European Medi@Culture-Online http://www.european-mediaculture.org

Autor: Kunczik, Michael.

Titel: Medien und Gewalt.

Quelle: Susanne Bergmann (Hrsg.): Mediale Gewalt – Eine reale Bedrohung für Kinder? Bielefeld 2000. S. 18-39.

Verlag: Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur.

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.



Michael Kunczik

Medien und Gewalt

Inhaltsverzeichnis

Zum Forschungsstand 1

Zur Diskussion um die Wirkungen von Mediengewalt 2

Erwartungen an die Forschung 5

Zum Forschungsstand und den wichtigsten Thesen 9

Ausgewählte Thesen zur Wirkung von Gewaltdarstellungen 11

Lerntheoretische Überlegungen 13

Ausblick 19

LITERATUR 20

Zum Forschungsstand

In meiner 1975 veröffentlichten Dissertation "Gewalt im Fernsehen. Eine Analyse der potentiell kriminogenen Effekte", in der die bis dahin vorliegenden empirischen Studien einer kritischen Analyse unterzogen wurden, lautete das Resümee, "dass eine Aggressivitätsreduktion aufgrund des Konsums violenter Fernsehsendungen nicht zu erwarten ist. Genausowenig lassen sich empirische Belege für eine durch Gewaltdarstellungen in den Unterhaltungssendungen des Fernsehens bewirkte Aggressivitätssteigerung anführen. Im Fernsehen beobachtete Gewaltakte nehmen ganz offensichtlich keinen Einfluss auf die Bereitschaft der Rezipienten, selbst aggressives Verhalten zu zeigen" (vgl. KUNCZIK 1975, S. 692 ff.). Es gab damals im Gegensatz zu der Behauptung vieler Autoren keine wissenschaftlichen Ansprüchen genügenden Studien, die die Gefährlichkeit von Mediengewalt bewiesen. Was es gab, waren aber abenteuerliche Überinterpretationen von Daten. Eine Vielzahl von Studien war ganz offensichtlich so angelegt, dass sie das jeweils erwünschte Ergebnis - sei es durch Mediengewalt bewirkte Aggressionssteigerung, Aggressionsreduktion oder Wirkungslosigkeit - geradezu zwangsläufig erbringen mussten. Selbst Datenmanipulation konnte nachgewiesen werden. Vor diesem Hintergrund gab die These der Wirkungslosigkeit den damaligen Forschungsstand korrekt wieder.

Inzwischen sind die Kenntnisse über die Bedingungen, unter denen Mediengewalt negative Effekte auf Kinder und Jugendliche haben kann, wesentlich größer geworden. Die These der Wirkungslosigkeit ist nicht länger haltbar. Vielmehr besteht aufgrund der heute vorliegenden Forschungsbefunde dahingehend Konsens, dass Mediengewalt negative Effekte (insbesondere hinsichtlich des Aufbaus bzw. der Stabilisierung violenter Persönlichkeitsstrukturen) haben kann. Die hier von mir vertretene These, dass beim Vorliegen entsprechender Randbedingungen Mediengewalt einen Beitrag zur Herausbildung violenter Persönlichkeiten liefern kann, ist allerdings methodologisch nicht einwandfrei begründet, denn sie basiert auf der Annahme, dass die vielen im Feld erhaltenen sehr schwachen Beziehungen (Korrelationen), die üblicherweise als Indikatoren für das Fehlen eines Zusammenhanges interpretiert werden, in ihrer Gesamtheit doch auf das Vorhandensein eines Zusammenhanges hindeuten (vgl. zu dieser Problematik KUNCZIK 1998). Das Argument ist, dass eine im Schnitt recht schwache Beziehung für alle Probanden eines Samples für einige Probanden bzw. bestimmte Subpopulationen eine durchaus starke Beziehung bedeuten kann.

Zur Diskussion um die Wirkungen von Mediengewalt

Während die wissenschaftlich gewonnenen Erkenntnisse durchaus eine substantielle Weiterentwicklung darstellen, gilt dies nicht für die Diskussion in der Öffentlichkeit. Hier dominieren die Laien. Als DR. GERHARD STOLTENBERG im Oktober 1998 aus dem Bundestag ausschied, fasste er auch seine Erfahrungen mit den Medien zusammen und meinte u. a: " ... es ist mittlerweile unübersehbar geworden, dass die Warnungen namhafter Wissenschaftler (seit den ersten Publikationen von DAVID RIESMAN und NEIL POSTMAN) vor den suggestiven Wirkungen visueller Medien, dem Übergewicht von Gewalt und sozialer Desintegration, sich als sehr berechtigt erweisen". (STOLTENBERG 1998) Hier haben wir wieder das altbekannte Phänomen: Politiker, die von der Medienwirkung keinerlei Ahnung haben, maßen sich falsche Urteile über die Wirkungen der Medien an. Dabei bezog sich STOLTENBERG auf höchst zweifelhafte Autoren. DAVID RIESMAN ist beim besten Willen kein Kommunikationswissenschaftler, und NEIL POSTMAN ist kein Wissenschaftler, sondern er ist ein sich selbst inszenierendes Medienereignis.

STOLTENBERG ist aber kein Einzelfall. Das große Interesse der Öffentlichkeit an der Thematik hat dazu geführt, dass sich viele Politiker zur Gewalthematik geäußert haben. So klagte Bundeskanzler HELMUT SCHMIDT im November 1979 über "zuviel Totschlag, zuviel Grausamkeit, zuviel Katastrophe in der Nachrichtengebung" und warnte: "Auch das hat erzieherische Wirkungen auf junge Menschen! Und zwar stärker als durch die Bild-Zeitung! Mit anderen Worten: Der öffentlich-rechtliche Charakter der Fernseh-Anstalten erscheint mir dringend wünschenswert für eine humane Gesellschaft ..." (SCHMIDT 1979) Zugleich prophezeite SCHMIDT eine unter dem Einfluss des Zwanges, hohe Einschaltquoten erzielen zu müssen, durch Kommerzialisierung erfolgende Spirale der Programmverflachung. Dreizehn Jahre später, im November 1992, sah sich Bundeskanzler HELMUT KOHL veranlasst, in einem Schreiben an den Vorsitzenden des Rundfunkrats des Südwestfunks massiv gegen die erfolgte Ausstrahlung des Films Terroristen zu protestieren: "Mein dringendes Anliegen an Sie ist: Tragen Sie dafür Sorge, dass künftig im Programm des SWF keine Sendungen ausgestrahlt werden, in welchen die Ausübung von Gewalt gegen die Repräsentanten unseres Staates dargestellt wird." (Frankfurter Allgemeine Zeitung 1992)

Mediengewalt ist immer noch ein aktuelles Thema, was insbesondere darauf zurückzuführen ist, dass das Monopol der öffentlich-rechtlichen Anstalten inzwischen nicht mehr existiert. Der bayerische Ministerpräsident EDMUND STOIBER forderte Anfang September 1993 eine gesellschaftliche Ächtung von Mediengewalt. Über Gewalt in den Medien solle nicht länger diskutiert werden, sondern es müsse etwas unternommen werden. Ähnlich forderte Bundesinnenminister MANFRED KANTHER 1993 eine Ächtung von Gewalt. Die Politik zeichne [sich] nicht für die Gewaltdarstellungen im Fernsehen verantwortlich. Wenn man die hohe Zahl der Morde auf der Mattscheibe betrachte, meinte der Minister, "dann brauchen wir nicht erst lange nach möglichen Effekten suchen." Der Minister führte weiter aus: "Hinter jeder Gewalt- oder Porno-Szene im deutschen Fernsehen steht die Entscheidung eines Journalisten. Der Vorwurf, wer private Medien zugelassen hat, trage nun die Verantwortung für ihr Programm, ist schlicht dümmlich." (Der Bundesminister des Inneren 1994)

Eine zweifellos der Diskussion würdige Behauptung, denn während zu den Zeiten, da das öffentlich-rechtliche Fernsehen allein für das Fernsehprogramm verantwortlich zeichnete, die Thematik der Gewaltdarstellungen kein Problem war, beschweren sich nun diejenigen Politiker, die aktiv an der aus politischen Gründen erfolgten Einführung des kommerziellen Fernsehens beteiligt waren, am meisten über die Gewalt. Dabei hätte es keinerlei prophetischer Gaben bedurft, um zu wissen, was Kommerzialisierung zunächst auch bedeutet, nämlich aus Gründen der Zuschauermaximierung mehr Gewaltdarstellungen. In seiner Untersuchung über die öffentlich-rechtlichen Rundfunkunternehmen zwischen öffentlichem Auftrag und marktwirtschaftlichem Wettbewerb schreibt HARRY GUNDLACH: "Die Vergrößerung der Programmvielfalt im geöffneten Fernsehmarkt geht mit einer programmstrategisch intendierten Steigerung der Reizintensität der Bilder einher. Das hat auch zu einer Zunahme von Gewaltdarstellungen und Sexualität im Fernsehen geführt." (GUNDLACH 1998, S. 362) Wie formulierte doch Helmut Thoma als Geschäftsführer von RTL treffend: " ...der Wurm muß dem Fisch schmecken und nicht dem Angler." (Der Spiegel 1990) Die Situation erinnert an Goethes Zauberlehrling: Man wird die Geister, die man rief, nicht mehr los und versucht nunmehr, die Journalisten bzw. die Medien zum Sündenbock zu machen. Womöglich steht dahinter auch der Versuch, die Medien über die Gewaltproblematik unter Druck zu setzen und Ansatzpunkte für eine Zensur zu schaffen. In diesem Zusammenhang sei auf den Aufruf gegen das "Schund-und-Schmutz-Gesetz" vom Oktober 1926 verwiesen, an dem sich auch Thomas Mann beteiligte: "Wir rufen auf, die Geistesfreiheit in Deutschland zu schützen. Die Regierung hat in aller Stille ein Gesetz vorbereitet, das vorgibt, die Jugend zu bewahren. Es maskiert sich als Gesetz gegen Schmutz und Schund. Hinter dem Gesetz verstecken sich die Feinde von Bildung, Freiheit und Entwicklung." (POTEMPA 1988, S. 41)

Das ungebrochene Interesse der Öffentlichkeit an Mediengewalt verdeutlicht der Leitartikel "Brutale Bilder" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 24. November 1999. KURT REUMANN behauptet: "Es ist ein alter Streit, ob die Darstellung von Gewalt in den Medien Gewalt verhindern hilft (Abschreckung, Ventil der Gewalt) oder ob sie Gewalt provoziert. Für beide Auffassungen gibt es empirische Beweise zuhauf. Beide scheinen daher zuzutreffen; es fragt sich nur, auf wen und unter welchen Bedingungen." Diese Aussage trägt dem Stand der Forschung absolut nicht Rechnung und ignoriert den weitgehenden Konsens, der darin besteht, dass durch Mediengewalt niemand friedlicher wird und dass Mediengewalt durchaus zur Gewaltsteigerung beiträgt.

Erwartungen an die Forschung

Die in Öffentlichkeit und Politik generell vorhandene Skepsis gegenüber den Sozialwissenschaften ist gegenüber der Medienwirkungsforschung besonders ausgeprägt. Es gibt, da ja jeder tägliche Umgang mit den Massenmedien hat, in Bezug auf deren Wirkungen weit verbreitete populärwissenschaftliche Vorstellungen, zu deren Verbreitung die Massenmedien selbst beitragen. Häufig sieht man sich selbst als überlegenen, kritisch distanzierten Medienkonsumenten, der durch Mediengewalt nicht gefährdet ist, aber die anderen (die Masse der Bevölkerung) werden als durch die Massenmedien extrem gefährdet betrachtet (Verdammung der Massen durch die Massen). Die weite Verbreitung laienhafter Vorstellungen über die Medienwirkung bildet ein ausgesprochen starkes Hindernis für die Akzeptanz wissenschaftlicher Erkenntnisse. Entsprechen die Resultate einer Studie den Erwartungen, dann wird dies als Beweis dafür gewertet, dass man ohnehin schon alles weiß und die Kommunikationswissenschaft nichts Neues zu bieten hat. Sind die Resultate einer Studie mit diesen Vorstellungen nicht kompatibel, dann werden sie in der Regel zunächst ignoriert. Ein markantes Beispiel für die Qualität der öffentlichen Diskussion bildete etwa die Zeitschrift Die Woche, die laut Spiegel (9, 1993, 233) geschrieben hat: "Wir brauchen ihn nicht, den hieb- und stichfesten Beweis, dass die Gewaltwelt der Teleindustrie mit der zunehmenden Gewaltbereitschaft von Kindern und Jugendlichen zu tun hat. Wir wissen auch ohne Professoren, wo Zusammenhänge bestehen und wo nicht."

Typisch für qualitativ ungenügende Berichterstattung über Medienwirkungen ist auch der Spiegel. Um die vorgefasste These von der großen Gefahr des Fernsehens für die Kultur stützen zu können, zitiert der Spiegel (19, 1989) ausführlich einen in der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft aus gutem Grund vollkommen unbekannten Berliner Literaturwissenschaftler namens DIETER ZIMMERMANN, der allen Ernstes behauptet, Fernsehen wirke wie eine Vollnarkose, wie eine seelische Vergewaltigung. Die Kinder gerieten in eine Art Trance, weshalb sie ruhig vor dem Bildschirm sitzen würden. Dieser Autor behauptet: "Wenn ein Kleinkind einen Bleistift vom Boden aufhebt, lernt es mehr als nach einer Stunde fernsehen." Dies ist eine absolut unsinnige und unhaltbare Behauptung.

Eines der Hauptprobleme der Kommunikationswissenschaft im Umgang mit der Öffentlichkeit besteht darin, dass die Wissenschaftler nicht richtig kommunizieren können. PETER GLOTZ hat der Kommunikationswissenschaft zu recht Unfähigkeit im Umgang mit der Öffentlichkeit vorgeworfen (vgl. GLOTZ 1991, S. 2). Die seriöse Forschung gebe sich versonnen dem Design von interessanten Detailstudien hin und überlasse zugleich das Feld der öffentlichen Meinung solchen Autoren wie NEIL POSTMAN ("Das Verschwinden der Kindheit", "Wir amüsieren uns zu Tode"1), dessen grandiose Irrtümer bzw. abstrusen Vorstellungen von den Wirkungen der Medien Hertha Sturm so trefflich entlarvt hat2. Diese Werke sind wissenschaftlich nur aus einer Warte interessant: Ihre hohe Popularität ist ein Indikator für weitverbreitete kollektive Ängste hinsichtlich möglicher negativer Wirkungen des Fernsehens. Der Erfolg solcher Publikationen scheint darin begründet, dass einfache, für jedermann leicht nachvollziehbare, monokausale (wenngleich auch falsche) Erklärungen für die Problematik der Medienwirkung angeboten werden.

In der öffentlichen Diskussion dominieren die Kulturpessimisten. So attackierte der Medienpädagoge GLOGAUER 1993 massiv eine vom ZDF gesendete Serie: "Die in grellen Farben angepriesene Sendung gibt nicht nur das gesamte gesellschaftliche Leben der Lächerlichkeit preis, sondern sie zielt auf systematische Zersetzung aller positiven zwischenmenschlichen Werte, wie Achtung vor dem anderen, Toleranz und Rücksichtnahme, Hilfsbereitschaft und Gemeinsinn, konstruktive Problemlösung und nicht zuletzt Bildung und Wissen. Darüber hinaus schrecken die Macher der Sendung nicht davor zurück, die Negation dieser Werte, ihre Umkehrung, an deren Stelle zu setzen: Das rücksichtslose Ausleben jeglicher Impulse und Affekte, hemmungslose Aggressivität und Destruktivität werden geschürt und verherrlicht. Hinter einer vordergründig menschlich anrührenden Komik verbirgt sich eine radikale Entmenschlichung." (GLOGAUER 1993, S. I90) Diese offensichtlich schreckliche und menschenverachtende Serie, vor welcher der Autor meint, das geschätzte Publikum schützen zu müssen, ist die Zeichentrickserie Die Simpsons3. Wenn schon diese lustige und harmlose Serie sozusagen als Ausgeburt des Teufels charakterisiert und attackiert wird, dann bleibt zu fragen, was denn vor dem Urteil GLOGAUERS überhaupt noch Bestand haben könnte? Programme voller Friede, Freude, Eierkuchen, die dann doch keiner sehen will. Mit dieser Polemik soll keine Verharmlosung möglicher negativer Effekte massenmedialer Gewaltdarstellungen erfolgen. Das Gegenteil ist der Fall, denn zur Besorgnis besteht durchaus Anlass. Gleichwohl ist davor zu warnen, dass sozusagen das Kind mit dem Bade ausgeschüttet und schließlich Zensur ausgeübt wird. Wenn GLOGAUER behauptet, mindestens jedes zehnte Gewaltverbrechen, das jugendlichen Tätern angelastet werde, gehe "eigentlich aufs Konto der Medien" (vgl. Der Spiegel 1993, S. 169), dann ist das unhaltbar.

Erschwerend für die Verbreitung neuer Erkenntnisse der Wirkungsforschung ist allerdings, dass von der Öffentlichkeit bzw. den Journalisten erwartet wird, die Resultate der Wirkungsforschung müssten einsichtig und allgemein verständlich sein, wobei selbst bezüglich der Sprache der Wissenschaftler erwartet wird, sie solle frei von Fachtermini sein - ein Ansinnen, das an einen Naturwissenschaftler oder Mediziner nicht herangetragen werden würde. Es ist für die Kommunikationswissenschaft nicht untypisch, dass Forschungsergebnisse von Praktikern ignoriert bzw. als irrelevant bezeichnet werden. Dies hat HERBERT SELG für die Problematik der Wirkung von Pornographie belegt. Zu den Konsequenzen des Reports der 2. Kommission zur Wirkung von Pornographie in den USA schreibt SELG: "Der Auftraggeber, die amerikanische Regierung, akzeptierte den P-Report nicht. Der Senat verwarf ihn mit 76:3 Stimmen, und Präsident NIXON gelobte, in der Kontrolle und Beseitigung des "Schmutzes" (smut) nicht nachzulassen. Man darf getrost unterstellen, dass Senat und Präsident den Report nicht aus Erkenntnis seiner Schwäche ablehnten, sondern weil er ihren Meinungen (Vorurteilen) nicht genügend entsprach. Man verließ sich auf den Common sense." (SELG 1986, S. 64)

Derartiger Common nonsense ist weit verbreitet. So hat nach einer Meldung von Reuters vom 30.3.1983 die New Zealand Health Foundation endlich eine der Hauptursachen der Gewalt in der neuseeländischen Gesellschaft entdeckt: Der Bösewicht ist die Muppets-Show. Auch der Hartmann-Bund erklärte in Bonn im April 1993 zum Weltgesundheitstag, Gewalt im Fernsehen sei schädlich: "Gewalt, Sex und brutale Reality-Shows im Fernsehen führen zu erheblichen psychischen Schäden bei Kindern und Jugendlichen. Die Ärzte hätten immer mehr mit solchen Folgeschäden zu tun." (Kölner Stadt-Anzeiger 1993) Diese mit der höchst zweifelhaften Methodologie der Do It Yourself Social Science gewonnen Erkenntnisse werden in der Öffentlichkeit verbreitet. Die These, Mediengewalt führe in aller Regel zu gesteigerter Aggressivität, ist schon fast zur kulturellen Selbstverständlichkeit geworden und wirkt ganz offensichtlich anders als die Anhänger dieser These es wünschen, nämlich womöglich gewaltsteigernd.

In zwei empirischen Studien, nämlich einer Befragung von Psychologen und Psychiatern, die sich vor allem mit verhaltensauffällig gewordenen Kindern beschäftigen, sowie einer Befragung von Richtern und Staatsanwälten (vgl. KUNCZIK 1998, S. 172ff.), konnte aufgezeigt werden, dass Jugendliche, die verhaltensauffällig geworden bzw. gar vor Gericht gestellt worden waren, diese These sehr wohl kennen und zu ihrem eigenen Vorteil einsetzen. Es ist ganz offensichtlich sowohl in den Praxen der erwähnten Psychiater und Psychologen als auch vor Gericht alles andere als ungewöhnlich, dass Jugendliche argumentieren, nicht sie seien schuld, sondern das Fernsehen mit seiner vielen Gewalt. Hier liegt eine bislang übersehene Gefahr massenmedialer Gewaltdarstellung (besser: der öffentlichen Diskussion über deren Wirkungen): Das Wissen des potentiell delinquenten bzw. violenten Individuums, durch den Verweis auf die Massenmedien die Verantwortung für das eigene Verhalten ex post facto als minimal hinstellen bzw. gar ganz abwälzen können. Das Erlernen kriminellen bzw. violenten Verhaltens schließt das Erlernen von Rationalisierungstechniken ein, die es einem Individuum erlauben, ein günstiges Selbstbild zu bewahren, wenn zugleich ein mit einem solchen Selbstbild unvereinbares Verhalten gezeigt wird. Rechtfertigungen (Rationalisierungen) schützen das Individuum vor Selbstvorwürfen nach dem Begehen einer Tat. Es besteht auch die Möglichkeit, dass sie einer Tat (z. B. einer Vergewaltigung) vorausgehen und das kriminelle Verhalten erst ermöglichen. Solche Rechtfertigungen wären z. B. Verneinung des Unrechts ("Vergewaltigungsmythos") oder die Ablehnung des Opfers, das bekomme, was es verdiene. Die Ablehnung der Verantwortung als Rationalisierungstechnik erlaubt es, sich selbst als fremdbestimmt und als Spielball externer Kräfte zu sehen (Billardball-Konzeption).

Zum Forschungsstand und den wichtigsten Thesen

Die Thematik "Medien und Gewalt", die schon über Jahrhunderte hinweg diskutiert wird (vgl. KUNCZIK I993b), ist auch heute noch von großer Aktualität. Obwohl es keinen Bereich der Medienwirkungsforschung gibt, zu dem mehr Studien vorliegen, ist die Publikationsflut ungebrochen. Schätzungen gehen von inzwischen über 5.000 Studien zur Gewaltthematik aus, wobei die Quantität der Veröffentlichungen allerdings wenig über die Qualität der Forschungsergebnisse aussagt. Von der Quantität her gesehen überwiegen Studien zur Wirkung fiktiver Gewalt gegenüber Studien, die nach den Auswirkungen von Berichten über reale Gewalt fragen. Im Folgenden wird unter personaler Gewalt (Aggression) die beabsichtigte physische und/oder psychische Schädigung einer Person, von Lebewesen und Sachen durch eine andere Person verstanden. Eine solche Definition ist keineswegs problemlos (wie wird z. B. die Absicht erschlossen oder wie werden unbeabsichtigte, aber vom Empfänger als aggressiv wahrgenommene Verhaltensweisen eingestuft? usw.), wobei insbesondere das Alter der jeweiligen Probanden von entscheidender Bedeutung ist, denn erst ab ca. 7 bis 8 Jahren sind Kinder in der Lage, die Absicht des Angreifers und nicht die Schwere des zugefügten Schadens zur Beurteilung eines Verhaltens heranzuziehen.

Es sei nochmals herausgestellt, dass in der Forschung weitgehend Konsens besteht, dass, zumindest was bestimmte Individuen (z. B. durch hohe Aggressivität und soziale Isolation charakterisierte männliche Jugendliche) und Problemgruppen (z. B. aus einer violenten Subkultur stammende Jugendliche) angeht, eine negative Wirkung von Gewaltdarstellungen (Nachahmungstaten, Aufbau violenter Persönlichkeiten) anzunehmen ist. Hinsichtlich der Qualität der Forschung gilt noch immer ein Resümee, das die DFG-Kommission Wirkungsforschung 1986 gezogen hat, nämlich dass die Forderung nach der einen Theorie der Medienwirkung nicht erfüllbar ist, weil die Medien und ihre Inhalte viel zu verschieden seien (DFG 1986). Auch sind die Randbedingungen, unter denen die Medien wirken, viel zu komplex, als dass es möglich wäre, sie in einem konsistenten Satz von Hypothesen zusammenzufassen. Auf die komplizierte Frage nach der Wirkung kann keine einfache Antwort gegeben werden.

Auf der anderen Seite aber trägt die Wissenschaft selbst in erheblichem Ausmaß zur Verwirrung bei. Ein Musterbeispiel dafür ist der Forschungsbericht "Television and Behavior", (U.S. Department of Health and Human Services; Rockville 1982). Auf Seite 89 ist zu lesen, dass die jüngsten Forschungsergebnisse die früheren Befunde bestätigen würden, wonach zwischen Fernsehgewalt und späterer Aggressivität eine Kausalbeziehung bestehe. Wenige Zeilen später steht, bislang habe keine einzige Studie den eindeutigen Nachweis dafür erbracht, dass der Konsum von Fernsehgewalt zu späterer Aggressivität führe. Im Forschungsreport selbst wird, um die Konfusion noch zu vergrößern, eine Panel-Studie von MILAVSKY u. a. ("Television and aggression. Results of a panel study") veröffentlicht, in der trotz größter Bemühungen keinerlei Effekte von Mediengewalt festgestellt werden konnten.

Auch so genannte Meta-Analysen, in denen versucht wird, die zu einem bestimmten Untersuchungsgegenstand vorliegenden Studien einer statistischen Reanalyse zu unterziehen, reflektieren den desolaten Forschungsstand. Es ist bislang nicht gelungen, die zur Problematik Medien und Gewalt vorliegenden Studien in ihrer Aussagekraft zu bündeln. Bereits eine Analyse der zum speziellen Forschungsbereich Habitualisierung (Abstumpfung) durch Mediengewalt vorliegenden Befunde zeigt, dass die in den Studien erhaltenen Ergebnisse bruchstückhaft, zusammenhanglos und widersprüchlich sind (vgl. KUNCZIK 1998, S. 145 ff) Viele Autoren beschränken sich auf eine unkritische Systematisierung der Forschung und berücksichtigen im Design einzelner Studien liegende Probleme nicht. Aber es gilt: Schlechte Studien werden nun einmal nicht dadurch besser, dass man sie immer wieder zitiert. Ein gutes Beispiel für die Wiederholung alter Fehler in Form abenteuerlich anmutender Kausalbeziehungen ist eine häufig unkritisch zitierte Studie von BRANDON S. CENTERWALL (Vgl. CENTERWALL 1992, S. 267), in der die Einführung des Fernsehens für eine 10-15 Jahre später - nach dem Heranwachsen der ersten TV-Generation - erfolgte Verdoppelung der Mordrate verantwortlich gemacht wird. Der Autor versteigt sich gar zur Quantifizierung der Anzahl von Straftaten, die ohne das Fernsehen hätten verhindert werden können.

Ausgewählte Thesen zur Wirkung von Gewaltdarstellungen

Die Katharsisthese, die auf Aristoteles zurückgeführt wird, kann als widerlegt angesehen werden (vgl. FREITAG/ZEITTER 1999). Anhänger der Katharsisthese, die zumeist von der Existenz eines angeborenen Aggressionstriebes ausgehen, behaupten, durch das dynamische Mitvollziehen von an fiktiven Modellen beobachteten Gewaltakten in der Phantasie werde die Bereitschaft des Rezipienten abnehmen, selbst aggressives Verhalten zu zeigen (Postulat der funktionalen Äquivalenz der Aggressionsformen).

Nach der Habitualisierungsthese nimmt durch den ständigen Konsum von Fernsehgewalt die Sensibilität gegenüber Gewalt ab, die schließlich als normales Alltagsverhalten betrachtet wird. Eine Meta-Analyse der zur Habitualisierungsthese vorliegenden Forschungsbefunde, in der insgesamt 30 Studien zu dieser Thematik für den Zeitraum 1983 bis 1992 identifiziert wurden, zeigte, dass die Habitualisierungsthese noch der empirischen Untersuchung bedarf. Die Habitualisierungsthese ist keineswegs neu. Insbesondere im Zusammenhang mit der Diskussion um die schädlichen Effekte von im Stummfilm gezeigter Gewalt wurde dies diskutiert. Als seinerzeit die Bundesministerin für Frauen und Jugend ANGELA MERKEL 1993 von einer "Spirale der Reizüberflutung" sprach, meinte sie, Rezipienten würden sich zunehmend an die im Fernsehen gezeigten gewaltsamen Inhalte gewöhnen. Diese Gewöhnung gehe soweit, dass die im Fernsehen gezeigten Inhalte mit immer mehr Gewalt produziert werden müssten, um den Zuschauer in einer Situation des Wettbewerbs zwischen verschiedenen Anbietern an einen Sender zu binden. Die Folge sei ein Publikum, das gegenüber einer zunehmenden Gewaltpräsentation im Fernsehen immer resistenter werde. Dieses Argument ist interessant, aber nicht neu. So klagte etwa VICTOR NOACK im Jahre 1912 über die "Kienschundfabrikanten" und die von ihnen produzierten Titel, die in gar furchtbaren Filmplakaten beworben würden: "Verkauft, Geldgier, Des Lebenden Gruft, Die rote Herberge, Die Stunde der Rache, Das Opfer im Keller... Und die Bilder dazu! Die dargestellten Figuren toben, schreien, röcheln. Die Gesten bekunden tödliche Angst oder brutale, vernichtende Raserei. Die Augen stieren wie im Wahnsinn, blutunterlaufen." NOACK verwies auf den kommerziellen Hintergrund und die gesamtgesellschaftliche Bedeutung der Schundfilme, wobei auch die Problematik der Abstumpfung thematisiert wurde, die dazu führe, dass immer stärkere Reize angeboten werden müssten: "Der Kapitalist macht's Geschäft, die Ausgebeuteten sind nicht nur die schlecht besoldeten Operateure, Klavierspieler, Erklärer usw.; ausgebeutet wird in erster Linie das Publikum, die Masse, deren Schaulust, Sensationslüsternheit und Empfänglichkeit für erotische Stimulantia der Kientopp-Unternehmer spekulativ in Rechnung stellt und auf deren kontinuierliche Steigerung er deswegen eifrig bedacht ist."

Ein anderer Autor, WILLY RATH, verwies ebenfalls auf den kommerziellen Erfolg der Sensationsdramen und stellte die auch für die "Gute Alte Zeit" zentrale Frage: Will denn das Volk den Schund? Der kommerzielle Erfolg war die Antwort auf diese Frage. Nur wenige Autoren sahen positive Effekte der Mediengewalt. Dazu gehörte ALFRED DÖBLIN, der I909 in Das Theater der kleinen Leute über deren Vorliebe für Gewalt und Sensationen im Stummfilm reflektierte. Die Konsequenz ist für DÖBLIN durchaus positiv einzuschätzen: "...der Kientopp ein vorzügliches Mittel gegen den Alkoholismus, schärfste Konkurrenz der Sechserdestillen; man achte, ob die Lebercirrhose und die Geburten epileptischer Kinder nicht in den nächsten zehn Jahren zurückgehen. Man nehme dem Volk und der Jugend nicht die Schundliteratur noch den Kientopp; sie brauchen die sehr blutige Kost ohne die breite Mehlpampe der volkstümlichen Literatur und die wässerigen Aufgüsse der Moral."

Bereits im Wilhelminischen Deutschland fragte man nach geschlechtsspezifischen Varianten der Wirkung von Mediengewalt. P. MAX GREMPE konstatierte I912 / 13 in einem Aufsatz mit dem bezeichnenden Titel Gegen die Frauenverblödung im Kino: "Nachweislich wirkt das bewegliche Lichtbild mit seinen eindringlichen Darstellungen außerordentlich nachhaltig auf jeden, sogar auf Männer. Manch ein Besucher ist schon bei aufregenden Szenenreihen ohnmächtig geworden. Angesichts der größeren seelischen Erregbarkeit, dem Vorwiegen des Gefühlslebens bei der Frau, müssen die lebenden Lichtbilder auf sie noch viel stärker wirken als auf den Mann. Wer sich die Mühe macht, im Kino die andächtig schauenden Frauen aufmerksam zu beobachten, der wird den unverwischbaren Eindruck mit nach Hause nehmen, dass viele Besucherinnen unwiderstehlich gepackt, ja bis in die Tiefen ihrer Seele aufgewühlt werden."

Die eher simple Suggestionsthese, die besagt, dass die Beobachtung von Mediengewalt beim Rezipienten zu einer mehr oder weniger direkt anschließenden Nachahmungstat führe, wird in der wissenschaftlichen Literatur nicht mehr vertreten. Es sind aber eine Reihe von Studien veröffentlicht worden, deren Resultate die These stützen, dass für bestimmte Rezipienten das Konzept der Suggestion unter bestimmten Bedingungen zur Erklärung von in der natürlichen Umgebung auftretenden Effekten des Konsums von Mediengewalt geeignet ist. So stieg die Selbstmordziffer nach der Veröffentlichung von Berichten über Selbstmorde (z. B. von MARILYN MONROE). In Anlehnung an Goethe wird hier vom Werther-Effekt gesprochen. Die medieninduzierte Nachahmung von Selbstmorden ist empirisch bestätigt.

Lerntheoretische Überlegungen

Die Theorie des Beobachtungslernens, in der zwischen Erwerb und Ausführung eines Verhaltens unterschieden wird, wird zumeist auf den amerikanischen Psychologen ALBERT BANDLIRA zurückgeführt, der sie seit den 60er Jahren entwickelt hat. Weitgehend unbekannt ist, dass Kaspar Stieler schon im Jahre 1695, in Zeitungs Lust und Nutz, eine differenzierte, fast schon moderne Theorie des Lernens durch Beobachtung vertrat, als er darauf verwies, dass in den Zeitungen "oft von einem verrichteten Bubenstück berichtet (wird) und die Art und Weise, wie solches angefangen und vollendet sei, so umständlich beschrieben wird, dass, wer zum Bösen geneigt, daraus völligen Unterricht haben kann, dergleichen auch vorzunehmen." Der Autor ging auch auf die Frage der kausalen Verursachung von Verbrechen durch das Massenmedium Zeitung ein: "Aber was können die Zeitungen an und vor sich selbst darzu? Die Heilige Schrift ist je voll von Exempeln der Blutschande, des Ehebruchs, des Diebstahls und anderer vieler Laster mehr, sie setzet aber auch darzu die Strafe zur Warnung: Gleich wie die Zeitungen nicht ermangeln bald die genaue Aufsuchung und Nachfrage, bald die aller schärfste Rache der Obrigkeit und einen elenden Ausgang solcher Leute Verbrechen anzufügen." Diese Überlegung kann auch auf die Wirkungen von Gewaltdarstellungen im Fernsehen angewandt werden, denn die gängige inhaltliche Struktur von Gewaltdarstellungen im Fernsehen ist derart, dass die Täter in der Regel am Ende des Handlungsstranges bestraft werden. Verbrechen (in Fernsehfilmen) lohnt sich nicht.

Zur Einordnung der hinsichtlich mittel- und langfristiger Wirkungen erhaltenen Befunde sind meines Erachtens lerntheoretische Überlegungen am besten geeignet. Allerdings kann auch die Lerntheorie nicht alle Aspekte berücksichtigen, wie etwa auf der Ebene von Individuen die Angstproblematik oder auf der gesamtgesellschaftlichen Ebene die Frage der Schaffung anomischer Situationen.4 Aus der Sicht der Lerntheorie werden die Menschen weder als allein durch innere Kräfte angetrieben noch als allein durch Umweltstimuli vorwärtsgestoßen gesehen. Die psychischen Funktionen werden vielmehr durch die ständige Wechselwirkung von Determinanten seitens der Person und seitens der Umwelt erklärt. Dieser reziproke Determinismus besagt, dass Erwartungen Menschen beeinflussen, wie sie sich verhalten, und dass die Folgen dieses Verhaltens wiederum ihre Erwartungen verändern. Das Verhalten der Menschen ist dadurch ausgezeichnet, dass sie durch die symbolische Repräsentation absehbarer Ereignisse zukünftige Konsequenzen zu Beweggründen gegenwärtigen Verhaltens machen können. Die meisten Handlungen sind also weitgehend antizipatorischer Kontrolle unterworfen. Diese Fähigkeit, in der Zukunft mögliche Konsequenzen auf gegenwärtiges Verhalten zurückzubeziehen, fördert vorausschauendes Verhalten, und zwar auch in Bezug auf violentes Verhalten. Die Ausübung aggressiven Verhaltens ist normalerweise Hemmungen unterworfen, d. h. solche regulativen Mechanismen wie soziale Normen, Furcht vor Bestrafung und Vergeltung, Schuldgefühle und Angst unterbinden vielfach das Manifestwerden von Aggression. Ferner ist Verhalten nicht situationsübergreifend konsistent, d. h. Jugendliche verhalten sich in der Regel unterschiedlich aggressiv gegenüber Eltern, Lehrern, Gleichaltrigen usw.

Im Kontext der Lerntheorie wird berücksichtigt, dass Handeln durch Denken kontrolliert wird, dass verschiedene Beobachter verschiedene Merkmalskombinationen von identischen Modellen übernehmen und auch zu je neuen Verhaltensweisen kombinieren können. So gesehen ist auch der Befund, dass Kinder, die keine Präferenz für violente Medieninhalte besitzen, auch nach langdauerndem Kontakt mit Mediengewalt keinerlei Neigung zeigen, dieses Verhalten nachzuahmen, kein Widerspruch zur Lerntheorie. Angesichts der vorangegangenen Überlegungen sowie des Tatbestandes, dass das Fernsehen ja nur ein Faktor neben vielen die Persönlichkeitsentwicklung beeinflussenden Faktoren ist, wäre in Feldstudien ein Muster von relativ schwachen positiven Korrelationskoeffizienten zwischen dem Konsum von Fernsehgewalt und der späteren Aggressivität zu erwarten. Betrachtet man die in den verschiedenen Ländern durchgeführten Studien, dann ergibt sich genau dieses Muster, obwohl die auch qualitativ sehr unterschiedlichen Studien in doch recht verschiedenen Umwelten durchgeführt worden sind. Neben dem Problem der interkulturellen Vergleichbarkeit gibt es noch weitere methodische Probleme, die bei diesem Verfahren des Vergleichs von Studien nicht beachtet werden. So ist neben der Messung der Aggression auch die Operationalisierung des Konsums von Mediengewalt (z. B. durch die Erfassung der Programmpräferenzen) sehr problematisch. Während die einzelnen Korrelationskoeffizienten jeweils für sich nicht kausal interpretierbar sind, deutet das Gesamtmuster der Befunde auf einen Einfluss des Fernsehens auf spätere Aggressivität hin. Die in den Feldstudien erhaltenen Resultate entsprechen auch von der Stärke her den Erwartungen, die aufgrund lerntheoretischer Überlegungen gehegt werden. Die Koeffizienten variieren ungefähr zwischen 0,1 und 0,2 d. h. etwa zwischen 1 % und 4 % des späteren aggressiven Verhaltens werden in den Feldstudien durch den vorherigen Konsum von Fernsehgewalt erklärt.

Allerdings hat sich die Konvention durchgesetzt, Korrelationskoeffizienten, deren Stärke geringer als 0,2 ist, als unbedeutend und uninterpretierbar nicht weiter zu beachten. Der Einwand, dass die erhaltenen Koeffizienten zu schwach sind, berücksichtigt nicht, dass eine im Schnitt recht schwache Beziehung für alle Probanden eines Samples für einige Probanden bzw. Subpopulationen eine durchaus starke Beziehung bedeuten kann. So scheint bei bestimmten Personen ein sich selbst verstärkender Prozess in dem Sinne vorzuliegen, dass der Konsum violenter Medieninhalte die Wahrscheinlichkeit des Auftretens aggressiven Verhaltens, (aggressiver) Einstellungen und/oder (aggressiver) Phantasien erhöht. Dadurch wiederum steigt die Wahrscheinlichkeit, dass violente Medieninhalte als attraktiv angesehen werden, was seinerseits die Zuwendung zu aggressiven Medieninhalten fördert. Zu den Faktoren, die einen derartigen Prozess begünstigen, können u. a. niedriges Selbstbewusstsein und soziale Isolation, die mit erhöhtem Fernsehkonsum verbunden ist, gehören. Von entscheidender Bedeutung hinsichtlich möglicher negativer Effekte von Mediengewalt auf Kinder und Jugendliche ist aber die familiäre Situation: Kinder aus intakten Familien sind sehr wenig gefährdet, weil genügend kompensierende Einflüsse vorhanden sind.

Auch für das Erlernen von Aggression gilt, dass zunächst 1. die unmittelbare familiale Umwelt sowie 2. die Subkultur bzw. die Gesellschaft, in der man lebt, die Quellen sind, aus denen aggressives Verhalten erlernt wird. Erst an dritter Stelle treten dann die massenmedial angebotenen symbolischen aggressiven Modelle auf. Es scheint so zu sein, dass Gewaltdarstellungen auf die Mehrheit der Betrachter keine oder nur schwache Effekte haben, aber bei bestimmten Problemgruppen womöglich starke Wirkungen zeigen. Die Schwierigkeit für die Forschung liegt darin, herauszufinden, wie man solche Problemgruppen erreicht. Einen ersten Schritt in diese Richtung stellt eine Befragung von klinischen Psychologen und Psychiatern dar.5 Es bestand die Vermutung, dass Kinder und Jugendliche, die mit psychischen Störungen in psychologischer oder psychiatrischer Behandlung sind, eine derartige Problemgruppe bilden dürften (vgl. zum Folgenden KUNCZIK/BLEH/MARITZEN I993a, S. 5). Die Expertenbefragung ergab u. a., dass aufgrund der Berufserfahrung zum überwiegenden Teil von einer eher schädlichen Wirkung der Gewaltfilme ausgegangen wird. Zu den Symptomen gehören insbesondere aggressives Verhalten, Schlafstörungen und Übererregbarkeit. Besonders die Aktivation aggressiven Verhaltens durch den Konsum von filmischer Gewalt wird berichtet. Sehr häufig wurde angeführt, dass Kinder und Jugendliche, wenn sie darauf angesprochen werden, versuchen, ihr eigenes aggressives Verhalten durch Vorbilder aus Gewaltfilmen zu rechtfertigen (Rationalisierungsthese). Bei den Psychologen haben 63 %, bei den Psychiatern 66 % diese Erfahrung schon häufig oder gelegentlich gemacht. Dass Kinder oder Jugendliche von sich aus sagen, das Fernsehen habe Einfluss auf ihr Verhalten genommen, ist ebenfalls keine Seltenheit in der beruflichen Praxis der Psychologen und Psychiater. Von den Psychologen gaben 41 %, von den Psychiatern 42% an, solche Erfahrungen schon häufig oder gelegentlich gemacht zu haben. Hier scheint sich die öffent-liche Diskussion über die Gefahren von Mediengewalt in der Tat bereits in konkrete Schuldzuweisungen an das Medium Fernsehen niederzuschlagen.

Hinsichtlich des Zusammenhangs zwischen Geschlecht und Medienwirkungen bestand hohe Übereinstimmung: 94% der befragten Psychologen und 85 % der Psychiater sahen mögliche Auswirkungen häufiger bei Jungen. Kein Befragter sah Mädchen als eher gefährdet an. Besonders wichtig ist, dass die Befragten einen deutlichen Zusammenhang zwischen der häuslichen Situation und dem Gewaltfilmkonsum annahmen. Die Bedeutung des elterlichen Vorbildes wurde herausgestellt, und zwar sowohl deren Fernseh- und Videokonsum als auch die Aggressivität der Eltern. Am häufigsten wurde ein Zusammenhang zwischen vernachlässigendem Erziehungsstil und Gewaltfilmkonsum der Kinder erwähnt. Fernseh- oder Gewaltfilmkonsum wurden in keinem Fall von den Experten als Alleinverursacher einer Verhaltensauffälligkeit bzw. Verhaltensstörung genannt, sondern immer nur im Zusammenhang mit anderen Problemen aufgeführt. Trotzdem waren die Psychologen und Psychiater bei fast jeder Fragestellung bereit, den Gewaltfilmen eine negative, verursachende Rolle zuzugestehen: Gewaltfilme bewirken demnach Aggressivität, prägen Rollenverhalten und nehmen negativen Einfluss auf die Schulleistung. Auffällig ist der in vielen Fällen genannte Zusammenhang zwischen der häuslichen Situation - also dem Gewaltfilmkonsum der Eltern, der Gewalttätigkeit der Eltern untereinander oder den Kindern gegenüber, dem vernachlässigenden Erziehungsstil - und dem kindlichen Konsum von Gewaltfilmen.

Dies ist nicht überraschend, denn wenn ein kompensierender Einfluss der Eltern fehlt, dann ist die Gefahr besonders groß, dass negative Effekte auftreten. Es kann meines Erachtens als gesichert angesehen werden, dass bestimmte Subpopulationen durch Gewaltdarstellungen gefährdet sind, während Kinder und Jugendliche, die in einem "intakten" sozialen Umfeld (Familie) leben, nicht gefährdet zu sein scheinen. Die Konsequenz sollte sein: In zukünftigen Untersuchungen sollten Personen mit einer starken Ausprägung des Persönlichkeitsmerkmals "Aggressivität", Kinder aus Problemfamilien, Personen aus sozialen Brennpunkten usw. besonders berücksichtigt werden.

Eine weitere Expertenkategorie, die aufgrund ihrer Erfahrungen mit straffälligen Jugendlichen möglicherweise auch Aussagen über die Ursachen von Gewalt bzw. der den Medien dabei zukommenden Rolle machen können, sind Richter und Staatsanwälte. Eine Befragung (vgl. KUNCZIK/BLEH/ZIPFEL 1995a) dieser Berufsgruppe in Nordrhein-Westfalen ergab, dass vor Gericht ein Einfluss massenmedialer Gewalt auf die Straftat relativ häufig in Betracht gezogen wird. Fast die Hälfte der Befragten gab an, eine solche Begründung ein- oder mehrmals von den Tätern gehört zu haben, wobei die Antworten nahelegen, dass es sich hierbei vor allem um Rationalisierungsversuche handelte. Auch diese Experten erachten die von Mediengewalt ausgehende Wirkung auf die kriminelle Entwicklung von Jugendlichen als bedenklich. Aber auch diese Experten betonen, dass Medien nicht als allein ausschlaggebend zu betrachten sind, sondern die Rolle des erzieherischen Umfeldes, des Milieus sowie auch des Alkohol- und sonstigen Drogengebrauchs zu berücksichtigen ist.

Die bisher dargestellten Untersuchungen bzw. Thesen bezogen sich überwiegend auf Wirkungen fiktiver Gewalt in den Medien, wobei die Wirkungen der Berichterstattung über reale Gewalt nicht übersehen werden darf. Die wichtigsten Befunde zu dieser Thematik sollen thesenartig zusammengefasst werden (vgl. ausführlich KUNCZIK 1998, S. 215 ff.), wobei als Quintessenz gilt, was HANS MATHIAS KEPPLINGER 1991 auf den Medientagen in München treffend so formuliert hat: "Alles, was Fernsehsender in ihrer aktuellen Berichterstattung im Bild zeigen, sollte tatsächlich geschehen sein. Aber nicht alles, was tatsächlich geschehen ist, sollte im Bild gezeigt werden."

  1. Gewalt und Verbrechen besitzen als Abweichung von der Norm einen besonderen Aufmerksamkeitswert und haben damit eine besonders große Chance, als Nachricht veröffentlicht zu werden. (Bad news are good news.)

  2. Bei der Berichterstattung über Gewalt werden bestimmte Aspekte ausgeblendet. Zwar wird zweifellos sehr viel über Kriminalität und Gewalt (überproportional häufig über schwere Verbrechen wie Morde) berichtet, aber vor allem über individuelle Gewalt und weniger über Verbrechen von Unternehmen, die z. B. zu physischen Schäden bei Arbeitnehmern führen.6

  3. Nachrichten über Gewalt und Verbrechen werden intensiv konsumiert (vgl. DONSBACH 1991).

  4. Individuen und gesellschaftliche Gruppierungen, die keinen routinemäßigen Zugang zum Nachrichtennetz haben, versuchen immer häufiger durch Pseudo-Events, also speziell für die Medienberichterstattung nachrichtenwertadäquat inszenierte Ereignisse (z. B. Demonstrationen, Gewalttaten etc.), Überraschung bei den Journalisten auszulösen, damit über sie berichtet wird.

  5. Medienaufmerksamkeit kann als Belohnung wirken, deshalb ist bei der Fernsehberichterstattung auf die ausführliche Darstellung von Gewalt zu verzichten. Dies gilt sowohl für die Berichterstattung über Demonstrationen als auch über Zuschauerkrawalle bei Sportveranstaltungen. Gewalttätern (auch Terroristen) ist deshalb in den Massenmedien kein Forum zu geben.

  6. Fernsehjournalisten müssen wissen, dass allein ihre Anwesenheit Menschen dazu bewegen kann, sich durch außergewöhnliche Aktionen (z. B. Gewalt) in Szene zu setzen.

  7. Werden bei der Berichterstattung über Demonstrationen die gewaltsamen Aspekte zu stark herausgestellt, dann kann die demokratische Demonstrationskultur gefährdet werden, d. h. friedfertige Personen werden von der Teilnahme abgeschreckt und violente Personen angezogen (dies gilt analog für Berichte über Sportveranstaltungen wie z. B. über randalierende Hooligans u. ä.). Die bildliche Darstellung von gewalttätigen Demonstrationen im Fernsehen kann ferner polarisierend wirken, d. h. die Positionen der Anhänger der Demonstranten und der gegen sie vorgehenden Polizei können extremer werden und damit u. U. konfliktverschärfend wirken (vgl. KEPPLINGER/GIESSELMANN 1993).

  8. Massive Kritik an staatlicher Gewaltanwendung kann als Legitimationsgrundlage für die Anwendung von Gegengewalt dienen (vgl. KEPPLINGER 1981, S. 33).

  9. Berichterstattung über fremdenfeindliche Gewaltakte haben (zumindest in Deutschland) weitere Straftaten stimuliert (vgl. BROSIUS/ESSER 1996).

  10. Zur Wirkung des Reality-TV (Sendungen bei denen der Informationswert eines Ereignisses zugunsten des Nervenkitzels bzw. Voyeurismus zurücktritt) liegen kaum Untersuchungen vor. Es ist nicht ausgeschlossen, dass bestimmte Formen des Reality-TV (z. B. gezeigte nachgestellte Hilfeleistungen) durchaus positive Effekte haben können.

  11. Zur sekundären Viktimisierung, d.h. den Folgen der Medienberichterstattung über ein Verbrechen für das Verbrechensopfer, liegen erst wenige Studien vor, die aber zeigen, dass zum einen die journalistische Qualität der Berichte häufig ungenügend ist, zum anderen aber in einigen Fällen auch durchaus positive Konsequenzen für das Opfer auftreten können (vgl. KUNCZIK/BLEH 1995). Besonders negativ ist die Berichterstattung für die Opfer von Vergewaltigungen.

  12. Berichterstattung über Gewalt kann zu vergrößerter Zufriedenheit mit der eigenen Situation führen, wenn sich die Gewalt in weiter Ferne ereignet.

  13. Berichterstattung über Gewalt ist notwendig, um ein gesellschaftliches Problembewusstsein herzustellen. Das Entscheidungsdilemma des Journalisten zwischen Informationspflicht und möglichen negativen Auswirkungen der Berichterstattung kann die Wirkungsforschung nicht abnehmen. Hier ist die Selbstkontrolle der Journalisten gefordert. Allerdings ist die Situation für Journalisten extrem schwierig, da in vielen Fällen die Konsequenzen der Berichterstattung nicht abzuschätzen sind. So kann z.B. die Berichterstattung über die Schändung jüdischer Friedhöfe zu Nachahmungstaten führen, die ihrerseits aber wiederum bewirken können, dass in der Bevölkerung eine Diskussion in Gang kommt, wie man derartige Delikte in ihrer Entstehung verhindern kann (vgl. RIVERS 1973, S. 544).

Ausblick

Wie eine von der UNESCO in Auftrag gegebene Studie zeigt, ist Mediengewalt ein globales Problem. Weltweit dient der Actionheld als Vorbild. Jo GROEBEL schreibt: "Arnold Schwarzenegger als ‘Terminator’ ist ein weltumspannendes, kulturübergreifendes Phänomen. Weltweit kennen ihn 88 Prozent der jugendlichen Fernsehzuschauer." (GROEBEL 1997) Die Thematik Medien und Gewalt wird auch in nächster Zeit nicht von der Agenda genommen werden. Es sei nur auf die Diskussion um die Entwicklungen im Internet und um aggressive Computerspiele verwiesen. Angesichts von spektakulären Verbrechen, die durch Mediengewalt ausgelöst worden zu sein scheinen oder aber auch sind und in der Öffentlichkeit immer hohe Beachtung finden, neigen Politiker dazu, die Medien aus taktischen Gründen als Sündenbock aufzubauen und als Hauptverantwortlichen für eine angebliche Verrohung der Gesellschaft hinzustellen. Mit dieser Fixierung auf die Medien wird zugleich davon abgelenkt, dass zur Bekämpfung der tatsächlichen Ursachen von Gewalt (Armut, Arbeitslosigkeit, mangelnde Zukunftsperspektiven usw.) womöglich nicht genügend getan worden ist bzw. mehr getan werden könnte. Dies ist ein wichtiger Aspekt der Gewaltdiskussion. Von dem so genannten V-Chip (Violence-Chip), mit dessen Hilfe Kinder vor dem Konsum von Gewalt, Sex und vulgärer Sprache geschützt werden sollen, ist keine Problemlösung zu erwarten. In Problemgruppen wird dieses Instrument wohl kaum genutzt werden.

Bei der Diskussion um das Verhältnis Medien und Gewalt sollte mehr auf die nicht-violenten Aspekte der Inhalte geachtet werden. Durch das Fernsehen können Ansprüche bzw. Bedürfnisse (z. B. materieller Art) geschaffen werden, deren Verwirklichung von den tatsächlichen Möglichkeiten her gesehen auf legale Art und Weise nicht möglich ist. Erhöhte Kriminalität bzw. Violenz kann die Folge sein. Abschließend sei nochmals betont, dass trotz des unbestrittenen Gefährdungspotentials beim Vorgehen gegen Mediengewalt vor blindem Aktionismus zu warnen ist. Dies gilt insbesondere für die Einführung von Zensur, denn eine einmal eingeführte Zensur hat die Neigung, sich immer weiter ausufernd auch anderer Bereiche zu bemächtigen. Die Pressefreiheit ist ein viel zu wertvolles Gut, als dass man sie durch vorschnelle Rufe nach dem Zensor gefährden sollte. Die Selbstkontrolle durch die in den Medien verantwortlichen Personen dürfte ausreichend sein, um das Problem in den Griff zu bekommen.

LITERATUR

Aufbruch 1971, Nr. 17.

BROSIUS, B./ESSER, F. (1996): Massenmedien und fremdenfeindliche Gewalt. In: Politische Vierteljahresschrift, Sonderheft 17.

Der Bundesminister des Inneren (Hrsg.) (1994): Extremismus und Gewalt. Bonn.

CENTERWALL, B. S. (1992): Television and violence. The scale of the problem and where to go from here. In: Journal of the American Medical Association, S. 267.

Der Spiegel, 44, 1993, S. 284.

Der Spiegel, 2, 1993, S. 169.

Der Spiegel, 15.10.1990.

DFG (1986): Medienwirkungsforschung in der Bundesrepublik Deutschland. Weinheim.

DONSBACH, W. (1991): Medienwirkung trotzt Selektion. Köln.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.11.1992.

FREITAG, B./ZEITTER, E. (1999): Katharsis. In: tv diskurs, 7.

GLOGAUER, W. (1993): Kriminalisierung von Kindern und Jugendlichen durch Medien, 3. Aufl. Baden-Baden, S. 190.

GLOTZ, P. (iggi): Das Spannungsfeld Politik-Wissenschaft-Medien. In: Ross, D./WILKE, J. (Hrsg.): Umbruch in der Medienlandschaft. München, S. z.

GROEBEL, J. (1997): The UNESCO global study on media-violence. Paris (zitiert nach dem Manuskript).

GUNDLACH, H. (1998): Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkunternehmen zwischen öffentlichem Auftrag und marktwirtschaftlichem Wettbewerb, Berlin.

HAGAN, J./PALLONi, A. (1990): Toward a structural criminology: method and theory in criminological research. In: Annual Review of Sociology, II, S. 434 ff.

KEPPLINGER, H. M./GIESSELMANN, T. (1993): Gewaltdarstellungen in der aktuellen TV-Berichterstattung. In: Medienpsychologie, 5.

KEPPLINGER, H. M. (1981): Gesellschaftliche Bedingungen kollektiver Gewalt. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 33.

Kölner Stadt-Anzeiger, 7.4. 1993

KUNCZIK, M. (1998): Gewalt und Medien, 4. Aufl. Köln u.a.

KUNCZIK, M./BLEH, W./ZIPFEL, A. (1995a): Gewalt und Medien. Eine Expertenbefragung bei Richtern und Staatsanwälten. Unveröffentl. Forschungsbericht, Mainz.

KUNCZIK, M./BLEH, W. (I995b): Verbrechensopfer in der Zeitungsberichterstattung. Folgen aus der Perspektive der Opfer. Mainz.

KUNCZIK, M./BLEH, W./MARITZEN, S. (1993a): Audiovisuelle Gewalt und ihre Auswirkung auf Kinder und Jugendliche. Eine schriftliche Befragung klinischer Psychologen und Psychiater. In: Medienpsychologie. S. 5.

KUNCZIK, M. (1993b): Zur historischen Dimension der Wirkungen von Gewaltdarstellungen. In: Media Perspektiven, Heft 3.

KUNCZIK, M. (1975) : Gewalt im Fernsehen. Eine Analyse der potentiell kriminogenen Effekte. Köln, S. 692f.

POTEMPA, G. (1988): Thomas Mann. Beteiligung an politischen Aufrufen und kollektiven Publikationen. Morsum/Sylt.

RIVERS, W. L. (1973): The press as a communication system. In: Pool, I. de Sola (Hrsg.): Handbook of Communication. Chicago, S. 544.

SCHMIDT, H. (1979): Die Verantwortung des Politikers für die Entwicklung der Medien und eine humane Gesellschaft. In: Media Perspektiven, Heft II, S. 772.

SELG, H. (1986): Pornographie. Bern, S. 64.

STOLTENBERG, G. (1998): Das Fernsehen hat viel verändert. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.10.1998, Nr. 246.

STURM, H. (1990): Die grandiosen Irrtümer des Neil Postman: Fernsehen wirkt anders. In: KUNCZIK, M./WEBER, U. (Hrsg.): Fernsehen. Köln.

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Rechteinhabers unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

1Demgegenüber lautet das Motto von HELMUT THOMA: "Lieber zu Tode amüsieren als zu Tode langweilen." (Der Spiegel 44, 1993, S. 284).

2Zu den Wirkungsannahmen von POSTMAN sei festgehalten, dass dessen erster gravierender Irrtum für Sturm die Annahme ist, "die Rezipienten würden die Fernsehdarbietungen höchst einheitlich aufnehmen und weithin ähnliche, fernsehbestimmte Verhaltensweisen zeigen, also recht übereinstimmend (und ungefiltert) innerlich und äußerlich agieren und reagieren". Als relativ harmlosen Irrtum charakterisiert Sturm die Behauptung vom Verschwinden der Kindheit. Der zweite grandiose Irrtum POSTMANS ist nach Sturm die Vernachlässigung des Tatbestandes, "dass unterschiedliche Laufbilddarbietungen höchst unterschiedliche Wirkungen haben“. Ferner wird moniert, dass POSTMAN nicht auf die Unterschiede zwischen Viel- und Wenigsehern eingeht. Zum angeblichen zu Tode amüsieren fasst Sturm die Forschungsergebnisse zusammen: "Wir sitzen zwar vor dem Fernseher aber in vielen (vielleicht in den meisten Fällen) hat das mit Amüsement sehr wenig zu tun: Wir sind eher unzufrieden bis erregt-unglücklich dabei." (STURM 1990)

3Ein weiteres Beispiel für moralisch engagierte, aber die Ergebnisse der Wirkungsforschung ignorierende Argumentation findet sich bei HANS-DIETER FRIEBEL, der in Bonanza und die Folgen (vgl. Aufbruch 1971) schreibt: "Ein Kind, das um einen Schmetterling leidet, Puppen liebevoll zudeckt und die Hände vor das Aquarium hält, dass die Fische nicht frieren, soll durch Bild und Ton eindringlich geschildertes Morden und Niederschlagen auf die Dauer verkraften."

4Damit ist gemeint, dass durch das Fernsehen neue Bedürfnisse geschaffen werden, aber die Mittel zu ihrer Befriedigung fehlen. So können sich bestimmte Personen ihrer gemessen am materiellen Erfolg schlechten Position bewusst werden.

5Aus den Äußerungen und Einschätzungen der befragten Psychologen und Psychiater kann natürlich kein Kausalzusammenhang bezüglich der Wirkungen von Mediengewalt auf junge Menschen konstruiert werden. Es handelt sich ja nicht um "objektives" Datenmaterial, sondern um subjektive Meinungen zu sehr komplexen Sachverhalten, die durch die Einstellungen der Befragten, ihre Einschätzung des Problems aufgrund ihrer Ausbildung usw. beeinflusst werden können. Es war jedoch zu erwarten, dass die Experten aufgrund ihrer Erfahrungen aus "erster Hand" wichtige Aspekte in die Diskussion um die Folgen von Mediengewalt einbringen können.

6Nach HAGAN und PALLONI sterben in den USA mehr Menschen im Berufsleben als Menschen Opfer von Morden werden, wobei Nachlässigkeit und illegale Arbeitsbedingungen häufig die Ursachen sind (vgl. HAGAN/PALLONI 1990, S. 434ff.).

1