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Autor: Ribolits, Erich.

Titel: Neue Medien und das Bildungsideal (politischer) Mündigkeit.

Quelle: Medienimpulse Heft 36, Juni 2001. 2001.

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.



Erich Ribolits

Neue Medien und das Bildungsideal (politischer) Mündigkeit



Eine funktionierende Demokratie setzt mündige Individuen voraus; Menschen also, die in der Lage und willens sind, selbstbewusst und verantwortungsvoll in die Gestaltung der Gesellschaft einzugreifen. Und um diese Fähigkeiten zu entwickeln reicht ein unbeschränkter Zugang zu „allen Informationen dieser Welt“ – wie er durch die neuen Medien versprochen wird – allerdings beileibe nicht aus. Dazu ist es zuallererst einmal erforderlich, die im Übermaß vorhandenen Informationen einzuordnen, verknüpfen, strukturieren, bewerten, kurz: sie sich relevant machen, zu können. Denn – auch wenn die Apologeten des Internet uns das vielfach glauben machen wollen – mit dem problemlosen Zugang zu Informationen geht keineswegs schon ein „Verstehen der Dinge“ einher. Wissen wird nicht generiert durch den einfachen „Klick“, mit dem die nächste Web-Site aufgerufen wird; dafür braucht es den autonomen Gebrauch des Verstandes mit all der damit verbundenen Mühsal. Um sich lernend die Welt zu erschließen, ist analytisches, zusammenhängendes Denken sowie Disziplin und ein gehöriges Maß an Selbstbeherrschung erforderlich.

Wissen ist wesentlich mehr als bloße Informationsanhäufung; es wird erst über den Weg des Stellung- Nehmens zu neuen Informationen generiert, was allerdings wieder voraussetzt – und das ist für die folgende Argumentation ganz wesentlich – einen fundierten und definierten Standpunkt zu haben. Erst aus einer derartigen, reflektierten und autonomen Position heraus ist jemand in der Lage, zwischen seinem Selbst und neuen, an ihn herangetragenen Informationen eine Beziehung herzustellen und sich – genau dadurch – (ihren) Sinn zu erschließen. Jeder Erwerb von Wissen kann ja als ein Versuch gesehen werden, das eigene „Verhältnis zur Welt“ ein wenig mehr zu klären und damit dem eigenen Leben Sinn zu verleihen. An den Verstand über die fünf Sinne herangetragene Informationen sind dafür unverzichtbare Basis; sie bleiben allerdings solange Nonsense – sind also nicht in der Lage Sinn zu generieren – als ihnen nicht mit Selbstbewusstsein – also der Gewissheit ein „autonomes Selbst“ zu sein – gegenübergetreten werden kann. Selbstbewusstsein – jener weiter vorne angesprochene fundierte Standpunkt – ist für den Menschen also einerseits Voraussetzung, um die Außenwelt begreifen zu können, und andererseits stellt das In-Beziehung-Treten mit der Außenwelt die Grundlage für eine Weiterentwicklung dieses Bewusstseins, ein autonomes Ich zu sein, dar. Der Menscht „versteht sich selbst in dem Maße, wie er sich selbst versteht.“1 Seine Autonomie wächst durch Auseinandersetzung mit Informationen; jedoch ganz sicher nicht durch deren bloße Anhäufung! Dementsprechend stellt ein ungehinderter Informationszugang auch noch lange keine ausreichende Voraussetzung für Wissen – das „Verstehen der Dinge“ – dar. Was ein Mensch braucht, damit er Informationen Bedeutung geben kann und sie ihn nicht bloß anschwemmen, ist Ich-Stärke und ihre Entsprechung, Beziehungsfähigkeit. Solange dieses Vermögen unzureichend ausgebildet ist, ist er zu einer „sinnvollen“ Verarbeitung von Information gar nicht im Stande.

Die Voraussetzung dafür ist bei einem Kind erst gegeben, nachdem das Stadium der Allidentität – jener frühesten Entwicklungsstufe, in der noch kein Unterschied zwischen sich und der Außenwelt wahrgenommen wird – verlassen wird. Das autonome Individuum, das Informationen zu Wissen weiterverarbeiten kann, tritt erst ab dem Zeitpunkt auf den Plan, ab dem ein Heranwachsender sich als in-Beziehung- stehend zu begreifen vermag2. Dafür benötigt ein heranwachsendes Baby, neben bestimmten hirnphysiologischen Entwicklungen, vom ersten Tag seines Lebens an Menschen, die mit ihm in einer (dialogischen) Beziehung stehen und ihm solcherart die Botschaft vermitteln, autonomes Subjekt zu sein. Nur wenn diese Voraussetzung gegeben ist, kann sich bis zur Mitte des zweiten Lebensjahres in einer Reihe von Entwicklungsschritten sukzessive die psychische Grundlage für ein Selbstbewusstsein herausbilden3. Die unverzichtbare Basis für das „Ich“ besteht in der personalen „Begegnung mit dem du“.

Wurden Informationen kraft der Fähigkeit zu einer selbstbewussten Auseinandersetzung tatsächlich zu Wissen verarbeitet, setzt mündiges Verhalten allerdings noch einmal mehr voraus, nämlich, das gewonnene Wissen nicht bloß in instrumenteller, sondern in selbstreflexiver Form anzuwenden. Mündig zu sein bedeutet Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen, womit das Wollen angesprochen ist, Wissen zur Richtschnur des eigenen Verhaltens zu machen und es nicht bloß für Zwecke des eigenen Vorteils – also mit dem Ziel, daraus Kapital zu schlagen – zu generieren. Der Mensch gewinnt Mündigkeit in dem Maß, in dem er seinem Wissen nicht „entfremdet“ gegenübersteht, er also zulässt, dass es ihm nicht äußerlich bleibt, sondern ihn betrifft und verändertes Verhalten abverlangt. Grundlage dafür ist allerdings wieder Selbstbewusstsein; denn nur das selbstbewusste Individuum wird den Mut aufbringen, gewohnte Bahnen zu verlassen und sich auf neues Terrain zu begeben.

Allein dadurch, dass der Großteil der Gesellschaftsmitglieder Zugang zu den neuen (Meta- Informationsmedien hat, wird eine derartige, auf Selbstbewusstsein und Mündigkeit beruhende, kritische Informationsverarbeitung allerdings keineswegs schon gefördert. Auch die Aussagen des bekannten Analysten der Internetentwicklung, Clifford Stoll, der –obwohl selbst Pionier und überzeugter User des Internets – nicht müde wird, auf den problematischen Charakter des Computers als Lernmedium für die Schule hinzuweisen, sind diesbezüglich äußerst pessimistisch. Er meint, dass das Internet die vom Fernsehen bekannte Dekontextualisierung – die zunehmende Unfähigkeit, Dinge in ihren Zusammenhängen wahrzunehmen – weiter verstärken wird. Ein Denken in Zusammenhängen erschließt sich über das Erkennen und Reflektieren von Interessen und Werthaltungen, hat mit dem, was unter der Bezeichnung „Link“ auf jeder Internet-Site bereitwillig angeboten wird, also ganz sicher nichts zu tun. Zusammenhänge erkennt, wer Informationen zu hinterfragen vermag und begreift, dass auch Informationen nicht wertfrei in die Welt treten und ihr Kolportieren von Interessen determiniert ist. Derartige Erkenntnisse werden aber genau durch das, was so gerne als demokratische Verfasstheit des Internet bezeichnet wird, sich aber wahrscheinlich viel eher mit dem Begriff Anarchie umschreiben lässt, geradezu hintertrieben. Dass es im Internet keine Zensurstelle, keine Lektoren und Redakteure gibt, die Freiheit des Wortes also uneingeschränkt gegeben scheint und niemand gehindert wird, seine Botschaften unters Volk zu bringen, verschleiert nämlich weitgehend, dass Informationen nichtsdestotrotz nur über ihren Kontext zur Macht Bedeutung gewinnen.

Denn es ist nicht bloß so, dass sich das Wertvolle angesichts des Plunders der Millionen Nutzer, die ihre Botschaften ins Netz schicken, verliert. Es verliert sich zugleich auch jedes Kriterium, was als wertvoll bezeichnet werden kann. Von Kritikern wird ja häufig angemerkt, dass es im Internet keinerlei Hinweise darauf gibt, was sich eigentlich zu lesen lohnt bzw. durch welche weiter gehenden Links man tatsächlich an wertvolle Informationen herankommen kann. Geliefert werden beliebige Fakten – ungeprüft und unsortiert. Der schon zitierte Clifford Stoll schreibt in diesem Zusammenhang, „mit der Chance eines jeden, seine Arbeiten ins Netz zu schicken, erinnert das Internet langsam an die Ramschkisten vor den Buchhandlungen: Es bleibt dem Leser überlassen, den Bodensatz noch einmal zu durchsieben. […] Aber was lohnt den Zeitaufwand des Lesens? Kurz, was hat irgendeinen Wert? [Die Leser] wissen es nicht, bis sie es runtergeladen, entpackt und gelesen haben.“4 Tatsächlich stellt sich die Sache meines Erachtens allerdings noch dramatischer dar: Wenn Menschen nicht schon anderweitig die Chance gehabt haben, jenen mit dem Kürzel „Ich-Stärke“ umschriebenen fundierten Standpunkt aufzubauen, der die unabdingbare Grundlage für jede Informationsbewertung darstellt, wird die vom Internet perfekt verkörperte Struktur der Beliebigkeit ihre diesbezügliche Unfähigkeit noch massiv verstärken.



Denn dem Internet-User wird ja mit allen zu Gebote stehenden Mitteln der Eindruck vermittelt, dass das Internet einen einzigen Hort des Wissens darstellt. Kaum irgendwelche Kritiker machen darauf aufmerksam, dass der weitaus überwiegende Teil dessen, was sich aus dem Netz herunterladen lässt, schlichtweg als Schrott zu charakterisieren ist und dass für alle, die mit Informationen nicht kritisch umzugehen gelernt haben und jenen autonomen Standpunkt nicht erwerben konnten, der ihnen erst sinnvolle Kriterien der Kritik in die Hand gibt, das Internet die Grundlage dessen darstellt, was Adorno und Horkheimer als „Halbbildung“ und als wesentlich gefährlicher als bloßes Nichtwissen bezeichnet haben. Lange vor der Erfindung des Internets, 1947, haben sie diesen Begriff im Zusammenhang mit der Erkenntnis eingeführt, dass Kultur in der spätkapitalistischen Marktgesellschaft zu einer „informatorisch verbreiteten Ware“ verkommt, die jene nicht mehr zu „durchdringen“ im Stande ist, die von ihr lernen oder zu lernen glauben. Das Denken wird unter diesen Bedingungen – so argumentieren sie – „kurzatmig, beschränkt sich auf die Erfassung des isoliert Faktischen, […] dem Ich [bleibt] kein Spielraum für geistige Konsequenzen“, schlussendlich geht die „Selbstbesinnung des Geistes zu Grunde“5.

Diese Bilanz trifft allerdings ganz sicher nicht nur auf die neuen Medien zu. Diese sind bloß im gleichen Maß der marktgesellschaftlichen Tendenz ausgesetzt, alles zur Ware werden zu lassen, wie andere Bereiche öffentlich organisierter Informationsverbreitung. Auch für das Internet gilt, dass die für das Demokratiebewusstsein prägenden Aspekte nicht ursächlich dem Informationsmedium angelastet werden können, sondern immer bloß Auswirkungen konkreter Gesellschaftsstrukturen darstellen. In diesem Sinn braucht durch neue Medien auch weder eine neue oder neuartige demokratiepolitische Gefahr befürchtet zu werden, noch besteht allerdings auch irgend ein gerechtfertigter Anlass für die Hoffnung auf einen Demokratisierungsschub durch das Medium Internet. Die neuen Medien agieren unter denselben politischökonomischen Rahmenbedingungen wie ihre traditionellen Verwandten und sind im selben Maß an die Prämissen der profitorientierten Ökonomie gekoppelt. Im gleichen Maß verkörpern sie somit auch Aspekt und Gefahr der bürgerlichen Demokratie.

Ein Unterschied, der im Zusammenhang mit Demokratiebewusstsein allerdings äußerst bedeutsam ist, lässt sich jedoch in der Einschätzung des Internets als Wissensquelle feststellen. Noch niemals vorher wurde ein Informationsmedium derart euphorisch zu einem Lehr- und Lernmedium hochstilisiert, und noch niemals vorher wurde so heftig verkündet, wie sehr ein Medium Schulen und Ausbildungsstätten grundsätzlich verändern werde. Und wenn dann im Zusammenhang mit Computer und Internet begeistert verkündet wird, dass Lehrer und Lehrerinnen nun „nicht mehr das Wissensmonopol“ haben (als ob sie dieses jemals gehabt hätten) und dass sich nun auch die hierarchische Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden „zu einer Partnerschaft verflacht“6 (womit wohl gemeint ist, dass beim Suchen im Internet alle gleich sind), dann wird klar, dass hier einem Medium neben Autorität auch Objektivität und inhaltliche Unfehlbarkeit zugeschrieben wird. Schüler und Schülerinnen können sich nun – so lautet die enthusiastische Botschaft – unabhängig von ihren LehrerInnen Informationen aus einem globalen Wissenspool verschaffen; endlich würde nun selbstständiges Lernen möglich und die Rolle der LehrerInnen könne nun auf eine ModeratorInnenfunktion für den selbstständigen Wissenserwerb der SchülerInnen reduziert werden.

Das klingt angesichts uralter pädagogischer Forderungen nach einem Abbau autoritärer Vermittlungsformen in Ausbildungsstätten und nach Lernformen, die SchülerInnen in höherem Maß Verantwortung für ihren Lernprozess zuspielen, durchaus hoffnungsvoll. Aber, wie bei pädagogischen Diskussionen häufig, wird auch hier der gravierende Unterschied zwischen „Autorität“ und „autoritär“ ausgeblendet. Damit Lernende jene weiter vorne angesprochene Fähigkeit der selbstbewussten Auseinandersetzung mit Informationen erwerben können, sind LehrerInnen, die ihre Machtstellung für autoritäres Verhalten missbrauchen, tatsächlich in höchstem Maße kontraproduktiv; ein Gegenüber, das fachliche und persönliche Autorität verkörpert, ist dafür allerdings unumgänglich. Nur im Rahmen einer dialogischen Auseinandersetzung mit einer derartigen (positiven) Autorität kann jener „autonome Standpunkt“ ausgebaut werden, den ich schon als die Grundlage jederweder sinnvollen Informationsverarbeitung dargestellt habe. Für ein Lehren und Lernen, das dem autonomen, mündigen Individuum verpflichtet ist, ist die zwischenmenschliche Beziehung absolut unerlässlich. Schon Sokrates hat gezeigt, dass Lernende im Dialog – und nur im Dialog – zu selbstentdeckendem Lernen geführt werden. Das Sprechdenken ist der zwischenmenschlichen Interaktion vorbehalten und stellt die unabdingbare Grundlage zur Entwicklung eigener Einstellungen, Meinungen und dem Klären komplexer Zusammenhänge dar. In diesem Sinn brauchen Kinder und Jugendliche für ihre Weiterentwicklung zu demokratiefähigen Persönlichkeiten die Möglichkeit, Beziehungen zu lebendigen Lehrern und Lehrerinnen aufbauen zu können.

Die Auffassung, derartige Beziehungen könnten durch Informations- und Kommunikationstechnologien ersetzt werden, geht am Ziel des autonomen, Ich-starken Individuums vorbei. Im Sinne dessen, was Joseph Weizenbaum als „Imperialismus der instrumentellen Vernunft“7 bezeichnet, ist sie der Vorstellung verpflichtet, dass es in der Schule bloß ums Lernen in Hinblick auf Nützlichkeit und Brauchbarkeit, also um das Zurichten von Menschen zu optimal verwertbarem Humankapital geht. Tatsächlich sind Computer und Internet – mit entsprechender Lernsoftware kombiniert – ja recht gut geeignet jenes Lernen zu optimieren, das von SchülerInnen gerne als ein „Einsaugen von Lehrstoff“ charakterisiert wird. Kritisch denkende und mündige Menschen, die zu demokratischer Teilhabe fähig sind, werden durch einen derart optimierten Transfer von Inhalten aus den Speichereinheiten in die Köpfe der Lernenden allerdings nicht gefördert. Der Computer und das Internet ersetzen kein lebendiges Gegenüber mit persönlicher und inhaltlicher Autorität, mit der es möglich ist in einen kritischen Dialog zu treten; sie sind die Verkörperung des autoritären Verhältnisses zwischen Informationsmacht und ohnmächtigem User. Das ist allerdings auch ein Grund, der es äußerst notwendig macht, die neuen Medien, einschließlich der durch sie transportierten Inhalte, zum Gegenstand kritischen Hinterfragens in der Schule zu machen. Tatsächlich ist es ja weder möglich noch sinnvoll, Computer und Internet aus der Schule auszusperren; genauso wie alle anderen Phänomene gesellschaftlichen Lebens, sollen auch sie Anlass für das Animieren von Denkprozessen sein. Damit ist allerdings wesentlich mehr und anderes gemeint, als ein Lernen, das mit Hilfe und auf Basis technologisch vermittelter Inhalte stattfindet. Bei einem Lernen, dessen Ziel Kritikfähigkeit ist, bleiben LehrerInnen jene Autorität die es SchülerInnen ermöglicht, sich an ihr abzuarbeiten. Ein derartiges Lernen unterwirft sich nicht einem inhaltsvermittelnden Medium, sondern nimmt die medial transportierten Inhalte zum Anlass einer kritischen Auseinandersetzung.

Wenn das Ziel ist, Menschen zu demokratischer Teilhabe zu befähigen, dann geht es um die Förderung von Selbstbewusstsein und Ich-Stärke sowie ihrer Bereitschaft, Verantwortung in der Gemeinschaft zu übernehmen. Unzureichendes demokratisches Engagement korreliert mit der Unfähigkeit zu kritischer Auseinandersetzung, die ihre Ursache in einem Ich hat, dessen Entfaltung nicht ausreichend gefördert wurde. Zu geringe strukturelle Möglichkeiten der Einflussnahme auf demokratische Prozesse sind genauso wenig die tiefere Ursache für Politikabstinenz wie Informationsmangel. Dass außerdem ein relativ ungehinderter Zugang zu Informationen nicht automatisch demokratische Entwicklungen vorantreibt, zeigt schon eine oberflächliche Analyse der aktuellen gesellschaftlichen Situation in allen Industrieländern. Auch in Österreich bezieht – trotz eines vielfältigen Angebots an Informationsquellen – ein großer Teil der Bevölkerung die Grundlage seiner politischen Entscheidungen „freiwillig“ aus einem äußerst eingeschränkten Informationsspektrum. Anwachsende Zugangsmöglichkeiten zu neuen (Meta-) Medien werden die allgemeine Bereitschaft sich mit Informationen differenziert auseinander zu setzen wohl kaum automatisch anwachsen lassen. Es sind nicht die „richtigen“ Informationen, an denen es dem Großteil der Menschen mangelt, was ihnen fehlt, ist das Vermögen Informationen sinnvoll verarbeiten zu können und Ich-Stärke, die Voraussetzung für den „Mut sich des eigenen Verstandes zu bedienen“. Diese Formulierung, mit der Immanuel Kant vor mehr als 300 Jahren Unmündigkeit definiert hat, drückt – wenngleich sie vielleicht nicht ganz zeitgemäß klingen mag – sehr gut aus, worum es geht. Demokratie setzt Mut voraus, Mut sich den Konsequenzen des Denkens zu stellen und für die eigene Lebensgestaltung Verantwortung zu übernehmen. Demokratie zu fördern heißt diesen Mut zum Denken zu fördern. Grundvoraussetzung dafür sind Bedingungen des Aufwachsens, die ein Heranwachsen von Selbstbewusstsein und Ich-Stärke begünstigen. Mindestens genauso wichtig dafür ist aber eine Schule, die sich als ein gesellschaftlicher Bereich begreift, wo es um die Entwicklung des humanen Potentials des Menschen geht, um seine Kultivierung, also die Entfaltung der Fähigkeit, das Leben an Prinzipien ausrichten zu können, die der „Rationalität des Nutzens“ übergeordnet sind. Wenn Schulen derartige Stätten der Bildung und nicht bloß solche des Vermittelns von Brauchbarkeit und Nützlichkeit sind, dann können die modernen Informationsmedien durchaus auch zu einer Grundlage für eine weitere Demokratisierung der Gesellschaft werden.

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1 Vgl.: Tiedemann, Paul: Über den Sinn des Lebens. Die perspektivische Lebensform. Darmstadt 1993, S. 29 ff.

2 Ebda.

3 Vgl.: Stern, Daniel: Mutter und Kind. Die erste Beziehung. Stuttgart 1973 (3. Aufl.).

4 Stoll, Clifford: Die Wüste Internet. Geisterfahrten auf der Datenautobahn. Frankfurt a. M. 21999, S. 65 und 68.

5 Adorno, Theodor W./Horkheimer, Max: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Frankfurt a.M. 1988, S. 207.

6 Vgl.: Grimus, Margarete: Die vierte Kulturtechnik in Schule und Weiterbildung. In: „CD Austria Extra“, Sonderausgabe 1A, Dez. 2000, S. 64.

7 Weizenbaum, Josef: Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft. Frankfurt a. M. 1978.

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