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Autoren: Stadelhofer, Carmen, Carls, Christian.
Titel: Virtuelle Selbstlerngruppen. Neue Anforderungen in der allgemeinen Weiterbildung für Ältere.
Quelle: medien praktisch. Zeitschrift für Medienpädagogik. Heft 1/2002. Frankfurt/ M. 2002. S. 19-22.
Verlag: Gemeinschaftswerk der evangelischen Publizistik.
Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Autoren.
Carmen Stadelhofer/ Christian Carls
Virtuelle Selbstlerngruppen
Die neuen Informations- und Kommunikationstechniken halten nicht nur in den Schulen Einzug, sondern nach und nach auch in den Einrichtungen der allgemeinen Weiterbildung für Erwachsene im mittleren und höheren Lebensalter. Ihr Einsatz wurde beim Zentrum für Allgemeine Wissenschaftliche Weiterbildung der Universität Ulm (ZAWiW) seit 1996 in innovativen Angebotsformen erprobt, so dass – gemeinsam mit anderen, meist neueren Projekten – inzwischen mehrjährige Erfahrungen mit der Nutzung dieser Techniken in der allgemeinen Weiterbildung für Ältere auch in Deutschland vorliegen. Heute ist die Situation so, dass die Integration der neuen Technologien in Weiterbildungsangebote von bildungsinteressierten älteren Menschen, die erste Erfahrungen mit den neuen Medien gemacht haben, zunehmend nachgefragt und eingefordert wird. Die meisten Weiterbildungseinrichtungen sind auf diesen Wandel noch nicht ausreichend vorbereitet. Zwar werden von immer mehr Weiterbildungseinrichtungen inzwischen PC- und Internetkurse für Altere angeboten, die Möglichkeiten, die die neuen Techniken für neue Formen der Weiterbildung bieten, werden aber erst allmählich erkannt.
In dem Maße, wie sich Altere das Internet erschließen, werden sich auch die Zugangsweisen zu klassischen Angeboten der allgemeinen Weiterbildung für Ältere ändern und erweitern. Beim Besuch von Bildungsangeboten stand bei vielen Älteren früher das Leitmotiv des „Nachholens“ von Bildungsdefiziten im Vordergrund. Die Angebote von Altenakademien oder den in den 70er und 80er Jahren gegründeten „Universitäten des dritten Lebensalters“ waren in ihrem Selbstverständnis darauf ausgerichtet, älteren Menschen, die aus historischen Gründen zu den bildungsbenachteiligten Gruppen zähl(t)en, einen „kompensierenden“ Zugang zu (Weiter)Bildung zu ermöglichen. Inzwischen gibt es Veränderungen in den Voraussetzungen der Zielgruppe, die zu einem Wandel in der Bildungsmotivation führen. Zu den veränderten Voraussetzungen gehören verbesserte Gesundheit, bessere Vorbildung und leichterer Zugang zu Informationen, wobei das Internet eine zunehmende Bedeutung erlangt. Hinzu kommen Veränderungen in den gesellschaftlichen Anforderungen, die auch (oder gerade) Älteren, die an der gesellschaftlichen Entwicklung weiter aktiv teilhaben wollen, neue Qualifikationen und Lernprozesse abverlangen. In Kombination zweier gebräuchlicher Begriffe könnte von einer Notwendigkeit zum selbstgesteuerten lebenslangen Lernen gesprochen werden.
In diesem Zusammenhang erhält die Verbreitung des Internets eine mehrfache Bedeutung. Die vielen älteren Menschen aus ihren Schulerfahrungen vertraute Erwartung an Bildung als Instanz zur Vermittlung feststehender Fakten wird – nach den Veränderungen im Bildungsverständnis in den vergangenen 30 Jahren – durch die realisierte oder unterstellte Verfügbarkeit beliebig vieler Quellen und unterschiedlicher Perspektiven weiter verunsichert.
Zugleich bieten die neuen Informations- und Kommunikationstechniken neue Chancen der Wissensaneignung und Problemlösung für den Einzelnen, aber auch für Kommunikation zwischen Gleichaltrigen und in generationsübergreifenden Gruppen. In der erlebten Konfrontation mit einer unüberschaubaren Informationsfülle wird dieser Austausch ein zentraler Schlüssel zum Erwerb von „Wissen“, das sich dadurch auszeichnet, dass es gemeinsam mit anderen kontextbezogen entwickelt, geteilt und durch Zustimmung vergewissert wird. Von Trägern der Weiterbildung wird hier die Gestaltung neuer Lernorte, Vernetzung, Orientierung, „Navigationshilfe“ und Moderation genauso erwartet werden wie Angebote an inhaltlichem Input.
Einen besonderen Stellenwert gewinnt dabei die Entwicklung von virtuellen Räumen für „vernetztes“ und selbstorganisiertes Lernen. Gleichinteressierten kann – unter weitgehender Vermeidung räumlich/zeitlicher Verpflichtung der einzelnen Teilnehmerinnen – eine kontinuierliche Zusammenarbeit ermöglicht werden. Die Lernenden können ohne besonderen Kosten- und Zeitaufwand über weite Entfernungen zusammenarbeiten und ihre Ergebnisse austauschen und diskutieren. Aber auch für die Zusammenarbeit in den Gruppen im regionalen Raum werden die neuen Techniken sich als enorm nützlich erweisen, wobei die optimale Form der Mischung „realer“ und „virtueller“ Zusammenarbeit weiter zu erproben ist. Durch sinnvolle Nutzung dieser neuen Möglichkeiten könnte beispielsweise der zunehmend bemerkte „Widerspruch“ zwischen dem Bedarf nach Lernen in Gruppen und dem Bedürfnis nach weitest möglicher Ungebundenheit und Flexibilität aufgelöst werden.
Selbstorganisierte Lerngruppen älterer Menschen gab es natürlich bereits unabhängig vom WWW. Beim ZAWiW der Universität Ulm gibt es seit vielen Jahren Gruppen „Forschenden Lernens“, die sich ihre Themen selbst wählen, gemeinsam recherchieren und ihre Ergebnisse in verschiedenen Formen dokumentieren – traditionell in Form von Ausstellungen oder Broschüren. Diesen Gruppen bietet das Internet inzwischen neue Möglichkeiten, ihre Ideen und Ergebnisse kostengünstig zu veröffentlichen (www.uni-ulm.de/LiLL/forschlern). So existiert beim ZAWiW seit 1996 eine Gruppe, die sich mit den neuen Techniken auseinandersetzt und andere Lerngruppen beim Zugang zum Internet unterstützt. 1998 wurde von dieser Gruppe – dem Arbeitskreis Seniorinnen/Senioren und Internet (AK Senet) – eine „Einstiegshilfe ins Internet“ erstellt, die sich gezielt an ältere Menschen richtet (STADELHOFER/WECKER 1998).
Nachhaltige
Unterstützung fand diese Entwicklung durch die Schaffung der
europäischen Informations- und Kommunikationsplattform LiLL
des Europäischen Netzwerkes Learning in Later Life im
Jahr 1997, zu dem Einrichtungen der wissenschaftsorientierten
Seniorenbildung aus 18 verschiedenen europäischen Ländern
gehören und das vom ZAWiW koordiniert wird (LiLL wurde
als Modellprojekt im Zeitraum 1997 - 2000 vom Sokrates-Programm der
Europäischen Union und dem Bundesministerium für Familie,
Senioren, Frauen und Jugend, Bonn, finanziell unterstützt; jetzt
wird es ehrenamtlich von MitarbeiterInnen des ZAWiW und SeniorInnen
des AK SENET weitergeführt). Ein besonderer Schwerpunkt der
Website besteht in der Information über Gruppen „Forschendes
Lernen“ europaweit und in der Förderung des Kontaktes
zwischen diesen (www.uni-ulm.de/LiLL, Bereich 3).
In dem Maße, in dem einzelne Gruppen Mailinglisten und Präsentationen im Netz für ihre Arbeit nutzten, zeichnete sich im Rahmen des Netzwerks Learning in Later Life bereits die Möglichkeit eines prozesshaften Übergangs von „realen“ zu virtuellen Lerngruppen ab. In dem neuen, vom ZAWiW koordinierten europäischen Modellprojekt SoLiLL (selforganized learning groups in later life) wird die transnationale Zusammenarbeit von Lerngruppen gezielter erprobt (www.solill.net).
Ein Pilotversuch, der von Beginn an auf „virtuelle“ Zusammenarbeit angelegt war und sehr erfolgreich verlaufen ist, ist das intergenerationelle Online-Projekt zum Buch von INGEBORG DREWITZ Gestern war Heute. Dieser Roman ist in den 12. Klassen der Gymnasien in Baden-Württemberg Pflichtlektüre. Es handelt sich um eine Familienchronik, geschrieben aus der Sicht der Journalistin Gabriele, die zugleich „Hundert Jahre Deutsche Geschichte“ beschreibt. Für die SchülerInnen heute sind viele geschichtliche Ereignisse und Verhaltensweisen der ProtagonistInnen des Romans nicht leicht nachvollziehbar. Aus diesem Grund hat sich eine vom ZAWiW initiierte und moderierte Gruppe älterer Menschen im Frühjahr 2000 zu einer virtuellen Zeitzeuglnnengruppe per Internet zusammengeschlossen, um zusammen mit jeweils einem Deutsch-Grundkurs der 12. Klasse aus drei Gymnasien (aus Freiburg, Ulm und Stuttgart/Ostfildern) diesen Roman zu erschließen und auf der Folie ihrer biografischen Erinnerungen den zeitgeschichtlichen Hintergrund zu erhellen. Die zehn SeniorInnen wohnen an ganz unterschiedlichen Orten Deutschlands, die meisten haben sich durch die Zusammenarbeit in diesem Online-Projekt erst kennen gelernt. Während die SchülerInnen den Roman im Schulunterricht behandelten und ihn durch Gruppenarbeit erschlossen, nutzten die SeniorInnen eine Mailingliste zum Strukturieren des Vorgehens ihrer Arbeit, zum inhaltlichen Austausch und als Kontaktadresse für die SchülerInnen. Ein Arbeitstreffen einiger am Projekt beteiligter SeniorInnen im Rahmen einer Tagung in der Anfangsphase des Projekts gab dem Projekt einen guten Aufschwung. Im Internet wurde ein Analyse- und Diskussionsforum eingerichtet, in das die von den SchülerInnen geäußerten Fragen hineingestellt und von Mitgliedern der Seniorlnnengruppe aus ihrer jeweiligen Perspektive beantwortet wurden (www.gemeinsamlernen.de/gesternwarheute).
Die Fragen der SchülerInnen bezogen sich zum Teil auf die Romanhandlung und die im Roman handelnden Personen, zum Teil auf den historischen Hintergrund (Drittes Reich, Nachkriegszeit, 50er und 60er Jahre), die Antworten waren persönliche Interpretationen und Anmerkungen der SeniorInnen zu ihren eigenen Lebenserfahrungen. Durch unterschiedliches Lebensalter, unterschiedliche Lebenserfahrungen und individuelle Sichtweisen waren die Beiträge der Älteren sehr vielfältig, sie nahmen zum Teil aufeinander Bezug und ergänzten sich. Die SchülerInnen stellten die im Unterricht erarbeiteten Ergebnisse ebenfalls ins Netz. Auf der Grundlage dieser beiden „Inhaltspools“ wurden Mails ausgetauscht zwischen den Gruppen und zwischen einzelnen Gruppenmitgliedern, zum Teil wurde auch das Diskussionsforum im Internet genutzt.
Das Projekt startete im Frühjahr 2000 und wurde mit einem gemeinsamen Treffen der Seniorinnen und der Ulmer Schülergruppe im Juni 2000 in Ulm beendet. Die Seniorlnnengruppe wurde von der Projektleitung moderiert, die Schülerinnengruppen von der jeweiligen Lehrkraft. Für die beteiligten LehrerInnen war dieses Online-Projekt eine erste Erprobung des Mediums Internet im Schulunterricht, und sie bestätigten zum Abschluss des Projektes, wichtige Erkenntnisse für sich selbst hinsichtlich der Nutzung der neuen Medien im Unterricht gewonnen zu haben. Derzeit ist die Seniorlnnengruppe zusammen mit der Projektleitung dabei, das Projekt zu evaluieren und den Projektverlauf zu dokumentieren. Sporadisch erscheinen neue Kommentare oder Fragen von weiteren SchülerInnen, die im Rahmen ihrer Vorbereitung auf das Abitur zufällig auf das Forum stoßen. Frühere Mitglieder der Lerngruppe besuchen das Forum regelmäßig und gehen auf neue Anfragen ein.
Die gerade beschriebene Online-Gruppe Gestern war heute war ein Pilotprojekt zur Durchführung eines Modellversuchs, den das ZAWiW unter dem Titel Gemeinsamlernen übers Netz im April 2000 mit Unterstützung der Bund-Länder-Kommission begonnen hat.
Ziel
des Modellversuchs ist es, die Initiierung und Unterstützung
weiterer selbstorganisierter Lerngruppen in der allgemeinen
Weiterbildung für Ältere zu erproben. Die Website des
Projekts wurde im Juli 2000 gestartet. Unter www.gemeinsamlernen.de
finden sich seitdem Informationen über selbstorganisierte
Lerngruppen, die über das Internet bereits an Themen arbeiten,
Fakten, Meinungen und Perspektiven zu verschiedenen Themen, die von
Selbstlerngruppen bereits bearbeitet wurden, sowie Konzepte und
Theorien zu Methoden sellostorganisierten Lernens, besonders zum
Konzept des forschenden Lernens und zu Besonderheiten „virtueller
Selbstlerngruppen“.
Die bisherigen Gruppen sind sehr tief in ihre jeweiligen Themen eingestiegen – aus eigenem Antrieb tiefer, als dies zunächst geplant und vorherzusehen war. Es hat sich gezeigt, dass – neben anderem – die vom Projektträger gebotenen Plattformen zur Präsentation von Ergebnissen eine motivierende Rolle spielen (z.B. über die Organisation von „realen“ Treffen und öffentlichen Veranstaltungen oder die Unterstützung bei der Veröffentlichung von Ideen und Ergebnissen im Netz). Als besonders wichtig hat sich dabei der richtige Mix von verschiedenen Präsentations- und Austauschmöglichkeiten erwiesen. Dazu gehören die Bereitstellung von Webspace, idealerweise ein Content-Management-System, das den Gruppen die einfache Verwaltung ausgewählter Bereiche der Website ermöglicht, Foren, Mailinglisten und ein Chat. Im Projekt Gemeinsamlernen wurde die Schaffung der technischen Infrastruktur durch gezielte Qualifizierungsmaßnahmen ergänzt, bei denen Interessierte im Rahmen von Weiterbildungstagen in die Nutzung der Techniken eingeführt wurden. Auf dieser Grundlage können die Gruppen mit den bereitgestellten Interaktionsmöglichkeiten experimentieren und für sich herausfinden, welche Kommunikationswege für welche Zwecke ihrer Zusammenarbeit geeignet sind.
„Ein Mensch oder eine Familie kann zwei Heimaten haben: in die erste wird man hineingeboren, die zweite schafft man sich.“ Mit diesem Satz leitet ein Mitglied der Lerngruppe im Diskussionsforum seine Gedanken zum Thema „Heimat und Fremde“ ein. Die Gruppe ist im September 2000 entstanden, die zehn TeilnehmerInnen kommen aus verschiedenen Städten in Deutschland. Die Gruppe diskutiert seitdem über Definitionen der Begriffe, über Heimat und Globalisierung oder über „zu Hause sein“ und „fremd sein“ in verschiedenen Kulturen. Die virtuelle Zusammenarbeit läuft über Foren, Mailinglisten, einen Chat und eigene, wöchentlich aktualisierte Webseiten. Dabei lassen sich verschiedene Phasen beschreiben. Ihre Ergebnisse veröffentlicht die Gruppe auf eigenen, laufend aktualisierten Webseiten (www.gemeinsamlernen.de/heimat).
Die erste Phase der Zusammenarbeit lässt sich als „virtuelles Brainstorming“ bezeichnen. Dazu nutzte die Gruppe ein Forum, das eine parallele Diskussion in verschiedenen Strängen und beliebig vielen Verzweigungen zulässt. Auf diese Weise kamen sehr schnell viele Gedanken zusammen. Der Überblick ging aber auch bald verloren. Nach zwei Monaten führten zwei Teilnehmerinnen der Gruppe, unterstützt von den anderen, die vielfältigen Beiträge zum Thema zu sieben „Themenkomplexen“ zusammen. Dabei wurden Diskussionsstränge und erste Ergebnisse sichtbar. Um die Diskussionen in der zweiten Phase übersichtlicher zu halten, wurde ein neues Forum verabschiedet, das ein paralleles Diskutieren in verschiedenen Themensträngen nicht zulässt. So werden neue Beiträge nur nach dem Datum einsortiert, das Eröffnen neuer Themenzweige wie in dem ersten Forum ist (bewusst) nicht mehr möglich (siehe Beitrag der Lerngruppe im Online-Journal LernCafe, www.lerncafe.de/lerncafe9, Rubrik Lerngruppen).
Im weiteren Verlauf der Diskussion verloren die Foren an Bedeutung. Stattdessen wurde zunehmend über die Mailingliste oder direktes Mailen zwischen einzelnen in der Gruppe diskutiert. Hinzu kam die Verabredung zum wöchentlichen Chat. Jeden Mittwoch trifft sich die Gruppe in ihrem eigenen Chatraum bei www.gemeinsamlernen.de. Der Verlauf des Chats wird in einer „Log-Datei“ festgehalten und in einem internen Bereich auf der Website dokumentiert. So bleiben alle auf dem Laufenden, auch wenn sie bei dem Chat mal nicht dabei sein können. Der Chat wurde für die Mitglieder zu einer überraschenden Erfahrung, zumal mehrere Teilnehmer anfangs große Vorbehalte gegen Chats hatten: „Ich bin eigentlich eine „Anti-Chatterin“, sagt beispielsweise Renate, eine Teilnehmerin der Gruppe, von sich - und erzählt weiter: „Vor Jahren hatte ich mich verschiedentlich in so einen Chat eingewählt. Was ich dabei antraf, war ein Austausch meines Erachtens dummer, witzig gemeinter Bemerkungen unter Fremden. Es war, so empfand ich es, keine neue Form der Kommunikation sondern eine Verschwendung von Zeit, sich daran zu beteiligen. Ich habe mich deshalb sehr zögerlich um die technische Information zum Chatten bei ,'Heimat und Fremde' bemüht. Inzwischen bin ich vom Nutzen des Chats überzeugt. Bei mir ist diese Stunde am Mittwoch für andere Aktivitäten blockiert, vorrangig ist der Chat eingeplant. Wir verbinden mit den Namen im Chat Gesichter, Personen, denen wir vorher bei realen Treffen begegnet sind, das macht unsere Kommunikation im Chat einfacher und knüpft Verbindungen. Ich habe aber auch gelernt, dass man auf Menschen neugierig werden kann durch das Chatten.“
In einem gemeinsamen Bericht, den die Gruppe im Online-Journal LernCafe veröffentlicht hat, fassen die TeilnehmerInnen ihre Erfahrungen zusammen. Der Text zeigt, dass der gezielte Umgang mit den verschiedenen Kommunikationswegen in der Gruppe gemeinsam entwickelt wird: „Reale Treffen, Mailinglisten, Foren, Chat, das Telefon, sogar der Brief haben jeweils ihre eigenen Qualitäten. Wichtig ist es zu lernen, was womit am besten kommuniziert wird. Dazu gehört es, die Techniken zu erproben und Erfahrungen zu sammeln. Für unsere Diskussionen haben sich Mails und Anhänge bewährt, es ist nicht nötig von Anfang an ein Forum zu haben. Andererseits erleichtern Foren für Interessierte den Neueinstieg, insbesondere, wenn sie öffentlich zugänglich sind. Der Chat dient vor allem den persönlichen Kontakten. Für die sachliche Diskussion eignen sich dagegen Foren und Mails besser“ (www.lerncafe.de/lerncafe9, Rubrik Lerngruppen).
Seit August 2000 versuchen fünf aktive Frauen durch Lesen und Bearbeiten von Frauen- und Männerprotokollen der 70er und 80er Jahre sowie dem Sammeln persönlicher Erfahrungsberichte dem Wandel der Geschlechterrollen in Deutschland auf die Spur zu kommen (www.gemeinsamlernen.de/geschlechterrollen). In dieser Gruppe wurde – neben der Nutzung eines Forums und einer Mailingliste – eine eigene Methode der gemeinsamen Arbeit entwickelt. Elke Joksch, Teilnehmerin der Gruppe, beschreibt das Verfahren so: „Eine Teilnehmerin eröffnet mit einem Word-Dokument die Diskussion in schwarzer Schrift und schickt dieses Dokument als Anhang einer Mail an die nächste Diskussionsteilnehmerin. Diese fügt ihre Gedanken in andersfarbiger Schrift ein und schickt es an eine dritte Teilnehmerin, die es in einer weiteren Farbe ergänzt. Die letzte Teilnehmerin an der Diskussionsrunde schickt das gesamte Dokument an die Teilnehmerin, die es übernommen hat, alle Vorschläge in einer Struktur zusammenzufassen. Diese Arbeitsunterlage wird dann an alle über die Mailingliste geschickt.“
Aus den Erfahrungen aus ihrer Gruppe benennt ELKE JOKSCH in Hinblick auf technische Fähigkeiten Mindestvoraussetzungen für eine befriedigende Mitarbeit in einer virtuellen Lerngruppe. TeilnehmerInnen sollten danach Folgendes beherrschen oder erlernen: E-Mails schreiben, versenden und empfangen, Anhänge an E-Mails anhängen, Word-Dokumente erstellen und auffindbar abspeichern, Word-Dokumente verschiedenfarbig bearbeiten und weiterversenden, Kopieren und Einfügen von Texten zwischen verschiedenen Anwendungen und Kenntnisse für den Umgang mit Foren im Internet.
Die Teilnehmenden in den Gruppen zeigen sich im Projekt Gemeinsamlernen hochmotiviert, sich die verschiedenen technischen Möglichkeiten anzueignen, um den Austausch innerhalb der virtuellen Lerngruppen zu optimieren. Die kooperative Entwicklung der technischen Infrastruktur mit den Lerngruppen hat sich hier als wichtiger Faktor herausgestellt. Die Teilnehmenden sehen sich nicht einer vorgesetzten Technik ausgeliefert, sondern verständigen sich untereinander, welche Kommunikationsmedien sie nutzen möchten und diskutieren intensiv mit dem Projektträger die Weiterentwicklung der bereitgestellten Plattformen (Mailinglisten, Foren, Chats, Homepages usw.).
Die bisherigen Erfahrungen aus dem Projekt Gemeinsamlernen zeigen darüber hinaus, dass die initiierten virtuellen Lerngruppen innerhalb des entwickelten Rahmens ein beachtliches Maß an Selbstorganisation entwickeln, was sich u.a. an den folgenden Erfolgskriterien festmachen ließ:
aktive Entwicklung gemeinsamer Interessen und Ziele,
kooperative Nutzung und aktive Erschließung wichtiger Ressourcen für das Lernprojekt,
Abstimmung von Verantwortlichkeiten,
wechselseitige solidarische Unterstützung z.B. bei technischen Problemen,
Entwicklung persönlichen Interesses untereinander, Entwicklung von Mustern wechselseitiger Zuwendung und Stützung im persönlichen Bereich,
Reflexion der Zusammenarbeit und des Prozessverlaufs in den Gruppen,
Reflexion des Projektrahmens (Reflektieren des Zusammenhangs mit dem Gesamtprojekt „Gemeinsamlernen“).
Wichtig ist, die Arbeit der Lerngruppen insbesondere in den ersten Phasen der Zusammenarbeit professionell zu begleiten. Dazu gehören:
Moderation und Konfliktmanagement,
Bereitstellung einer vielgestaltigen technischen Infrastruktur mit breitem „Kommunikations-MIX“ (Webspace, Foren, Chat, Mailinglisten),
Einzelfallberatung (incl. technischer Unterstützung),
Organisation „realer“ Treffen.
Nach Festigung einer Lerngruppe kann die Moderationstätigkeit phasenweise reduziert werden und wird zum Teil von Mitgliedern der Gruppe übernommen. „Phasenweise“ bedeutet dabei, dass neue Stufen (Überarbeitung des Zeitplans, Verabredung eines Abschlusses, Dokumentation der Zusammenarbeit und der Ergebnisse) wieder eine intensivere Begleitung erforderlich machen können.
In den bisher initiierten virtuellen Lerngruppen älterer Menschen entsteht nach kurzer Zeit eine persönliche Atmosphäre, die ein großes wechselseitiges Interesse an den biografisch erworbenen Kompetenzen der anderen Teilnehmenden und an freundschaftlichen Kontakten und realen Begegnungen einschließt. Eine Tendenz, die sich daraus ergibt, ist der Wunsch bestehender Gruppen, „zusammenzubleiben“, was sich zum Beispiel in der Änderung des Zeitplans nach einer längeren Bearbeitung eines gewählten Themas ausdrücken kann. Zugleich besteht bei den Teilnehmenden das Interesse, die Arbeit anderer Gruppen kennen zu lernen. Hinzu kommen sehr viele Anfragen von interessierten Senioren, die sich für die Idee selbstorganisierten Lernens über das Netz interessieren, weil sie nach alternativen Angeboten für ihre persönliche Weiterbildung suchen oder – von der „Technikseite“ her – nach sinnvollen Einsatzmöglichkeiten der neu erlernten Technik Ausschau halten. Dieser steigenden Nachfrage stehen begrenzte Möglichkeiten des Modellversuchs Gemeinsamlernen gegenüber, der selbst nur über eine geringe Finanzierung verfügt.
Gemeinsam mit interessierten Seniornnen hat das ZAWiW daher die Initiative Virtuelles Lernnetzwerk für ältere Erwachsene (ViLE) ins Leben gerufen. Die Initiative hat das Ziel, bildungsinteressierte ältere Menschen mit Anschluss ans Internet zu einer „LernCommunity“ zusammenzuführen (www.gemeinsamlernen.de/vile). Die Communi
ty soll einen neuen, erweiterten Rahmen bilden, über den sich Einzelpersonen und Gruppen ähnlichen Interesses übers Netz und in regionalen Zusammenhängen treffen, sich gegenseitig unterstützen, miteinander an Lernprojekten und ehrenamtlichen Projekten (Weitergabe von Know-how) arbeiten und selbst reale und virtuelle Bildungsangebote zu selbstgewählten Themen organisieren. Für den weiteren Aufbau dieser LernCommunity wird zur Zeit nach Vernetzungs- und Finanzierungsstrukturen gesucht.
CARLS, CHRISTIAN (1997): Altenhilfe und Gerontologie im Internet. In: Evangelische Impulse, 1997, Heft 2
CARLS, CHRISTIAN (2001): Internet erschließen und sinnvoll nutzen. In: DANIEL HOFFMANN (Hrsg.): Mit Mausclick und Kaffeetasse. Internetcafes – Neue Lernorte und Treffpunkte für ältere Menschen. Köln
DOHMEN, GUNTHER (Hrsg.) (1996): Selbstgesteuertes lebenslanges Lernen? Ergebnisse der Fachtagung des Bundesministerium für Bildung und Forschung vom 6.-7.12.1996, Bonn
STADELHOFER, CARMEN (1996): Selbstgesteuertes Lernen und neue Kommunikationstechnologien. Gutachten für das Bundesministerium für Bildung und Forschung. In: DOHMEN 1996, S.147-208
STADELHOFER, CARMEN (1999): Selbstgesteuertes Lernen und neue Kommunikationstechnologien. Gutachten für das Bundesministerium für Bildung und Forschung. In: G. und A. DOHMEN: Weiterbildungsinstitutionen, Medien, Lernumwelten. Rahmenbedingungen und Entwicklungshilfen für das selbstgesteuerte Leren. Hrsg. vom Bundesministerium für Bildung und Forschung, Bonn, S. 147-208
STADELHOFER, CARMEN (2000a): Über räumliche und zeitliche Grenzen hinweg. Neue Formen des Lernens in der Seniorenbildung am Beispiel des Europäischen Netzwerkes „Learning in Later Life“ (LiLL). In: R. RUDEL / C. STADELHOFER (Hrsg.): Interdisziplinäre Beiträge zu Zeit und Raum (Beiträge zur Allgemeinen Wissenschaftlichen Weiterbildung, Bd. 8). Bielefeld, S. 32-50
STADELHOFER, CARMEN (2000b): Gemeinsam lernen im und über das Netz. In: Hessische Blätter für Volksbildung. Neue Medien in der Weiterbildung, 2001, Heft 4
STADELHOFER, CARMEN / ANGELIKA WECKER (Hrsg.) (1998): Internet ... Eine kleine Einstiegshilfe von Seniorinnen für Seniorinnen. In Zusammenarbeit mit dem AK SeNeT. Bielefeld
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