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Autor: Moritz, Thomas.
Titel: Internet und politische Bildung.
Quelle: Medienimpulse Heft Nr. 39, März 2002 2002.
Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.
Thomas Moritz
Internet und politische Bildung
Die Frage nach dem Zusammenhang von Internet und politischer Bildung trifft den jahrzehntelangen, bildungspolitischen Diskurs rund um die Realisierung und Implementierung politischer Bildung in Österreich in einer Phase der Krise bzw. der Kapitulation. Auch wenn das parteipolitisch zum Unterrichtsprinzip „zurechtgestutzte“ Fach politische Bildung im AHS-Bereich jetzt wieder einen neuen Namen innerhalb des traditionellen Geschichtsunterrichts hat, kann auch diese österreichspezifische Lösung des Problems nicht über die grundsätzlichen Schwierigkeiten hinwegtäuschen, die der politischen Bildung vor allem seit dem Siegeszug der neuen Medien auch über die Grenzen Österreichs hinaus anhaften.
Politische Bildung befindet sich mehr denn je in der Krise: Allenthalben kämpft die politische Bildung um Anerkennung und Ansehen, da sie inzwischen zu einer Randerscheinung in schulischen wie außerschulischen Bildungsprozessen geworden ist. SchülerInnen empfinden politische Bildung angeblich als „Laberfach“, der Entwertung der Politik entspreche in Zeiten der neoliberalen Renaissance eine Entwertung der politischen Bildung und vermehrt lässt innerhalb der einschlägigen Fachliteratur und medial geführter Diskurse die Frage aufhorchen, ob politische Bildung in Zeiten von Internet und Edutainment denn nicht ein Auslaufmodell sei?1 Claus Leggewie konzentriert diese Befürchtungen in vier kurzen Thesen, macht jedoch gleichzeitig auf die Notwendigkeit der politischen Bildung in der neoliberalen Spaß- und Spektakelgesellschaft sowie auf den Zusammenhang zwischen politischer Bildung und den Möglichkeiten, die Internet und neue Medien bieten, aufmerksam:
„These 1: Die politische Bildung ist konzeptionell überaltert und institutionell versteinert.
These 2: Sie ist zum großen Teil durch elektronische, vor allem audio-visuelle Medien verdrängt worden.
These 3: Politische Bildung ist deswegen nicht überflüssig geworden, sondern aufgrund wachsender Distanz zum politischen System notwendiger denn je.
These 4: Um neue Aufgaben erfüllen zu können, sollte politische Bildung das interaktive Potential der Neuen Medien nutzen.“2
LehrerInnen wissen ein Lied davon zu singen, wie groß sich der Druck der Unterhaltungs- und Infotainmentindustrie inzwischen auf die tägliche Unterrichtspraxis auswirkt. Dass Unterricht und Lernprozesse nicht immer Spaß machen können und dass die Fähigkeit zu Konzentration und Selbstdisziplin auch in einer Informations- und Mediengesellschaft unabdingbare Voraussetzung für die je eigene Konstruktion von Wirklichkeit darstellt, kann nicht darüber hinweg täuschen, dass auch die politische Bildung zunehmend an den Rand institutionalisierter Bildungslandschaften gedrängt wird: „Die überwiegend text-, kleingruppen- und diskursorientierte politische Bildung wirkt im Vergleich zu den audiovisuellen Präsentationsformaten der elektronischen Medien verstaubt, die eher auf "Infotainment", genauer: Inszenierung und Prominenzierung ausgerichtet sind.“3
Das Internet wurde das Medienschlagwort der letzten Jahre schlechthin und scheint sich entgegen aller Unkenrufe und prognostizierter Katastrophenszenarien in der Tat zum Informations- und Kommunikationsmedium des neuen Jahrhunderts zu entwickeln. Der kanadische Internetforscher Don Tapscott skizziert in seinem Buch „Net Kids. Die digitale Generation erobert Wirtschaft und Gesellschaft“ das Heranwachsen einer neuen, selbstbewussten und handlungskompetenten Generation und beschreibt, welche Rolle Internet und globale Vernetzung im Lernverhalten der nach 1980 Geborenen spielen, wie sie sich im Global Village der Computernetzwerke und Datenhighways sozialisieren, auf welche Art und Weise Identitäten und Persönlichkeitsstrukturen aufgebaut werden und warum die Network- Generation ein ausgeprägteres Selbstwertgefühl und ein facettenreicheres Selbst besitzt.4
Dass Internet und neue Medien inzwischen eine kaum noch zu bestreitende Relevanz für Politik und Bildung besitzen, wird in der wissenschaftlichen und didaktischen Diskussion kaum nicht mehr in Frage gestellt: „Das Internet erlangt aus politikwissenschaftlicher Sicht demnach nicht nur als Massenmedium Bedeutung, sondern auch als synergetisch wirkender Medienverbund, der den Zugriff und Wechsel auf unterschiedliche Kommunikationsformen problemlos zulässt. Mit der Einbeziehung der Interaktionsmöglichkeiten, die dieses Medium bietet, wird auch dessen Relevanz für politische Partizipation deutlich. Ein Medium, das wie das Internet den Mediennutzer nicht in seiner passiven Rezipientenrolle belässt, sondern aktive Informationsproduktion und –verbreitung sowie vielfältige Kommunikationsmöglichkeiten zulässt, erweitert potenziell die politischen Beteiligungsmöglichkeiten ganz erheblich.“5
Daraus ergeben sich neue Anforderungen an die politische Bildung sowie an die Bildung ganz allgemein in einer Wissens- und Mediengesellschaft, in der die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien zunehmend eine zentrale Bedeutung besitzen. Gefordert ist eine zeitgemäße Form politischer Bildung im Zusammenhang mit einer neuen Lernkultur, die Bildung wieder als zentralen, gesellschaftlichen und politischen Faktor in die allgemeine Werteskala eines demokratischen, pluralistischen und global agierenden Gemeinwesens aufnimmt: „Die Antwort auf unsere behauptete oder tatsächliche Orientierungslosigkeit ist Bildung - nicht Wissenschaft, nicht Information, nicht die Kommunikationsgesellschaft, nicht moralische Aufrüstung, nicht der Ordnungsstaat.“6
Medienkompetenz ist im Hinblick auf die informations- und kommunikationstechnologischen Entwicklungen der letzten Jahre zu einem gesellschaftlichen und bildungspolitischen Schlüsselbegriff geworden. Die von Politikern immer wieder eingeforderte demokratische Kompetenz in Zusammenhang mit der - zumindest verbal und medial geäußerten – Sehnsucht nach dem informierten, aufgeklärten und kritischen Staatsbürger ist in einer Informations -, Kommunikations- und Mediengesellschaft immer auch Medienkompetenz. Damit aus der Informationsgesellschaft eine wirklich informierte und somit politik- und demokratiefähige Gesellschaft wird, bedarf es der medienkompetenten BürgerInnen, die mit den Rohstoffen Information und Kommunikation kompetent und eigenständig umgehen, indem sie sich auch der neuen globalen Computernetzwerke bedienen können und sich ihr persönliches und subjektzentriertes Informationsangebot vor dem Hintergrund der eigenen Lebensplanung und Lebensperspektive zusammenstellen können und zusammenstellen wollen.
„Medienkompetenz als Zielvorstellung der Medienpädagogik kann sich nicht darin erschöpfen, die Subjekte, seien es Kinder, Jugendliche oder Erwachsene, auf den Umgang mit politisch oder ökonomisch implementierten Technologien vorzubereiten bzw. in diesen Umgang einzuweisen. Medienkompetenz kann nur als Teil sozialer und kultureller Handlungskompetenz gesehen werden. Damit stellt sie lediglich einen Spezialfall allgemeiner Kompetenz dar, die jedes Subjekt in seinem Alltag zur Bewältigung der verschiedensten Lebenssituationen anwendet.“7
Medienkompetenz darf also nicht auf die rein instrumentelle Dimension des Begriffs reduziert werden, vielmehr muss sie immer in Zusammenhang mit übergeordneten, allgemeinen Wertmaßstäben wie Bildung, Handlungskompetenz, Kommunikationskompetenz, Mündigkeit oder auch Kritikfähigkeit gesehen werden, denn erst dadurch kann sie Teil eines allgemeinen Individuations- und Identitätsfindungsprozesses werden.
Die Differenzierung und Komplexität des Medienkompetenzbegriffs ist zur Bildung, Klärung und Stützung der eigenen, praxisbezogenen Position für Pädagogen wichtig, kann jedoch auf konkrete Lernsituationen der politischen Bildung im schulischen Bereich nur indirekt übertragen werden. Hilfreich ist hingegen eine Verknüpfung der vorherigen Überlegungen mit dem Fähigkeitenkatalog zur Medienkompetenz von Gerhard Tuldodziecki:8
Fähigkeitenkatalog zur Medienkompetenz:
1) Medienangebote auswählen und nutzen: Politische Aktivität scheiterte in den Anfängen der Informations- u. Mediengesellschaft am Mangel an Information, inzwischen muss festgestellt werden, dass ein vielfältiges Medien- und Informationsangebot vor allem im Bereich von Internet und neuen Medien nur dann eine Chance für die Demokratie ist, wenn sich die einzelnen Bürgerinnen und Bürger in der Informationsflut zurecht finden und entsprechende Informationsangebote sinnvoll und selektiv nutzen können. Für problemorientiertes und politisches Lernen bietet das Internet hervorragende Möglichkeiten, um verschiedene, oft auch widersprüchliche Informationen zu einem bestimmten Themenbereich zu analysieren.
2) Medien selbst gestalten und verbreiten: Das Internet bietet durch die neuen Möglichkeiten des elektronischen Publizierens und Vernetzens immer mehr Menschen die Chance Öffentlichkeit herzustellen und in der Öffentlichkeit präsent zu sein. Das Herstellen und Erzeugen von Öffentlichkeit ist die Grundlage der Möglichkeit zur freien Meinungsäußerung in einer demokratischen Gesellschaft und damit ein zentrales Anliegen politischer Bildung. Für handlungsorientiertes, projektorientiertes und fächerübergreifendes Lernen als wesentlichem Bestandteil politischen Lernens bietet die Möglichkeit, relevante Informationen im Internet schnell, kostengünstig und wirkungsökonomisch zu veröffentlichen, vielfältige und neue Chancen, im Rahmen einer neuen, subjektorientierten und konstruktivistischen Lernkultur zeitgemäße Beiträge zur politischen Bildung zu leisten.
3) Mediengestaltungen verstehen und bewerten: Je mehr Informations- und Kommunikationszugangsmöglichkeiten der Einzelne besitzt, d.h. je vielfältiger und interaktiver seriöse Nutzungsmöglichkeiten von Medienangeboten sind, umso durchschaubarer können auch manipulierende und einseitige Angebote traditioneller Medien gerade im Bereich der politischen Meinungsbildung sein. Die Entlarvung der medialen Inszenierung von Politik z.B. wird durch die vielfältigen und unzensierten politischen Informationsangebote im Internet überhaupt erst möglich.
4) Medieneinflüsse erkennen und aufarbeiten: Für einen mündigen und kritischen Bürger muss die Gefahr der medialen Verführung nicht nur im Fernsehen und in der Boulevardpresse, sondern auch im Internet erkennbar sein. Der selbstbestimmte und kritische Umgang mit Medienangeboten ist vor allem im Bereich der interaktiven und unzensierten Angebote im Internet notwendiger denn je. Gerade politisch wie ethisch bedenkliche Medieneindrücke aus dem Internet werden jedoch in den meisten Fällen durch einen individuellen Zugang gewonnen und können kollektiv im Klassenverband kaum thematisiert werden.
5) Bedingungen der Medienproduktion und Medienverbreitung analysierend erfassen und Einfluss nehmen: Dahinter verbirgt sich die medienpädagogische wie auch politische Forderung nach dem medienkompetenten User, der auch die Medienangebote der neuen, interaktiven, digitalen und elektronischen Medien umfassend und hinsichtlich der dahinter liegenden ökonomischen und politischen Interessen umfassend zu begreifen, zu analysieren und zu bewerten im Stande ist.
Politische Willensbildung sowie demokratierelevantes, exemplarisches, problemorientiertes und handlungsorientiertes politisches Lernen sind ohne Medien nicht mehr vorstellbar, die Förderung der individuellen Urteils- und Handlungsfähigkeit sowie die Partizipation am demokratischen Prozess sind ausschließlich durch die diversen Medienangebote möglich. Das Internet als neuestes elektronisches Medium erlebt bereits seit Jahren einen gigantischen Wachstumsboom und hat vor allem bei der jungen Generation an Attraktivität noch nichts eingebüßt. Daraus ergeben sich neue Herausforderungen und Betätigungsfelder nicht nur für kritische Medienpädagogen, politische Bildner und engagierte LehrerInnen, sondern auch für BildungspolitikerInnen und für die Medien selbst, denn das Internet wird immer mehr auch eine Herausforderung für die politische Bildung: „Nach allen bisherigen Beobachtungen lässt sich heute sagen, dass wir die gewaltigen Potenziale des Netzes für politische Bildung und Demokratie soeben erst zu verstehen beginnen. Klar erscheint indessen schon heute, dass für wichtige Zielgruppen, zumal in der jüngeren Generation, ohne Einbeziehung des Netzes künftig nichts mehr laufen wird, und dass das Netz infolge dessen Sache der zentralen Herausforderungen, aber eben auch neue Chancen der politischen Bildung geworden ist“.9
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1 Thilo Harth: Das Internet als Herausforderung politischer Bildung, Schwalbach/Ts. 2000, S.3 f.
2 Claus Leggewie Politische Bildung - ein auslaufendes Projekt der 50-60-Jährigen? Lassen sich neue, attraktive Konzepte entwickeln? Beitrag im Rahmen der Virtuellen Konferenz "Internet und politische Bildung",
http://www.edupolis.de/texte/text_leggewie.html (12.12.2001)
3 ebd. http://www.edupolis.de/texte/text_leggewie.html (12.12.2001)
4 Don Tapscott: Net Kids. Die digitale Generation erobert Wirtschaft und Gesellschaft, Wiesbaden 1998
5 Thilo Harth: Das Internet als Herausforderung politischer Bildung,, S.82
6 Hartmut von Hentig: Bildung, München 1996, S. 11
7 Lothar Mikos: Ein kompetenter Umgang mit Medien erfordert mehr als Medienkompetenz, S. 23; in: medien + erziehung (merz), 43/1/1999, S. 19-23
8 vgl. Gerhard Tulodziecki: Medienkompetenz als Ziel schulischer Medienpädagogik, in; Arbeiten + Lernen 7/30/1998/S. 13-17
9 Thomas Meyer: Internet und Politische Bildung - Zehn Thesen, http://www.edupolis.de/texte/text_meyer.html (20.12.2001)