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Autorin: Stadelhofer, Carmen.

Titel: www.senioren. Interneterschließung – auch für ältere Erwachsene!

Quelle: medien praktisch. Zeitschrift für Medienpädagogik. Heft 1/2002. Frankfurt/ M. 2002. S. 14-18.

Verlag: Gemeinschaftswerk der evangelischen Publizistik.

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Autorin.



Carmen Stadelhofer

www.senioren

Interneterschließung – auch für ältere Erwachsene!



1. Gesellschaftliche Notwendigkeiten

Die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien, vor allem das Internet, wirken sich direkt und indirekt auf den Lebensalltag jedes Einzelnen wie auf die Gesamtgesellschaft aus. Alle sind davon betroffen; diejenigen, die diesen Entwicklungen folgen und sich Kompetenzen zur Handhabung der neuen Techniken aneignen ebenso wie diejenigen, die sich gegenüber diesen Entwicklungen distant zeigen. Dies gilt auch für die stark wachsende Gruppe der älteren Menschen.

Zunehmend werden bereits heute Alltagsvorgänge in Beruf und Privatleben per elektronischer Post und elektronischer Kontoführung erledigt, immer mehr öffentliche Einrichtungen stellen ihr Dienstleistungsangebot aus Kostengründen auf Online-Angebote um. Zukunftsprognosen gehen davon aus, dass viele Unternehmen in Zukunft aufgrund intensiven Kostenwettbewerbs bestimmte Funktionen ausschließlich Online anbieten werden. Im Dienstleistungsbereich wird es immer mehr „intelligente“ Haustechniken geben. Auch der (Weiter-)Bildungsbereich wird sich durch die neuen Techniken entscheidend verändern, Informationen werden weltweit per Internet von Bibliotheken, Datenbanken bezogen und auch Weiterbildungsangebote werden durch virtuelle Hochschulen oder Volkshochschulen vermittelt werden (vgl. Delphie-Studie von 1999; Booz 2000).

Das bedeutet, dass der Erwerb von Kenntnissen im Umgang mit dem Internet bzw. der „Erwerb von Multimediakompetenz“ dabei sind, zu einer vierten Schlüsselqualifikation zu werden wie Lesen, Schreiben und Rechnen. Sicherlich wird es auch weiterhin eine Reihe von Tätigkeiten, Rollen und Lebensstilen geben, für die der Umgang mit dem Internet nicht zwangsläufig gegeben oder notwendig ist. Zieht man jedoch die oben skizzierten Entwicklungen in Betracht, ist davon auszugehen, dass diejenigen, die sich dem Zugang zu den neuen Medien verschließen bzw. denen der Zugang zu den neuen Medien nicht erschlossen wird, in vielen Bereichen zeitlich (Geschwindigkeit der Informationsgewinnung), inhaltlich (Informationsdichte) und dadurch auch teilweise finanziell benachteiligt sein werden.

Neuere Studien sprechen von einer großen Gruppe von „Internet-Verweigerern“, vor allem bei den älteren Menschen (vgl. Abb. 1) und bei Menschen mit niedrigem Schulabschluß (ARD/ZDFOffline-Studie 2001).






Es stellt sich die Frage, ob diese Menschen die Internet-Nutzung wirklich „verweigern“ oder ob es sich hierbei nicht eher um einen Mangel an Gelegenheit zur Erkundung des konkreten Nutzens des Internet handelt, ob ihr Desinteresse gegenüber dem Internet nicht vor allem in fehlenden Informationen, Erprobungsmöglichkeiten und kostengünstigen Zugangsmöglichkeiten begründet ist. Auf die Gefahr der zunehmenden „digitalen Spaltung“ in gesellschaftlichen Gruppen, die von den neuen Medien profitieren und Gruppen, die diese Medien nicht nutzen, wird allenthalben hingewiesen. Es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, öffentliche Lernorte zu schaffen und auf die jeweilige Zielgruppe bezogene didaktisch reflektierte Herangehensweisen zur Interneterschließung zu entwickeln (HERBERT KUBICEK auf der Tagung Internet für alle, Stuttgart, November 2001). Dies gilt insbesondere für ältere Menschen, da diese in ihrem natürlichen Lebensumfeld oft nicht die Möglichkeit haben, mit den neuen Medien unmittelbar in Kontakt zu kommen oder die gegebenen Möglichkeiten aus Scheu, sozialisationsbedingter Technikdistanz oder beruflich erworbener Antipathie gegenüber Computern nicht nutzen.



2. Gesellschaftliche Gewinne

„Altere Menschen“ werden hierbei nicht durch das biologische Alter definiert, sondern eher durch ihre Lebensumstände und sozialen Rollenzuschreibungen. Es sind Erwachsene, die im letzten Drittel ihres Berufslebens stehen, aber das Pensionsalter noch nicht erreicht haben, arbeitslose/arbeitssuchende ältere Erwachsene, Frauen am Ende der aktiven Familienphase und Menschen, die sich bereits in der Nacherwerbsphase befinden. Die neueren Forschungen weisen nach, dass die heute 50- oder 60-jährigen Arbeitnehmerinnen und Menschen in der nachberuflichen Phase und Frauen am Ende der aktiven familiären Phase nicht mehr mit Gleichaltrigen von früher vergleichbar sind, da die allgemeine Lebenserwartung und der Bildungsstand niedriger und die Abnutzung durch das Berufsleben und die Familienarbeit ungleich größer waren. Ältere Erwachsene heute verfügen im Allgemeinen über eine gute gesundheitliche Verfassung, zahlreiche in Beruf, Familie und Gesellschaft erworbene Erfahrungen und Kompetenzen und die Bereitschaft, das „dritte Lebensalter“ aktiv zu verbringen. Soziale Kompetenz, Menschen- und Fachkenntnisse, Verfügen über Organisationswissen, gesellschaftliches Wissen, Weiterbildungsbereitschaft etc. sind die besonderen Stärken der Älteren.

Eine Repräsentativuntersuchung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesanstalt für Arbeit hat ergeben, dass es in fast 60% der deutschen Betriebe keine Beschäftigten mehr gibt, die älter als 50 Jahre sind (IAB, www.iab.de). In Anbetracht dieser Tatsache und bereits existierender Erfahrungen im Bereich der Freiwilligenarbeit – auch im Bereich Internetnutzung (s.u. und den Beitrag Virtuelle Selbstlerngruppen in diesem Heft – kann angenommen werden, dass in der Zielgruppe 50+ ein großes Potenzial an Menschen steckt, die über ein hohe Maß an selbstbestimmter Zeit verfügen, die nach neuen sinnstiftenden Tätigkeiten und Aufgaben suchen. Didaktisch gut vermittelte Einführungen in den Bereich Internet/neue Medien können dazu führen, dass sie bereit sind, sich vertieftes Internet-Wissen anzueignen, um es als Arbeitsinstrument zur Wissensvertiefung und Kommunikationsmöglichkeit hinsichtlich eigener Interessen, aber auch zur Weitergabe ihres persönlichen oder beruflichen Wissens an Gleichaltrige oder Jüngere zu nutzen.

Die Tatsache, dass die Gruppe der älteren Menschen aufgrund ihrer finanziellen Ressourcen ein nicht unbeträchtlicher Wirtschaftsfaktor ist (NEUFELD u.a. 1999) und dem Online-Commerce / den Herstellern technischer Geräte für ein selbstbestimmtes Altern somit ein potenziell bedeutsamer Kundenkreis zugeführt wird, kann als weiterer Grund für verstärkte Maßnahmen zur Heranführung älterer Menschen an das Internet/ Neue Medien aufgeführt werden.



3. Bestandsaufnahme

Das Thema „Ältere und Internet“ wurde in den letzten vier Jahren in Deutschland von verschiedenen Seiten aufgegriffen. Zum einen waren es die Älteren selbst, die sich aufmachten, in Form von Selbsthilfegruppen die Möglichkeiten des Internets für sich zu entdecken und zu nutzen. Zum anderen wurde von politischer Seite das Thema öffentlich gemacht und konkrete Unterstützungsmaßnahmen ergriffen, so z.B. durch die Informationskampagne Senior-Info-Mobil, die vom Bundeswirtschaftsministerium gefördert wird.

Die Zahl der Internetnutzerlnnen in der Gruppe der über 60-Jährigen stieg in den letzten Jahren beständig. Nutzten 1997 erst 0,2 % der über 60Jährigen das Internet, sind es mittlerweile mehr als 8 % (ARD-ZDF-Online-Studie 2001).

Bei der Gruppe der 50- bis 60Jährigen liegt die Nutzungsrate bereits bei 32%. Das ist zwar im Vergleich zu anderen Kohorten, etwa den 14- bis 29Jährigen, von denen bereits weit über 50 % das Internet nutzen, immer noch sehr wenig, aber der Trend ist ein deutliches Indiz für das wachsende Interesse auch der älteren Generation an den neuen Medien. Allerdings ist bei den genannten Zahlen zu berücksichtigen, dass es innerhalb der Nutzerlnnengruppe große Unterschiede gibt. Es ist zu unterscheiden zwischen denjenigen, die Zugang zum Internet haben und das Internet gelegentlich zum Schreiben von Mails benutzen und denjenigen, die das Internet häufiger oder regelmäßig benutzen zur Erledigung verschiedener Vorgänge. Bisher ist die Zahl der älteren männlichen Nutzer wesentlich größer als die Zahl der weiblichen.

Im deutschsprachigen Bereich gibt es mittlerweile im Internet zahlreiche umfassende Webseiten für die Zielgruppe „ältere Erwachsene“ mit Informationen und Plauderecken zu fast allen Lebensbereichen, Diskussionsforen und Chats (z.B. www.seniorweb.uni-bonn.de, www.feierabend.com, www.seniorweb.ch). Neben einer ständig wachsenden Anzahl von EinzelnutzerInnen sind an vielen Orten lokale Initiativen und regionale Seniorennetzwerke entstanden, zum Teil in Eigeninitiative (z.B. www.seniorennet.de), zum Teil durch Unterstützung von Einrichtungen der Seniorenarbeit, Wohlfahrtsverbänden und Weiterbildungseinrichtungen, auch mit Unterstützung auf Länderebene (z.B. in Nordrhein-Westfalen, www.senioren-online.net).

Eine Vorstellung von Senioren-Internet-Initativen sowie Senioren-Internet-Projekten findet sich im Lerncafe (Abb. 2), dem ersten Online-Journal für weiterbildungsinteressierte ältere Menschen (www.lerncafe.de).

Das Internet gibt älteren (wie jüngeren) Menschen die Möglichkeit, sich unabhängig von Wohnort und Lebenssituation umfassend weltweit über alle Themen des persönlichen Interesses zu informieren, praktische Alltagsdinge zu erledigen (z.B. Bahn- und Telefonauskunft, Homebanking, umfassende Reiseinformationen) und mit Familienmitgliedern oder Menschen mit ähnlichen Interessen schnell und kostengünstig zu korrespondieren. Das Internet bietet ihnen die Möglichkeit, sich über bestimmte Frage- und Problemstellungen (z.B. Gesundheitsfragen, politische Ereignisse, ökologische Probleme) sehr gezielt zu informieren und sich mit anderen via elektronischer Post oder Beteiligung über Diskussionsforen im Netz auszutauschen. Datenbanken und geführte Linklisten helfen bei der Recherche nach bestimmten Publikationen und Materialien. In Zukunft wird auch das Online-Studium eine zunehmende Rolle spielen, d.h. das Studieren via Internet mit Hilfe von multimedial aufbereiteten Lehr-Lerneinheiten.

Vor allem Ältere, die in ländlichen Bereichen wohnen oder in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, werden die Möglichkeiten der durch Internet und anderen neuen Technologien vermittelten Möglichkeiten der Fort- und Weiterbildung und anderer Dienstleistungsangebote von zu Hause aus nutzen können. Bei Beeinträchtigung der Seh-, Geh- oder Hörfähigkeit können die neuen Medien, z.B. durch Texterkennungssysteme, Sprachcomputer u.ä. wichtige Kompensationsleistungen erbringen und sozialintegrierende Funktionen ausüben.

Umfragen, die das Zentrum für Allgemeine Wissenschaftliche Weiterbildung der Universität Ulm (ZAWiW) durchführte, wie andere relevante Befragungen aus diesem Zielgruppenbereich zeigen, dass ältere Menschen zunächst an der Nutzung der elektronischen Post und an einer gezielten Informationssuche interessiert sind, Surfen um des Surfens willen interessiert sie im Allgemeinen nicht. Viele wägen nach einer ersten „Schnupperphase“ persönlichen Nutzen (informative und kommunikative Gewinne) und Kosten (Lernaufwand, Zeitaufwand, gesundheitliche Auswirkungen, vor allem finanzieller Aufwand und Unterstützung bei technischen Problemen) ab, bevor sie sich für die Nutzung des Internets oder gar den Kauf eines eigenen Computers/Installation eines Internetanschlusses entscheiden.

Es wurde bei den befragten aktiven älteren Internetnutzerlnnen deutlich, dass über die elektronische Post die Kommunikation im Familienkreis, insbesondere zwischen Großeltern und (Enkel-)Kindern belebt wird, aber auch, dass – oft vermittelt über seniorenspezifische Plattformen – verstärkt Kontakte zwischen älteren Menschen mit ähnlich gelagerten Interessen entstehen, die in manchen Fällen zu virtuellen und realen Freundschaften führen. Die aktive Nutzung von anderen interaktiven Kommunikationsformen übers Netz wie Foren, Chats oder Netmeeting ist den meisten nicht vertraut. Der Nutzung des Internets für E-Banking und E-Commerce stehen viele Ältere allerdings noch sehr skeptisch gegenüber.

Wenn man ältere Menschen an den gesellschaftlichen Entwicklungen und Diskursen via neuer Medien partizipieren lassen und gesellschaftlich von ihrem Erfahrungswissen profitieren möchte, ist die gezielte Förderung weiterreichender Kompetenzen im Umgang mit den neuen Medien notwendig. Die Erfahrungen in den vom ZAWiW durchgeführten Internetprojekten (s. den Beitrag Virtuelle Selbstlerngruppen in diesem Heft) zeigen das Interesse, die Lernbereitschaft und das hohe Maß an Aneignung spezifischer technischer und inhaltsbezogener Kompetenzen durch weiterbildungsinteressierte ältere Erwachsene selbst, wenn ihnen die entsprechenden Rahmenbedingungen geboten werden. Dies beinhaltet auch Diskurse über rechtliche Probleme, Fragen der Datensicherheit, ethische Probleme, die Entwicklung von Beratungs- und Unterstützungsstrategien oder Konfliktlösungsstrategien in virtuellen Zusammenhängen.

In Anbetracht des schon jetzt großen Anteils älterer Menschen in unserer Gesellschaft, der weiteren demografischen Entwicklungen und der steigenden Lebenszeiterwartung älterer Menschen sind die bisherigen Anstrengungen und Erfolge zur Hinführung älterer Menschen zur Internetnutzung/Nutzung der neuen Medien allerdings noch unzureichend. Es ist davon auszugehen, dass bisher vor allem diejenigen Älteren den Zugang zum Internet gefunden haben, die ihrer Einstellung nach zu der Gruppe der „technikoffenen“ Menschen gehören, die auch sonst offen für „Neues“ und somit lernbereit sind. Ein Nutzerlnnenpotenzial liegt bei der Gruppe derjenigen, die bei Befragungen derzeit angeben, sich „mit der Absicht zu tragen, sich damit auseinanderzusetzen“. Die große Gruppe älterer Menschen, die sich als „distant gegenüber den neuen Medien“ einordnen lassen, sehen bisher für sich keine persönlichen Gewinne, die die Mühen und Kosten der Interneterschließung ausgleichen. Hier müssen verstärkt Maßnahmen ergriffen werden, will man nicht hinnehmen, dass eine große Gruppe BürgerInnen über einen großen Zeitabschnitt ihres Lebens von den gesellschaftlichen Entwicklungen und aktiver gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen bzw. durch mangelnde Kenntnis benachteiligt wird.

Die rapiden Entwicklungen im Bereich der neuen Technologien machen einerseits lebenslanges Lernen erforderlich, andererseits fördern die neuen Technologien im hohen Maße selbstbestimmtes Lernen und selbstgesteuerte Lebensführung im Alter und können somit zu Wohlbefinden und Erhalt von Selbstständigkeit auch im hohen Alter entscheidend beitragen. Dies lebenspraktisch zu vermitteln und Zugangsbarrieren abzubauen, ist eine große gesellschaftliche Herausforderung.



4. Bewährte Wege

Die Berichte in den Medien und die gängigen Fachbücher erwecken – auch heute noch – bei vielen älteren Menschen die Vorstellung, das Internet sei nur etwas für Junge – die Technik sei kompliziert, es koste viel und Englischkenntnisse seien notwendige Voraussetzung. Es ist notwendig, hier Aufklärungsarbeit zu leisten und aufzuzeigen, wie das Internet tatsächlich funktioniert und welche Möglichkeiten und Chancen die Nutzung des Internets für ältere Menschen bietet, vor allem auch für diejenigen, die physisch nicht mehr ganz so mobil, aber geistig sehr wach und interessiert sind.

In den letzten vier Jahren sind verschiedene Methoden zur Interneterschließung erfolgreich erprobt worden Es gilt, an den bisherigen positiven Erfahrungen bei der Erschließung des Internets für die Zielgruppe „Ältere Menschen“ anzuknüpfen. Sie sollen hier beispielhaft benannt und in perspektivischer Weise kommentiert werden.



4.1. Die Kampagne Senior-Info-Mobil






Um ältere Menschen über den Nutzen und sinnvolle Anwendungsmöglichkeiten neuer Informations- und Kommunikationstechnologien zu informieren, wurde im Frühsommer 1998 die Informationskampagne Senior-Info-Mobil (SIM) gestartet (Abb. 3). Sie wird vom Verein Seniorinnen und Senioren in der Wissensgesellschaft (VSiW) mit Unterstützung des Bundeswirtschaftsministeriums und namhafter Sponsoren aus der Industrie (IBM, Telecom, Microsoft u.a.) durchgeführt. Mit einem Doppeldecker-Infobus mit sechs (mittlerweile zwölf) Einzel-PCs und der Möglichkeit von Anwendungsdemonstrationen mit Hilfe eines Beamers sowie einem mobilen Netzwerk mit sieben PCs als „mobiles elektronisches Klassenzimmer“ kommt das Senior-Info-Mobil in ausgewählte Städte/Gemeinden. Das SIM-Team führt die drei- bis fünftägigen Aktionen in enger Zusammenarbeit mit den vor Ort vorhandenen Einrichtungen der Seniorenbildung und Seniorenarbeit und anderen unterstützenden Institutionen durch und gibt interessierten älteren Bürgerinnen die Möglichkeit, sich kostenlos zu informieren und beraten zu lassen.

Im Zeitraum von Oktober 1998 bis Dezember 2000 wurde die SIM-Kampagne als Modellprojekt vom ZAWiW der Universität Ulm und den sozialwissenschaftlichen Instituten ISAB und empirica im Auftrag des VSiW durchgeführt. Das Senior-Info-Mobil war in über 100 Städten und Gemeinden unterwegs, die Kampagne erreichte mehr als 100.000 interessierte Menschen im Alter über 50 Jahren und bezog über 900 ehrenamtliche HelferInnen von den jeweiligen Standorten mit ein. Durch eine gute Resonanz in Presse, Radio und Fernsehen gewann die Kampagne eine breite Öffentlichkeit. Der große Erfolg der Kampagne ist mit Sicherheit auch auf den Fakt zurückzuführen, dass das SIM Team bei den verschiedenen Angeboten vor Ort (Schnupperkurse, freies Surfen, gezielte Demonstrationen oder elektronisches Klassenzimmer) jeweils durch ältere internetkundige SeniorInnen unterstützt wurde, die als InformantInnen und Internet-Tutorlnnen tätig waren (www. uni-ulm.de/LiLL/senior-info-mobil).

Es kann davon ausgegangen werden, dass die bundesweite Kampagne Senior-Info-Mobil wesentlich dazu beigetragen hat, die Bereitschaft älterer Menschen in Deutschland hinsichtlich der Nutzung des Internets zu erhöhen. Beleg dafür sind u.a. die stark wachsende Nachfrage älterer Menschen nach Internet-Einführungskursen bei den verschiedenen Bildungsträgern und die große Zahl an Internet-Cafes, die im Anschluss an die SIM-Aktionen entstanden sind. Aus diesen Gründen wird die SIM-Kampagne mit Unterstützung des BMWi auch nach der Modellphase weitergeführt, bei weiterer sehr guter Resonanz seitens der Älteren (www.vsiw.de). Viele Impulse der SIM-Kampagne sind in regionalen Zusammenhängen aufgegriffen worden. Ähnlich gelagerte regionale Informationskampagnen (z.B. mit Kleinbus und mobilen Internetgeräten, die jeweils vor Ort aufgebaut werden) stoßen ebenfalls auf großes Interesse. Diese Erfahrungen lassen schlussfolgern, das eine Erschließungsweise im Sinne der „aufsuchenden“ Pädagogik und das spielerische Experimentieren als Annäherungsstrategie erfolgreich sind. Es scheint sinnvoll, dieses Konzept weiter zu verfolgen und noch stärker situativ und in Bezug auf konkrete Subzielgruppen einzusetzen (stadtteilbezogen, in Altersheimen, Krankenhäusern u.ä.).



4.2. Senior-Internet-Cafes und seniorInnenspezifische Einführungen






Die Einrichtung von Senior-Internet-Cafes hat ebenfalls entscheidend zur Verbreitung des Internets in dieser Bevölkerungsgruppe beigetragen. Die Gestaltung der verschiedenen Senior-Internet-Cafes ist unterschiedlich, die Konzepte sind abhängig von den jeweiligen Initiatorlnnen, infrastruktuellen Rahmenbedingungen und Nutzungskonzepten. Es gibt auch nicht „den“ bewährten Senioren-Internet-Einführungskurs. Verschiedene Nutzerlnnentypen erfordern verschiedene sequenzielle Angebote, z.B.



Diese Angebote stehen nicht in gegenseitiger Konkurrenz, sondern ergänzen sich. Wichtig ist die grundsätzliche Erfahrung, die im Rahmen der SIM-Kampagne gemacht wurde: Der Internetzugang kann auch ohne Vorkenntnisse in Bezug auf Computeranwendungen situativ und spielerisch erschlossen werden. Wird das Interesse am Internet/Computer geweckt, führt das in der Folge oft zu einer Nachfrage nach Erwerb von Basis-Computernutzungswissen (Textverarbeitung, Bildgestaltung etc.).

Eine zeitlich begrenzte Differenzierung der Einführungsangebote für spezifische Nutzerlnnengruppen hat sich in vielen Fällen als positiv erwiesen, „junge Alte“ haben beim Erstkontakt oft andere Fragen und Interessen als „ältere Alte“. Auch sind immer wieder beim Erstkontakt geschlechtsspezifische Unterschiede in der Herangehensweise festzustellen. Viele Männer interessieren sich für die technischen Aspekte und bringen diesbezüglich oft schon Vorkenntnisse mit, viele Frauen möchten sich erst mal von dem sinnvollen Nutzen der Anwendungen überzeugen, bevor sie bereit sind, die technischen Hürden zu überwinden. Positive Erfahrungen wurden hier mit „Schnupperkursen für ältere Frauen“ gemacht.

Die Bedeutung von Senior-Internet-Tutorlnnen beim Erstkontakt ist hoch einzuschätzen: Sie vermitteln den Erstnutzerinnen das Gefühl, keine Scham haben zu müssen wegen anfänglicher Unsicherheiten in der Mausführung und Unkenntnis in Sachfragen. Senior-Internet-Tutorinnen haben in der Regel ein methodisches Vorgehen und eine Erklärungsweise, die dem Lernrhythmus und dem Bedürfnis Älterer nach anwendungsbezogenem Lernen in alltagspraktischen Kontexten entsprechen. Die Tatsache, dass viele von ihnen sich erst im fortgeschrittenen Alter Computer-/Internetkenntnisse angeeignet haben, wirkt auf andere Ältere ermutigend.

Es sei in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen, dass ebenfalls positive Erfahrungen im Rahmen von „Jung hilft Alt“-Internetprojekten gemacht worden sind, wo SchülerInnen Älteren beim Einstieg ins Internet behilflich sind, so zum Beispiel im sächsischen Projekt Senioren ans Netz, das bundesweit Nachahmung gefunden hat (www.seniorenansnetz.de).

Ein gutes Beispiel für eine gelungene Form von Senior-Internet-Cafe ist das „Cafe Anschluß“ in Frankfurt, das vom Frankfurter Verband eingerichtet wurde. An diesem Beispiel wird deutlich, dass das Internet keineswegs zu einer Vereinsamung älterer Menschen führt, sondern neue reale Lern- und Begegnungsorte ermöglicht, bei denen virtuelle und reale Kommunikation im Kontext gelungener sozialer Arrangements zu Lernbereitschaft und Wissensfreude führt (www.lerncafe.de/lerncafe2, Rubrik Internetgruppen).

Auch die Erfahrungen in den Gruppen Forschendes Lernen am ZAWiW verdeutlichen, wie SeniorInnen das Internet als Arbeitsinstrument in den Projektablauf selbstverständlich integrieren und nützen (www.uni-ulm.de/LiLL/forschlern).

Ältere wollen Technik mitgestalten und fühlen sich verantwortlich für eine ethisch verantwortbare Nutzungsweise der Informations- und Kommunikationstechnologien (siehe dazu die Anmerkungen zum „Virtuellen Lernnetzwerk für ältere Erwachsene“ im Beitrag Virtuelle Selbstlerngruppen in diesem Heft).



4.3. Entwicklung adressatenspezifischer Materialien.

Am ZAWiW besteht seit 1996 der Arbeitskreis Forschendes Lernen Senioren/Seniorinnen und Internet (AK Senet).

Die Mitglieder des Arbeitskreises haben sich zur Aufgabe gestellt, das selbst erschlossene Internet-Wissen an andere ältere Menschen weiterzugeben. Sie sind als TutorInnen und KursleiterInnen sowohl auf regionaler Ebene in Internet-Cafes, Internetkursen u.a., als auch auf bundesweiter Ebene im Rahmen der Kampagne Senior-Info-Mobil des VSiW tätig. Um Zugangsbarrieren abzubauen und älteren Menschen die Möglichkeit des selbstgesteuerten Lernens zu erschließen, haben sie zusammen mit den MitarbeiterInnen des ZAWiW 1997 eine Buchpublikation (mit Lerndiskette) Einstiegshilfe ins Internet – von Senioren für Senioren erstellt, die – bewusst benutzerfreundlich gestaltet – in präzisen Arbeitsschritten und verständlicher Sprache technisches Know-how vermittelt. Dieses Buch hat vielen Einzelinteressierten den Zugang zum Internet eröffnet und ist auch für die Weitergabe von Wissen an andere ältere Menschen genutzt worden (www.uni-ulm.de/LiLL/einstiegshilfe). Mittlerweile gibt es mehrere Bücher dieser Art, die von Älteren als hilfreich empfunden werden.

Aufgrund der positiven Resonanz auf die „Einstiegshilfe“ und der großen Nachfrage bei den SIM-Einsätzen hat das ZAWiW 1999/2000 eine multimediale CD-ROM mit Informationen zu den neuen Informations- und Kommunikationstechniken (Internet, Videokonferenzen) entwickelt, die interessierten SeniorInnen und Multiplikatorlnnen in der Altenbildung und Altenarbeit einen leicht zugänglichen Überblick über verschiedene Nutzungsmöglichkeiten des Internets ermöglicht.

Die Realisierung des Projektes wurde durch den von der Bundesregierung gestifteten „Deutschen Seniorenpreis Multimedia“ sowie die Unterstützung zahlreicher SeniorInnen, v.a. des AK Senet, sowie anderer Senioren-Internet-Projekte möglich. Die CD-ROM enthält eine Fülle von Informationen, Anleitungen, Demonstrationen und Erprobungen für Erstnutzerlnnen wie MultiplikatorInnen im Bereich der Senioren-Internet-Bildung. Ein „Mausprogramm“ dient dazu, den völlig Computerunkundigen die Scheu vor der „Maus“ zu nehmen und erste Sicherheit zu vermitteln. Einführende Erklärungen mit Demonstrationen verdeutlichen, dass die technischen Hürden überwindbar und zahlreiche sinnvolle Nutzungsmöglichkeiten gegeben sind. Für MultiplikatorInnen gibt es u.a. eine komplette Anleitung zur Vorbereitung von Weiterbildungskompaktveranstaltungen zu den neuen Kommunikationstechnologien: Materialien zur Organisation und Ablaufplanung, didaktische Konzeptionen und konkrete Schulungsmaterialien. Die CD-ROM ist von der Zielgruppe mit sehr positiver Resonanz aufgenommen worden. Sie ist gegen eine Aufwandsentschädigung von 10 Euro (plus 1,50 Euro Porto) beim ZAWiW zu beziehen (www.gemeinsamlernen.de/cd).

Bei der SIM-Kampagne konnte festgestellt werden, dass das Erstinteresse vieler potenzieller Nutzerinnen über Inhalte zu erzielen ist. Für die Kampagne wurde vom AK Senet ein WWW-Führer mit „thematischen Zugängen“ zu einer breiten Palette an Themen entwickelt. Die „thematischen Zugänge“ sind online verfügbar (www.uni-ulm.de/LiLL/webfuehrer) oder für 6 Euro plus Porto beim ZAWiW als Broschüre zu beziehen.

Aus diesen Erfahrungen lassen sich folgende Komponenten für eine erfolgreiche Internet-Erschließungsstrategie herauskristallisieren:



5. Entwicklungsbedarf

Um eine nachhaltige Erschließung der neuen Medien für Ältere zu garantieren, scheinen folgende Maßnahmen sinnvoll und sollten gefördert werden:

Aufbau von Kompetenz-Netzwerken auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene – zum Austausch von Erfahrungen, als Ideenbörse, zur thematischen Weitergabe von Know-how, zum Bekanntmachen von gelungenen Projekten, zur Initiierung von Zusammenarbeit in Online-Projekten, zur Präsentation der Fülle von vorhandenen Initiativen im Netz, zur gemeinsamen Öffentlichkeitsarbeit und zur Stärkung der Präsenz des Themas in politischen Diskursen.

Maßnahmen zur Qualifizierung und Weiterbildung ehrenamtlich arbeitender SeniorInnen zu „Senior-Internet-Helferlnnen“ in den Bereichen Technik, Methodik, Organisation, Beratung und Kommunikation. Ziel der Ausbildung soll es sein, interneterfahrene SeniorInnen zu befähigen, ihr Wissen an andere Einzelpersonen, Gruppen und Einrichtungen der Freiwilligenarbeit weiterzugeben. Als Zielgruppen für den Einsatz solcher Senior-Internet-HelferInnen kommen insbesondere in Betracht:



Auf- und Ausbau von regionalen Servicepoints, in denen ehrenamtliche Seniorinnen ihr Erfahrungswissen einbringen können und gemeinsam mit professioneller Unterstützung andere (ältere) Menschen beim Einstieg in die Wissensgesellschaft unterstützen. Aufgaben der regionalen Servicepoints könnten sein:



Literatur

ARD/ZDF-Offline-Studie 2001 (AutorInnen: ANDREAS GRAJCZYK / ANNETTE MENDE): Nichtnutzer von Online. Internet für den Alltag (noch)nicht wichtig. Online über: www.ard-werbung.de/MediaPerspektiven

ARD/ZDF-Online-Studie 2001 (AutorInnen: BIRGIT VAN EIMEREN / HEINZ GERHARD / BEATE FREES): Internetnutzung stark zweckgebunden. Entwicklung der Onlinemedien in Deutschland. Online über: www.ard-werbung.de/MediaPerspektiven

BOOZ, ALLEN UND HAMILTON (2000): Digitale Spaltung in Deutschland. Ausgangssituation, internationaler Vergleich, Handlungsempfehlungen. August 2000. Download über: www.digitale-chancen.de, Rubrik „Internetnutzung/Statistik“

Delphie-Studie von 1999 (KLAUS BECK / PETER GLOTZ / GREGOR VOGELSANG): Die Zukunft des Internet: Internationale Delphi-Befragung zur Entwicklung der Online-Kommunikation. Konstanz 2000

ERKERT, THOMAS / JÜRGEN SALOMON (Hrsg.) (1998): Seniorinnen und Senioren in der Wissensgesellschaft. Bielefeld

NEUFELD, HILDEGARD u.a. (1999): Der ältere Mensch als Wirtschaftsfaktor. 2., völlig neu bearb. u. erweit. Aufl., Frankfurt a.M.

STADELHOFER, CARMEN (1999): „Forschendes Lernen“ im dritten Lebensalter. In: SUSANNE BECKER / LUDGER VEELKEN / KLAUS PETER WALLRAVEN (Hrsg.) (1999): Handbuch Altenbildung. Theorien und Konzepte für Gegenwart und Zukunft. Opladen, 5.255-267

STADELHOFER, CARMEN (2000): Möglichkeiten und Chancen der Internetnutzung durch Ältere. In: Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie, 33. Jg., 2000, S. 186-194

STADELHOFER, CARMEN (2001): Marktsegment Seniorinnen. Entwicklung bedarfs- und bedürfnisorientierter Weiterbildungsangebote und deren Umsetzung als Beitrag zur neuen Lernkultur. In: VERBAND LÄNDLICHER HEIMVOLKSHOCHSCHULEN (HVHS) (Hrsg.): Was wünschen unsere Kunden? Fachtagung 2000. Stuttgart, S. 19-27

STADELHOFER, CARMEN / CHRISTIAN CARLS / MARKUS MARQUARD / ASTRID ÜHLEIN (1999): Abschlußbericht zum Projekt „Senior-Info-Mobil“. Projektphase 1999

STADELHOFER, CARMEN / CHRISTIAN CARLS u.a. (Hrsg.) (1999): Internet sinnvoll nutzen - für Menschen ab 50 und davor. CD-ROM

STADELHOFER, CARMEN / ANGELIKA WECKER (Hrsg.) (1998): Internet ... Eine kleine Einstiegshilfe von Seniorinnen für Seniorinnen. In Zusammenarbeit mit dem AK SeNeT. Bielefeld

Carmen Stadelhofer, geb. 1947, Akademische Oberrätin, leitet das Wissenschaftliche Sekretariat des Zentrums für Allgemeine Wissenschaftliche Weiterbildung (ZAWiW) der Universität Ulm.

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