schrill, die Töne entstammen dem intellektuellen Sperrfeuer der Militärs. Auge um Auge heißt die Devise aus Berlin.
Die Bundeswehr will man vom Osten hintertreiben,
die sind bewaffnet, darum soll'n wir schutzlos bleiben,
Herr Ebert schrie: Bonn soll das Militär entfernen,
allein der Osten hat das Anrecht auf Kasernen,
wo man sich nicht, wie wir, vor Uniformen scheute –
seid wachsam Leute.106
Die panische Angst vor dem Osten, die Furcht vor einer soldatenlosen Gegenwart in Berlin, sie spiegelt nicht die gängige Auffassung der Kabarettisten wider. Landauf, landab - zumal in den Westsektoren bekämpft das Ensemble der Kritiker auf den Kleinbühnen die Remilitarisierung. Der Konsens, der hier herrscht, ist nahezu einhellig und unterscheidet sich höchstens graduell, nicht jedoch prinzipiell. Das Kabarett, und das ist bei seinem Hang zur Übertreibung und Überspitzung dann doch erstaunlich, befindet sich insgesamt Mitte der fünfziger Jahre mit seinen antimilitaristischen Nummern in einem größeren Konsens zu der Bevölkerung als die Mehrheit der Bonner Volksvertreter bei diesem Thema. Eine repräsentative Untersuchung vom Allensbacher Institut für Demoskopie signalisiert 1957 jedenfalls immer noch erhebliche Distanz der Befragten zu der Einrichtung der Bundeswehr.
Das Untersuchungsergebnis kann für das regierungsnahe Institut am Bodensee und seine Auftraggeber nicht befriedigend sein, zeigt es doch - trotz suggestiver Fragestellung - das brüchige Verhältnis der Bevölkerung zu Heer und Waffen.
Frage: „Hier sind verschiedene Ansichten über die Aufstellung von deutschen Truppen. Welche davon trifft am besten das, was Sie selbst darüber denken?“
Junge Männer
in %
Ich bin nicht so sehr für Militär, aber solange die anderen
Staaten Soldaten haben, brauchen wir auch welche: 23
Ich bin in jedem Fall gegen die Aufstellung von Truppen.
Wir brauchen in Deutschland kein Militär: 20
Ich bin nicht gegen Soldaten, aber zur Zeit wäre es für
Deutschland besser, keine Truppen aufzustellen: 18
Ich bin in jedem Fall für die Aufstellung von Truppen.
Wir brauchen in Deutschland ein starkes Militär: 14
Ich bin eigentlich gegen Militär, aber in der jetzigen
Lage braucht Deutschland eine Armee: 13
Mir ist es ganz egal, ob in Deutschland Truppen
aufgestellt werden oder nicht: 11
Keine Angabe: 1
Jahrbuch der öffentlichen Meinung 1957107
Ob Die Schmiere - „das schlechteste Theater der Welt“ nennt es sich - in Frankfurt a. M. auftritt, Das Bügelbrett in Heidelberg oder West-Berlin sich Gehör verschafft, Die Stachelschweine zur Jagd auf Ungereimtes in der Republik blasen, der Stachel gegen das Militär wird jeweils tief in das Fleisch der alten Haudegen getrieben. Auf dem Höhepunkt der Krisen am Suezkanal und in Ungarn schreibt Rolf Ulrich 1956 ein „Freiheitslied“ ganz eigenen Zuschnitts. Im Programm „Die Wucht am Rhein“ beklagen die Kabarettisten den Widerspruch von Freiheitsideologie und militärischer Aufrüstung, sie kritisieren die postulierte Unabwendbarkeit von Kriegen, von „guten“, „gerechten“ und „heiligen“ Metzeleien.
Freiheit, Freiheit über alles,
höchstes Ziel auf dieser Welt!
Unser Leben, unser Sterben
dieses Wort zusammenhält.
Segen ruht auf allen Waffen,
ewig zieh'n mit Himmelsmacht
alle Völker, alle Rassen
für die Freiheit in die Schlacht.
Und keiner dachte an den dritten
Weltkrieg und schrie:
Halt! - Keiner!
Nicht in der Downingstreet -
Nicht am Arc de Triomphe –
Nicht in Manhattan –
Nicht auf dem Rudolph-Wilde Platz.
Nein, sie sangen:
Vorwärts, vorwärts für die Freiheit!
Was heißt schon Vernunft, Moral?
Nein: Millionen sterben ewig
für das Freiheitsideal.
Wann zerplatzt dies Wort einmal,
diese gold'ne Seifenblase?
Wann wird einmal klar gesagt:
Freiheit - du bist eine Phrase!?
Die Stachelschweine, 1956108
Die Wucht am Rhein
O wie schön, daß wir den Osten haben,
Die Gefahr aus Pankow, Moskau und den Don;
Denn der Osten ja der gab uns schließlich
Erst die Teilung Deutschlands und zum Glück dann Bonn.
Und durch Bonn da zogen Geld und Banken
An den Rhein und zogen Handel, Wirtschaft nach,
Millionäre - Fremde und Devisen
Und das Ganze krönt jetzt schließlich Andernach.
O es wär nicht auszudenken,
Wenn jetzt plötzlich eine Einheit käm
Und statt unserm goldnen Rheine
Dann die Spree wär Deutschlands Diadem.
Und was mühsam haben wir erworben
Unter dem Geheimwort Provisorium,
Schnappte weg uns die Berliner Schnauze,
Und uns bliebn die Greise im Panoptikum.
Drum bewahret uns den lieben Osten,
Haltet Wacht und laßt auf kein Gespräch euch ein,
Kämpft um unsre Nibelungenschätze,
Sonst ist es vorbei mit unserer Wucht am Rhein!
Rolf Ulrich, 1956109
Die oberen Zehntausend in der Republik, die Herren aus Industrie und Wirtschaft, sie haben schon wieder gelernt, mit Krisen zu leben und dabei auch kräftig abzusahnen. In der Kleinen Freiheit in München leiht Martin Morlock ihnen das Wort. Makler und Industrielle kommen auf den Brettern ins Grübeln und schwärmen trist und melancholisch. Der Tod ist ein Meister aus Deutschland, aber es gibt auch Schwierigkeiten in dem eisernen Gewerbe:
Erster Industrieller:
Daß die Lage so gespannt ist,
Will uns zwar betrüblich scheinen,
Doch ein Mensch, der bei Verstand ist
Und im Industrieverband ist,
Kann deshalb nicht dauernd weinen!
Erster Makler:
Was den Laien so erschreckt, ist
Doch im Grunde das alte Spiel:
Wenn die Sahne abgeleckt ist,
Der Zivilbedarf gedeckt ist,
Braucht die Wirtschaft ein Ventil.
Zweiter Industrieller:
Wär' die Welt ein wenig weiser
Und die Propaganda beider
Hemisphären etwas leiser,
Bauten wir euch Fertighäuser.
So sind's eben Panzer.
Alle (zucken unschuldig die Achseln):
Leider
Zweiter Makler:
Denn das ist nun einmal der triste
Tatbestand auf diesem Stern:
Wenn der eine sicher wüßte,
Daß der andre, wenn er rüste,
Wüßte, daß er rüsten müßte,
Rüstete er halb so gern.
Erster Makler:
Weil jedoch in jedem Falle
Jeder glaubt, er habe mehr Macht
Als die andersgläub'ge Wehrmacht,
Rüsten alle ...
Martin Morlock, 1952110
In dem Schwabinger Kabarett Die kleinen Fische nimmt das Ensemble unter Therese Angeloff die geplante Wiederbewaffnung aufs Korn. Eine Damenriege, der „Louisenbund“, träumt sich in die alten Tage der Kriegsmarine zurück. Ingrid van Bergen, Lia Pahl und Anita Bucher gehören zu den trutzigen Amazonen, die bei der Verherrlichung der stählernen Maschinerie alle Register ziehen. Dabei ist zu bedenken, daß zu diesem Zeitpunkt die Diskussion um die Remilitarisierung noch nicht abgeschlossen ist, Franz Josef Strauß, damals ein junger CSU-Abgeordneter, die parlamentarisch notwendigen Seilschaften für ein neues Heer erst um sich schart:
„Wer als Deutscher dem deutschen Volke die innere Befähigung abspricht, Waffen zur Selbstverteidigung zu erhalten, ohne gleichzeitig dem Militarismus zu verfallen, der hat innerlich vor dem Militarismus kapituliert. Schließlich muß der Unfug einmal aufhören, daß man den ehrlichen und anständigen Soldaten immer zum Militaristen stempelt. Der Ungeist des Militarismus muß überwunden bleiben und wo er auftreten sollte rücksichtslos unterdrückt werden. Die Verteidigungsbereitschaft des friedlichen deutschen Bürgers darf nicht durch die Verunglimpfung des Ansehens des deutschen Soldaten geschwächt oder erstickt werden.“
Franz Josef Strauß, 10. Juli 1952111
So gesehen ist der kleine Damen-Kranz unter Abzug der ironischen Brechungen ganz auf Kurs des Bayern und künftigen Atom- und Verteidigunsministers, wenn er jubiliert:
Wir sitzen auf dem Kanapee
und träumen Ach und Weh
Wir wollen wieder Kriegsschiffe taufen!
Mit deutschem Sekt am deutschen Heck!
Und wieder Margueriten verkaufen
zum wohltätigen Zweck!
Drum gründen wir ein Komitee,
ein Wohltätigkeitskomitee,
Wir sind die Damen
mit gutem Namen,
die Damen vom Louisenbund!
Wir sind die kommenden Größen von morgen,
die für Sitte und Ordnung dann sorgen!
Unsre Fahne flattert fröhlich uns voraus!
Wir sterben niemals aus!
Die kleinen Fische, 1954112
Nach dem Beitritt der Bundesrepublik zur NATO, dem Unterzeichnen der Pariser Verträge, geht die Bundesregierung in die zweite Runde und eröffnet die Debatte über die Ausrüstung der Bundeswehr mit atomaren Gefechtsköpfen. Adenauer tritt höchstpersönlich vor die Presse. „Unterscheiden Sie doch“, so erklärt der Kanzler am 5. April 1957, „die taktischen und die großen atomaren Waffen. Die taktischen Waffen sind nichts weiter als die Weiterentwicklung der Artillerie. Selbstverständlich können wir nicht darauf verzichten, daß unsere Truppen auch in der normalen Bewaffnung die neueste Entwicklung mitmachen.“113
Trotz einer großen Oppositionsbewegung kann die CDU-Mehrheit am 28. März 1958 den Beschluß über die Atombewaffnung der Bundeswehr durchsetzen. Weder die Göttinger Erklärung der 18 Atomwissenschaftler noch kirchliche oder gewerkschaftliche Proteste ändern hieran etwas im grundsätzlichen. Die SPD hat ihr Nein zur atomaren Bewaffnung ohnehin - im Zeichen der verlorenen Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen und im Zeichen des kompromißbereiten und „moderaten“ Godesberger Programms - revidiert. Wehner, Erler und Brandt bringen die Genossen auf Kurs. Der Sieg der CDU in der Frage der Atombewaffnung erweist sich im nachhinein als innerparteilicher Pyrrhus-Sieg, da die Verfügungsgewalt über die Atomwaffen bei den Alliierten liegt. Die öffentlichen Bedenken, dies könne unter einer veränderten außenpolitischen Lage einmal anders werden, bleibt jedoch bestehen.
Der Aufruf der „Göttinger“ hat in der Bundesrepublik ein großes publizistisches Echo, wird zum Anstoß für weitere Protestresolutionen und mahnende Appelle. Der Theologe Karl Barth schaltet sich ein, Stefan Andres, Erich Kästner, Eugen Kogon, Walter Dirks und viele weitere Intellektuelle richten eine Resolution an den Bundestag, sich der „lebensbedrohenden Rüstungspolitik“ zu widersetzen. „Wir werden nicht Ruhe geben, solange der Atomtod unser Volk bedroht“, geben die Wissenschaftler und Künstler zu bedenken.114 Gerd Semmer, einer der wichtigsten Chansonautoren im Kontext der Lieder gegen Militarismus und Atomrüstung, reagiert auf die Göttinger Erklärung ganz unmittelbar und verfaßt ein Solidaritätslied, das Dieter Süverkrüp vertont. Das Lied nimmt Bezug auf die Beschwichtigungsversuche aus der Bundeshauptstadt, die honorigen Wissenschaftler mögen doch bitte ihre Finger aus der Tagespolitik lassen.
Göttinger Erklärung
Die Pläne einer atomaren Bewaffnung der Bundeswehr erfüllen die unterzeichneten Atomforscher mit tiefer Sorge. Einige von ihnen haben den zuständigen Bundesministerien ihre Bedenken schon vor mehreren Monaten mitgeteilt. Heute ist die Debatte über diese Frage allgemein geworden. Die Unterzeichneten fühlen sich daher verpflichtet, ihrerseits auf einige Tatsachen hinzuweisen, die alle Fachleute wissen, die aber der Öffentlichkeit noch nicht hinreichend bekannt zu sein scheinen.
Erstens: Taktische Atomwaffen haben die zerstörende Wirkung normaler Atombomben. Als ‘taktisch’ bezeichnet man sie, um auszudrücken, daß sie nicht nur gegen menschliche Siedlungen, sondern auch gegen Truppen im Erdkampf eingesetzt werden sollen. Jede einzelne taktische Atombombe oder -granate hat eine ähnliche Wirkung wie die erste Atombombe, die Hiroshima zerstört hat. Da die taktischen Atomwaffen heute in großer Zahl vorhanden sind, würde ihre zerstörende Wirkung im ganzen sehr viel größer sein. Als ‘klein’ bezeichnet man diese Bombe nur im Vergleich zur Wirkung der inzwischen entwickelten ‘strategischen’ Bomben, vor allem den Wasserstoffbomben.
Zweitens: Für die Entwicklungsmöglichkeiten der lebensausrottenden Wirkung der strategischen Atomwaffen ist keine natürliche Grenze bekannt. Heute kann eine taktische Atombombe eine kleinere Stadt zerstören, eine Wasserstoffbombe aber einen Landstrich von der Größe des Ruhrgebietes zeitweilig unbewohnbar machen. Durch Verbreitung von Radioaktivität könnte man mit Wasserstoffbomben die Bevölkerung der Bundesrepublik heute schon ausrotten. Wir kennen keine technischen Möglichkeit, große Bevölkerungsmengen vor dieser Gefahr sicher zu schützen. (...)
Wir fühlen keine Kompetenz, konkrete Vorschläge für die Politik der Großmächte zu machen. Für ein kleines Land wie die Bundesrepublik glauben wir, daß es sich heute noch am besten schützt und den Weltfrieden noch am ehesten fördert, wenn es ausdrücklich und freiwillig auf den Besitz von Atomwaffen jeder Art verzichtet. Jedenfalls wäre keiner der Unterzeichneten bereit, sich an der Herstellung, der Erprobung oder dem Einsatz von Atomwaffen in irgendeiner Weise zu beteiligen. Gleichzeitig betonen wir, daß es äußerst wichtig ist, die friedliche Verwendung der Atomenergie mit allen Mitteln zu fördern, und wir wollen an dieser Aufgabe wie bisher mitwirken.
12. April 1957115
Atomgedicht 57
Achtzehn Professoren durchbrachen
Das tobende Schweigen der Schallmauer,
Aufgebaut von bezahlter Journaille
Um den Massenmordplan.
Aber, meine Herren, was geht denn Sie das an?
Sie glauben, daß man einfach hereinreden kann?
Das ist doch Politik, wovon Sie nichts verstehen!
Mund halten, weiterforschen!
Sie sind gar nicht gefragt!
Keine Diskussion! Weitergehn!
Seit Generationen wuschen sie
Die Hände in reiner Wissenschaft.
Die Folgen haben sie nie gewollt.
Endlich machten achtzehn den Mund auf,
Männer zeigten Herz.
Aber meine Herren, was gehn Sie die Folgen an?
Sie glauben, daß man einfach hereinreden kann?
Machen Sie Ihre Arbeit, wovon Sie etwas verstehn!
Haben Sie denn kein Berufsethos?
Sie sind außerdem nicht gefragt!
Keine Diskussion! Weitergehn!
„Ihre Kinder an sich drückend
Stehen die Mütter und durchforschen
Angstvoll den Himmel nach den Erfindungen
der Gelehrten.“
Aber meine Herren, was gehn Sie Kinder an?
Sie glauben, daß man einfach hereinreden kann?
Das ist unsere Politik, wovon Sie nichts verstehn!
Überlassen Sie das den Fachleuten!
Keine Diskussion! Auseinandergehn!
Gerd Semmer, 1957116
Es gibt neben der politisierten Republik freilich auch jene des stetig wachsenden Luxus, der Nierentische und des genußvollen UKW-Empfangs am Kofferradio. Wer die Augen nur halboffen hat, der kann es sich bequem einrichten. Die Werkstoffe Schaumgummi, Trevira und PVC sind neben dem „Starmix“-Küchengerät und dem Nyltest-Hemd die Versprechungen der Zeit. Die Republik im Westen hat mit den fünfziger Jahren äußerlich wieder Tritt gefaßt. Freddy Quinn trällert seinen „Heimat“-Song, Cornelia Froboess - noch ganz Kinderstar - darf ihre Badehose fürs „kleine Schwesterlein“ einpacken und Rudi Schuricke schmelzt für die ersten wohlhabenden Italienurlauber sein Capri-Lied in den Äther:
Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt,
Und vom Himmel die bleiche Sichel des Mondes blinkt
Zieh'n die Fischer mit ihren Booten aufs Meer hinaus,
Und sie legen in weitem Bogen die Netze aus.
Nur die Sterne, sie zeigen ihnen am Firmament,
Ihren Weg mit den Bildern, die jeder Fischer kennt,
Und von Boot zu Boot das alte Lied erklingt,
Hör' von fern, wie es singt:
Bella, bella, bella Mari,
Bleib mir treu, ich komm zurück morgen früh!
Bella, bella, bella Mari, vergiß mich nie!117
Die Schlager der Zeit mimen auf unerschütterlichen Optimismus. Lieschen Müller hat wieder etwas zu knabbern und muß gar höllisch aufpassen, daß sie von der Fresswelle nicht ganz verschlungen wird. Peter Frankenfeld und Liselotte Götz warnen am 12. Dezember 1950 die Radiohörer des Süddeutschen Rundfunks vor den fatalen Folgen.
Das Essen ist Frau Müllers Lust,
das Essen ist Frau Müllers Lust, das E-e-s-s-e-n.
Sie ißt und frißt von früh bis spät,
kein Wunder, daß sie in die Breite geht,
daß die schlanke Linie pleite geht,
kein W-u-u-n-d-e-r.118
Seit dem 1. März des Jahres sind die Lebensmittelkarten endgültig abgeschafft. Es scheint alles in Butter. Die Regenbogenpresse bejubelt 1951 die persische „Märchenhochzeit“ von Soraya und Schah Reza Pahlevi auf dem Pfauenthron. In Westminster läuten zwei Jahre später die Glocken für Königin Elisabeth II. von Großbritannien. Das Fernsehen inszeniert die erste weltweite Übertragung, die „Fernseh“-Queen ist geboren. Wer es sich leisten kann, fährt Mitte des Jahrzehnts einen Hansa Borgward, bei knapperem Budget darf es eine Isetta oder der Vespa-Roller aus Italien sein. Persil ist immer noch Persil, und Bauknecht glaubt zu wissen, was sich Frauen wünschen. Auf dem Aktienmarkt spiegelt sich bald die Goldgräbermentalität derer, die es geschafft haben. Die Spuren des Krieges sind noch nicht getilgt, aber die Stimmung ist dank des „Wirtschaftswunders“ prächtig. Moskau läßt auf Initiative von Konrad Adenauer die letzten 10.000 Kriegsgefangenen wieder frei, eine humanitäre Aktion, die auch 12 Jahre später in repräsentativen Umfragen als die herausragende Leistung des Kanzlers benannt wird. Am 4. Juli 1954 wird das auf dem Schlachtfeld des Krieges geschlagene Deutschland Fußballweltmeister. Die Nation torkelt im Fußballglück, die britische Presse mutmaßt in ihren Schlagzeilen eine heimliche „Rache für Stalingrad“. Die sich formierende Freizeit-Nation sublimiert auf dem Rasen den verlorenen Krieg und zeigt ihre Zähne. Die Sprache der Fußballmatadore ist verräterisch wie eh und je. Was der Krieg verwehrt hat, erlaubt das runde Leder: dem Rest der Welt zu zeigen, daß die Nation (mindestens) in einer Disziplin unbesiegbar ist. Die Schlachtenbummler verstehen es so, der martialisch sprechende Reporter des Tages, Herbert Zimmermann, ohnehin, und die hypnotisierten Fußballer auf dem Platz ebenfalls.
Fritz Walter erinnert sich:
Auf engstem Raum spielen wir einander zu. Vergeblich warten die Ungarn auf Steilpässe oder weite Flanken. Nur wenn wir angegriffen werden, geben wir den Ball zu einem freistehenden Mann, nach vorn, zur Seite oder auch zurück. Eine sportlich durchaus korrekte Form, gut über die Zeit zu kommen. Niemand wird uns das verdenken. Natürlich erkämpfen sich auch die Ungarn den Ball wieder und stürmen dann mit letzter Kraft noch einmal gegen das Tor.
Zwei Minuten noch. Eine Minute noch. Da bekommt Czibor bei einem überraschenden Flankenwechsel halbrechts in Strafraumhöhe den Ball. Er wird ihm direkt auf den Fuß serviert. Mir steht vor Schreck fast das Herz still. Jetzt, jetzt ist es passiert! denke ich, als Czibor aus sieben, acht Metern einen Mordsschuß losläßt. Er zielt in die kurze Ecke, auf die sich Toni zum Glück konzentriert. Blitzschnell geht unser Düsseldorfer zu Boden und befördert in fliegender Parade den Ball mit beiden Fäusten in Richtung Eckfahne. Ebenso schnell setzt Werner Kohlmeyer hinterher und will das Leder zum Linksaußen schlagen. In der Drehung rutscht es ihm ab ins Aus. In diesen Sekunden stand unser Sieg auf des Messers Schneide. Einwurf der Ungarn. Ich fange den Ball ab, versuchte ihn nach vorn zu schlagen. Aber das nasse Leder rutscht wieder ins Aus. Ist denn noch nicht Schluß? Schiedsrichter Ling müßte jetzt abpfeiffen. Ob er wegen Tonis Verletzung nachspielen läßt? Die Ungarn führen den Einwurf aus. In diesem Augenblick höre ich - Mister Ling steht nur ein paar Meter von mir entfernt - den ersehnten Schlußpfiff. Das Spiel ist aus! Das Unglaubliche ist wahr, das Unerwartete Wirklichkeit! Der Fußball-Weltmeister 1954 heißt Deutschland.119
Freilich, das kritische Gewissen der Nation, das Kabarett auf der Bühne und im Film, es betreibt Spurensuche in Nischen und Winkeln und begnügt sich nicht mit dem Gebrüll in dem Stadion von Bern. Nach einem Roman von Hugo Hartung erzählen Heinz Pauck und Günter Neumann zum Beispiel in dem Kurt Hoffmann-Film Wir Wunderkinder (1958) ein ganz deutsches Märchen: Aufstieg und später Fall einer lokalen Nazigröße, die mit der Durchschnittsbiografie eines sympathischen Journalisten (Hansjörg Felmy) kontrastiert ist. Der Nazi-Terror wird nicht ohne Geschick mit satirischem Zugriff in seiner Menschenverachtung und Gewalt geschildert. Neumanns Texte zeichnen sich hier durch Witz und Biß aus, auch die neue Anpassung in der Ära Adenauer rückt in meisterlichen Couplets- und Kabarettnummern ins treffliche Schwarz-Weiß-Bild. Von der Kritik hat dieser im Genre ganz „besondere“ Film teilweise eine unverständliche Unterbewertung erfahren. Man spricht von „positivistischer Grundhaltung“120, obwohl dieser filmische Gehversuch vor allem im furiosen Finale die Restauration gekonnt ins Bild rückt. Der kabarettistische Deutschlandfilm lebt übrigens nicht zuletzt von den köstlichen Gesangseinlagen, den Moritatensängern Wolfgang Müller und Wolfgang Neuss.121 Der Spaß stimmt nachdenklich und gibt über die Generation der „Großväter“ mittels der pointierten Vergrößerung Auskunft. Das deutsche Lesebuch vom Kaiserreich bis Adenauer ist nicht zwangsläufig ein politischer Aufklärungsfilm. Gleichwohl ist die Satire mit deutlichem Strich gezeichnet. Das „Lied vom Wirtschaftswunder“ wird in diesen Jahren zu einem vergnüglichen Hit. Es beschreibt mustergültig Faules und Oberfaules im neuen demokratischen Staat und benennt die gärenden neonazistischen Umtriebe. Im „Gnadenfieber“ des Jahres 1954 kehrt die Justiz mit der Billigung des Bundestages sehr viel unter den Teppich. Das Straffreiheitsgesetz regelt den „Erlaß von Strafen und Geldbußen und die Niederschlagung von Strafverfahren und Bußgeldverfahren“ für Straftaten, die zwischen dem 1.10.1944 und dem 31.7.1945 verübt wurden.122 Auch für NS-Verbrecher, die unter falschem Namen gelebt haben, gilt der befristete „Persilschein“. Wolfgang Neuss und Wolfgang Müller nehmen solche von höchster Stelle dekretierte Moral aufs Korn.
Das Lied vom Wirtschaftswunder
Die Straßen haben Einsamkeitsgefühle,
Aus Pappe und aus Holz sind die Gardinen,
Und Bretter liefert nicht mehr die Fabrik!
Den Zaun verdeckt ein Zettelmosaik.
Nur ab und zu mal klappert eine Mühle,
Wer rauchen will, der muß sich selbst bedienen,
Ist ja kein Wunder, ist ja kein Wunder,
Ist ja kein Wunder nach dem verlorenen Krieg!
Einst waren wir frei, nun sind wir besetzt!
Das Land ist entzweit, was machen wir jetzt?
Jetzt kommt das Wirtschaftswunder,
Jetzt kommt das Wirtschaftswunder!
Jetzt gibt's im Laden Karbonaden schon und Räucherflunder!
Jetzt kommt das Wirtschaftswunder,
Jetzt kommt das Wirtschaftswunder!
Der deutsche Bauch erholt sich auch
Und ist schon sehr viel runder!
Jetzt schmeckt das Eisbein wieder in Aspik!
Ist ja kein Wunder, ist ja kein Wunder.
Ist ja kein Wunder nach dem verlorenen Krieg!
Die Läden offenbaren uns wieder Luxuswaren,
Wer Sorgen hat, hat auch Likör und gleich in hellen Scharen!
Man muß beim Autofahren nicht mehr mit Brennstoff sparen!
Die ersten Nazis schreiben fleißig ihre Memoiren,
Denn den Verlegern fehlt es an Kritik!
Ist ja kein Wunder, ist ja kein Wunder,
Ist ja kein Wunder nach dem verlorenen Krieg.
Wenn wir auch ein armes Land sind,
Zeig'n wir, daß wir imposant sind!
Und so ziemlich abgebrannt sind!
Weil wir etwas überspannt sind!
Wieder hau'n wir auf die Pauke!
Wir leben Hoch! Hoch! Hoch! Hoch! Hoch! Hoch! Hoch! Hoch!
Das ist das Wirtschaftswunder, das ist das Wirtschaftswunder!
Zwar gibt es Leut', die leben heut
noch zwischen Dreck und Plunder.
Doch für die Naziknaben,
Die das verschuldet haben,
Hat unser Staat viel Geld parat und
Spendet Monatsgaben!
Wir sind 'ne ungelernte Republik!
Ist ja kein Wunder, ist ja kein Wunder,
Ist ja kein Wunder nach dem verlorenen Krieg.
Aus dem Film“ Wir Wunderkinder“ 1958.
Text: Günter Neumann, Musik: Franz Grothe123
Der Reflex auf die neuen Machtverhältnisse in der Republik, die Kritik an einer Wirtschaftspolitik, die den ohnehin Habenden zu weiterem Wohlstand verhilft und die sozial Schwachen wie gehabt im Schatten stehen läßt, kann mit vielen Kabarettnummern belegt werden. Die zweite Bundestagswahl endet mit einem überwältigenden Sieg der CDU/CSU (45,2%). Konrad Adenauer beruft im Oktober 1953 sein Kabinett, der Wiederaufbau floriert, drei Jahre später speckt der Kanzler das Kabinett auf 16 Minister ab, Generalmajor Reinhard Gehlen baut mit Billigung der Alliierten wieder einen Nachrichtendienst auf.124 Alles läuft nach Plan, alles steuert peu à peu auf die Wiederbewaffnung zu, die am 2. Januar 1956 mit der Einberufung von 1.000 Freiwilligen praktisch besiegelt ist. Joachim Hackethal schreibt auf diesem zeitgeschichtlichen Hintergrund das raffinierte Lied von der „Bundesmodenschau“, einer komplexen Metapher auf das neue Bonner Klima. Ursula Noack singt die kleine kabarettistische Kostbarkeit. Die Anspielungen aus der Zeit sind souverän drapiert, die Decodierung der Bezüge können die Zuschauer der Zeit bei den Amnestierten unschwer lösen.
Die Bundesmodenschau
Ich begrüße Sie herzlich, meine Damen,
und auch die Herren, die mit Ihnen kamen
zur großen Bundesmodenschau –
oh, hier ist noch ein Platz frei, gnädige Frau!
Ich bitte um Ruhe und Aufmerksamkeit!
Laufsteg frei für das erste Kleid!
Sehr viele Bonner Damen wählen
das Modell Geheim aus dem Hause Gehlen;
vorne zu und hinten geschlossen,
der Stoff undurchsichtig und etwas verschossen,
er stammt nämlich noch aus dem letzten Krieg,
obwohl das Modell jüngst im Preise stieg.
Wiewohl sehr prunkvoll in der Gestaltung,
verleiht es doch abwehrende Haltung.
Die Taschen in V -Form, unsichtbar verbunden,
ein Kleid so richtig für Dämmerstunden.
Ein Tusch! Und erneute Aufmerksamkeit,
Laufsteg frei für das nächste Kleid!
Das Modell Konjunktur wird an heißen Tagen
von den Bonner Damen bevorzugt getragen,
weil es in keiner Weise beengt.
Es läßt sehr viel Spielraum nach unten und hängt
an hauchdünnen Trägern aus schwarzem Kredit,
die man beliebig verkürzt, wenn es zieht.
Der Unterbesatz aus buntem Diskont.
Er kann heraufgesetzt werden, wenn es sich lohnt.
Die Qualität des Modells ist es nicht, was wirkt.
Wichtig ist, daß es vieles verbirgt.
Einen Tusch! Und erneute Aufmerksamkeit,
Laufsteg frei für das nächste Kleid!
Das Modell Juliusturm aus dem Hause Schäffer
bezeichnet man gewöhnlich als den besten Treffer.
Denn je nachdem, an welchen Tagen,
kann man es doppelseitig tragen:
Die eine Seite schäbig und ärmlich,
ein wenig zerschlissen und ziemlich erbärmlich,
trägt man gewöhnlich bei Rentendebatten
und im deutschen Wirtschaftswunderschatten.
Die schäbige Form ist auch noch zu preisen
bei Gewerkschaftsempfängen und Auslandsreisen.
Die andere Seite - reich, goldverziert
und sechzigmilliardenfach demarkiert
trägt man gewöhnlich bei Haushaltsdebatten
und beim Besuch exotischer Potentaten.
Als Steuersäckel getarnt sind die Taschen,
außen verdeckt durch weite Maschen.
Und ist der Inhalt auch noch so schwer,
man hat stets das Gefühl, der Säckel sei leer.
Ein Tusch! Und erneute Aufmerksamkeit,
Laufsteg frei für das nächste Kleid!
Das Modell Verfassung wurde gerade geändert
und ein wenig auf zackig gerändert.
An den Hals kam ein engangliegender Wickel,
auch benötigt das Kleid wieder etliche Zwickel.
Man versucht es zwar schon mit Gummizügen,
doch das wollte dem Zuge der Zeit nicht genügen.
Es war zu eng für die Bonner Figuren,
trotz mancherlei Kuren.
Ein Tusch! Und erneute Aufmerksamkeit,
Laufsteg frei für das nächste Kleid!
Das Modell Kabinett aus schwarzem Ressort
herrscht neuerdings im Straßenbild vor.
Es war kürzer und wird seit einigen Tagen
nur noch mit 16 Knöpfen getragen.
Doch sind auch von diesen Knöpfen fast alle entbehrlich,
weil letztlich die Konradin-Schnalle das ganze Modell zusammenhält,
und alles stürzt, wenn die Schnalle fällt.
Ein Tusch! Und erneute Aufmerksamkeit,
Laufsteg frei für das nächste Kleid!
Meine Damen und Herren, Sie sehen jetzt unseren Dernier cri,
ein Import-Modell aus den USA, das Luxus-Kleid Demokratie.
Das, meine Damen und Herren, war wirklich noch nicht da.
Ich bitte Sie, diesem Modell Ihr Auge zu leihen.
Ehm, was ist denn das?
Oh, meine Damen und Herren,
bitte, Sie müssen verzeihen,
aber der Mannequin weigert sich, nackt zu kommen,
der Importeur hat das Kleid wieder mitgenommen.
Text von Joachim Hackethal, gesungen von Ursula Noack 1957 bei den „Amnestierten“125
Westdeutschland rüstet sich zum vierten Bundestagswahlkampf, als in den Nachmittagsstunden des 13. August 1961 unter dem Schutz gepanzerter Einheiten die Nationale Volksarmee Sperren gegen die Westsektoren Berlins errichtet. Vier Divisionen der bewaffneten DDR-Einheiten sind nach Berlin beordert, Staatssicherheitschef Mielke hat bei Androhung der standrechtlichen Erschießung äußerste Diskretion erzwungen und auch die westlichen Geheimdienste hinreichend getäuscht oder im unklaren gelassen. Die anschwellende Flüchtlingslawine von Ost nach West - im April verlassen allein 30 000 Menschen die DDR droht zur ökonomischen Katastrophe für das Ulbricht-Regime zu werden, 50 Prozent der Flüchtlinge sind Jugendliche unter 25 Jahre, die dem sozialistischen „Arbeiter- und Bauernstaat“ den Rücken kehren. Die überrumpelten Westalliierten greifen nicht ein, während Betriebskampfgruppen und Soldaten die Sektorengrenze systematisch abriegeln und den Steinwall errichten. Von nun an gilt der Schießbefehl, die Bernauerstraße erlangt triste Berühmtheit durch ihre Toten, die verzweifelten Zeugnisse eines letzten Fluchtversuchs.
Wie die Mauer zu beseitigen sei, das ist die bestimmende Frage in den Debattierklubs am Stammtisch, aber auch im Bundestag. Protestierende Bürger im Westen bauen jeweils am Jahrestag symbolische Gedenkmauern quer durch belebte Geschäftsstraßen.126 Die Betroffenheit ist zum Teil echt, aber auch mit ganz handfesten merkantilen Interessen gepaart, wie bei der Bildzeitung. Sie zählt von nun an im Titelblatt das Bestehen der „Schandmauer“ Tag für Tag mit. Erst nach Jahren wird das Spiel des bigotten Protestes aufgegeben. Auch dem greisen Kanzler am Rhein, Konrad Adenauer, kommt die Entwicklung der Mauerkrise nicht einmal ungelegen, zementiert das Bollwerk doch für jedermann sichtbar die Teilung der Welt. Über die Wiedervereinigung läßt sich von der Regierungsbank zwar weiterhin vollmundig sprechen, doch Handlungen in diese Richtung sind überflüssiger denn je. Die Mauer schützt über drei Jahrzehnte vor der Überprüfung eigener politischer Positionen, sie zementiert eine Spaltung, die vielen Politikern und Intellektuellen nicht unwillkommen ist. Das Gabenpaket in die „Zone“ mit steuerlicher Absetzbarkeit ist allemal die bequemere Variante im Vergleich mit den denkbaren Problemen, die ein wiedervereinigtes Deutschland mit sich bringen würde. Trauer über die Gegenwart und die Teilung ist im Parlament angesagt, doch wer was wirklich denkt, ist von den Politikern so ohne weiteres nicht zu erfahren. Umfragen vor der Wahl im November 1961 zeigen den Vertrauensverlust des Kanzlers. 47 Prozent der Befragten meinen immerhin, er habe sich in der Krisenzeit „nicht richtig“ verhalten, nur 31 Prozent stützen ihn noch.
Aus Berliner Sicht, aus der Sicht der Bedrohten, aus der Perspektive der RIAS-Insulaner ist die Einschätzung verhältnismäßig einfach. „Die Mauer muß weg“, so lautet die Devise. Am Brennpunkt des Kalten Krieges ist keine Zeit für Psychologisieren, an Ursachenforschung - zumal dann, wenn am Haus gezündelt wird - ist niemand interessiert, auch Günter Neumann nicht. Er läßt in schweren Berliner Tagen das Insulaner-Lied durch den Durchhalte-Song Woll'n wir wetten? ersetzen. Neumann gibt wie in früheren Tagen Unterricht im Überlebenskampf gegen den Osten. Die Rechnung ist die nämliche wie vor dem Mauerbau, und überhaupt: Der Westen wird siegen.
Woll'n wir wetten?
1.
Berlin is eine schöne Stadt,
die Mumm und Lebensfreude hat,
drum zuppelnse ooch immer an uns rum.
Da muß man gute Nerven haben,
und daß wir die Nerven haben,
das nimmt uns der kleene Ulbricht krumm.
Auch daß hier gute Freunde sitzen,
und daß uns die Freunde schützen,
davor is dem Spitzbart mehr als mies.
Obendrein kommt vom Westen
oft 'ne Schar von Gästen,
nehm'n Se nur die vielen Kennedys.
Woll'n wir wetten,
woll'n wir wetten,
woll'n wir wetten
woll'n wir wetten,
wer sich von uns länger hält:
Herr Ulbricht oder Berlin?
Woll'n wir wetten,
was Bestand hat auf der Welt?
Herr Ulbricht oder Berlin?
Denn wenn Ulbricht längst kassiert is
oder gar am Kinn rasiert is,
bleibt Berlin - immer noch Berlin!
Denn wenn Ulbricht längst jeschaßt is
oder wenn er gar im Knast is,
bleibt Berlin - immer noch Berlin!
2.
Was sahn wir in den wilden Tagen
hier für 'n Haufen Möbelwagen,
weil so mancher nach dem Westen fuhr.
Dann hörten draußen die Jewitzten,
daß se ohne Anlaß flitzten,
und nu kam'n se reumütig retour.
Ein oller Urberliner Knacker
von Beruf her Möbelpacker
schleppte 'ne Kommode mit Elang.
Und zum Kunden sprach er bieder:
Türmen Sie schon wieder?
Nehm' Se doch een Abonnemang!
Woll'n wir wetten,
woll'n wir wetten,
woll'n wir wetten
woll'n wir wetten,
wer sich von uns länger hält:
Herr Ulbricht oder Berlin?
Woll'n wir wetten,
wer aus de Pantinen fällt:
Herr Ulbricht oder Berlin?
Denn kiekt Ulbricht in der Fremde
ziemlich dußlich aus dem Hemde,
bleibt Berlin - immer noch Berlin!
Und sind alle für uns schwier jen
Volksbeglücker in Sibirien,
bleibt Berlin - immer noch Berlin!
(...)
Die Insulaner, März 1962127
Auch die anderen Kabarett-Ensembles melden sich sehr bald mit dem Thema „Mauer“ zu Wort. Die Mauer fungiert fortan als Metapher für politische Unvernunft schlechthin, für die Konfrontation zwischen Blöcken, Menschen und Systemen. Das in Beton gegossene Bauwerk eignet sich in besonderer Weise für assoziative Sprünge und Pointen. Es dient zur Codierung der verschiedensten politischen Widersprüche, es taugt zur Kombination von zunächst Unvereinbarem. Mit Mauer und Demarkationslinien lassen sich - trefflich für die Bretter- und Fernsehkunst - ideologische Verkrustungen anreißen. Die Mehrzahl der Künstler sehen hinter dem Symbol der Teilung eben mehr als eine faktische, auch todbringende, Grenzziehung. Wo das deutschsprachige Kabarett auf dem Höhepunkt der Zeit und mit ihr agieren kann, weitet sich das Bild zur kritischen Zwischenbilanz einer bis dato objektiv gescheiterten Deutschlandpolitik. Damit verbunden ist die Erkenntnis, daß bislang nichts zu bewegen ist, auch nicht durch die beiderseitigen Konfrontationsstrategien im Kalten Krieg. Dieter Hildebrandt beschreibt die gängigsten Muster der deutsch-deutschen Empörung, sie sind gleichzeitig eine Schule des privaten und öffentlichen Euphemismus, des Schönredens aus sehr durchsichtigem Anlaß.
Die Mauer
(Vor der Mauer versammelt sich eine Schulklasse aus „dem Westen „. Der Lehrer baut sich zu einer Belehrung auf.)
Lehrer: Jungs und Mädels! Wir stehen vor der deutschen Schicksalsmauer, und was denken wir dabei?
Schülerin: Daß wir nächste Woche darüber einen Schulaufsatz schreiben müssen.
Lehrer: Nein. Sondern?
Schüler: Daß es eine Schande ist.
Lehrer: Richtig. Und was denken wir noch?
Schülerin: Daß sie wieder weg muß!
Lehrer: Gut. Und wie?
Schüler: Indem wir ... indem wir ... indem die ... Weiß nicht, also wie?
Lehrer: Das weiß ich auch nicht, wir haben sie ja schließlich nicht hingemacht!
Schülerin: Nein, das waren die da drüben, weil sie Angst vor uns haben.
Lehrer: Und ist das berechtigt?
Schülerin: Na klar! Immer wenn wir Onkel Max in Neuruppin besuchen, sagt der: Jetzt kommen die Angeber wieder mit ihren Scheiß-Appelsinen!
(Schulklasse ab. Eine Referentin tritt auf, ihr nachfolgend der Minister.)
Referentin: Fahren Sie den Wagen des Herrn Ministers vor, wir sind in Eile! Das ist sie, die Mauer, Herr Minister. Wie sind Ihre Eindrücke?
Minister: Ich bin erschüttert.
Referentin: Dort ist Ihr Wagen, Herr Minister. (Beide gehen schnell ab. Zwei Herren betreten das Aussichtspodium.)
Produzent: Das ist sie, Schleierkorn! Habe ich Ihnen zuviel versprochen?
Schleierkorn: Fabelhaft beklemmend!
Produzent: Eben. Da muß Ihnen doch was einfallen. Hier Deutschland - da Deutschland - in der Mitte die Mauer! Ist das ein Film? Was? Schleierkorn: Toller Stoff. Den Film mache ich.
Produzent: Aber hart!
Schleierkorn: Na ja, wenn ich mir das so überlege ...
Produzent: ... wie tief das gehen kann!
Produzent: Mit Berlin?
Schleierkorn: Nein mit dem Stoff.
Produzent: Schleierkorn! Der Stoff schreibt sich von selbst!
Schleierkorn: Haha. Der Billy Wilder hat einen Ost-West-Stoff gemacht, der war heiter, da kam die Mauer dazwischen - aus. Stellen Sie sich vor, wir machen einen harten Stoff ganz ernst und ...
Produzent: Und?
Schleierkorn: Und die Mauer ist weg!
Produzent: Malen Sie den Teufel nicht an die Wand.
Die Berliner Stachelschweine, 28. August 1961128
Die Vermarktung der Mauer in Film und Pädagogik ist hier trefflich eingefangen und berührt den ambivalenten Mauer-Protest zu Beginn der sechziger Jahre: Das Bauwerk ist das materielle Korrelat zum sklerotisierten politischen Bewußtsein. Der Ruf nach Mauerabriß trägt a priori Spuren der Halbherzigkeit und des rhetorisch geschulten Euphemismus in sich. Das Gesagte wird nicht mit Ernsthaftigkeit verfolgt, die Herolde des Westens bedienen sich ein um das andere Mal der „uneigentlichen“ Redeweise. Das Als-ob beherrscht den Zungenschlag über den Berliner Status. Hannelore Kaub leuchtet in das neue ideologische Schattenreich tief hinein und bringt 1963 die doppelte Moral der Politiker scharfzüngig aufs Tapet. Diese Offenherzigkeit und Direktheit bekommt der Leiterin des Bügelbretts indessen nicht. Für die Fernsehaufzeichnung im Juli 1964 wird das Chanson auf Weisung wieder flugs aus dem Programm genommen, ein Fall von Zensur. Die hehren deutsch-deutschen Gefühle will sich das Fernsehen nach den Berlin-Bekenntnissen des John F. Kennedy jedenfalls nicht entweihen und beschmutzen lassen.
Und jeden Tag ein Stück
Am 13. August 1961 begann der Bau der Mauer durch die Regierung der DDR. Kein Mensch im Westen hat sie gewollt, und jeder von uns verurteilt sie. Und denoch wird sie täglich höher, denn wir ...
Wir bauen an der Mauer,
und jeden Tag ein Stück.
Wir bauen an der Mauer
mit tränenfeuchtem Blick.
Wir bauen mit Verbissenheit,
wir bauen für die Ewigkeit,
und merken's nicht einmal.
Wir bauen an der Mauer
gedankenlos und satt,
wir bauen an der Mauer,
weil man die riesengroße Angst im Nacken hat.
Ein bißchen Lüge und nicht dran denken,
doch jeden Festtag gesamt-gerührt.
Ein paar Briketts per Päckchen schenken –
wir mögen nicht, wenn unser Bruder friert.
Pauschales Mißtrau'n, pauschale Liebe
für den Bruder, den man nur aus Briefen kennt.
Pauschales Mitleid, pauschale Lüge,
doch im Grunde ist uns unser Bruder fremd.
Wir haben ihn zu lange warten lassen,
wir rieten ihm nur immer: hab Geduld!
Eines Tages wird uns unser Bruder hassen,
er wird sagen: Ihr im Westen, ihr seid schuld!
Was haben uns in diesen vielen Jahren
eure Worte und Versprechen denn genützt?
Wir haben auf euch gehofft und nur erfahren,
daß ein Weihnachtsstollen nicht vor Hunger schützt.
Wir bauen an der Mauer
aktiv und resolut.
Wir bauen an der Mauer
und meinen's doch nur gut.
Wir bauen an der Mauer,
und jeden Tag ein Stück.
Wir bauen an der Mauer
mit tränenfeuchtem Blick.
Wir haben stets auf Gott vertraut
und still-ergeben zugeschaut,
ob sich das Wunder tut.
Wir bauen an der Mauer
mit Phrasen und Geschick.
Wir bauen an der Mauer
mit dieser fünfzehn Jahre falschen Politik.
Und einmal jährlich ein Tag der Einheit,
mit Richard Wagner - ein Volk hat frei.
Man spricht von Einheit in Frieden und Freiheit,
als ob das nicht ganz selbstverständlich sei.
Wann wird man aufhören mit dem Bekennen
und der Wunschvorstellung: Was wir tun, ist gut!
Wann wird man die Dinge beim Namen nennen?
Warum fehlt uns denn für Tatsachen der Mut?
Warum können wir die Wahrheit nicht vertragen,
daß man Chancen, die wir hatten, glatt vertat?
Warum darf man es nicht laut und offen sagen,
daß da drüben ist ein zweiter deutscher Staat?
Man kann nicht nur von der deutschen Einheit träumen,
es ist nötig, daß man mit den andern spricht.
Doch das heißt, Kompromisse einzuräumen.
Na, wir wollen doch die Einheit. Oder nicht?
Wir bauen an der Mauer
verbissen wie noch nie.
Wir bauen an der Mauer
und einer Utopie.
Wir bauen an der Mauer
und jeden Tag ein Stück.
Wir bauen an der Mauer
mit tränenfeuchtem Blick.
Wir hören, wie's dort drüben ist,
fast jeder ist ein Kommunist,
nur unser Bruder nicht.
Wir bauen an der Mauer,
verdummt und schizophren.
Wir bauen an der Mauer,
und das Ende ist vorerst nicht abzuseh'n.
Selbständig handeln, politisch denken
hat unser Staat uns nicht gelehrt.
Es wurde immer schon bewußt nicht aufgeklärt.
Und dann die Angst und das Erkennen:
die da drüben sind geschult und instruiert –
man wird uns geistig überrennen –
wir sind in Kürze kommunistisch infiltriert.
Das fürchtet man und ist darum dagegen.
Diese Haltung ist gefährlich doch bequem.
Dabei sind wir doch dem Osten überlegen
mit unsrem westlich demokratischen System.
Wir woll'n das ganze Deutschland neu vereinen
ohne Opfer und reale Konzeption.
Doch solange wir den zweiten Staat verneinen,
bleibt die deutsche Einheit eine Illusion.
Wir bauen an der Mauer,
und jeden Tag ein Stück.
Wir bauen an der Mauer
mit tränenfeuchtem Blick.
Und wenn die Wiedervereinigung kommt - die Mauer, die
der Osten errichtet hat, ist an einem Tag niedergerissen,
doch die geistige Mauer, an der wir beide arbeiten, wird
in zehn Jahren noch nicht abgetragen sein.
Hannelore Kaub, 1963129
Was vor dreißig Jahren der Fernsehzensur zum Opfer fällt, weil das Medium Fernsehen sich wieder einmal als verlängerter Arm der Regierungsgewalt versteht, das klingt heute wie eine weitsichtige Offenbarung, die die Schwierigkeiten der Deutschlandpolitik der neunziger Jahre beschreibt. Das Lied der Hannelore Kaub darf rückblickend als die scharfsinnigste „Mauer-Analyse“ im deutschsprachigen Kabarett der Zeit bezeichnet werden. Der Blickwinkel ist analytisch und beschreibt die vorgefundene Wirklichkeit in ihrer doppelten Facette. Nicht nur die Mauer hat geteilt, auch der Westen gibt sich Janus-gesichtig. Deutsches Tremolo bestimmt die Lieder an der Mauer der Klage und verdeckt das politische Kalkül der Regierungen Adenauer und Erhard. Beider Blick ist bis Mitte der sechziger Jahre - ungeachtet aller Beteuerungen stramm nach Washington und Paris gerichtet.
Vereinnahmen läßt sich das kabarettistische Urgestein Wolfgang Neuss, der Kabarettist mit der veritablen Metzgerlehre, nicht. Er gehört zu Berlin, die Stadt zu ihm: Der Exzentriker ohne Beispiel mischt sich nicht nur nebenbei ein, seine Nachrichten über das geteilte Deutschland lassen die Medien erzittern. Er ist ein Verfolger und Verfolgter, ein messianischer Eulenspiegel und ein salbadernder Guru. Er hat bis zu seinem Tod im Mai 1989 nie die Bühne verlassen, auch nicht als zahnloser Aussteiger, als Kiffer und Fixer, der sich am Schluß seines Lebens dem Kulturbetrieb in gezielter masochistischer Provokation verweigert und von Sozialhilfe lebt und dies auch will. Er sympathisiert mit einer linken SPD, die es nicht gibt, wirbt 1965 für Willy Brandt im Wahlkampf und empfiehlt zugleich die DFU mit der Zweitstimme zu bedenken. Neuss liebt das Anarchische und überprüft sich und das System in allen Ecken und Nischen auf Glaubwürdigkeit. Im Berliner Abend verrät der Clown 1962 in einer privaten Anzeige, wer der „Halstuch“-Mörder in der Fernsehserie ist. Das Fernsehpublikum von West-Berlin tobt, die Presse ebenfalls. Es gibt Drohungen an die Adresse des deutschen Nonkonformisten, den unnachahmlichen Schnelldenker und Schnellsprecher, den Akrobaten der verwegenen und kruden Assoziation. Neuss - und dieses Dokument hat verpflichtenden Charakter – demontiert 1983 in einer Talk-Show des SFB den Regierenden Bürgermeister von Berlin und zukünftigen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker.
Außerlich gezeichnet vom Abstieg in die soziale Randzone, vollführt Wolfgang Neuss hier in knapp bemessenen Sendeminuten - wild, exzentrisch, naiv und zudringlich-die verbale Ausbeinung des Politikers. Gemeinplätze des politischen Jargons desavouiert der Zahnlose, rhetorische Staffagen des Bürgermeisters zertrümmert der furiose Künstler und Kabarettist in einer wilden Kür. Nummerntheater und gelebtes Bekenntnis vermischen sich beispiellos. Der ins Fernsehen gerufene Clown holt aus, trifft sie alle noch mal, die Schönredner und Möchtegerns. Der Bogen, den Neuss gespannt hat, ist mit Pfeilen bestückt, die die Heuchler und Bigotten treffen.
Im Jüngsten Gerücht, einer Solo-Nummer über Gott und die Welt, vor allem aber über Bonner und deutsch-deutsches Getümle, demonstriert Wolfgang Neuss ab Dezember 1963 im Domizil am Lützowplatz monomanische Kabarettkunst. Das Feuerwerk unverbindlicher Verbindlichkeiten, die Kaskaden des politischen Witzes machen ihn endgültig berühmt. Die Schallplattenindustrie kümmert sich jetzt auch um das Talent, und die Lobby beehrt die Gerüchtsverhandlung mit dem „Preis der deutschen Schallplattenkritik“.
Das Jüngste Gerücht
(Schlagzeugwirbel, von Neuss unterlegt)
Faites votre jeu et venez au milieu!
Guten Abend! Rauchend und trällernd begrüßt Sie hier ein Bebrillter. Ich rauche sehr gern. Sie doch auch, na klar?! Wer hat Angst vor Virginia Filter? Guten Abend! Guten Abend, auch Du politischer Banause! Wir können hier richtig deutsch diskutieren, richtig deutsch. Wir haben Verbandszeug im Hause. (Schlagzeug weiter.) Schön vorsichtig sein, hier im Keller. Der Rotwein ist getauft. Schon gehört? Der Neuss ist von der SPD gekauft. Schon gehört? Pfui Deibel! Das Schwein läßt sich mit Rompilgern ein. (Singt und johlt, Schlagzeug weiter.)
Prinzessin Irene von Holland ist nach Spanien konvertiert, nicht zu fassen. Nun können wir ja wieder niederländische Eier nach Bayern lassen. Ein protestantischer Christ war in Madrid und stellt fest: Franco ist kein Faschist, sondern Antikommunist. Man beachte, daß da ein Unterschied ist. Guten Abend! Ich seh' Sie hier alle nicht ohne Rührung. Sie sehen so schön einig aus! Einig in der Passierscheinfrage, einig mit der Bundesregierung. (Schlagzeug weiter.) Nur keine Risikotaten ! Am 8. April nächste „Halstuch“-Folge. Ich glaube, ich muß bald mal wieder einen Mörder verraten! (Lachen des Publikums, Schlagzeug weiter.) Übrigens: Asylrecht kann ich hier nicht gewähren, am Schluß muß man raus aus dem Keller! Nur dadurch kann man wiederkehren. Wir alle müssen von der „Morgenpost“ genesen, wir müssen viel mehr Bücher lesen. Nächste Woche tagen im Reichstag die Bundestagsfraktionen - auch die CDU/CSU. Nanu, im Reichstag? Hat man was erkannt? Im Reichstag? Fürchtet man wieder Brand(t), Brand(t) im Reichstag? Bundesmickymaus Felix von Eckardt streut Gerüchte aus (Schlagzeug). Adenauer liest chinesische Gedichte. Chinesisch entspricht seinem Wesen. Das soll uns erst einer nachmachen: Mit 88 noch senkrecht lesen!
Das jüngste Gerücht, hat mir Felix erzählt: Adenauer will Marlene Dietrich heiraten. Ich sage, na und? Muß er? - So meine Damen und Herren, spätestens an dieser Stelle beginnt die Pflicht, bis hierher war Kür. Ach, die Höcherl-Membrane hab ich noch nicht ausprobiert. Ich klage im Moment gegen Höcherl. Ich bin einer der wenigen Berliner Telefonbesitzer, die nicht abgehört werden. Ich meine, so unwichtig bin ich ja nun auch nicht, nicht? Ich sehe mir jede Woche einen polnischen Film an. Da muß man doch langsam abhörreif sein. Ich will mal ein richtiges Gerücht machen: Vor dem Bundesverfassungsgericht 1966 steht der ehemalige Außenminister Gerhard Schröder, Scheitel-Gerhard, my fair Schrödi, und sagt aus, daß er für seine englandfreundliche Politik im vergangenen Jahr von Augstein bezahlt wurde. Hui, ich merke schon, akustisch haut das alles hier noch gar nicht richtig hin. (Singt:)
Sag mir, wo die Falken sind, wo sind sie gebl... (bricht ab). Die wollen doch nach Oslo, wollen die jetzt, ja. Und Senator Neubauer, der ist übrigens noch im Amt (lautes Lachen). Der hat eine völlig, der hat eine völlig neue Gerüchtslinie rausgegeben: Mit städtischem Reisegeld darf im Ausland nicht mehr gelogen, sondern muß die Wahrheit verschwiegen werden. Also, wenn man das einhält, dann dürfen die Falken hin, wo sie wollen. (...)130
Zur Zeit der Studentendemonstrationen agiert und agitiert „der Große Kleine Mann, der vollkommene Kabarettist“131 selbstverständlich gegen die Schlachten im fernen Vietnam. Er erklärt dem Krieg den Krieg, nimmt an den Zirkeln des SDS teil. Doch kopflastiges Debattieren ohne Konkretion liegt ihm nicht. In dem autobiografischen Roman „Der Mann mit der Pauke“ nimmt sich das Zusammtreffen des Kabarettisten mit den Spontis, Dogmatikern und Kommunarden und Demonstranten recht amüsant aus:
„Wir saßen am Ofen. Viele andere standen, Sie sollten die Demonstration besprechen, aber was man hörte, waren theoretische Erinnerungen an den Ursprung des Vietnamkrieges. Ich wollte sofort abhauen. Aber die Leute, die an der Tür standen und sie versperrten, sahen so düster aus, daß ich ängstlich sitzen blieb und ein intelligentes Gesicht machte, als ob ich den ganzen Quatsch tatsächlich verstehen würde. Die SDS-ler erinnerten sich weiter. Sie erinnerten sich derart intensiv an den Vietnamkrieg, daß sie daraus eine Wissenschaft machten. Man wußte nicht, wogegen sie eigentlich waren und wofür, und inzwischen wurde der Krieg immer schlimmer. Ich hatte mir vorgenommen, den Mund nicht aufzumachen. Außerdem hatte ich Angst, eine unheimliche Angst, mich zu blamieren.“132
Der Protest gegen die amerikanische Kriegspolitik ist besonders in Berlin laut und vernehmlich. Die großen Zeitungskonzerne werden von der linken Szene als Ideologieträger dieser Politik entlarvt. „Haut dem Springer auf die Finger“ lautet das Motto, während die Demonstranten am Verlagsgebäude des Bechtle-Drucks in Esslingen a.N., schwäbisch verkleinernd, „Bechtle, Bechtle - Springers Knechtle“ skandieren. Wolfgang Neuss rechnet mit der BILD-Zeitung auf seine Weise ab. Hannelore Kaub hat schon 1963 ein ganzes Kabarettprogramm im Bügelbrett dem Massenblatt gewidmet, der Titel: „Millionen BILD-Leser fordern“. Wenn Neuss über das Massenblatt spricht, dann ist dies immer zugleich auch die ganz persönliche Abrechnung mit der Berliner Journaille, die den Kabarettisten im vermeintlichen Interesse ihrer bürgerlichen Leser über Jahre mit Verunglimpfungen traktiert. Neuss über sein verhaßtes Blatt:
Neuss spricht BILD
Das jüngste Gewerbe der Welt
Zweistimmiges Anhearing. Zum Abtreiben der Manipulation.
Nicht von Schering.
BILD ist eine deutsche Geschlechtskrankheit. Mit Leichtigkeit,
ohne Beschwerden kann sie in eine heilsame Zwerchfellentzündung umgemünzt werden
Denn BILD ist magnetisch. Durch Neuss wird sie phonetisch.
Eine Köstlichkeit: offen undemokratisch-freimütig reaktionär
liberal bis zur
täglichen Mord-Anstiftung für den gelungenen Ernstfall.
Ich werde mich der einflußreichen Spalte annehmen.
Ich benutze die Plattform, um Stellung zu nehmen mit Haltung.
Ich huste den Annoncenteil. Die Anzeigen.
Wir zeigen BILD an. BILD ist guuut. Machen Sie sich ein BILD,
und Sie wissen
wie man System mit System austreibt.
In dieser Gesellschaft heißt Springer enteignen Springer beklaun.
BILD verlor seinen Starreporter Roy Clark
und damit erstmals
Malz und Hopfen. Axel enteignen heißt Schulterklopfen
(...)
BILD fordert: Radikalinskis in den Osten und Wiedervereinigung!
BILD, wir fragen DICH, warum erscheinst du täglich?
Arbeite lieber!
Wolfgang Neuss, Asyl im Domizil133
Das Kabarett von Wolfgang Neuss, seine Texte und Glossen nehmen in diesen zehn Jahren zwischen Adenauers Alleinherrschaft, der Großen Koalition und der SPD-Regierung den politischen Gegner ins Fadenkreuz. Es gibt keine vornehmen oder zurückhaltenden Ausweichmanöver, keine Flucht in die Unverbindlichkeit. Die Mächtigen in Staat und Gesellschaft sind dem Scharfzüngigen allemal suspekt. Neuss verwaist schonungslos auf die braunen Wurzeln des neuen Staates, auf die Seilschaften aus der nationalsozialistischen Ära. Der Sänger klopft die Wohlstandsfassade des dicken Ludwigs, des gepriesenen Architekten des Wirtschaftswunders ab. Was er dort findet mieft nach Morast. Und darauf will er hinaus, der Barde, auf die Kenntlichmachung usurpierter Macht. Strauß als Sinnbild des Herrschaftsmenschen, gezeichnet durch die Spiegelaffäre von 1962 und schon wieder auf dem Weg nach oben. Er ist das Schreckgepenst der kritischen Intelligenz in West-Berlin und in der Bundesrepublik. Der ehemalige Minister für Atomfragen, der Verteidigungsminster von 1956-1962, ist immer wieder Gegenstand der heftigsten Attacken. Neuss mißtraut dem Aufrüster und parlamentarischen Schwindler, malt das Menetekel eines Auferstandenen an die Wand.
O Sonnenkanzler Ludwig
lange braucht der Narr sich zu besinnen.
Nie wird der Staat in dem du lebst
sagst du
'neu Krieg beginnen.
Du willst es ganz bestimmt von mir nicht hörn:
Ich würd dir so gern einmal den Krieg erklärn.
Gebt doch dem Bulln aus Rott am Inn
Zurück´s Ministeramt.
Ihr habt ihn doch nicht für die Ewigkeit verdammt.
Ihr wißt
sein Appetit auf Macht ward ihm zum Grab
die liberalen Neider knöpften ihm sein Pöstchen ab.
Schaut auf den Kerl
ein weibverschlingender Koloß
er ist für das System (in dem ihr gerne lebt)
der ideale Boß.
Ein Mann der halbe Kälber zehrt
ein Krematorium voll Fleisch und Bier
sein Leib bringt ihn nicht um.
Der Franz aus dem Moränenland hat mehr Verstand
als selber du!
Nur er schafft aus der CD eine originale NSCDU
Faschist ist er?
Ei freilich
doch ich sage mir
ein kalter Ofen ist der Grund warum ich frier.
Was uns erwartet
das verrät uns Strauß aus erster Hand.
Rehabilitiert den Mann
er liebt sein Vaterland.
Verzeiht ihm doch
daß er zu früh euch weckt
zur Schlacht ums Abendland
die euch - ich weiß - nicht schmeckt. j'
Ach wenn die westzonale Sau sich bunt benimmt
so seid ihr wenn sie sich eins grunzt - noch lange nicht froh.
Jedoch wenn es euch juckt
so ist das nicht ihr Floh.
Ihr seht
es kommt darauf an daß man den Vorteil nimmt
den uns die Fabrikanten vor die Füße tun
in Krokolederschuhn.
Aus dem Programm „Neuss Testament“, 1965134
In der großen Politik herrscht saturierte Selbstzufriedenheit, die nur durch die atomare Bedrohung gefährdet werden könnte. Der Optimismus ist grenzenlos und wird durch ein neues Zivilschutz-Konzept untermauert. Der Bevölkerung wird in breitangelegten Kampagnen die rosigen Aussichten nach einem Atomkrieg vor Augen geführt. Überleben läßt sich immer, lautet die obszöne Verteidigungsdevise 1965. In der strahlenden Zukunft kann die Aktentasche, ein Stuhl, ein Tisch - so trommelt es in Faltblättern - Lebensrettung bringen. Doch in den Ostermärschen wird das Mißtrauen gegenüber jedweder Atom- und Rüstungspolitik Jahr um Jahr von der außerparlamentarischen Opposition bekräftigt und in Erinnerung gebracht. Dieter Hildebrandt kritisiert seit 1962 in der Münchner Lach- und Schießgesellschaft den Beschwichtigungsschwindel der Bonner Politik, die ihren Bürgern die Harmlosigkeit einer atomaren Katastrophe durchaus und sehr plump schmackhaft machen will. Der Bürger soll nach den Vorgaben der Innenpolitik lernen, mit der Bombe zu leben. Wer auf die Straße geht, dagegen aufmuckt oder gegen die Verharmloser protestiert, hat ausgespielt oder ist womöglich bezahlter „Agent“ aus dem Osten. Bei Hildebrandt wird jetzt angesungen, frech, laut und auch notwendig. Es sind Lieder gegen die Gewöhnung an das Undenkbare, gegen den Gleichschritt bürgerlicher Mitläufer.
Überleben Sie mal
Überkleben Sie Plakate, Transparente,
wo geschrieben steht, es ist nun alles aus.
Überlassen Sie das bitte dem Talente,
der Voraussicht unsrer Herrn im Bundeshaus.
Übergeben Sie suspekte Elemente,
die das sagen, der Verfassungspolizei.
Auch der Untergang der Welt war eine Ente.
Pazifismus ist nur leere Rederei.
Weil alles halb so wild ist,
wenn man nur recht im Bild ist.
Weil man nur angeschmiert ist,
wenn man nicht informiert ist.
Weil alles halb so schwer ist,
weil alles kein Malheur ist,
weil jeder Amateur ist,
der sich dabei empört.
Überheben Sie sich sämtlicher Bedenken,
Eine Bombe kostet nicht gleich jeden Kopp,
Und die Kirche sagt, der Herr wird sie schon lenken,
Und der lenkt sie in den Osten. Na und ob...
sie aber über Oberammergau
oder aber über Unterammergau,
oder aber überhaupt nicht fällt,
ist nicht gewiß.
Bürgerin: Der Mensch von heute soll nicht höher als höchstens im Hochparterre wohnen.
1.Bürger: Warum denn das?
Bürgerin: Je höher der Stand der Technik, um so tiefer muß der Mensch wohnen.
1.Bürger: Weswegen?
Bürgerin: Damit er's nicht so weit in den Keller hat.
2. Bürger: (Zieht ein Buch heraus) „Eine moderne Fernrakete hat eine Geschwindigkeit von 28 000 Stundenkilometern. Die Flugzeit von Bratislawa bis München würde also fünf Sekunden betragen.“
3. Bürger: Sagen Sie!
2. Bürger: Nein, sagt der Fachmann.
1. Bürger: Sie vergessen unser hochentwickeltes Warnsystem; es kann uns nichts passieren.
3. Bürger: Unser was?
1. Bürger: Warnsystem. (Zieht eine Broschüre heraus und liest:) „Bei einem drohenden Angriff wird die Bevölkerung durch den Rundfunk über die allgemeine Lage laufend unterrichtet.“
3. Bürger: Sagen Sie?
1. Bürger: Nein, sagt diese amtliche Broschüre.
3. Bürger: Moment, das möchte ich wissen. Ich gehe jetzt hinaus und bin die Rakete. Einer von Ihnen spielt den Bayerischen Rundfunk, und einer zählt von 21-25, und dann schlage ich ein...
Dieter Hildebrandt, 1962135
In den Ostermärschen der fünfziger und sechziger Jahre wird das Mißtrauen gegenüber der „Verteidigungs“-, Atom- und Rüstungspolitik Jahr um Jahr von der außerparlamentarischen Opposition bekräftigt und in Erinnerung gebracht. In der „Kampagne für Abrüstung“ - die Vorläuferin der Ostermarsch-Bewegung - organisieren sich bürgerliche und sozialistische Intellektuelle, Kriegsdienstverweigerer, Mitglieder von SPD und DGB und auch die Naturfreundejugend. Der nur locker formierte oppositionelle Zusammenschluß versteht sich Mitte der sechziger Jahre zugleich als Forum für die Gegner einer Notstandsgesetzgebung und reklamiert die Anerkennung der DDR. Trotz einer noch weitgehend stabilen Wirtschaft bis 1967, ist die Stimmung eher kritisch als optimistisch. Die Hatz auf verdächtige Sozialisten und Kommunisten verstärkt sich wieder einmal. Was Senator McCarthy mit der Verfolgung Andersdenkender vorexerzierte, findet in Westdeutschland durchaus Nachahmer. Aber nicht nur politisch stehen die Zeichen auf Sturm - die CDU-Mehrheiten bröckeln -, mit dem Gespenst von der feindlichen und atomaren Bedrohung versucht das christlich-liberale und später christlich-soziale Regierungsbündnis nach bewährtem Freund-Feind-Schema von eigenen Schwierigkeiten abzulenken. Die Bevölkerung, die der atombestückte Bundeswehr „entbehrt“, wird weiterhin auf die Apokalypse eingeschworen. Günstige öffentliche Kredite für die Zwischenfinanzierung privater Atombunker im heimischen Garten sollen den Eindruck erwecken, als sei das atomare Inferno prinzipiell und mit optimalen Chancen zu überleben. Das Schüren tiefsitzender Ängste gehört zur Strategie im Feldzug gegen den östlichen Feind. Die Arbeitsämter werden für den Fall der Fälle wieder mit Lebensmittelmarken ausgestattet, die in der Stunde X, merkwürdig genug, zur Verteilung kommen sollen. Dieter Hallervorden macht sich als Kopf der Wühlmäuse in diesem verteidigungstechnischen Sinne mit einer Assistentin seine Gedanken. Man schreibt das Jahr 1965.
Maske in Gas
(Hallervorden: ) Meine sehr verehrten Damen und Herren! Sie wundern sich vielleicht, warum ich - von Ihnen aus gesehen von links außen - operiere. Aber es handelt sich um eine sehr delikate Angelegenheit, die von hinten rum an das Volk gebracht werden muß. Kurzum, hier erhalten Sie Ihre Überlebenschance im Falle des Atomkrieges, wie sie die BILD-Zeitung vom 10. Juli 65 verspricht, eine Überlebenschance für 4250 Pfennige. Meine MTA, meine Medizinisch-technische -Assistentin
(Sie): N´abend
(Hallervorden:)...wird jetzt einige Möglichkeiten Ihren Pupillen preisgeben. Denken Sie zunächst mal an so verschieden kleine Dingelchen, die Sie sich laut Gesetz ab 1.1.68 sowieso anschaffen müssen. Hier zunächst dieses zauberhaft süße kleine Gasmaske Modell...
(Sie): Atomtod
Hallervorden (korrigiert): Atemnot, mit der Sicherungsklappe „Schluckauf“. Also die ziehen Sie sich über den Kopf. Die ist elektronisch geprüft für höhere Ansprüche, von äußerster Sensibilität, für ganze 15 Mark. Also mal ehrlich, 15 Mark, dafür kriegen Sie sonst keine Kleidungsstücke für, nicht mal neu Hut oder so. Und manch einer hat sowieso nicht so ein schönes Gesicht, dem kommt das dann zugute. Und dann hätten wir hier noch diesen (? C. H.) mit der Notverpflegung für 20 Mark, sozusagen die Henkersmahlzeit, nicht? Da ist also drin: Kohlrüben, Brom, Kohlrüben, Schlaftabletten, Kohlrüben, Kaugummi, Kohlrüben, Kohlrüben, Kohlrüben, Kohlrüben, Kohlrüben. Oh? Kohlrüben! Also eine sehr phantasievolle Zusammenstellung für den Feinschmecker. Und dazu bekommen Sie noch für 5 Mark einen Verbandskasten und der Rest geht drauf - ich meine, für ein paar Kleinigkeiten geht der Rest drauf. Gratis dazu bekommen Sie ein nettes kleines Büchelchen, versiegelt, erst nach Eintreten des Ernstfalls zu lesen, mit dem wunderschönen Titel: „Zu spät“. Und außerdem ist dann noch vorgesehen, daß Sie sich in 10 Übungsstunden auf den Ernstfall vorbereiten. Nun werden Sie fragen, warum gerade 10 Stunden? Mal ehrlich: So lange dauert es doch schon, bis Sie das Vaterunser wieder können, nicht? Sollten Sie sich jetzt immer noch nicht entschließen können, den Dingen geistig näherzutreten, dann werde ich die Dinge jetzt mal bei ihrem richtigen Namen nennen. Da sag ich nämlich: Luftschutz, Löschsand, Volksgasmaske, Phosphorregen, statt:
(Sie:) Selbstschutzbau, Vorsorge, Inspektion
(Hallervorden:) Heissa, das ist ein kleiner Unterschied, oder? Na, was ist denn, der Herr? Wollen Sie nicht freudestrahlend zustimmen? Bitte? Sie sind schon 66? Da haben Sie unverschämtes Schwein gehabt, denn selbstschutzverpflichtet ist man nur bis 65. Für alles, was über 65 ist, möchte ich jetzt sozusagen außer meiner sonstigen Tätigkeit bei den deutschen Wochenschauen, mal nen ganz lieben Rat geben: Nehmen Sie ein großes weisses Tischtuch übern Arm, in die andere Hand nehmen Sie einen schönen großen Blumenstrauß, und dann gehen Sie schon mal g-an-n-zz l-ang-sa-m -mm in Richtung Friedhof.
Dieter Hallervorden, vorgetragen bei den „Wühlmäusen“136
Ein Blick in eine Anthologie ausgewählter „Primanerlyrik-Primanerprosa“ aus dem Jahre 1965 zeigt den politisierten Konaflikt zwischen der Väter- und Söhnegeneration. Eine gemeinsame Sprache gibt es nicht mehr. Die Jüngeren protestieren vernehmlich gegen die Gleichgültigkeit der Eltern, die das „Dritte Reich“ zugelassen oder mitgetragen haben und jetzt im Wohlstandsrausch weiteres Unrecht dulden: Vietnam. Viele Jugendliche und Kinder fühlen sich betrogen und wollen auf der vorgezeichneten Einbahnstraße nicht mitziehen. Sie fordern Rechenschaft von den Vätern.
Vorwurf
Uns stellt ihr
euch
als Helden dar.
Jeder von euch will
in den Krisenjahren
ein Widerständlergewesen sein.
Im stillen Kämmerlein
so viele Jahre durch.
So frag ich
mich,
wer war es, der
gejubelt, der ja gesagt
und zugestimmt?
Ihr!
Ihr alle,
angefangen bei euch,
die ihr doppelt mir
an Alter heut' überlegen.
Alle seid ihr schuldig,
nicht nur wenige;
nicht bloß einige.
Alle!
Primanerlyrik 1965137
Aber nicht nur in der „Schubladenlyrik“ der jungen Generation artikuliert sich Spannung zu den Vätern. Auch im populären Schlager der Zeit wird die Krise sinnenfällig - wenigstens hin und wieder. Obwohl der Schlager meist der ideologischen Kaschierung und Vernebelung verpflichtet ist, gibt es Belege, die, konträr, seine Aktualität und Zeitgenossenschaft dokumentieren. Wie auf der Bühne des Kabaretts vermag die ansprechende und raffinierte Komposition im Zusammenspiel mit lebendigen oder zeitnahen Texten eine treffende Zustandsbeschreibung abzulichten. Dem Hazy Osterwald-Sextett („Kriminaltango“) glückt 1966 mit Der Fahrstuhl die emotionale Nähe zum Gegenwartsgeschehen, zur politischen Realität in der Republik und zeigt Bruchstellen auf. Der Schlager ist in die erste Rezession der Republik plaziert, das Vertrauen in den ungebrochenen wirtschaftlichen Boom erstmals erschüttert. Die Große Koalition fungiert als Krisenmanagerin. Kurt Feltz, der Texter, hat Risse im System mit Osterwald zum Klingen gebracht.
Der Fahrstuhl
Der Fahrstuhl nach oben ist besetzt
Sie müssen warten
Sie können zum Weg nach oben jetzt
erst später starten
Der richtige Fahrstuhl für Sie
fährt unter Umständen nie
Der Fahrstuhl nach oben ist besetzt
Sie müssen warten
Sie sind kein kleiner Mann, Sie sind kein großer Mann
Sie sind die Mitte
Doch ab und zu stehn Sie dem Schicksal vis-ä-vis
mit einer Bitte
Sie denken, so dumm kann ja ich nun auch nicht sein
ich steig mal in den Karriereaufzug ein
Der Fahrstuhl nach oben ist besetzt
Sie müssen warten
die lassen zum Weg nach oben jetzt
die andern starten
Sie haben da keine Schuld
drum haben Sie nur Geduld
Der Fahrstuhl nach oben ist besetzt
Sie müssen warten
Sie möchten auch einmal laut rufen: hörn Sie mal
und Leute jagen
Sie möchten Schritte tun, wenn's sein muß Tritte tun
und nicht erst fragen
Sie möchten fühlen, daß Respekt Sie rings umgibt
Sie möchten können, was der andre heut noch übt
Der Fahrstuhl nach oben ist besetzt
Sie müssen warten
die Herren von der Wirtschaft geben Schecks
als Eintrittskarten
Minister mußt du schon sein
sonst gibt dir keiner 'nen Schein
Der Fahrstuhl nach oben ist besetzt
Sie müssen warten
Text: Kurt Feltz, Musik: Peter Laine, 1966138
Als das iranische Kaiserpaar im Frühsommer 1967 die Bundesrepublik und West-Berlin besucht, kommt es zu gewalttätigen Ausschreitungen. Angeheuerte „Jubel-Perser“ auf der einen Seite und eine brutal zuschlagende Polizei auf der anderen heizen die Stimmung in Berlin an. Eine Vermittlung zwischen Demonstranten und Ordnungskröten ist aufgrund der militanten Stimmung nicht möglich. Am Abend des 2. Juni wird der Germanistik-Student Benno Ohnesorg von einer Polizeikugel hingestreckt. Polizeiobermeister Karl-Heinz Kurras gibt um 20 Uhr 30 die beiden tödlichen Schüsse ab. Der Journalist Jürgen Henschel erinnert sich:
„Wir Journalisten machten unsere Arbeit, angesteckt von der allgemeinen Stimmung. Ich pendelte hinter, vor und zwischen den Polizeilinien. So kam ich auch in den Garagenhof, wo ein kopfverletzter Jugendlicher gerade von einer jungen Frau, die offenbar nicht zu den Demonstranten gehörte, versorgt wurde. Ich wechselte mit der Frau einige Worte, machte eine Aufnahme, auch noch, als der Jugendliche auf einer Trage ins Sanitätsauto gebracht wurde. Spät in der Nacht erst endeten die Auseinandersetzungen. Am nächsten Morgen teilte der Rundfunk mit, daß ein Jugendlicher bei dem Polizeieinsatz `zum Schutz der öffentlichen Ordnung´ ums Leben gekommen war.“139
Kaum ein Jahr später wird der intellektuelle Kopf der Studentenbewegung, Rudi Dutschke, am Gründonnerstag 1968 von Josef Bachmann durch Kopfschuß schwer verletzt. Tage zuvor hat die Deutsche Nationalzeitung (22.3.68) zur bedenkenlosen Hatz auf den Studentenführer aufgerufen. „Stoppt Dutschke jetzt! Sonst gibt es Bürgerkrieg“ - so lautet die Schlagzeile im braunen Kampfblatt. Bachmann liest den Aufruf und setzt das Gelesene naiv und bedenkenlos in die Tat um. Die Saat der Presse geht auf, und ein kleiner Teil der Studenten wird sich in der Folgezeit weiter radikalisieren, bis hin zur folgenschweren Abirrung des RAF-Terrors.
Wolf Biermann findet in diesen Schreckenswochen als erster zu Wort und (künstlerischer) Stimme. In Ost-Berlin komponiert und textet er ein Lied, das Protest und Revolte zugleich ist. Das Attentat versteht er wie die Linke nicht als bedauerlichen Einzelfall. Es ist ihm Indiz für eine aus dem Ruder gelaufene Politik, die in Bonn zum Beispiel durch den Alt-Nazi Kurt Georg Kiesinger bestimmt wird, in Berlin durch den Regierenden Klaus Schütz. Dessen verächtliche Sentenz über demonstrierende Studenten („Ihr müßt diesen Typen nur ins Gesicht sehen“) erlangt unrühmliche Popularität.
Drei Kugeln auf Rudi Dutschke
1
Drei Kugeln auf Rudi Dutschke
Ein blutiges Attentat
Wir haben genau gesehen
Wer da geschossen hat
Ach Deutschland, deine Mörder!
Es ist das alte Lied
Schon wieder Blut und Tränen
Was gehst Du denn mit denen
Du weißt doch, was Dir blüht!
2
Die Kugel Nummer Eins kam
Aus Springers Zeitungswald
Ihr habt dem Mann die Groschen
Auch noch dafür bezahlt
Ach Deutschland, deine Mörder!
3
Des zweiten Schusses Schütze
Im Schöneberger Haus
Sein Mund war ja die Mündung
da kam die Kugel raus
Ach Deutschland, deine Mörder!
4
Der Edel-Nazi Kanzler
Schoß Kugel Nummer Drei
Er legte gleich der Witwe
Den Beileidsbrief mit bei
Ach Deutschland, deine Mörder!
5
Drei Kugeln auf Rudi Dutschke
Ihm galten sie nicht allein
Wenn wir uns jetzt nicht wehren
Wirst Du der Nächste sein
Ach Deutschland, deine Mörder!
6
Es haben die paar Herren
so viel schon umgebracht
Statt daß sie Euch zerbrechen
Zerbrecht jetzt ihre Macht!
Ach Deutschland, deine Mörder!
Es ist das alte Lied
Schon wieder Blut und Tränen
Was gehst Du denn mit denen
Du weißt doch, was dir blüht!
Wolf Biermann, 1968140
Frankfurt, 15.5.1968
Du hast nicht nur drei Kugel verdient, du hast vier Kugel verdient. Leider, eine hat gefehlt. Aber du sollst nicht verrecken sondern dein ganzes Leben Krüppel bleiben und leiden, leiden...Als kommunistisches Schwein und Verräter hast du es verdient.
Aber dann verschwinde aus Deutschland, Verräter. Hau ab nach Moskau, du kommunistisches Schwein! P.B
Bielefeld, den 16.4.68
Lieber Rudi!
Hau AB AUS DEUTSCHLAND!
IHR ROTEN AHNT NOCH NICHTS VON EUREM GLÜCK:
BACHMANN HATTE EINE SCHLECHTE WAFFE. MEINE MÄNNER HABEN BESSERE
GUTE BESSERUNG
Heinrich M
GENANNT:“GESTAPO MÜLLER“
Drohbriefe nach dem Attentat auf Rudi Dutschke
Die allenthalben zu konstatierende Konfrontation zwischen Staatsmacht und studentischer Revolte provoziert die Kabarettisten in Deutschland. In der politisierten Auseinandersetzung müssen sie Stellung beziehen. Sie werden befragt nach ihrer Einstellung zu den Ereignissen, nach den Grundsätzen ihrer Parteilichkeit. Unentschiedenheit ist nicht möglich, „bürgerliches“ Lavieren unpopulär. Ansonsten eher literarisch orientierte Kabarettisten wie Hanns Dieter Hüsch bekennen sich jetzt zur Veränderbarkeit der Gesellschaft. Die Botschaft ist verbindlich. Die Hoffnung liegt in einer demokratisierten Gesellschaft, sozialistischen Zuschnitts ganz gewiß, vielleicht auch kommunistisch. Verismus siegt über obsolete Innerlichkeit. Es werden Utopien formuliert, Entwürfe gegen die Verkrustung entstehen. Der Kabarettist und Pädagoge Jürgen Henningsen formuliert 1967: „Das Kabarett ist ein Instrument der Aufklärung im klassischen Sinn: „Durch Mündigkeit soll Freiheit realisiert werden, wobei geistige und politische Freiheit als Einheit verstanden werden. Dieses gerade in Deutschland immer wieder suspendierte Programm scheint heute trotz aller reaktionären Tendenzen eine echte Chance zu haben, zumindest bei einer aktiven Minorität.“141
Heißer Herbst
Komm heißer Herbst und mache
Die Bäume alle rot
Komm heißer Herbst und lache
Die Herrschenden lausetot
Verändre unsre Reime
Denn Kunst tut nicht mehr not
Grad wie die großen Bäume
Mach unsere Träume rot
Komm heißer Herbst und zeige
Das Fallen der Blätter im Wind
Daß sich kein Mensch verneige
Vor denen die oben sind
Verändre unsre Lieder
Die Herrschenden zittern schon
Komm heißer Herbst komm wieder
und mache Revolution
Oktober soll es werden
Oktober soll es sein
Des Menschen Not auf Erden
Sie soll zum Himmel schrein
Komm heißer Herbst und bringe
Weil ja sonst nichts geschieht
Den Sturm zu uns und singe
Mit uns ein neues Lied
Ein Lied das alle hören
Im Elend und in Gefahr
Und sich mit uns verschwören
Im Herbst und immerdar
Komm heißer Herbst komm wieder
Die Herrschenden zittern schon
Verändre unsre Lieder
Und mache Revolution.
Hanns Dieter Hüsch, 1968142
Das utopische Moment ist nicht zufällig zentrales Anliegen in dem Bekenntnis-Lied. Die Hoffnung gründet sich in der Annahme, der historische Augenblick zur Revolutionierung der Gesellschaft sei jetzt, Ende der sechziger Jahre, gekommen. Selbstbestimmung, antiautoritäre Erziehung, Ablösung der Ordinarien-Universität durch basisdemokratische Strukturen, das sind die Träume in der linken Szene. Patriarchalische Strukturen kommen zwar nicht (immer noch nicht) zum Einsturz, doch das im Modell vorangetriebene Denken und Handeln hat Folgen für die kommenden beiden Jahrzehnte zwischen 1970 und 1990.
Rückblick 1993:
Von Zweifeln geplagt, der Bauch gerundet
Die 68er-Generation feiert silbernes Jubiläum
25 Jahre nach den 68er Studentenunruhen: Was ist davon übriggeblieben? Unter diesem Tenor diskutierten im Frankfurter Römer die alten Kontrahenten von damals die heutige Situation. Und viele kamen- zum Teil auch im Edel-Gammellook und mit Fettpölsterchen, die sich im Laufe der Jahre angesammelt hatten. Eine Nostalgie-Veranstaltung von Protestlern, die sich feiern wollten? Mitnichten. Werner Schneider etwa, damals in der APO, stellt den Gegenwartsbezug her: „Es ist eine Art Kulturkampf um 68 ausgebrochen, eine Generalabrechnung.“
Was er meint, sind politische Angriffe Konservativer, wie etwa der Vorwurf, die 68er hätten mit der antiautoritären Erziehung durch das Nicht-Anerkennen von Autorität zum Aufkommen Rechtsradikaler beigetragen. Die Frage, was ein ehemaliger 68er heute als Position dagegenhalten könnte, beschäftigte die Diskutanten und über 1000 Besucher bis in die Nacht. Es war eine Suche nach der Antwort auf die Frage: Was ist links? Ist es links, wenn Joschka Fischer selbstkritisch meint, daß das Streben nach Utopien „uns in eine tiefe Krise gestürzt“ habe?
Alexander Gauland (CDU), Ex-Chef der Wiesbadener Staatskanzlei unter Walter Wallmann, hat so gut wie keine Probleme mit vielen Positionen Fischers. Aber „ich frage mich, was daran noch links sein soll“. Ein Beispiel: Würde man die damalige Technologiegläubigkeit der Linken als Maßstab anlegen, wäre „der Bundesverband der deutschen Industrie links“ - und Fischer konservativ.
Es gab viel Selbstkritisches zu hören, etwa zur zeitweiligen „Schizophrenie“ im politischen Denken. Ein Beispiel nannte Alt-Sponti Daniel Cohn-Bendit: Um seinerzeit überzeugend gegen die Militärmacht USA zu demonstrieren, hätte man nicht mit dem Stalinismus in Vietnam zu sympathisieren brauchen - Blindheit auf dem linken Auge.
Es blieb Cohn-Bendit vorbehalten, mit seinem moralischen Rigorismus in der Jugoslawien-Debatte fast die Veranstaltung zu sprengen: Während er vehement für ein militärisches Eingreifen auch Deutschlands eintrat, hatte Fischer aus historischen Gründen damit seine Probleme.
Klaus Jürgen Schröder, Südwestpresse Ulm, 24. 3. 1993
Ohne die Radikalität des Protestes von 1968 lassen sich die Teilerfolge der Friedensbewegung im kritischen Jahr 1983 kaum denken, ohne den damaligen Aufbruch hätte die Protestkultur bei der Abrüstungsdebatte sicherlich ein anderes Gesicht bekommen. Der Irrweg der letztlich „unpolitischen“ RAF-Genossen ist dabei mitzudenken.
Von deutlich aggressivem Zuschnitt im Kontext der Wohlstands- und Kapitalismuskritik ist Mitte der sechziger Jahre der Floh de Cologne, das satirisch-politische Chaoten-Kabarett-Ensemble aus Köln. Die Truppe um Dieter Klemm versteht sich ohne Ausflüchte und Hintertürchen dezidiert als ein systemkritisches APO-Kabarett, das gegen saturierte Bequemlichkeit und auch die externe Gewalt im Vietnam-Krieg laut und vernehmlich opponiert. Die Presse reagiert auf die gewagten Auftritte immer wieder mit Kopfschütteln. Den Kritiker des Reutlinger Generalanzeiger packt 1969 anläßlich des 7. Programms das schiere Entsetzen und er ruft nach dem Staatsanwalt. So hat der bestallte Kritiker nicht gewettet. Er sorgt sich um die „guten“ Sitten und den „guten“ Geschmack. Der Floh ist angetreten, die Große Koalition (1966) von CDU/CSU und SPD zu „entlarven“ und muß sich nach und nach die begrenzte Einflußmöglichkeit durch die kabarettistische Agitation eingestehen. In einem Selbstbekenntnis der Truppe aus dem Jahr 1969 heißt es lapidar: „Mit dem bürgerlichen Kabarett kann man bei dem bürgerlichen Publikum als Sozialist nichts erreichen. Man kann die Kassen füllen, man kann den Schreiberlingen der Feuilletonspalten zu erhöhtem Zeilenhonorar verhelfen, man kann sich auf den Kopf stellen und „Sozialismus“ brüllen, das Publikum wird klatschen, weil es in dieser Art noch keiner gesagt hat. Man will eine scharfe Kritik genießen, sich anbrüllen lassen und das Ganze eine Spur zu einseitig finden. Diese Leute lassen sich sogar anpissen, wenn es formal gut gelöst wird.“143
Die neue, auch verzweifelte Rache des Flohs lautet zum Beispiel im Programm für die Reutlinger Tonne: „Antiautoritär vom Scheitel bis zum Pimmel.“ Die Provokation hat sich als Ultima ratio und anstelle des sanften oder aufklärerischen Diskurses in die Theatergewölbe eingeschlichen. Die Agitation der Hoffnungslosen gipfelt in juristischen „Grenzüberschreitungen“, im Affront gegen das bürgerliche Wertesystem und -korsett: „Zieht in leerstehende Häuser und Wohnungen ein! Treibt vorehelichen Geschlechtsverkehr oder Ehebruch! Stehlt die Grundnahrungsmittel, die ihr braucht!“ Im biederen Schwaben, im st