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Autor: Kübler, Hans Dieter.
Titel: Mediengenerationen oder Medien für „Generationen“? Heuristische Überprüfung eines neuen Paradigmas.
Quelle: medien praktisch. Zeitschrift für Medienpädaogik. Heft 2/1998..
Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.
Hans-Dieter Kübler
Mediengenerationen oder
Medien für „Generationen“?
Heuristische
Überprüfung
eines neuen Paradigmas
"Radio ist ein Teil meiner Lebensqualität" erzählte Herr St. 1990 (KÜBLER u.a. 1991, S.234). Der 63jährige Rentner bevorzugt bis heute den Hörfunk nicht nur für Nachrichten und vielfältige Informationen, sondern auch für "Dinge, die man aktueller, informativer auch im Fernsehen sieht". Aber das Radio rege ihn mehr zum Denken an, und außerdem könne er daneben anderes erledigen. Deshalb zählt er zu den Stammhörern der öffentlich-rechtlichen Programme, insbesondere der wortlastigen; mit den privaten und deren Musikteppichen kann er wenig anfangen, und auch das Fernsehen nutzen Herr St. und seine Frau vergleichsweise wenig - womit sie sich deutlich von anderen Älteren unterscheiden.
Womöglich hängt diese Affinität zum Radio noch mit den Erfahrungen im Krieg und späteren Ereignissen zusammen. Wie viele aus seiner Generation informierte sich Herr St. über bevorstehende Fliegerangriffe heimlich bei der BBC und wagte das damals unter schwerer Strafe stehende Schwarzhören "feindlicher Sender". Später berichtete das Radio über die Hamburger Sturmflut, auch die Kämpfe am Golf verfolgte Herr St. am Radio.
Als er noch arbeitete, konnte Herr St. an seinem Arbeitsplatz nicht Radio hören. Seit er nun in Rente ist, wurde es zu seinem wichtigsten Medium - neben der Zeitung am Morgen und hier und da einem Buch am frühen Nachmittag.
“Die sogenannte Swingjugend in Berlin ‚Swing-Heinis' genannt - kristallisierte sich ab 1936 in größerem Umfang heraus. Sie bestand aus jungen Leuten aller Schichten, vorwiegend jedoch aus dem Mittelstand, die gerne zu dieser faszinierenden Musik tanzten bzw. - nach ihren eigenen Worten – ‚hotteten' Meist schwärmten sie gleichzeitig für amerikanische Filme, aus denen gewisse modische Vorbilder abgeleitet wurden ... Man trug Zweireiher, weite Hosen, Krawatte oder Fliege, Hüte usw.; im Winter Trenchcoats (à la US-Reporter-Look) oder Kamelhaar- bzw. Teddy-Mäntel, steife Hüte und vereinzelt sogar Gamaschen. Auch der gerollte Regenschirm war ‚in'. Die Musik und vor allem der Swingtanz galten als Ausdruck der Lebensfreude. Man besuchte laufend die großen Tanz-Cafés, die es in dieser Zeit so zahlreich gab, um ,interessante' deutsche und ausländische Kapellen ‚live' zu hören und danach zu ‚hotten'. In dieser ‚Hotterei' lag der Kern zum Verbot (die in einzelnen Städten und Gauen immer wieder, aber nicht reichsweit verhängt wurden). Diese Art von ‚Singtanz' erregte das Mißfallen eingefleischter Nazis und ‚Treudeutscher‘“ (LANGE 1986, S. 320f.).
Aber auch die strengen Jazzfans waren gegen die "Hotterei" und verunglimpften die Swing-Jugendlichen verächtlich als "Swingpuppen", von denen sie sich demonstrativ unterschieden. Während die "Swing-Heinis" politisch meist indifferent oder sogar teilweise nazigläubig waren, hatten die Jazzfreunde fast durchweg eine Anti-Haltung, zu der sie, wenn es hart auf hart kam, auch standen. "Sie, die fast ausschließlich aus den gebildeten Schichten kamen, liebten den Jazz als Musik, nicht als Tanzvehikel" (LANGE ebd.). Aus ihrer Abneigung gegen die Nazis machten sie meist keinen Hehl.
"Die 50er Jahre waren das Jahrzehnt des Kinos und des Kinobesuchs, wie in der Bundesrepublik generell so auch in Eimsbüttel im besonderen. Herr A.: ‚Kino immer. Es war immer etwas, wo man hinging.' Und Herr B. sagt über das damalige Elmsbüttel: In der ganzen Umgebung gab's Kinos, Kinos, Kinos ... Kino war damals die große Mode- (GALERIE MORGENLAND 1997, S.81).
Nicht nur gab es viele Kinos, der Eintritt war mit 50 Pfennige für Kinder und Jugendvorstellungen zu Beginn der 50er Jahre billig, so daß das Kino zum beliebten Treffpunkt Jugendlicher wurde. Am Abend konnte der Eintrittspreis, vor allem gegen Ende der 50er Jahre, allerdings bis auf 8 DM klettern: "Es war noch kein Fernsehen, und deshalb ging alles ins Kino", erzählt Herr S. "Wir gingen teilweise dreimal - wenn wir das Geld hatten - am Sonntag ins Kino. Sonntag war einfach Kinotag" (ebd.). Auch Frau F. war eifrige Kinogängerin: "Also Kino ... Das war wohl das Tollste. Ein-, zweimal die Woche mindestens. Freitags auf alle Fälle. Sonnabend bekam man manchmal keine Karten mehr" (ebd.). Gesehen wurde alles: Komödien, Western und die Filme der Schwarzen Serie aus den USA, Filme mit Stars wie DORIS DAY, berühmten Haudegen wie STEWART GRANGER und JOHN WAYNE oder "private eyes" wie HUMPHREY BOGART, aber auch die deutschen Heimat, und Heidefilme, die Schnulzen Mit SONJA ZIEMANN und RUDOLF PRACK, Arztromanzen wie Sauerbruch und Sissis Kaiserdramen.
"Wichtiger als der jeweilige Film scheint der Kinobesuch selbst als ‚soziales Ereignis gewesen' zu sein" (ebd.). Erst im letzten Drittel des Jahrzehnts brachte die Branche speziell für Jugendliche Filme ins Kino, die vor allem die gestiegene Popularität des Rock , n' Rolls ausnutzten: "Es waren die ,wilden' Musikfilme mit den Halbstarken-Stars wie JAMES DEAN und MARLON BRANDO und - gegen Ende der 50er Jahre - ihre ‚zahmeren' deutschen Varianten, die ‚Schlagerfilme' mit HORST BUCHHOLZ, PETER KRAUSS, CONNY FROBOESS u.a." (ebd.).
"Nachdem das ehemalige Stem-Kino auf der großen Freiheit in einen Musiksaal umgebaut und am 13. April 1962 unter seinem neuen Namen - Star Club - eröffnet worden war, traten mehrere britische Bands auf - darunter die international noch völlig unbekannten BEATLES. Das Premieren-Motto lautete: Die Not hat ein Ende. Die Zeit der Dorfmusik ist vorbei!- (KRAUSHAAR 1986, S. 218f). Der Star Club eröffnete den Bands, die hier wochenlang hintereinander spielen durften, ganz neue Chancen und galt in den ersten Jahren der Beat-Ära als "eine Art Test-Station ... So war es kein Wunder, daß neben den Beatles mit Gerry & the Pacemakers, Billy Kramer & The Dakotas und den Swinging Blue Jeans bald schon der fast vollständig versammelte Mersey-Sound hier seinen Einstand feierte" (ebd.).
"Das durch Twist und Beat angestachelte Bewegungsbedürfnis löste ein neues Körpergefühl, eine Erotisierung des Auftretens auch im Alltag aus. Noch bevor der Mini-Rock von MARY QUANT zum Siegeszug ansetzte, trugen die 13- bis 17jährigen Mädchen eng anliegende Kleider, Stöckelschuhe und hochtoupierte Frisuren. Wenn auch zumeist in Grau- und Schwarz-Weiß-Tönen gehalten, so war die sexuelle Note doch unübersehbar. Die älteren Generationen reagierten darauf mit einer Mischung aus Neid, Wut, Verachtung und Verboten. Der ‚Beatle' als männlicher Typus galt als eine Mischung aus Dandy und Gammler, was - in welcher Hinsicht auch immer - eindeutig als Affront anzusehen war. Im Hinblick auf den abgerissen wirkenden Gammler in seinem grauen Pullover und dem olivgrünen Parka wurden die im Umkreis des Antisemitismus lokalisierten Vorurteile – ‚arbeitsscheues Gesindel', ‚Wegelagerer', ‚Gelichter' etc., - reaktiviert; für den modisch-kapriziösen, spielerischverträumten Dandy wurden patriarchalisch-autoritär geprägte Antipathien - ,geckenhaft', ‚weibisch' und ‚verweichlicht' - hervorgeholt. Langhaarige wurden unfreiwillig zum Blitzableiter für diffuse Aggressionspotentiale" (ebd., S.220).
Repräsentieren diese vier nicht ganz zufällig, aber auch nicht streng systematisch gewählten Etappen deutscher Mediengeschichte zugleich Mediengenerationen, mindestens Elemente und Umrissen von ihnen, die bis heute ergänzt und verlängert werden könnten? Also zunächst eine "Radiogeneration" davor noch wäre eine Zeitungsgeneration zu plazieren -, sodann und sich mit ihr überlappend: die Generation der Schallplatte, die sich zugleich mit einem verpönten, wenn nicht unterdrückten Musikstil profilierte und dadurch ihr Anderssein ausdrückte; ferner, aber nun im liberaleren System eher wieder - mit Ausnahme weniger militanter Halbstarker - angepaßt: die "Kino-Generation" der 50er, und endlich die rebellische Beat-Generation der 60er Jahre? Wer sich mit den Etappen jeweils intensiver befaßt, der wird rasch entdecken, daß es sich höchstens um Schlagworte handeln kann, die kaum geeignet sind, die jeweils ersichtlichen Unterschiede, vielfältigen Strömungen und Nuancen hinreichend zu erfassen: Ungleichzeitigkeiten und Inkonsistenzen prägen nun einmal Realität, also auch Geschichte.
Gleichwohl entbehrt es nicht eines gewissen analytischen wie illustrativen Reizes, wie ja auch die aufgeführten Beispiele nahelegen, solche Etappen, die für sie symptomatischen, weil auffallenden Jugendlichen und Entwicklungen der Medien zu parallelisieren, ohne sogleich Ursachen und Abhängigkeiten, nicht einmal Gewichtungen präzise bestimmen zu wollen. Jedenfalls scheinen mindestens für die jüngere Geschichte fast symbiotische Affinitäten zwischen ihnen zu bestehen - sei es, daß Jugendliche als erste sich dieser Medien bedienen und damit Trendsetter sind, sei es - eher noch - daß Medien jugendliche Befindlichkeiten und Strömungen aufgreifen, sich damit einen Markt schaffen und sie erst als "jugendtypische" und zeitgemäße popularisieren. Aber augenscheinlich funktioniert dieses Zusammenspiel nicht für alle Phasen: Für die Frühgeschichte der Mediengeschichte sind sie nicht verbürgt, und auch für die aktuellen Entwicklungen verschwimmen solch eindeutige, wenigstens markante Zuschreibungen, vervielfältigen sich die fast simultanen Events und Markenzeichen.
Offensichtlich haben die Medien Prozesse der Verdichtung, Multiplizierung und Entwicklungsbeschleunigung durchlaufen, in denen solch fast eindeutige, mindestens konsensuelle Zuschreibungen möglich und plausibel waren, und sind nun in einem Stadium angelangt, wo ihre Omnipräsenz und Vielzahl fast die gesamte Kulturation bestreiten, so daß medienspezifische Charakterisierungen nicht mehr möglich, mindestens nicht mehr plastisch sind. Höchstens trifft noch die Allerweltsbezeichnung "Mediengeneration" - womöglich noch potenziert durch das modische "Multi" - zu.
Ob jemals eine "Fernsehgeneration" - eine "Generation ohne Programm", wie sie ein Zeitgenosse selbstironisch taufte (WÜLLENWEBER 1994) - stichhaltig auszumachen ist, muß nach der soliden Sekundäranalyse von W. PEISER (1996; siehe Kasten auf S. 14) bezweifelt werden. Denn die in den 80er Jahren groß gewordenen Jugendlichen nutzten neben dem Bildschirm sicherlich auch alle anderen Medien - und zwar nun immer weniger nach deren technischen und/oder inhaltlichen Eigenlogiken als vielmehr nach ihren altersbedingten Vorlieben und Bedürfnissen.
Als sich in den 80er Jahren zugleich der (erste) PC verbreitete, beschwor man - übrigens synchron zur "Fernsehgeneration" - bereits die nächste: die des Computers oder der Chips. Wiederum wurden die nun vorgeblich aktuellen Attribute aus technischen und programmlichen Eigengesetzlichkeiten abgeleitet, wenn auch kontrovers (KÜBLER 1993): Während der bis heute agile Trendforscher M. HORX die "Chip-Generation" (1984) als Pioniere für souveräne Weltläufigkeit und hedonistische Lebensweise apostrophierte, menetekelte C. EURICH (1985) ein Jahr später entgegengesetzt: "Der Computer, das zeigt sich schon jetzt, wird die heranwachsende Generation und damit die Gesellschaft als ganze verändern, umkrempeln. Es werden andere Menschen sein, die mit dem Computer im Kinderzimmer groß werden. Sie werden anders denken, anders sprechen, sich anders verhalten, anders handeln. Sie werden eine Kluft zwischen den Generationen aufreißen, die wohl ohne historisches Vorbild ist und die mit den wechselnden Moden und Gewohnheiten, die für Kindheit in der Industriezivilisation schon immer charakteristisch waren, nicht verwechselt werden kann und darf: Nachrichten- bzw. Informationsübertragung und Datenverarbeitung/Computertechnik verschmelzen miteinander, und mit beiden verschmilzt der in der so gebauten Welt groß werdende Mensch" (S.8). Abermals ungeachtet dieser Prognosen diagnostizierte fast zehn Jahre später der Essener Mediendesigner N. BOLZ (1994, S. 189) seine neuen Kinder - erneut mit anderer Begründung, aber zu ähnlichem Ergebnis gelangend: "Die Kids des Computerzeitalters beugen sich nicht mehr über Bücher, sondern sitzen vor dem Bildschirm. Auch diese Kinder sind neugierig und forschen. Aber sie tasten nicht mehr Zeile für Zeile nach der Weisheit überlieferter Schriften. Statt dessen trainieren sie ihr Vermögen der Gestalterkennung. Dieser Abkehr von der humanistischen Bildung entspricht ein völlig verändertes Bild der Welt. Man glaubt nicht mehr an Substanzen, sondern denkt in Funktionen. An die Stelle von Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen treten Schleifenprogramme und Rekursionen. Effekte werden wichtiger als ‚Bedeutungen'. Und man beschränkt sich auf ein Fine-tuning, weil man an Einheit und Synthese längst nicht mehr glaubt."
Immer gleich ist das Argumentationsmuster - und bestätigt insgeheim die wohl unüberwindliche Dominanz des kausalistischen Denkens, selbst bei den Propheten, die ihm angeblich zeitkonform abschwören und es durch funktionalistisches ersetzt sehen: Dem jeweils neuen Medium werden ungeahnte Wirkungen insbesondere auf Kinder und Jugendliche attestiert. Warum vornehmlich auf die, bleibt meist unerörtert: Auf Nachfrage wird zumeist vage angeführt, daß diese Altersgruppen besonders labil und beeinflußbar sind - so als ob Konsumbranche und Werbung ausschließlich auf sie abzielt und nur bei ihnen Erfolge hat.
Zum anderen wird unterstellt, daß Kinder und Jugendliche besonders von den Novitäten des Medienmarktes fasziniert und von ihnen zuerst und nachhaltig affiziert werden. So beeinflußt, grenzen sich die jeweils nachwachsenden Generationen mittels des neuen Medienphänomens von den älteren ab oder werden gar von den Medien als solche stilisiert, und flugs ist eine neue Mediengeneration entstanden. Ihr können sämtliche problematischen, wenn nicht gefährlichen Attribute angelastet werden, die Erwachsenen seit jeher gegen Jugendliche hegen - ohne mit zu bedenken, daß die so schädlich wirkenden, mindestens so eindeutig beeinflussenden Medien ja kaum von den Jugendlichen selbst produziert und strategisch lanciert werden. Seltener aber auch das kommt vor - werden jenen "Generationen" diverse positive und progressive Tugend zugeschrieben - freilich ebenso spekulativ gefolgert wie die bedenklichen.
In solch argumentativen Zirkeln bleiben empirische wie analytische Gesichtspunkte meist auf der Strecke: Schon der Begriff der Generation ist reichlich unscharf, eher subjektiver, gar zufälliger Willkür geschuldet oder in historischer Relativität geschöpft, also höchstens relational verwendbar denn eindeutig. Hält man's klassisch, beruft man sich auf K. MANNHEIMS Soziologischen Versuch von 1928, wonach eine (neue) Generation dadurch sich auszeichnet, daß sie „‘einen neuen Zugang' zum alten, akkumulierten Kulturgut“ findet, "einen unverwechselbaren Generationsstil“- ausbildet, "neue ‚Kollektivimpulse‘" formiert und so zur „‚neueinsetzenden Tat‘“- kommt, in der sich die zeitgemäße „‘Generationsentelechie' verwirklicht" (zitiert nach HÖRISCH 1997, S. 10). Das sind reichlich voluntaristische, kulturphilosophisch zu verstehende Kategorien, verwurzelt zudem in einem festen Geschichts- und Gesellschaftsbild der sich neopositivistisch formierenden Wissenssoziologie (GRIESE 1982, S.70ff.).
Präsumiert wird die Generation als jeweils willentliches historisches Subjekt, das sich zur Tradition neu justiert und eigene Kultur schafft. Medien kommen in diesen Konzept (noch) nicht ausdrücklich vor. Sie müßten indes als Faktoren verstanden werden, die die alten Generationen gewissermaßen als Strukturen und Potentiale vorgeben und die die jungen höchstens partiell neu kreieren - eher dann, wenn sie das "Markenzeichen" der Etappe schon an die nächste abgeben. Der heute übliche Generationenbegriff beruft sich kaum noch auf MANNHEIM, sondern versteht sich eher pragmatisch als "eine Gruppe von Geburtskohorten, die sich durch ein gemeinsames inhaltliches Merkmal von den vorangegangenen und/oder nachfolgenden Kohorten unterscheiden" (PEISER 1996, S. 10). Und da Kohorten "willkürlich abgegrenzt und als jeweils eine feste Zahl aufeinanderfolgender Geburtsjahrgänge definiert werden" (ebd.), meist in einem Zeitraum von fünf Jahren, können Generationen keine gründlichere Substanz beanspruchen. Gewöhnlich umfassen sie vier, fünf oder sechs Kohorten, also zwischen 20 und 30 Jahren (JAIDE 1988). Aber landläufig wird der Begriff noch viel unpräziser benutzt, eher als Metapher für erahntes Andersein, für biographische oder gruppenspezifische Abgrenzungen.
Generationssetzungen sind also vornehmlich den Bedürfnisse der Älteren zumal den Forschenden - geschuldet, die diffuse Kontinuität von Geschichte retrospektiv zu strukturieren, in Epochen oder - darunter - Generationen einzuteilen, und dafür lassen sich gut herausragende Ereignisse oder markante Trends übertragen, die gleichwohl aus verschiedener Sicht unterschiedlich beurteilt werden können: Wer erinnert sich heute noch an SCHELSKYS Mitte der 50er Jahre entdeckte "skeptische Generation" (1957), die "Generation der Unbefangenen" in den 60er (BLÜCHER 1966), die "Angepaßten" (WEHLING 1973) oder die "verunsicherte Generation" der 80er Jahre (SINUS-INSTITUT 1983) und vor allem daran, was diese Termini meinten bzw. welche sozialen Trends sie ausdrücken sollten? Auch die Blumenkinder in den USA, die (studentische) Protestgeneration, die NoFuture- oder Null-Bock-Generation, diverse Drogenszenen, die Yuppies oder die ,Generation XTC" (BÖPPLE/KNÜFER 1996) sind nur noch schemenhaft, eher als Mythen denn als handfeste Befunde präsent, und auch die 1994 öffentlich heftig apostrophierten 89er sind schon keines feuilletonistischen Aufhebens mehr wert (HÖRISCH 1997; siehe Kasten). Selbst zeitweise vermeintlich analytisch präzise Termini wie der "Neue Sozialisationstyp" (ZIEHE 1975) oder die Postadoleszenz haben bereits wieder an erkenntnisfördernder, diskursiver Attraktivität verloren. Heute hält sich die Jugendforschung mit solch plakativen Etiketten eher zurück und beschreibt vorzugsweise Lesensphasen, Statuspassagen, Alltagswelten, Sozialisationsaufgaben, psychische Belastungen und funktionale Anforderungen von und für Jugendliche(n) - nicht ohne - mit Blick auf die anerkannte These wachsender Pluralisierung von Lebensentwürfen und voranschreitender Individualisierung von Lebensläufen - unentwegt zu betonen, daß alles differenziert werden müssen, von "der" Jugend mithin nicht mehr gesprochen werden könne (z.B. KRÜGER 1993).
Und da soll es nun plötzlich - nach all diesen heterogenen Debatten und Ansätzen - unverwechselbar identifizierbare Mediengenerationen geben? Wohl kaum, jedenfalls nicht ohne solch sofort erhobenen differenzierende Einwände. Sicherlich motivieren und unterstützen die Medien bereitwillig jenes allzu menschliche Bestreben nach retrospektiver Einteilung und Prestigeverleihung, sind sie es doch selbst - und in letzter Zeit durch versierter Marketingsstrategien immer häufiger und kleinteiliger ("zielgruppenorientierter") - , die das Publikum etikettisieren, nach Lebensstilen und Konsumpräferenzen sortieren. Außerdem sind sie als Quellen in der jüngsten Geschichte verfügbar, sozusagen als allzeit präsente Dokumente generationsspezifischer Highlights, während der unspektakuläre Lebensvollzug der Mehrheit kaum festgehalten und nur gelegentlich in repräsentativen Erhebungen entsprechend gefiltert abgelegt wird.
Erneut zu überprüfen wäre, ob in bestimmten Phasen der Mediengeschichte, insbesondere bei der Einführung und Diffusion von Neuheiten oder bei inhaltlichen Änderungen, sich Populationsgruppen unterschiedlich verhalten und/oder differente Werte einnehmen, so wie bei der Verbreitung des Fernsehens zunächst größere Skepsis in den gebildeten Milieus herrschte (die rudimentär bis heute anhält), so wie das Kino in den verschiedenen Phasen recht unterschiedliche Interessentenkreise anzog - wie etwa die Multiplexe heute sich auf Jugendliche kaprizieren, während die (älteren) Cineasten nach wie vor das gediegene, kleinräumige Programmkino bevorzugen - und so wie die aktuellen Online-Dienste immer noch - trotz mancher gegenläufiger Behauptungen – die Domäne der gebildeteren, beruflich erfolgreichen, technisch und konsumtiv trendbewußten Männer zwischen 25 und 45 sind (VON EIMEREN u.a. 1997; BURDA MEDIENFORSCHUNG 1997).
In der jüngeren Vergangenheit lassen sich Verdichtungen und Signifikanzen via Medien wohl für die 50er und 60er Jahre formulieren, ohne daß damit alle anderen gesellschaftlichen Umstände, Strömungen, Wertmaßstäbe, Identifikationsobjekte etc. erfaßt sind; zurecht summieren einschlägige kulturgeschichtliche Darstellungen sie eher auf, als daß sie sie gewichten und kausal begründen. Für die 70er Jahre dürften die medialen Attributierungen schon diffiziler und konfuser sein, weil viele Entwicklungen nebeneinander herlaufen und sich ehedem herausragende Mainstreams verwischen. Nach den äußeren Daten vervollständigen die Haushalte ihre Medienausstattung: Das Fernsehen ist nun vollverbreitet, bei Radio, Plattenspieler und Tonband- bzw. Kassettenrecorder kommen Mehrfachgeräte hinzu, so daß sich die Nutzung weiter individualisieren und damit sich "generationsspezifische" Inhalte durchsetzen können. Die 80er Jahre sind noch unübersichtlicher: Video, das sogenannte duale Rundfunksystem mit vielen privaten Anbietern in Hörfunk und Fernsehen, Video- und Computerspiele sowie der PC setzen sich durch, das Kino erlebt eine erste Renaissance, in den 90ern eine zweite.
Das letzte Jahrzehnt scheint vor allem von weiterer Digitalisierung und Vernetzung geprägt zu sein, allen voran das Mobiltelefon, genannt Handy, sodann die Vernetzungen der häuslichen PCs und der Einstieg in die globale Datenwelt. Doch bis die für den Hausgebrauch über simple Abruf- und Abschick-Tätigkeiten hinaus wirklich zu gebrauchen und - wie schon oft prophezeit - multimedial vernetzt sind, so daß der Internet-PC zum Telefon, Hörfunk, Videogerät, Fernseher wird und alle anderen Kommunikations- und Informationsfunktionen obendrein erfüllt, dürfte das nächste Jahrtausend schon fest etabliert sein. Einige Pioniere beherrschen dies alles schon, aber die Mehrheit noch nicht.
Und woraus fügen sich nun die beschworenen Mediengenerationen zusammen? Lassen sie sich schon für die beiden letzten Jahrzehnte nicht mehr eindeutig identifizieren oder nur noch in wenige Aspekten erfassen (und werden häufig auf die eine oder andere Weise eklatant überzeichnet), so sind sie wohl für künftige Phasen kaum mehr präzise zu konturieren: Wenn die Medien so omnipräsent und multifunktional werden, wie vielfach schon konstatiert, mindestens für recht bald prognostiziert wird, dann fallen alle Individuen unter die Rubrik der (Multi-)Mediengeneration, und deren Spezifika sind perdu.
Betrachtet man indes einzelne Populationsgruppen und deren womöglich immer noch spezifische Formen des Medienumgangs genauer, braucht es sich bei ihnen nicht um Generationen zu handeln: Beispielsweise scheinen Frauen insgesamt noch immer etwas andere Umgangsweisen zu haben als Männer, aber sie dürften weniger von den Medien herrühren als von den Lebensumständen der Frauen und den Sozialisationsweisen, die sie durchlaufen. Auch die nicht weniger häufig bemühten älteren Menschen haben bereits heute in ihren Jahrgängen recht unterschiedliche Gewohnheiten und Wertvorstellungen; nur im Medien-Marketing werden die über 60jährigen allesamt als eine Gruppe rubriziert - vornehmlich weil sie für die Werbung immer noch zu wenig lukrativ sind. Aber als ehemalige Radiogeneration oder beharrliche Anhänger der öffentlich-rechtlichen Programme lassen sie sich pauschal nicht mehr klassifizieren, auch wenn derartige Neigungen unter ihnen immer noch überwiegen mögen. Und für Kinder und Jugendliche kennt die Medienforschung längst unterschiedliche Phasen des Medienumgangs, der -präferenzen und -bewertungen, die viel kleinteiliger und sensibler sind als die groben Generationsspannen.
So bleibt es schließlich beim nicht überraschenden, aber notwendigen Plädoyer für wissenschaftlich seriöse Differenzierungen: „Medien-Generationen" lassen sich bei dem immer hektischen Medien- und Programmumschlag über 20, 30 Jahre analytisch nicht (mehr) verfolgen. Und Medienkohorten können eher nach Lebensumständen und Erfahrungsweisen charakterisiert werden denn nach den heute unzähligen Medien und Programmen. Aber man darf gespannt sein, welch attraktive Begrifflichkeiten demnächst durch Äther, Kabel und Feuilleton gejagt werden. Solch verbales Rauschen gehört nun einmal zur Mediengesellschaft.
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