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Autor: Pehofer, Johann.

Titel: Neue Medien aus der ontologischen Sicht des Menschen.

Quelle: Medienimpulse Heft 40, Juni 2002.S. 28-29.

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.



Johann Pehofer

Neue Medien aus der ontologischen Sicht des Menschen



I Einleitung

„Neue Medien“ sind ein wesentlicher Grund der Veränderung unserer Gesellschaft. Der damit verbundene Informationsbereich bietet mittlerweile mehr als 50% aller Berufstätigen in Europa Beschäftigung1. Wirtschaft und Gesellschaft verändern so die Anforderungen an notwendige Fähigkeiten und Fertigkeiten des Einzelnen und stellen in diesem Zusammenhang auch Forderungen an Wissenschaft und Lehrerbildung. Die davon in erster Linie betroffene und damit befasste Pädagogik steht dieser Entwicklung ambivalent gegenüber: Wird auf der einen Seite die Vermittlung der „Vierten Kulturtechnik“ mittlerweile als selbstverständlich betrachtet und in zunehmendem Maß die Optimierung für und durch Neue Medien gefordert, wächst auf der anderen Seite die Zahl der Kritiker2, denen diese Forderungen weder mit pädagogischen Inhalten noch Bildungszielen verknüpft scheinen: Damit Technik nicht immer mehr zum Subjekt wird, nach der der Mensch gemessen wird, müsse sich Pädagogik ihrer ursprünglichen Aufgabe besinnen.

Um diese divergierenden Ansichten um Aufgabe und Bestimmung der Pädagogik – sie widerspiegeln sich auch in der pädagogischen Literatur der letzten Jahre – zu hinterfragen und zu beantworten, ist vornehmlich die Grundfrage nach der Stellung des Menschen innerhalb dieser Entwicklung zu stellen. Denn es muss primäres Anliegen der Pädagogik sein, die an sie gestellten Forderungen radikal zu hinterfragen, will sie selbst nicht instrumentalisiert werden. Als ein möglicher Zugang wird hier die Hinterfragung durch philosophische Grundwahrheiten gewählt, denn gerade heute „… ist die Erinnerung notwendiger denn je, dass Wissenschaft und Ausbildung ohne philosophisches Denken blind werden“3.



II Die ontologische Ordnung

Bei der Beantwortung unserer Frage nach dem Sein des Menschen und seiner Stellung im Kosmos sollen aber nicht Problembereiche der Philosophie im Vordergrund stehen, sondern jene mit pädagogischer Relevanz. Dabei sind insbesondere die Konsequenzen, die sich für den Umgang mit den Neuen Medien ergeben, von entscheidender Bedeutung. Zu dieser Bestimmung des Seins des Menschen soll uns zunächst das ontologische Ordnungsschema des Maximus Confessor (580 – 662)4 dienen. Dieser unterscheidet zwischen:





Dem Thema entsprechend ergibt sich die Frage der Einordnung des Menschen und der Neuen Medien in diese Gliederung: Gemäß dieser Darstellung steht der Mensch – als vernunftbegabtes, sinnliches Wesen – an der Spitze der Ordnung, vernachlässigt man die theologischen Überlegungen von Maximus Confessor.

Die Stellung der Neuen Medien in dieser Ordnung ist nicht mehr so eindeutig zu beantworten: Die Betrachtung der Neuen Medien als Werkzeug, das der Mensch verwendet, würde sie dem Bereich des „Leblosen“ zuordnen, bereits bestehende Entwicklungen der Nanotechnologie und der Gentechnologie würden die Neuen Medien jedoch dem Bereich der Intelligenzen zuordnen – der von Maximus Confessor Gott zugedachte Bereich würde den neuen Technologien zufallen: Pädagogik würde letztendlich obsolet werden.



III Forderungen für Mensch und Pädagogik

Es ist daher notwendig, Axiome aufzustellen, die in der Pädagogik Gültigkeit haben müssen, will sie ihrem Namen gerecht werden:



Axiom 1

Der Wert des Menschen ergibt sich konsequenterweise aus seiner Stellung in der ontologischen Ordnung: Als vernunftbegabtes Wesen muss er in einer pluralistischen Gesellschaft das Maß aller Dinge sein.



Dieses Axiom wurde bereits von Marian Heitger mit folgenden Worten definiert: „Ziel aller Erziehung ist, dass der Mensch Mensch werde“5. Ausgangs- und Endpunkt jeder Pädagogik muss der Mensch sein, alles andere wäre Dressur oder Instrumentalisierung. Das Ziel aller Bildung ist und bleibt die Menschwerdung des Menschen.



Axiom 2

Als vernunftbegabtes Wesen bedarf der Mensch zur Menschwerdung der Bildung und nicht nur der Ausbildung.



„Der Mensch ist das einzige Geschöpf, das erzogen werden muss“, formulierte bereits Immanuel Kant in seiner Vorlesung „Über die Erziehung“6. Das bedeutet: „Menschwerdung geschieht nicht von selbst, sei es im Sinne eines biologischen Wachsens oder als kausale Wirkung gesellschaftlicher Determination. Der Mensch muss sich selbst zum Menschen machen. Erziehung kann und muss dazu Handbietung leisten …“7. Gerade Vernunft und Einsicht befähigen den Menschen zu hinterfragen, zu planen und zu werten – Mündigkeit und Selbstbestimmung werden so zu Zielen der Bildung. Eine einseitige Qualifizierung für den Arbeitsmarkt – damit verbunden eine Bestimmung des Menschen von außen – kann und darf nicht die Zustimmung der Pädagogik finden; Bildung kann daher nur bedeuten, die Fähigkeiten und Begabungen unter Berücksichtigung der jeweiligen Individualität umfassend zu fördern und zu entfalten.



Axiom 3

Mündigkeit und Verantwortung als Folge von Bildung bilden die Basis für Ausbildung, da sie der einzige Garant gegen eine Instrumentalisierung des Menschen sind.



Erst der selbstbestimmte Mensch ist frei, seine Handlungen zu bewerten und abzuschätzen: Neue Medien können eine Bereicherung für das Leben des Menschen darstellen, wenn sie vom Menschen benutzt werden und nicht der Mensch der Technik dient. Voraussetzung ist jedoch die Wertigkeit des Menschen vor der Technologie.



IV Schlussbetrachtung

Somit wäre eine Antwort auf die Fragestellung der Nutzung der Neuen Medien gegeben: Neue Medien dürfen die einzigartige Stellung des Menschen nicht gefährden. Und diese führende Stellung des Menschen innerhalb der ontologischen Ordnung kann nur durch ihn selbst und die Weitergabe von Bildung aufrecht erhalten werden: Erst durch den Primat der Menschenbildung wird der Mensch befähigt, mit den Neuen Medien richtig umzugehen. Diese Grundwahrheit einzumahnen wird auch bei zukünftigen Entwicklungen primäre Aufgabe der Pädagogik bleiben.

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1 Vgl. Aufenanger, Stefan: Lehren und Lernen mit neuen Medien – Perspektiven für die Schule. URL: www.aufenanger.de 27. 3. 2002.

2 Vgl. z. B. Breuer, Stefan: Die Gesellschaft des Verschwindens, Hamburg 1995; Jörg, Sabine: Per Knopfdruck durch die Kindheit. Die Technik betrügt unsere Kinder. Weinheim und Berlin 1987.

3 Gadamer, Hans Georg: Zitiert nach dem Informationsdienst Wissenschaft. URL: http://idw-online.de/ 20. 3. 2002.

4 Maximus Confessor: Die schematische Aufgliederung des Seins. Aus: Hirschberger: Geschichte der Philosophie. Band I, S. 724. Digitale Bibliothek Band 3: Geschichte der Philosophie, S. 9374 (vgl. Hirschberger-Gesch. Bd. 1, S. 392)] – Maximus Confessor, 580 – 662, Mönch, Abt, ist besonders von Gregor von Nyssa beeinflusst und betont den Gedanken der Einigung des Menschen und alles Geschaffenen mit Gott und dem Logos, dem Endziele aller Schöpfung. & Schriften: Opera. 1675, 1857. [Eisler: Philosophenlexikon, S. 1176. Digitale Bibliothek Band 3: Geschichte der Philosophie, S. 18108 (vgl. Eisler-Phil., S. 459)].

5 Heitger, Marian: Johann Michael Sailer. In: Heitger, Marian; Wenger, Angelika: Kanzel und Katheder. Zum Verhältnis von Religion und Pädagogik seit der Aufklärung. Paderborn 1994, Seite 127.

6 Kant, Immanuel: Über die Erziehung. München 1997, Seite 3.

7 Heitger, Marian: a. a.O.

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